Editorial

2/2013 - Freizeitpädagogik - Freiwillig, Selbstbestimmt, Selbstorganisiert?

Editorial 02/2013 – Freiwillig, selbstbestimmt, selbst organisiert? Medienpädagogische Zugänge in geteilten Zeiträumen

AutorInnen: Alessandro Barberi / Christian Berger

Editorial 02/2013

Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit in organisierten, institutionalisierten Zusammenhängen – Stichwort "ganztägige Schulformen". Klassische außerschulische Anbieter verlieren dadurch sukzessive ihre Handlungsspielräume und sehen sich gefordert, ihre Angebote an die schulischen Organisationsräume anzupassen. "Alles was Schule berührt, wird zur Schule" klagt die Jugendarbeit. Aber wie groß sind die Differenzen zwischen schulischer und außerschulischer Arbeit tatsächlich?

Insbesondere in der Medienpädagogik gibt es eine lange Tradition des Diskurses zu diesem Thema. Gibt es auch einen Erfahrungstransfer, der die medienpädagogische Praxis erreicht? Welche Konsequenzen und Zukunftsanforderungen leiten sich daraus für die Medienpädagogik ab? Offene Mediengruppen, Ferienworkshops, spontane Medienexperimente ... handlungsorientierte Medienarbeit hat in der Jugendarbeit eine lange und solide Tradition. Jugendarbeit beansprucht für sich gerne eine Vorreiterrolle, wenn es darum geht, neue Methoden für die Medien-Projektarbeit zu entwickeln. Deshalb hat die Redaktion der MEDIENIMPULSE sich vor geraumer Zeit entschlossen, dem Thema Freizeitpädagogik eine eigene Schwerpunktausgabe mit dem Titel "Freiwillig, selbstbestimmt, selbst organisiert? Medienpädagogische Zugänge in geteilten Zeiträumen" zu widmen. Dabei wurden folgende Fragen in den Raum gestellt:

  • Welche erprobten Zugänge der Freizeitpädagogik gibt es?
  • Welche Qualitätskriteria wenden MedienpädagogInnen, die außerhalb schulischer Strukturen tätig sind, auf ihre Arbeit an?
  • Was wissen wir über die in- und non-formellen Lernprozesse, die im Bereich der Freizeitpädagogik stattfinden?

Insofern freuen wir uns, vier äußerst kompetente Schwerpunktbeiträge vorstellen zu können.

Denn Olivia Horak, Milanka Jovanovic-Tesulov und Bernhard Damisch (2 Mitarbeiterinnen und der Leiter des Jugend- und Stadtteilzentrums Margareten /5er Haus) haben Überlegungen zu medienpädagogischem Handeln im Feld der offenen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenarbeit exemplarisch an der Arbeit im 5erHaus dargestellt. Die AutorInnen diskutieren dabei vor allem die damit verbundenen Anforderungen an (Medien-)PädagogInnen und beginnen ihre Ausführungen mit einer begriffsdifferenzierenden Definition von "außerschulischer Medienpädagogik", deren Praxis in der Arbeit im Jugend- und Stadtteilzentrum Margareten noch nicht weit genug führt, da ein bedeutender Teil der Zielgruppen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – aktuell an keine Institution gebunden ist, bzw. dies in einigen Fällen auch nie war: Nicht alphabetisierte Frauen, Kinder, Jugendliche, AsylwerberInnen, Menschen, die aus allen Institutionen "herausgefallen" sind und für die niemand zuständig scheint, und Menschen, die keine Grund- und Kulturtechniken beherrschen und somit nicht über die "Kategorie Schule" eingeordnet und definiert werden können sind mithin die primäre Zielgruppe der medienpädagogischen Arbeit im 5er-Haus.

Eine weitere Wiener Institution der Freizeitpädagogik ist das wienXtra-medienzentrum. Anu Pöyskö (Leitung) interviewte für ihren Beitrag Renée Fraueneder und Thomas Adrian (beide langjährige MitarbeiterInnen des medienzentrums) zu ihren Erfahrungen mit Medienprojekten im sozialpädagogischen Kontext und präsentiert die dabei ausgearbeiteten Ergebnisse. Der Fokus des Beitrags liegt darin, wie in der Projektplanung und -konzeption auf die besonderen Bedürfnisse der TeilnehmerInnen Rücksicht genommen werden kann und muss. So berichten die AutorInnen davon, dass Praxiseinrichtungen in diskursiven Prozessen ihre eigenen Arbeitsprinzipien und Qualitätskriterien entwickeln. Auch verweisen sie auf Probleme die Jugendliche bei der Selbstinszenierung im Rahmen von Videoproduktionen haben, wenn es darum geht, "im Bild zu sein". Wie werden Hemmschwellen überwunden? Wie lässt sich die Medienkompetenz bei (physisch und psychisch) benachteiligten oder bei arbeitslosen Jugendlichen erhöhen? Fragen, auf die dieser Beitrag sehr praktische Antworten liefert und dabei unter anderem die Erfahrungen mit Castingshow-Remakes zusammenfasst und betont, dass das Entwickeln von Gruppenregeln von entscheidender medienpädagogischer Bedeutung ist.

