Praxis

2/2013 - Freizeitpädagogik - Freiwillig, Selbstbestimmt, Selbstorganisiert?

Kleine Bücher

AutorIn: Christian Schreger

Der Gedanke, mit Kindern Bücher zu machen ist nicht neu. Celestin Freinet hat ihn quasi zum Kult seiner reformpädagogischen Bewegung erhoben. Christian Schreger betont in diesem Sinne, dass das Produzieren und Veröffentlichen von eigenen Texten zu den wichtigen Bestandteilen schulischer Aktivität gehört.

Jeder Lehrer, jede Lehrerin klammert schließlich irgendwann Erzeugnisse der Schüler oder Schülerinnen zu einem Heft zusammen – und was mehrere Seiten hat, wird gerne „Buch“ genannt, ein Kopiergerät steht in jedem Büro und Computerdrucker gäbe es in jeder Klasse. Tatsächlich ist in den meisten Fällen eher die Herrschaft über das Heftgerät bestimmend, der die Kontrolle über den Inhalt der zu heftenden Blätter vorausgeht. Was dann oft mit dem Beisatz „Das ist ja schon fast ein Kunstwerk!“ geziert wird, stellt meist ein unterrichtskonformes Produkt dar, dessen Individualität leider oft nur den Grad der Angepasstheit des jeweiligen Kindes spiegelt und damit seine Tauglichkeit für ein Unterrichtssystem, in dem Nachplappern und Nachexerzieren zu den wichtigsten Tugenden zählt. Derartig angepasste und eventuell mit technischem Know-How aufgehübschte Erzeugnisse waren nie das Ziel des Projekts „Kleine Bücher“.

In der Freinet-Pädagogik gehören das Produzieren und Veröffentlichen von eigenen Texten zu den wichtigen Bestandteilen schulischer Aktivität. Beides ist sehr viel mehr als ein kleiner Schritt im geschützten Raum, denn dabei geht es um Mut und Entscheidung, um Ausdauer und Gewissenhaftigkeit sowie manchmal auch nur um den verblüffenden „großen Wurf“, der eine Situation oder Geschichte blitzlichtartig so treffend festhält, dass man sprachlos davor stehen bleibt, um zu staunen - wenn man denn bereit ist, sich darauf einzulassen.

Plapperkiste & Kindernetz

Bereits in den frühen 1990er Jahren war ich überwältigt von den Ideen der Kinder, die in einer mehrsprachigen Klassenzeitung mit Namen „Die Plapperkiste“ Gestalt fand:
zwei Jahre lang erschien sie als Monatsmagazin, das schließlich mit einem kostendeckenden Abosystem quer durch Österreich versandt wurde, handkoloriert und mit einer Auflage von gut 100 Stück – oft heimlich hergestellt mit den Kindern, die sich nachmittags wieder in die Schule zurück schlichen und mithalfen.

Als ich 1994 die Schule wechseln musste, hielt ich das Konzept des Monatsmagazins für so überzeugend, dass ich mir keine Gedanken über die Fortsetzung der „Plapperkiste“ machte, allein: die neuen Kinder interessierte das Zeitungmachen überhaupt nicht. Viel interessanter war die gerade so in die Gänge kommende Computertechnik, die die anfälligen Schreibmaschinen durch Tastatur und Disketten ersetzte und mit Multimedia zu punkten begann - und natürlich das Internet, in dessen rasanter Entwicklung alles möglich schien.

Mit dem „Kindernetz“ ging bereits 1997 eine interaktive Website online, die das „Freie Schreiben“ für Kinder möglich machte – heute eine Selbstverständlichkeit, damals ein Privileg großer Firmen, die sich so etwas leisten konnten. Kurz darauf startete das „Digitale Tagebuch“, das die technischen Möglichkeiten sowohl des Internets als auch der analogen Welt nutzte: Ausdruck auf Papier, aber auch Text, Audio, Bild oder Video im Internet.

