Editorial

3/2013 - Visuelle Histografien/Comics zwischen Reflexion und Konstruktion von Geschichte(n)

Editorial 3/2013: Visuelle Historiografien. Comics zwischen Reflexion und Konstruktion von Geschichte(n)

AutorInnen: Thomas Ballhausen / Eva Horvatic

Editorial 3/2013

Das Medium Comic hat spätestens seit der inzwischen als prägend einzustufenden Zäsur von 1986 – also dem Erscheinen zentraler Graphic Novels – verstärkt wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren. Neben Aspekten der Erzähltheorie und medienüberschreitender Verflechtungen ist richtigerweise auch das Verhältnis zu Geschichte bzw. Geschichtsschreibung untersucht und problematisiert worden. Wie andere sequentielle Medien auch, ist das eigengesetzliche Medium Comic in der Lage, Fragen der Historiografie aus medienpädagogischer Sicht aufzunehmen und zu reflektieren.

Die in den oftmals sehr unterschiedlichen Werken nachweisbaren poetologischen Strategien reichen dabei von der simplen Darstellung, der kritischen Reflexion bzw. Fiktionalisierung hin bis zur Konstruktion parahistorischer Entwürfe. Alle Beispiele aus dem Bereich Comic eint aber die Notwendigkeit einer Implementierung erzählerischer Ansätze, also auch eine künstlerische Erforschung von Darstellbarkeit von Historie bzw. Geschichte im Sinne von Erzählung in all ihrer Komplexität. Die Ausgabe 3/2012 der MEDIENIMPULSE „Visuelle Historiographien. Comics zwischen Reflexion und Konstruktion von Geschichte(n)“ trägt diesem Themenfeld mehrfach Rechnung und präsentiert dabei historische wie medienpädagogische Beispiele der Bearbeitung des Themas. Dabei waren u. a folgende Fragen von Interesse:

  • Wie werden Zeit- und Geschichtswahrnehmungen durch die visuelle Darstellung im Medium des Comics transformiert?
  • Wie ändern sich also durch den Medienwechsel in den Bereich der Comics die traditionellen Erzählmuster und Formen der Geschichte(n)?
  • Wie transformiert sich durch den Einsatz von Comics die Wahrnehmung von Geschichte und Erzählung in der konkreten Unterrichtspraxis von Lernenden und Lehrenden?

Den Schwerpunktteil eröffnet Thomas Ballhausen, der in seinem Beitrag Jacques Tardis und Benjamin Legrands Tueur de cafards/Der Kakerlakenkiller untersucht und dabei betont, dass das metafiktionale und reflektierte Erzählen dieses Comics einen (stillen) Klassiker des Mediums darstellt, der immer noch auf seine Entdeckung wartet. Denn Walter, der Protagonist von Der Kakerlakenkiller, ist nach Ballhausen in seiner Ich-Zentriertheit und Explizität ein höchst unvertrauenswürdiger Geschichtenerzähler, ein unreliable narrator, wodurch die LeserInnen in der Aufeinanderfolge der Comic-Bilder samt ihrer Texte aufgefordert sind, die Geschichte(n) ihrerseits narrativ und interpretatorisch aufzufüllen. Sie müssen während des Lesens Geschichte(n) konstruieren. In diesem Fall eine Geschichte der Endzeit, die es auf formaler Ebene ermöglicht, soziale Entfremdung zu verhandeln, um dabei im „Insektenzeitalter der Menschenfeindlichkeit“ eine Ironisierung und auch Problematisierung des modernen Subjekts samt seiner Erzählungen einzuleiten. Der Protagonist Walter steht dabei für den Auflösungsprozess einer Gesellschaft, die nur mehr aus Ausnahmezuständen besteht und ihn so zu einem gänzlich fremdbestimmten homo sacer werden lassen. Nach Ballhausen ist Tueur de cafards/Der Kakerlakenkiller nicht zuletzt deshalb ein reflexives Beispiel dafür, dass Visionen narrativ nicht mehr getrennt werden können und mediale Projektionen und urbane Lebensräume ineinander fließen.