Durch die verstärkte Einführung ganztägiger Schulformen gibt es nun auch "Freizeit" innerhalb der Schule. Zur Ausbildung der in diesem Sektor tätigen Personen wurde mit Sommersemester 2012 ein Hochschullehrgang an der PH Wien gestartet. Christian Sevcik und Jakob Rudelstorfer (Lehrgangsleiter und Lehrgangsteilnehmer) verweisen in ihrem Beitrag auf erste medienpädagogische Überlegungen in diesem Sektor. So heben sie hervor, dass die Offensive des bm:ukk im Bereich der "Schulischen Tagesbetreuung" nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Ausbaumaßnahmen umfasst. Denn mit der Schaffung des Berufsbildes der FreizeitpädagogIn wurde erstmals ein österreichweiter und einheitlicher Qualifikationsstandard geschaffen, dem an der Pädagogischen Hochschule Wien mit einem eigenen Hochschullehrgang für "Freizeitpädagogik" Rechnung getragen wurde. Nach zahlreichen Gesetzesnovellen wurde zu diesem Zweck ein eigenes Curriculum entwickelt, das mit dem 16. April 2012 auch umgesetzt werden konnte. Von der konkreten Umsetzung der curricularen Vorgaben in der Unterrichtspraxis zeugen im Rahmen dieses Beitrags auch drei Praxisbeispiele, die unsere LeserInnen auch ganz unabhängig vom Hochschullehrgang "Freizeitpädagogik" übernehmen können.

Und auch Elisabeth Eder-Janca, die Leiterin des Zentrums für Medienkompetenz in Brunn am Gebirge, geht in ihrem stark an der Praxis orientierten Beitrag von den Schnittstellen zwischen Schule, Medienpädagogik und Freizeitbereich aus, wenn sie bereits einleitend das Medienkompetenzmodell Dieter Backes rekapituliert und mit sehr konkreten und durchaus subjektiven Erfahrungsberichten ihre freizeitpädagogischen Arbeit zusammenfasst. Anhand von sechs konkreten Praxisbeispielen erläutert sie, weshalb in der Unterrichtspraxis auf die Mediennutzung besonderes Augenmerk gelegt werden muss. Sie berichtet dabei von der medienpädagogischen Herstellung eines Mousepads, dem Einsatz von Schildkrötenhandpuppen gegen Hochwassertraumatisierung oder der Produktion von Trick-Filmen. Dabei plädiert sie dafür, auch die Medienkompetenzdefinitionen von Aufenanger stark zu berücksichtigen, wobei es ihr insbesondere darum zu tun ist, neben der kognitiven, der moralischen, der sozialen, der affektiven und der ästhetischen vor allem der „affektiven Dimension“ breiten Raum zu geben. Vereinfacht gesagt muss der Umgang mit Medien den Kindern und Jugendlichen Spaß machen. Sie müssen emotional ins Medienspiel einbezogen werden, um Medienpädagogik nicht im luftleeren Raum schweben zu lassen.

Aber auch die anderen Ressorts haben erneut einiges zu bieten. So diskutieren im Bereich Forschung Birgit Eickelmann, Mario Vennemann und Sandra Aßmann die Rolle und Funktion von digitalen Medien in der Grundschule anhand der internationalen Vergleichsstudie TIMSS aus dem Jahr 2011, die eine hervorragende Datenbasis zu einem Vergleich zwischen Deutschland und Österreich darstellt. Denn die empirische Bildungsforschung stellt immer auch repräsentative Daten für die Verbesserung von Bildungssystemen zur Verfügung. Gerald Geier, Sandra Schön und Martin Ebner diskutieren dann die Medienkompetenzentwicklung in einem außerschulischen Lernvideoprojekt für Kinder. Ihre Erfahrungen mit dem Modellprojekt "Ich zeig es Dir – HOCH 2" machen – anhand der Arbeit mit zehn Kindern zwischen 10 und 12 Jahren – deutlich, wie man Lernvideos mit Hilfe von Tablet-Computern produziert.