Ein weiterer Schritt war das Projekt „Tier der Woche“, das sowohl Recherche in der Klassenbibliothek, als auch im Internet benutzte, um Vorträge über bestimmte Tiere zu gestalten. Das Handout ging an alle Kinder, ein Ausdruck im A3-Format wurde am Gang präsentiert und die Urkunde für den gehaltenen Vortrag enthielt immer ein kleines Geschenk, das mit dem präsentierten Tier zu tun hatte.

Heute hat der multimediale Overkill ein Ausmaß an Alltäglichkeit erreicht, das die simplen, analogen Dinge plötzlich wieder ausgesprochen spannend und anziehend erscheinen lässt: Schließlich wird auch der Haptik etwas geboten bei der Beschäftigung mit den „echten“ Dingen, das jenseits des Streichelns eines mit Gorillaglas bewehrten Smartphones liegt. Immer noch macht der Inhalt den eigentlichen Wert aus, nicht die Darstellungsmethode – ein Faktum, das leider oft vergessen wird.

Die „Kleinen Bücher“ sind kleine Reisen zurück in die Zeit, in der ich noch unsterblich war, ein aufgeschlagenes Knie in ein paar Tagen narbenfrei verheilte, die Jugend als schwerelose Rüstung einen undurchdringlichen Schutzschild gegen allerlei Unheil bildete und ein Jahr noch nicht gefühlt an einem Nachmittag vorüber zog. Für die Kinder sind es existente Wirklichkeiten.

5 + 5 + 1 = 1

Meist holen sich die Kinder 6 vorbereitete Blätter und kündigen dabei an, dass sie ein „Kleines Buch“ machen wollen. Das dauert dann manchmal 3 Wochen oder auch nur 30 Minuten. Der entscheidende kreative Prozess hat in diesem Moment jedoch schon längst stattgefunden: Idee und Möglichkeit der Durchführung haben zusammengefunden, sonst würde sich wohl kein Kind  die Mühe machen und Arbeit investieren, vor allem nicht so anhaltend. Inzwischen sind bereits über 450 Bände produziert entstanden.

Die „Kleinen Bücher“ bieten den Kindern eine literarische, zeichnerische und damit kreative Bühne. Sie sind ein niederschwelliges Angebot, sich mit einem beliebigen Thema in einer definierten Form zu befassen: 5 Bilder + 5 Texte + 1 Umschlag = 1 Buch. Um die Inhalte in den Mittelpunkt zu rücken, dürfen weder technische Umsetzung noch Produktionsfragen die Autoren und Autorinnen behindern. Kreativer und technischer Aspekt bleiben getrennt, letzterer steht einfach zur Verfügung - so wie ein Bleistift, Malfarben oder ein leerer Bogen Papier.

Wer sich jedoch für den technischen Teil der Arbeit interessiert, der die Herstellung der „Kleinen Bücher“ möglich macht, ist herzlich eingeladen sich zu informieren oder mitzuwirken. Jedes Kind hat die Möglichkeit, ein „Kleines Buch“ zu machen, weder Sprache, noch Alter oder grafische Fähigkeiten behindern die Entstehung - gefordert ist nur eine Idee, die sich in Form eines „Kleinen Buches“ verwirklichen lässt. Die Beschränkung der Textlänge ist allerdings eine Herausforderung und stellt die Frage, wie sich die Geschichte darin unterbringen lässt. 10 Seiten sind nicht gerade viel, entpuppen sich jedoch als spannende Aufgabe. Viele Bücher entstehen in Kooperation von Kindern unterschiedlichster Herkunft.

