Neue Medien

3/2013 - Visuelle Histografien/Comics zwischen Reflexion und Konstruktion von Geschichte(n)

Rezension: Der Beweis des Jahrhunderts. Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman

von Masha Gessen

AutorIn: Raffaela Rogy

Masha Gessen nimmt die Leserschaft in ihrer Biografie Der Beweis des Jahrhunderts über den russischen Mathematiker Grigori Perelman auf eine sowjetisch-spannende Zahlenexpedition mit – und entwickelt dabei eine eigenständige Ursachentheorie.

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-518-42370-7

Er ist ein verschrobener Einzelgänger, dessen Erscheinungsbild von langen Haaren und Fingernägeln geprägt ist, und der bei seiner Mutter in St. Petersburg einen Rückzugsort gefunden hat. Seine Gedankengebirge sind einzigartig und von Normalsterblichen kaum zu meistern. Die Rede ist von dem russischen Mathematiker Grigori Jakowlewitsch "Grischa" Perelman, dem es im Jahre 2002 gelang den Beweis für die sogenannte Poincaré-Vermutung zu erbringen: Bei der Poincaré-Vermutung handelt es sich um ein geometrisches Objekt ohne Loch, dessen Existenz es erlaubt in höheren Dimensionen Überlegungen anzustellen. Zudem zählt die Poincaré-Vermutung zu einem der sieben "Millenium-Probleme", die vom Clay Mathematics Institute im Jahr 2000 ausgeschrieben und dessen Lösung mit einer Million Dollar dotiert wurde. Doch Perelman lehnte das Preisgeld, die Fields-Medaille, die als mathematischer Nobelpreis angesehen wird, sowie zahlreiche Stellenangebote von Eliteuniversitäten ab. Das russisch-jüdische Denkergenie schüttelte jegliche Ehren, Anerkennungen und Ruhm von sich, zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück und äußert bis heute nur einen Wunsch: dass man ihn als tot betrachtet.

An diesem Punkt tritt die russisch-amerikanische Autorin Masha Gessen auf, die selbst eine Leidenschaft für Mathematik hegt und sich auf die Reise gemacht hat, um die Gedankengebirge Perelmans zu erkunden. Gessen geht es dabei nicht um mathematische Konstrukte, vielmehr legt sie ihr Augenmerk auf die Person Grigori Perelman, die ihre Route auf dem Weg zum Gipfelkreuz bestimmen. Die Hauptfragen, die Masha Gessen in der Biografie Der Beweis des Jahrhunderts nachgeht, beziehen sich darauf weshalb es genau Perelman gelang die mathematische Frage der Poincaré-Vermutung zu lösen, warum er nach diesem Durchbruch auf jede Anerkennung verzichtete und sein Leben aufgab. Mit Perelman selbst hat Gessen nie persönlich gesprochen, da dieser seit längerem den Kontakt zu Journalisten abgebrochen hat. Doch dies betrachtet die Autorin eher als Erleichterung, da sie sich nicht mit dem "Selbstbild" Perelmans auseinandersetzen musste. Sie sprach hingegen mit vielen Wegbegleitern, u. a. mit Kollegen und Lehrern. In Der Beweis des Jahrhunderts skizziert sie, darauf aufbauend, eine Lebensgeschichte die von Mathematik-Olympiaden, dem Drill in Mathe-Clubs, Einsiedlertum, Schutz und Lob von Lehrern, sowie von Antisemitismus durchzogen ist.

Masha Gessen gelingt es das Phänomen, das von Grigori Perelman ausgeht, wunderbar und unterhaltsam zu beschreiben. Die Autorin vermittelt nicht nur das schulische Umfeld, in welchem Perelman zu einem mathematischen Hochleistungssportler geformt wurde, sondern erzählt ebenso von der gesellschaftspolitischen Lage der damaligen Sowjetunion und nimmt die Leser auf ein mathematisch-biografisches Abenteuer mit. Allerdings kommt Gessen manchmal vom Weg ab und verliert sich in Erzählungen, die von Perelman selbst abweichen und sich zu explizit auf die Mathematiker-Society beziehen. Es ist auch fraglich, ob Gessen das Gipfelkreuz von Perelmans Gedankengebirge wirklich erreicht hat, wenn sie die Vermutung hegt, dass dieser am Asperger-Syndrom leide und dies die Erklärung für sein rätselhaftes Verhalten sei. In ihrer Argumentation stützt sie sich auf die erwähnten Gespräche mit langjährigen Weggefährten und Medizinern.

Der Beweis des Jahrhunderts gibt Blickwinkel frei auf einen Mann, der sich nicht berechnen lässt und sich loslöst von konventionellen Lebensbestrebungen wie Ruhm, Geld und dem Bedürfnis sich der Gesellschaft zu präsentieren. Schon Jacques Derrida spricht dem autobiografischen Wirken einen "fortwährenden Selbstmord" zu, und so stellt sich die Frage, ob nicht Menschen, die ihr "Ich" grell in der Öffentlichkeit plakatieren eher als tot gelten, als Grigori Perelman, der sich aus dieser Gesellschaft zurückzieht.

Tags

perelman, mathematik, biografie