Diese Frage nach der Narrativität und Historizität von Comics wirft auch Chris Boge in seinem englischsprachigen Beitrag auf, wenn er die Visualisierungen von Geschichte(n) anhand von graphic novels der 1980er- und 1990er-Jahre befragt. Denn indem diese sich metafiktionaler Techniken bedienen, welche die Illusion eines ununterbrochenen Erzählflusses in einer grenzenlosen Erzählwelt (zer)stören, verweisen sie sowohl LehrerInnen als auch SchülerInnen auf die Relevanz textexterner Kontexte für ihre Entstehung sowie auf allgemeine Probleme der theoretischen bzw. reflexiven Erfassung von Historiografie. Denn auch anhand dieser Comics wird der konstruktive Charakter von Geschichte(n) mehr als deutlich. Im Rückgriff auf Hayden Whites Meta-History und den New Historicism schlägt Boge dabei vor, sich die narrativen Strukturen und Strategien von Comics genauer anzusehen, um damit auch die Wege der Interpretation und Rezeption klarer vor Augen führen zu können. Dabei fragt er etwa anhand von Art Spiegelmans Maus: A survivors tale nach der Darstellbarkeit und dem Emplotment der Shoah im Comic und diskutiert die Rolle von historischer Kontingenz im Erzählverlauf. Dabei geht es immer auch um Fragen der Revision bzw. des Revisionismus. Comics werden so – ganz wie die Werke der HistorikerInnen – zu reflexiven Voraussetzungen des Gedenkens, der Erinnerung und des Gedächtnisses und stellen durch ihre spezifische Visualität einen eigenständigen Beitrag zur Geschichtserzählung dar. So wie jede andere Literatur fragen auch die von Boge verhandelten Comics nach unserer Empathie für die Sichtweise anderer Menschen und fordern uns auf, unsere eigenen Geschichte(n) zu konstruieren und weiter zu erzählen. Und sei es auch beim Zeichnen eines Comics …

Paolo Caneppele und Günter Krenn untersuchen dann in ihrem Beitrag wie Kunst- und Filmgeschichte bei Milo Manaras in der Ikonografie von Comics verarbeitet wurden. Dabei ist es auch ihnen vor allem darum zu tun, die narrativen Formprinzipien von Comics eingehend zu diskutieren. So erinnern Sie – in Text und Bild – u. a. an die Gemälde von Sandro Botticelli, die bei Manaras mehrfach zum Vorbild von Comiczeichnungen wurden. Die beiden Autoren zeigen anhand von Manaras A riveder le stelle. Le avventure metropolitane di Giuseppe Bergman/ … Zu schaun die Sterne wie durch die Interaktion und den Medienwechsel von Comic und Malerei tatsächlich ein moderner Kunstführer im Medium des Comics entstehen konnte. Sie betonen dabei nachdrücklich, dass Comics eine eigenständige reflexive Kunstform darstellen und wenden sich gegen Argumentationen, die dem Comic ebendiesen Status aberkennen wollen. Denn in Europa entzündete sich – so Canepelle und Krenn – die Debatte rund um den Stellenwert von Comics immer schon an ihrem Verhältnis zur Kunst. Man zollte dabei dem Comic durchaus eine gewisse Anerkennung, hielt ihn aber dennoch immer wieder für minderwertig. Dieser Verwerfung des Mediums Comic stellen sich die Autoren mit ihrer Analyse dezidiert entgegen und schärfen so auch den Blick für die (kunst-)geschichtlichen und ästhetischen Dimensionen dieser Kunstgattung.

Den Medienwechsel von Literatur zum Comic nimmt dann Christina Wintersteiger unter die Lupe, indem sie anhand von zwei Beispielen die Verarbeitung der Person und des Werks von Franz Kafka im Medium des Comics untersucht. Sie erläutert dabei –  anhand von David Zane Mairowitz’ und Robert Crumbs: Kafka kurz und knapp sowie anhand von Chantal Montelliers’, und David Z. Mairowitz’ Franz Kafka‘s The Trial. A Graphic Novel – die Entstehung des „Kafkaesken“ und erläutert wie die bildliche Konstruktion und Darstellung von literarischen Topoi im Comic die Diskussionen zu Autor und Werk Franz Kafkas intensiviert und verlängert. So „diskutieren“ Crumb und Mairowitz eingehend die Kontexte von Kafkas Leben: die Prager Stadtgeschichte, sein Judentum und die Eckdaten seiner Biographie. Auch gehen sie auf die Erzählungen Das Urteil, Die Verwandlung, Der Bau und In der Strafkolonie ein und verschränken sie mit Diskursen über Sexualität oder zu jüdischer Selbsterniedrigung. Der Transfer von Kafkas Geschichte(n) in Comics zeigt dabei, dass alle relevanten Themen der Kafkaforschung auch in den Comics zu Kafka wiederkehren und visuell verarbeitet werden. Schlussendlich wird dabei auch deutlich, dass Kafka nicht nur eine literarische Größe darstellt, sondern inzwischen zu einer Pop-Ikone geworden ist.

