Neue Medien

3/2013 - Visuelle Histografien/Comics zwischen Reflexion und Konstruktion von Geschichte(n)

Rezension: Armin Wolf - Wozu brauchen wir noch Journalisten?

Herausgegeben von Hannes Haas

AutorIn: Christian Berger

Armin Wolf publiziert mit "Wozu brauchen wir Journalisten? drei Vorlesungen, die er im Rahmen der Theodor Herzl Dozentur im April/Mai 2012 an der Universität Wien gehalten hat. Beigefügt sind drei Festreden und eine Erwiderung in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit". Christian Berger hat für die MEDIENIMPULSE rezensiert.

Abstract

Armin Wolf, der wohl bekannteste ORF Journalist, bringt gut lesbar Einblicke und Analysen über die Anforderungen an JournalistInnen, das Mediennutzungsverhalten von KonsumentInnen und die strategischen Überlegungen zur Reaktion auf eine zunehmende Medienkonvergenz aus Sicht der Medienunternehmen.


Titel: Wozu brauchen wir Journalisten?
Autor: Armin Wolf
Herausgeber: Hannes Haas
Verlag: Picus
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-85452-697-1

„„If the news is that important, it will find me“ also: Wenn die Nachricht so wichtig ist, wird sie mich finden.“ (S.39) ist nur eines der vielen Zitate aus Untersuchungen über das Mediennutzungsverhalten der MedienkonsumentInnen, die Wolf als Grundlage für die Konzeption der Nachrichten (medienübergreifend) für relevant hält. Dies ist der Schwerpunkt seiner ersten Vorlesung im Rahmen seiner Gastvorträge an der Universität Wien 2012 (Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Theodor Herzl Dozentur): Wozu brauchen wir denn noch den traditionellen Journalismus, wenn die Informationen mich heute ohnehin direkt erreichen. Während es für interessierte Personen früher notwendig war sich die Informationen über politische Entwicklungen aus verschiedensten Medien zusammenzusuchen, um damit auch verschiedene Interpretationen und Wahrnehmungen zu erhalten, werden heute die „Nachrichten“ verstärkt über das Internet verbreitet und dort auch abgerufen. Zu Ende seiner ersten Vorlesung verweist er allerdings darauf, dass die Kontaktzahlen der ZiB 2, also die Nachrichtenmeldungen in absoluten Zahlen immer noch doppelt so hoch waren als jene auf orf.at . Stellt sich nur die Frage, ob orf.at die relevante und einzige Quelle für einen Vergleich in diesem Bezug wäre. Damit stellt er aus meiner Sicht nur klar, dass im ORF immer noch die Fernsehnachrichten wichtiger sind als die Online Meldungen. Darüber, welche Inhalte Nachrichtenwert im ORF erhalten, wäre hier noch zu diskutieren.

Teilweise greift Wolf dies in seinem zweiten Vortrag, der auch dem Buch den Titel gab, „Wozu brauchen wir noch Journalistinnen und Journalisten?“ auf. Kleine Anmerkung des Rezensenten am Rande: während Wolfs Vortragstitel beide Geschlechter anspricht, ist am Buchtitel nur noch die männliche Form vertreten. Woher die Verkürzung der Information kommt, bleibt den LeserInnen verborgen. Ein kürzerer Titel erleichtert sicherlich die Vermarktung. Jedenfalls bietet es einen Hinweis auf die Bedeutung gendergerechter Sprache im Picusverlag.

„Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“ - abermals ein von Wolf aufgegriffenes Zitat (S. 55), das von Paul Sethe aus dem Jahr 1965 stammt. Dass Nachrichten nicht allein durch deren Existenz, sondern vor allem erst durch die Verbreitung zu einem für die Demokratie wichtigen Element werden, führt Wolf abermals zur Bedeutung der im Netz publizierten Nachrichten. Er selbst hält die Nutzung von Twitter, Blogs und Co. durch JournalistInnen für unverzichtbar. Ein Interview mit Armin Wolf hat den Autor dieser Rezension vor vielen Jahren ebenfalls zur Nutzung von Twitter angeregt (vgl. Beitrag in der Ausgabe 2/2010 - http://medienimpulse.at/articles/view/193) Er stellt nach einer Analyse der Bloglandschaft fest, dass es zwar viele Blogs gibt, aber die meisten inhaltlich irrelevant sind und selbst jene wenigen, die er als journalistisch relevant gelten läßt, keine sehr große Verbreitung und jedenfalls selten Einfluß auf den poltischen Diskurs haben. Um diesen zu erreichen, bedarf es der Zusammenarbeit mit renommierten Medien und der professionellen journalistischen Aufbereitung der Information (vgl. Wikileaks).