Dieser soziale Aspekt ist für sich schon bedeutsam für das Funktionieren der Klasse, zugleich werden auch ganz besondere Fähigkeiten gewürdigt, wenn sich zum Beispiel herumspricht, dass jemand ganz besonders gut Katzen zeichnen kann, die gerade in einer Geschichte vorkommen. Der Respekt vor den unterschiedlichen Fähigkeiten öffnet Wege zur Kommunikation. Im Lauf der Jahre haben sich ganz unterschiedliche und vielfältige Möglichkeiten der Gestaltung entwickelt, die einerseits verschiedene Methoden der Illustration (Zeichnungen, Fotos, Stempeldrucke etc.), als auch zahlreiche Genres (Dokumentation, Reportage, Fotogeschichten, Fantasiegeschichten) umfassen – erst kürzlich ist ein Rätselbuch entstanden.

Zeichnungen

stellen das beliebteste Illustrationsmedium dar, wohl auch weil sie den größten Freiraum bieten und praktisch immer und überall entstehen können:


Oskar 2013                                                   Nori 2010


Ravdip 2009                                                      Aysat 2010

Allerdings betrachtet ein beachtlicher Teil der Kinder die eigene Zeichenfähigkeit als gering – dies führt immer wieder zu Kooperationen, die Kinder einbindet, deren Zeichenfähigkeiten als besser erachtet werden, oder zum Wechsel in eine anderen Darstellungstechnik:

Fotobücher

gliedern sich meist in Reportagen, Dokumentationen oder Fotogeschichten. Letztere verwischen die Grenzen und spielen besonders reizvoll mit der Darstellungsmöglichkeit. Zumeist dient die Kamera allerdings Reportage- oder Dokumentationszwecken.

- Ravdip | In Indien | 2011

Ravdip brachte insgesamt 144 Fotos auf der Speicherkarte der KinderKamera aus Indien mit. Das Sichten und die Auswahl der Bilder war ein schwieriges Unterfangen, führte aber auch zu vielen Fragen und spannenden Diskussionen. Das fertige Buch repräsentiert also eine Auswahl kommentierter Fotos.

- Lord Kinnock in der M2 | Lordbuch |2007

Der Besuch Lord Neil Kinnocks als Vorsitzender des British Councils wurde natürlich auch in einem Buch dokumentiert. Das mehrsprachige Buch kombiniert die Zeichnungen der Kinder mit beim Besuch gemachten Fotos. Sichtbar wird vor allem die Diskrepanz zwischen dem Respekt, den die Kinder vor einem echten „Lord“ hatten und der überaus freundlichen Art, mit der dieser ihnen begegnete.

 

- Gurjit | Wienbücher 1 – 4 | 2009/2010

Die Wienbücher nutzten die Möglichkeit der Fotografie zum Dokumentieren des  Gesehenen. Oft waren mehrere Kameras im Einsatz und die Auswahl der Fotos folgte beim Erstellen der Texte. Das ungeschminkte Bild der Stadt Wien aus Sicht einer multikulturellen Kindertruppe hat nichts mit den Fremdenverkehrsprospekten zu tun:

Die Unzahl nackter Figuren an  Wiener Fassaden, Brunnen, Denkmälern etc. hinterlässt einen verwirrenden Eindruck – so wurde das Parlament wegen seines Baustils als Museum vermutet, der Brunnen davor mit den vielen Putti ließ die Kinder auf ein „Popomuseum“ tippen. Ein Lob der Alliteration – sie haben sich den richtigen Namen gemerkt.

- Iqra, Mata, Ayshat, Ravdip, Iman | Die schönen Kleider  | 2010

Die Fotos entstanden nach genauen Angaben und mit Skizzen, die zur bereits feststehenden Geschichte gemacht wurden. Selbst als Schauspielerin in der eigenen Geschichte im eigenen Buch zu erscheinen, in eigenen „schönen Kleidern“ und mit von Mama oder älterer Schwester geborgter Schminke eine bestimmte Rolle zu spielen, das ist ein seltenes Glücksgefühl, das in einen „Kleine Buch“ Platz hat. Why not?

Ein Kennzeichen des Projekts „Kleine Bücher“ ist jedoch die Tatsache, dass es sich nicht auf einzelne Techniken festlegen lässt, sondern eine Fülle an Möglichkeiten offenbar eine ebensolche Fülle an Ideen entstehen lässt, die nur noch gefördert werden müssen.