Im Ressort Praxis untersucht Peter Ploteny die Möglichkeiten und Hürden der Online-Zurverfügungstellung von audiovisuellen Dokumenten der Österreichischen Mediathek und diskutiert dabei vor allem rechtliche Aspekte der öffentlichen Archivierung. An ihn schließt Günter Trojan an, der eine Reise in die visuelle Formatestadt antritt und Geschichte und Gegenwart unterschiedlicher Videoformate rekapituliert. Christian Schreger erinnert dann in seinem Beitrag "Kleine Bücher" an die Reformpädagogik von Celestin Freinet, der damit begonnen hat, mit Kindern Bücher zu machen. Schreger betont dabei, dass das Produzieren und Veröffentlichen von eigenen Texten zu wichtigen Bestandteilen schulischer Aktivität gehört. Und auch Konstanze Wegmann und Caroline Roth-Ebner geben Einblick in ihre konkrete Unterrichtspraxis, wenn sie Medienpädagogik als Peer-Education begreifen, um Jugendliche für die Chancen und Gefahren von digitalen Medien zu sensibilisieren. Die Praxisbeiträge runden Wilfried Swoboda und Martin Mueller mit ihrem Beitrag "inclusion 2.0 – fake or reality?" ab, der von der internationalen Kooperation zwischen einer österreichischen und einer slowakischen Schule berichtet, in deren Rahmen ein "virtual space" eingerichtet wurde, wodurch auf beiden Seite der Grenze die "media literacy" der Beteiligten erhöht werden konnte.

Das Ressort Bildung/Politik wird diesmal u. a. von Cary Bazalgette bestritten, der in seinem englischssprachigen Beitrag die Forschungen zum Verhältnis von Kindheit und Fernsehen untersucht und dabei vor allem das Paradigma von risks and benefits erläutert, mit dem die Vor- und Nachteile der Mediennutzung von Kindern im angelsächsischen Sprachraum diskutiert wurden und werden. Im zweiten Teil seiner dreiteiligen Analyse der >embedded journalists< untersucht Karl H. Stingeder dann die Militarisierung der Medien und erkennt das Aufkommen eines virtuellen und propagandistischen Informationskriegs, der mit dem Irakkrieg von 2003 erstmalig in Szene gesetzt wurde. In seinem politisch hochengagierten Beitrag erläutert dann Martin Stefanov den neuen Geist der Migrationspolitik und kritisiert den Integrations-Staatssekretär Sebastian Kurz für die Art und Weise , in der er "ausgezeichnet Integrierten" den Zugang zur Staatsbürgerschaft erleichtern will. Kann aber die politische und mediale Öffentlichkeit Österreichs mit den jüngsten Entwicklungen in der Integrationspolitik zufrieden sein?

Im Ressort Kultur/Kunst behandelt Sebastian Broskwa, Inhaber des Wiener Comic-Handelsunternehmen PICTOPIA, dann die Besonderheiten, die man vor dem Einsatz von Comics im Unterricht bedenken muss. Die grundlegenden Erzählprinzipien des Comic-Mediums werden dabei genauso dargelegt wie die didaktischen und medienpädagogischen Möglichkeiten.

Und auch das Ressort Neue Medien ist wieder reich bestückt. Sei es, dass Holger Sontag in das kleine Indie-Adventure Botanicula einführt, sei es, dass Wolfgang Neurath den jüngsten Roman von Daniel Suarez Kill Decision und mithin den aktuellen Drohnenkrieg diskutiert, oder sei es, dass Christina Wintersteiger einen Klassiker von Lawrence Grossberg rezensiert. Darüber hinaus werden in zahlreichen Rezensionen Neuerscheinungen auf dem Buch- und Spielemarkt vorgestellt und diskutiert.

Und Katharina Kaiser-Müller nutzt ihren Bericht zur Auftaktveranstaltung von "Keine Bildung ohne Medien – Medienbildung JETZT!" auch zu einigen Erörterungen der Medienkompetenz in Geschichte und Gegenwart der Wissens- und Informationsgesellschaft.

Darüber hinaus bittet Christian Berger unsere LeserInnen um die Teilnahme an einer Umfrage zu Audioproduktionen als Lernform. Das Forschungsprojekt ist eine Kooperation der Pädagogischen Hochschule Wien, der Pädagogischen Hochschule Salzburg und der Universität Wien/Institut f. Bildungswissenschaften. Wir bitten auch sehr herzlich um die Weiterleitung an mögliche TeilnehmerInnen.

Aber lesen sie nun selbst und blättern Sie rein ...

Die Redaktion der MEDIENIMPULSE wünscht Ihnen eine spannende Lektüre …

Alessandro Barberi, Christian Berger, Anu Pöyskö

Tags