Den Schwerpunktteil runden auch drei Rezensionen ab, die von Comics handeln: Eva Horvatic hat für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE den von Alain Corbellari und Alexander Schwarz herausgegebene Band Le Moyen Age par la bande rezensiert, der mehrfach vor Augen führt wie eine historische Epoche, hier das Mittelalter, in Comics verarbeitet und dargestellt werden kann. Paul Winkler hat sich den Band Comics Intermedial angesehen und betont dabei die überaus wichtige Rolle der Intermedialitätsforschung im Bereich der Comics. Der Sammelband verbindet eine ganze Palette sehr unterschiedlicher Zugänge zur Comicforschung, die für uns alle von großem Interesse sind. Und auch Katharina Kaiser-Müller hat gelesen und stellt den Cartoon Trotzphase vor: Unter dem Künstlernamen La Razzia publizierte Doris Schamp ihr Buch in der Edition Komische Künste, das im Holzbaum Verlag erschienen ist.

Auch die anderen Ressort haben diesmal wieder Einiges zu bieten: So hat Maja Bächler für unser Ressort Forschung Oliver Stones Natural Born Killers einer eingehenden Analyse unterzogen und dabei die Rolle der auf der Leinwand sichtbaren Kamera untersucht. Bächler weist die filmgeschichtliche Funktion der visible camera nach und zeigt wie sie auf der Leinwand als vergegenständlichtes und objektiviertes Ding erscheint. Die Analyse widmet sich dann auch sozialgeschichtlichen Fragen der „symbolischen Gewalt“, wobei die visible Kamera – und d. h. oft die Handkamera – jene Funktion übernimmt, die traditionell dem Zeugen und der Zeugenschaft zugeordnet ist. Denn die von Bächler des Weiteren untersuchten Filme handeln alle von Kriminalfällen, weshalb die visible Kamera Beweisverfahren wie in einem Strafprozess abbildet und gleichzeitig produziert. Sie wird dabei auch zum richterlichen „Auge des Publikums“ und setzt so als technische Bedingung ein juristisches Feld in Gang.

Der zweite Beitrag im Ressort Forschung stammt von Christine W. Trültzsch-Wijnen, die sich die Mühe gemacht hat, die internationale Medienpädagogik zusammenzufassen. Denn wie in einer Kultur mit Medien umgegangen wird, hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab, weshalb der Medienumgang in verschiedenen Kulturen auch divergiert. Trültzsch-Wijnen unternimmt es deshalb, verschiedene Rahmenbedingungen zu definieren, welche die Entwicklung der Medienpädagogik in einer bestimmten Kultur oder einem bestimmten Land beeinflussen können: das Mediensystem und Medienangebot, historische Entwicklungen (gesellschaftlich, politisch), das Bildungssystem, theoretische Ansätze (Wissenschaft, Kunst) und kulturelle Besonderheiten. So entsteht anhand dieser Fragestellung ein umfassender Bericht zu den verschiedenen Formen der Medienpädagogik in internationalem Rahmen.

Das Ressort Praxis ist diesmal ebenfalls reich bestückt: Denn Felix Studencki berichtet von der Produktion von Screencasts mit Screencast-O-Matic und erläutert dabei wie Screenrecording (Bildschirmaufnahme) und Webpublikation (YouTube) zur einfachen Erstellung audiovisueller Unterrichtsmaterialien verwendet werden können. Wenn Bilder manchmal mehr als 1000 Worte sagen, wie schaut es dann mit Videos aus? Leah Lobensommer diskutiert dann die Verknüpfung von Hörspiel und Pädagogik und präsentiert dabei die Ergebnisse ihrer Bachelorarbeit. Ihre Fragen lauteten dabei: Welche geschichtliche Verbindung haben Hörspiel und Pädagogik? Und: Wie sehen zeitgemäße Ansätze zur Umsetzung eines Hörspiels in der Klasse aus? Philippe Wampfler kümmert sich des Weiteren um die Grundzüge einer Social-Media-Didaktik und diskutiert dabei, wie Social Media und die dafür nötigen Kompetenzen zum Lerngegenstand werden und den Erwerb anderer Kompetenzen begleiten können. Und Joachim Losehand bespricht dann noch Creative Commons als Schlüssel zur Zukunft digitaler Bildungsmedien und hebt dabei die Wichtigkeit von open source in Bezug auf die Verfügbarkeit und den Austausch von Wissen hervor.