- Qin-Jie | Das neue Jahr | 2010

Geschildert und mit Zeichnungen illustriert werden Neujahrsbräuche aus China – eine Doku also.

- Nemanja | Virinebücher 1 - 4 | 2007/2008

Nemanjas Bücher über sein serbisches Heimatdorf entstanden von November 2006 bis März 2008. Während im ersten Buch Häuser und Straßen in Draufsicht gezeigt werden und sich die einzelnen Zeichnungen wie ein Plan aneinander legen lassen, wechselt die Darstellung im zweiten Band in eine perspektivische Sicht. Die Zeichnungen enthalten viele Details und es werden auch Personen dargestellt.

Band 3 verwendet Fotos an Stelle der Zeichnungen: Nemanja hatte sich inzwischen eine Kamera besorgt und dokumentiert damit seine serbische Heimat. In Band 4 schließlich kann man mittels des „Kleinen Buches“ am Georgsfest teilnehmen – die 4 Bände sind wie eine langsame Zoomfahrt, die am Festtisch der Familie endet.

Fantasiegeschichten...

... bilden den größten Teil der über 400 Bände der „Kleiner Bücher“. Sie bilden alles ab, was sich zwischen Traum und Wirklichkeit ereignet und dürfen alles sein – Wunsch, Traum, Bewältigung oder Idee.

Auch Fotogeschichten können Fantasiegeschichten sein (Siehe oben). Immer wieder erscheinen bei Schularbeiten verfasste Geschichten später als „Kleines Buch“.

- Ayshat | Der verbotene Vogel | 2008

Ayshat schrieb und zeichnete dieses Buch ohne jegliche Vorwarnung am Ende ihres ersten Schuljahrs. Seite um Seite tötet der verbotene Vogel einen Vogel nach dem anderen, bis alle Vögel tot sind.

Ayshat hat ihr Buch nie kommentiert.

- Nemanja | Slon i miš | 2006

„Der Elefant und die Maus“ war das erste Buch, das Nemanja schrieb. Der Elefant fühlt sich fremd in der Stadt, aber der Maus scheint es nichts zu machen. Gemeinsam beschließen sie, ans Meer zu fahren. Brigitta Busch analysiert dieses Buch in ihrem Werk „Mehrsprachigkeit“ (S. 185 - 191).

- Afra | Die Feder, die von alleine schreibt  | 2012

Das Buch entstand  am Ende von Afras Volksschulzeit. Sie hatte die Idee, alle Zeichnungen nur mit Bleistift zu machen. Die Geschichte handelt von der Einsamkeit einer Feder, die wegen eines Computers nicht mehr benutzt wird.

Bubenbücher vs. Mädchenbücher

Auf den ersten Blick scheint es ganz einfach: Immer wenn es mit Kämpfen, Krieg, Comic-Figuren zu tun hat und um Rennautos, Weltall, Aliens oder Saurier geht, ist es ein Bubenbuch. Wenn Feen, Zauber, Kleider, Shopping, Party, Babys, Berufe und Tiere Thema sind, dann ist es ein Mädchenbuch. Sieht man genauer hin, dann erweist sich eine solche Regel als nicht haltbar. Genau so wenig kann gesagt werden, ob Buben oder Mädchen mehr Bücher schreiben.

Werner Mayer hat folgende Visualisierung der Publikationen über gut fünf Jahre (Oktober 2005 bis Dezember 2010) nach Geschlechtern erstellt.

