Kultur - Kunst

3/2013 - Visuelle Histografien/Comics zwischen Reflexion und Konstruktion von Geschichte(n)

Tagungsbericht: Gestirnte Kuppeln. Wie KulturwissenschaftlerInnen den Weltinnenraum des Planetariums erforschen

AutorIn: Florian Sprenger

Florian Sprenger berichtet für die MEDIENIMPULSE von einer überaus spannenden Berliner Tagung, bei welcher der Weltinnenraum des Planetariums zwischen scientific visualization und event eingehend zum Gegenstand wurde. Was steht in den Sternen?

 

Als Ort unseres Selbstverständnisses könnte das Planetarium in naher Zukunft weit mehr sein als ‚der bestirnte Himmel über mir’, von dem Immanuel Kant sprach. Dass Kulturwissenschaftler und Künstler ein Planetarium und eine Sternwarte besuchen, um dort mit Technikern und Praktikern nicht nur die Frage nach unserem Ort im All zu diskutieren, sondern das Planetarium als Experimentallabor für unser Einbildungsvermögen und unsere Medientechniken begreifen, deutet auf die wachsende Bedeutung dieses Ortes hin.

Die Faszination und das Wissen dieser bildgebenden Architektur, das notwendige Präzisionsgerät und seine Präsentationsformen neu zu durchdenken und dies auf den technologischen Wandel zu beziehen, war das Thema einer am 25. und 26.04.2013 veranstalteten Tagung im Berliner Planetarium am Insulaner sowie der Archenhold Sternwarte in Treptow. Organisiert vom am Fachbereich für Literaturwissenschaft der TU Berlin angesiedelten, von Hans-Christian von Herrmann geleiteten DFG-Forschungsprojekt "Zeit-Bild-Raum. Das Projektionsplanetarium zwischen Medienästhetik und Wissensrepräsentation", brachte die von Isabell Schrickel und Julian Furrer geleitete Veranstaltung Künstler, Medien-, Kultur- und Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker, Physiker, Planetariumsbetreiber und Techniker in einen Dialog über den Welt-Bild-Raum des Planetariums.

Im Planetarium am Insulaner, einem atmosphärischen Gebäude, auf dessen Kuppel Moos wächst, dessen Rundung Graffitikünstler zu inspirieren scheint und das tief in den Erdboden eingelassen ruht, realisierten Jeronimo Voss und David McConville mit den Vorführungen ihrer jüngsten Arbeiten einen Schwindel des Erhabenen. Ihre 360-Grad-Projektionen lassen feinst abgestimmte Bewegungen mit Geschichten aus dem All verschmelzen. Voss’ Arbeit „Die Ewigkeit durch die Sterne“, im Auftrag der dOCUMENTA13 entstanden, bringt die Möglichkeiten der Digitalprojektion mit alten Vorführgeräten zusammen. Sie zeigt Holzplanetarien und Glasdias aus vergangenen Jahrhunderten. Wie ein gegenwärtiger Flug durch die Geschichte des Alls aussehen könnte und welche Unendlichkeit dabei durchquert werden müsste, das führen die kosmotropen Fulldome-Projektionen David McConvilles eindrücklich vor.

So wie in den Jahren der ersten Planetarien die Faszination für die Elektrizität die Popularität der aus dem Boden sprießenden Schalenbauten befeuerte, bilden heute die Möglichkeiten digitaler und akustischer Projektion den Grund für ein langsames Aufwachen aus dem Dornröschenschlaf. Was lange Zeit mehr oder weniger faszinierenden Klassenausflügen und dem Unterricht in Sternenkunde diente, könnte zu einem der aufregendsten Orte unserer visuellen Kultur werden: zu einem Multimedia-Theater, das scientific visualization zum event macht und doch Anschluss an neueste Erkenntnisse hält. Das beständig ausverkaufte Hamburger Planetarium, dessen Leiter Thomas W. Krampe auf der Tagung seine Arbeit in einen historischen Kontext setzte, gilt dabei als Vorreiter. Sein Programm zwischen Edutainment und Kunst findet weltweit Anerkennung.

Die zahlreichen Möglichkeiten der digital-hochauflösenden Fulldome-360-Grad-Projektionen und immersiven Sound-Umgebungen erlauben nicht nur neue Darstellungsformen, sondern machen das Planetarium zu einem geradezu avantgardistischen Ort zwischen Kunst und Wissenschaft. Wenn in wenigen Wochen im Jenaer Zeiss-Planetarium das 7. Internationale Fulldome-Festival die Pforten öffnet, werden digitale Projektionen, computertechnische Modellierungen und Simulationen des Universums, visuelle Effekte, Leinwandkuppeln und die Möglichkeit, Darstellungen zeitlich wie räumlich aufzulösen, das Publikum auf neue Reisen mitnehmen. Zugleich fließen aktuelle Forschungsergebnisse der Astronomie ein. Dass Stephen Spielberg und George Lucas Planetariums-Projekte planen, in denen sie das verwirklichen wollen, was ihnen die flache Leinwand verwehrt, ist ein weiteres Indiz dieses Wandels.