Nun fragt sich der Rezensent jedoch, welche politischen Konsequenzen aufgrund der „professionellen“ Aufarbeitung und Verbreitung der Wikileaks Nachrichten zu registrieren sind? Heute werden in den Mainstream-Nachrichten kaum mehr die aufgedeckten Inhalte und politischen Konsequenzen diskutiert, sondern vielmehr greifen die eher ins Ressort „Chronik“ gehörenden Nachrichten Platz, wer denn nun wo verhaftet und eingesperrt werden kann. Kaum wird mehr die Frage gestellt, ob die Verhaftungsdrohungen überhaupt gerechtfertigt sind bzw. ob politische Konsequenzen wie z. B. ein Überdenken der Grundwerte der Regierungen nötig wären. Aber dies stellt auch Wolf in seinem Buch nicht zur Diskussion. Er stellt den Anspruch auf handwerklich gute journalistische Arbeit und zeigt auf, dass eine journalistische Aufbereitung der Informationen immer wichtiger wird, je mehr Information verfügbar ist. JournalistInnen sind die Gatekeeper der Information und müssen daher ordentlich arbeiten, dann werden ihre Arbeiten auch weiterhin gebraucht.

Wolfs Einblick in die strategische Planung des ORF, dass z. B. „Dorfers Donnerstalk“ als strategische Antwort der Informationsabteilung (!) auf die zunehmende Veralterung der ZuseherInnen der Nachrichtenflaggschiffe ZiB 1 und ZiB2 zu interpretieren sei, war für mich als Leser immerhin eine Überraschung. Informativ in Bezug auf journalistisches Handwerk ist auch die dritte Vorlesung: „Das war nicht meine Frage“. Wolf setzt sich hier genauer mit der Funktion und dem Aufbau von „Politikerinterviews“ vor allem im Fernsehen auseinander. Dafür ist er bekannt, dies ist seine Domain, da polarisiert er in seiner hauptberuflichen Tätigkeit als ZiB 2 Moderator.

Die quasi als „Bonustrack“ beigefügten Festreden – unter anderem die bereits legendäre Rede zur Lage des ORF anläßlich der Verleihung des Robert Hochner Preises 2006 – lesen sich ebenso vergnüglich und informati wie die universitären Vorlesungen. Eine Fülle von Zitaten und entsprechende Verweise bilden eine Fundgrube an weiterführender Information. Schade nur, dass der Verlag es verabsäumt hat, eine übersichtliche Literaturliste mit korrekter Zitation beizufügen. So finden sich die Hinweise leider nur als gedruckte Links, die zudem oftmals Shortlinks sind, wo nicht klar ist, wielange diese ihre Gültigkeit behalten. Das schadet der Nachvollziehbarkeit der Texte aber auch der Übersichtlichkeit der Literaturverweise. Etwas, was eigentlich auch Armin Wolf selbst stören müßte, da er an wissenschaftlich sauberer Arbeit interessiert ist.

Zur Person Armin Wolfs bietet das Vorwort des Herausgebers Hannes Haas (seit 2008 Leiter der Theodor-Herzl-Dozentur zur Poetik des Journalismus) viele interessante biografische Details.

Das Buch liegt als Printausgabe (gebunden) um € 14,90 und als E-Book (epub-Format) um € 11,99 vor. Mit 144 Seiten im A5 Schmalformat ist es auch als Printausgabe mobil gut nutzbar, da es in kleine Hand- und Manteltaschen passt und so unterwegs praktisch lesbar ist. Nachhaltiger ist sicherlich der Kauf der Printausgabe in einer nahegelegenen Buchhandlung ihres Vertrauens :))

Nicht nur für JournalistInnen sind die Einblicke und Analysen des ORF Frontmans und wissenschaftlich affinen Armin Wolf interessant. Für PädagogInnen und vor allem MedienpädagogInnen ist das gut lesbare Buch besonders zu empfehlen. Auch wenn der medienpolitische Diskurs über die Rolle der (österreichischen) Medien und der Bedeutung des Bürgerjournalismus anläßlich der Wolfschen Texte erst danach beginnen kann und muss.

Tags

journalismus, orf, rezension, armin wolf