Mehrsprachige Bücher und Korrektur

Die Mehrsprachigkeit vieler Kinder bedeutet noch nicht automatisch, dass ihre Bücher mehrsprachig sind: dies ist eine Option, aber keine Pflicht.
Manche Texte sind in der Muttersprache entstanden und dann mit Unterstützung der Familie oder von muttersprachekundigen Kolleginnen in der Schule ins Deutsche übersetzt worden, andere Bücher gehen den umgekehrten Weg und werden aus dem Deutschen in die Muttersprache übertragen. Hier spielt die Unterstützung der Familie oft eine bedeutende Rolle, denn viele Kinder beherrschen ihre Muttersprache zwar für den mündlichen Alltagsgebrauch in der Familie ausreichend, nicht jedoch in schriftlicher Form. Besonders gilt dies für die arabische Schrift, die auch in Urdu zum Einsatz kommt oder für die Gurmukhi-Schrift, in der Punjabi geschrieben wird.
Grundsätzlich geht es um einen respektvollen Umgang mit der Mehrsprachigkeit und nicht um xenophile Bilderbuchfantasien, die sich an der Exotik berauschen. Gleiches gilt auch für die Frage der Korrektur der Texte im Hinblick auf die Rechtschreibung. Da jedes Buch grundsätzlich ein fertiggestelltes Werk darstellt, erhebt sich die Frage einer Korrektur nur in der Diskussion mit dem Autor/der Autorin eines Buches.

Manche Kinder legen den Text handschriftlich vor, andere tippen ihn am Computer, wieder andere sagen ihn an.

Bei allen drei Textvarianten bespreche ich mit dem Autor/der Autorin das Ergebnis und mache auch Vorschläge oder weise auf Fehler, Unklarheiten etc. hin. Da ich meist der erste Leser bin und nichts über das neue Buch weiß, stelle ich auch viele Fragen, wenn mir etwas unklar ist.

Diese Gespräche sind extrem wichtig, denn oft wird dabei offenbar, wie blind ich bin, weil ich nicht genau hingeschaut habe – aber genauso oft wird klar, dass ganz wesentliche Inhalte im Text oder den Bildern gar nicht vorkommen, weil sich Autor/Autorin über den Inhalt so klar war, dass sie ihn nicht weiter für erwähnenswert hielten: damit beginnt etwas, das ich „Die stumme Sprache zum Reden bringen“ nenne. Nun fällt die Entscheidung, wie mit dem Vorhandenen umgegangen werden soll: Bleibt alles so? Wird was geändert? Sollen Fehler ausgebessert werden? Soll der Text neu geschrieben oder die vorhandene Version verwendet werden? Wird der Text einfach angesagt und dann nach für den Ausdruck passenden Schriftarten gesucht?

Viele Kinder wünschen eine Korrektur der selbst geschriebenen Texte und einen Ausdruck „ohne Fehler“, damit sie ihn noch einmal abschreiben können. Andere Kinder lehnen jede Korrektur ab, weil sie bereits viel Mühe in ihr Werk investiert haben. Handschriftlichen Texten wird in den meisten Fällen ein Druckschrifttext zur Seite gestellt, der jenen Kindern das Lesen erleichtern soll, die gerade erst im Schrifterwerb stehen.
Diese Begegnungen auf Augenhöhe sind wichtig.

Herstellung

In allen Fällen landen Bilder und Texte im Computer, egal ob via Scanner, Kamera oder Tastatur. Sie werden in die Word-Vorlagen eingefügt, die auf jedem Schulrechner bearbeitet werden können. Im letzten Schritt werden die Vorlagen nach der Montage am Bildschirm mit einem Tintenstrahldrucker ausgedruckt. Für die Textseiten hat sich Zeichenpapier bewährt, der Umschlag wird auf Zeichenkarton gedruckt.

Ein „Langarmhefter“ wird zum Klammern der Blätter benötigt. Danach werden die gehefteten A4-Blätter mit der Schlagschere durchgeschnitten, gefaltet und an den 3 Rändern noch einmal nachgeschnitten. Fertig sind zwei „Kleine Bücher“. Dabei helfen die Kinder gerne mit und bekommen so auch einen Eindruck von der Mühsal dieser manuellen Arbeit.

Jeder Autor/jede Autorin erhält ein Belegexemplar, ein weiteres landet in der Lesekiste, ein drittes in der Bibliothek. Die Startauflage beträgt 10 Exemplare, also 5 A4-Ausdrucke.