All dies trifft auf eine alte Faszination: im Liegesessel in der Dunkelheit, im Kollektiv bis ins kleinste kontrollierte Vorführungen beobachtend und in einem architektonischen Hohlraum versunken, fügt sich der Betrachter des planetarischen Weltinnenraums dem archaischen Reiz des Sternenhimmels. So ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Planetarien, parallel zum Aufstieg des Kinos und angesichts der urbanen Lichtverschmutzung, auch die Aufgabe hatten, diesen Anblick zurück in die Städte zu holen.

Diese durchaus religiös zu verstehende Funktion des Planetariums wird, so bekam man auf der Tagung von Petra Lange-Berndt, Birgit Schneider und Alena J. Williams vorgeführt, bis in die Gegenwart von Künstlern genutzt und geschätzt. Vor allem in den Experimental- und Imaginationsräumen der Kunst der 1920er- und der 1960er-Jahre spielten Planetarien eine große Rolle. Diese Geschichte beginnt in den 1920er-Jahren, als Zeiss in Jena im Auftrag des Deutschen Museums in München das erste Planetarium entwickelt. Seine Entwicklung läuft parallel zur Wissensgeschichte der astrofotografischen Vermessung des Alls und erlaubt bis heute eindrückliche Perspektivwechsel zwischen Weltbildern, wie sie Gloria Meynens Vortrag darstellte.

Ob die Öffnung des Planetariums über ehrenwerte Astroclubs und den Schulunterricht hinaus gelingen wird, steht noch in den Sternen. Spannend ist es aber allemal, diese Entwicklung und ihre Selbstbefragung zu verfolgen. Denn über das Planetarium, so kann man als Ergebnis der Tagung festhalten, kann man nicht nachdenken, ohne über die Stellung des Menschen im Kosmos nachzudenken. Das Planetarium holt das Himmelszelt auf die Erde und macht es, so ein treffendes Wort Rainer Maria Rilkes, zum ‚Weltinnenraum’. Diese uralten Fragen sind, darauf zielten die Beiträge ab, zugleich Fragen nach den Techniken, Medien und Orten der Wissensproduktion, die mit einer Wiederkehr des (Bilder-)Rausches angesichts der Sternenschau verknüpft ist

Kurzum: Das Planetarium verkörpert ein Bonmot des Kybernetikers Heinz von Foerster, nach dem unbeantwortbare Fragen wichtiger sind als beantwortbare, weil die Versuche, erstere zu beantworten, mehr über den Fragenden verraten als über die Antwort. Planetarien sind offene Räume, in die wir uns selbst projizieren und dabei selbst beobachten können. Denn niemand sieht im Planetarium das Gleiche.

Tagungsprogramm: Weltinnenraum. Das Planetarium als Medium kosmologischer Reflexion

Tagung des DFG-Projekts Zeit · Bild · Raum
Veranstaltet vom Fachgebiet Literaturwissenschaft der Technischen Universität Berlin, Prof. Dr. Hans-Christian von Herrmann

Organisiert von Julian Furrer und Isabell Schrickel

Donnerstag, 25. April 2013 · Planetarium am Insulaner

21:15 - 23:00 Uhr

21:15 Uhr: Jeronimo Voss: „Die Ewigkeit durch die Sterne“ (2012)

Ganzkuppelprojektion im Auftrag der dOCUMENTA(13)

Im Anschluss: Gespräch mit dem Künstler

22:00 Uhr: David McConville: „Visualizing the Transcalar Imaginary“

Kosmotrope Fulldome-Perfomance

Freitag, 26. April 2013 · Archenhold Sternwarte

10:00 -12:50 Uhr

10:00 Uhr: Felix Lühning (Archenhold Sternwarte)

Begrüßung

10:05 Uhr: Hans-Christian von Herrmann (TU Berlin)

Begrüßung und Einführung

10:15 Uhr: Panel I: Einführung von Julian Furrer (TU Berlin)

10:30 Uhr: Thomas W. Kraupe (Planetarium Hamburg)

Welt–Bild–Raum: Der Kosmos und das Planetarium

11:00 Uhr: David McConville (Planetary Collegium / Buckminster Fuller Institute)

Domesticating the Universe

11:50 Uhr: Martina Leeker (Leuphana Universität Lüneburg / UdK Berlin)

System Engineering und Kunst. Öko-Techno-Logiken - Der Vortrag muss leider entfallen.

12:20 Uhr: Petra Lange-Berndt (UCL London)

Acid Pastorales. Subkulturen des Kugelraums

12:50 Uhr: Diskussion

Mittagspause und Führung durch die Sternwarte

15:00 - 18:30 Uhr

15:00 Uhr: Panel II: Einführung von Isabell Schrickel (TU Berlin)

15:15 Uhr: Gloria Meynen (Zeppelin Universität Friedrichshafen)

Welt und Weltraum

15:45 Uhr:Stefan Günzel (btk Berlin)

Den Rand denken – Raumkonzepte und Raumrevolutionen

16:30 Uhr: Alena J. Williams (Deutsches Forum für Kunstgeschichte, Paris / Columbia University, New York)

Projection Aesthetics and the Epistemology of Discursive Space

17:00 Uhr: Birgit Schneider (Universität Potsdam)

Schuss – Gegenschuss. Mediale Umdrehungen der planetarischen Perspektive

17:30 Uhr: Diskussion

Tags

planetarium, astronomie, tagungsbericht