Ebenso findet sich im Ressort Bildung/Politik Interessantes für MedienpädagogInnen: So fasst Christian Wiesner seine langjährigen Erfahrungen in der Männer-, Familien- und Jugendberatung zusammen und diskutiert die Rolle von Männlichkeit und das männliche Rollenbild in unserer Gesellschaft. Anhand der Geschlechterfrage arbeitet er die Spezifika der schulischen Bubensozialisation heraus und stellt diese zur Diskussion. Karl H. Stingeder schließt mit dem dritten Teil seiner Artikelserie zum Irakkrieg den großen Bogen ab, den er zu diesem Thema im Rahmen der letzten drei Ausgaben geschlagen hat, informiert uns noch einmal über die Informationsstrategie der US-Administration und bietet dann ein Fazit.

Im Ressort Kultur/Kunst konnten wir eine neue Autorin gewinnen, die gleich mit zwei Artikeln ihren Einstand bei den MEDIENIMPULSEN feiert: Renate Schreiber diskutiert nämlich zuerst eingehend die Pädagogik Jacques Rancières und wiederholt dabei nachdrücklich seinen „subversiven Ansatz“ für heutiges pädagogisches Handeln. Dabei geht es vor allem um das Verhältnis von Erklärungen und Selbstermächtigung in dem die Funktion des Willens eine große Rolle spielt. Gleichsam en passant fasst Schreiber dabei auch Rancières Metapolitik der Pädagogik zusammen. In ihrem zweiten Beitrag stellt sie dann Bruno Latours Thesen zu ikonoklastischen Haltungen in Wissenschaft, Religion und Kunst tabellarisch dar, wodurch Unterschiede und Parallelen zwischen BilderstürmerInnen und BilderverehrerInnen deutlich werden. Und Florian Sprenger hat in Berlin eine Tagung besucht und berichtet nun für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE exklusiv von Gestirnten Kuppeln und der Frage: Wie KulturwissenschaftlerInnen den Weltinnenraum des Planetariums erforschen.

Im Ressort Neue Medien finden Sie diesmal erneut eine Vielzahl von fachspezifischen Rezensionen, welche die Ausgabe 3/2013 der MEDIENIMPULSE erweitern: Denn Armin Wolf hat mit Wozu brauchen wir Journalisten? drei Vorlesungen publiziert, die er im Rahmen der Theodor Herzl Dozentur im April/Mai 2012 an der Universität Wien gehalten hat. Christian Berger hat für uns gelesen. Karl H. Stingeder berichtet dann von Attila Martons Organisierte Kommunikation ohne Gesicht – Die Bewältigung zeitlich und sachlich entkoppelter Kommunikation und zeigt dabei, wie Onlinespiele-Gemeinschaften sich tagtäglich mit organisatorischen Herausforderungen konfrontiert sehen. Denn Gilden- und Clan-Eliten meistern das virtuelle Miteinander mit Bravour. Und Raffaela Rogy hat sich des russischen Mathematikers Grigori Perelman angenommen: mit Masha Gessens Der Beweis des Jahrhunderts. Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman liegt nunmehr eine Biografie dieses faszinierenden Mannes vor.

Am Ende bleibt uns nur, die LeserInnen der MEDIENIMPULSE zu unserer Fachtagung Filmbildung im Wandel einzuladen, die vom 3.–5. Oktober im Filmarchiv stattfinden wird. Wir würden uns sehr freuen, Sie begrüßen zu dürfen und hoffen, dass in der Ausgabe 3/2013 der MEDIENIMPULSE auch für Sie etwas dabei ist …

Thomas Ballhausen, Alessandro Barberi & Eva Horvatic

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