KLEINE BÜCHER Kisten

Nicht zuletzt über die Nachmittagsbetreuung kamen Kinder anderer Klassen mit den „Kleinen Büchern“ in Berührung. Einige schrieben selbst welche oder meldeten sich an den „Ateliertagen“ der Schule zum Büchermachen in der M2 an. So entstanden auch vier „Kleine BücherKisten“, die an interessierte Klassen verliehen wurden: neben 10 Büchern gab es darin eine Liste aller bereits erschienen Bände und eine Lade mit Rückmeldezetteln, auf denen auch Wünsche aus der Gesamtliste geäußert werden konnten. Geplant war ein wöchentlicher Tausch der Kisten, die dann andere Bücher enthalten würden. Als jedoch immer mehr Bücher spurlos verschwanden oder die Kinder auch nach vier Wochen mit der Mitteilung zurückkamen, man hätte immer noch keine Zeit gehabt, den Kindern die Bücher zu zeigen, blieben die Kisten schließlich in der M2.

KLEINE BÜCHER in den Medien

Im Februar 2007 besuchte Lord Neil Kinnock die Klasse, um sich die „Kleinen Bücher“ von den Kindern zeigen zu lassen. Medial bestaunt und von Stadtschulrat und Unterrichtsministerium als Leistungsbeweis des österreichischen Schulwesens gerühmt, tänzelte der Schmetterling des behördlichen Interesses in allen Schattierungen über den Honigtopf der „Kleinen Bücher“ hinweg, was naturgemäß Spuren in Printmedien, Radio und Fernsehen hinterließ. Dem Lordbesuch folgte jedoch schon kurz später der Staatspreis für das „WeltABC“ (über das im nächsten Beitrag berichtet wird), das mit Glanz und Gloria natürlich alle bisherigen M2-Projekte in den Hintergrund drängte. Der medialen Präsentation und dem Einsatz der „Kleinen Bücher“ in vielen Fortbildungen für MuttersprachenlehrerInnen durch das „Sprachförderzentrum Wien“ ist es zu danken, dass das Projekt schließlich die Aufmerksamkeit der Sprachwissenschaft erregte.

KLEINE BÜCHER weltweit

Seit 2009/10 wurden die „Kleinen Bücher“ immer wieder international präsentiert, mit Brigitta Busch (Sprachwissenschaftliches Institut der UNI Wien)  ging das Projekt inzwischen um die Welt - nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich: Von Uppsala, Schweden zu den Saamiklassen in Inari, Finnland oder in den Leseclub in Langa, Kapstadt, Südafrika und sogar nach Auckland, Neuseeland.

In Finnland und Südafrika sind eigene Bücher nach den Vorlagen aus der M2 entstanden, einige Bücher aus der M2 wurden ins Englische und in Xhosa übersetzt, um sie den Kindern im Leseclub in Langa, Kapstadt zugänglich zu machen.

KLEINE BÜCHER als Forschungsobjekt

Inzwischen haben die „Kleinen Bücher“ Eingang in die wissenschaftliche Literatur gefunden und dienen als Forschungsobjekt oder Thema für Master- und Bachelorarbeiten. Brigitta Busch widmet ihnen das Schlusskapitel ihres Buches „Mehrsprachigkeit“, Stefan Pernes verfasste seine Masterarbeit unter dem Titel „Die große Freiheit kleiner Bücher.“ (2013, Uni Wien), auch in der Aus- und Fortbildung an der PH Wien spielen die „Kleinen Bücher“ eine Rolle:

KLEINE BÜCHER in der PH-Fortbildung

Die PH Wien bot mehrere Fortbildungen zu den „Kleinen Büchern“ an. Die Veranstaltungen waren durchaus erfolgreich, jedes Mal kamen auch Kinder, die selbst „Kleine Bücher“ geschrieben hatten, einmal berichtete sogar Brigitta Busch persönlich den TeilnehmerInnen über die „Kleinen Bücher“ im Leseclub in Langa. Bei allem Interesse ist es bedauerlich, dass sich viele LehrerInnen immer noch durch die „technische  Hürde“ abschrecken lassen, die ganz einfach „Computer“ heißt und dessen Bedienung für die Kinder längst zum Alltag gehört. Einschalten, ein Programm öffnen, Text eintippen oder passenden Text im Internet suchen und auf „Drucken“ klicken – fertig ist das Arbeitsblatt.

Damit ist für viele LehrerInnen oft schon das Ende der Fahnenstange erreicht. Schade eigentlich, denn so bleiben nur Einzelexemplar, Heftgerät und „Früher war es ganz anders, da gab es zum Glück noch keine Computer ... .“

KLEINE BÜCHER online

Seit Jahresbeginn 2013 haben die „Kleinen Bücher“ eine eigene Seite im Rahmen der Klassenhomepage.

Der Verwirklichung des Onlinekonzepts liegen einige Jahre intensiver Überlegungen zugrunde:
natürlich wäre es längst möglich gewesen, per Mausklick umblätterbare Seiten online zu stellen (Einen Vorlauf dazu hat es bereits auf der ersten Version der Klassenhomepage gegeben). Eine solche Präsentation wäre jedoch einfach zu kurz gekommen und wäre den Büchern und ihren AutorInnen nicht gerecht geworden. Die Kinder wären nie wirklich eingebunden gewesen, sondern nur Ideen/InhaltslieferantInnen für die hohe Kunst der Programmierung.

Die Lösung war schließlich verblüffend einfach: Nun nehmen die Kinder Platz auf der Couch des Zusatzraums und werden beim Vorlesen gefilmt mit der gleichen Kamera, die täglich für die Tagebuchgeschichten zum Einsatz kommt. In ihren Händen halten sie das "Kleine Buch", das sie vorlesen und in der Nachbearbeitung werden an den Stellen, an denen die Seiten umgeblättert werden Text und Illustration eingeblendet. Die im kleinen HD-Format erstellten Videos bieten eine genügend hohe Auflösung, um die Details der Illustrationen betrachten zu können.

Mehrsprachige Bücher werden meist in der Muttersprache vorgelesen, der deutsche Text wird gesondert aufgenommen und aus dem Off zu den jeweiligen Bildern eingeblendet. Trotzdem sind die „Kleinen Bücher online“ nur eine Annäherung, die allerdings äußerst motivierend wirkt: das Platznehmen vor der Kamera, der Stolz auf die Fähigkeit jemandem vorzulesen, die Lust, das eigene Werk zu präsentieren – all das regt an, kreativ tätig zu werden oder sich der Mühe des Lesens zu unterziehen, die in den Videos oft deutlich sichtbar wird. Die Kinder, mit denen das Projekt gestartet ist, sind heute 16 oder 17 Jahre alt. Es ist bemerkenswert, wie viele dieser ehemaligen Schüler und Schülerinnen bereit sind, ihre Bücher trotzdem vor der Kamera zu lesen.

Die Homepage der „Kleinen Bücher“ bietet zudem ausführliche Informationen zum Projekt, eine Linkseite zu den Medienberichten und eine bebilderte Anleitung zum Herstellen der Bücher.

 


Literatur:

Busch, Brigitta (2013): Mehrsprachigkeit, Wien: facultas.wuv.

Schreger, Christian (2011): Projektseite der M2, online unter: http://ortnergasse.webonaut.com/m2/projekte/ (letzter Zugriff: 09.06.2013).

Schreger, Christian (2012): Homepage der M2, online unter: http://ortnergasse.webonaut.com/m2/ (letzter Zugriff: 09.06.2013).

Schreger, Christian (2013): KLEINE BÜCHER online, online unter: http://ortnergasse.webonaut.com/m2/kb/ (letzter Zugriff: 09.06.2013).

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