Schwerpunkt

2/2013 - Freizeitpädagogik - Freiwillig, Selbstbestimmt, Selbstorganisiert?

Identitätsarbeit, Selbstwirksamkeit, gemeinsame Erfolgserlebnisse

Medien-Projektarbeit mit Video in sozialpädagogischen Kontexten

AutorInnen: Anu Pöyskö / Renée Frauneder

In der Medien-Projektarbeit in sozialpädagogischen Kontexten sind subjekt- und bedürfnisorientierte Zugänge gefragt. Ein Erfahrungsbericht von Anu Pöyskö, Thomas Adrian und Renée Frauneder, die ihre Arbeit im Wiener Medienzentrum zusammenfassen.

Abstract

Negotiating identities, self-efficacy, shared sense of achievement
In media-project work in the context of social pedagogy, subject and needs-oriented approaches are needed. An experience report by Anu Pöyskö, Thomas Adrian and Renée Frauneder, who summarize their work at the Wiener Medienzentrum.


Projektinitiativen, die Jugendliche am zweiten und dritten Arbeitsmarkt betreuen, integrativ- mehrfachtherapeutische Angebote, soziale Einrichtungen für junge Zielgruppen – im sozialpädagogischen Bereich eröffnet sich ein eigenes medienpädagogisches Handlungsfeld. Für die Medien-Projektarbeit findet man hier ähnliche Rahmenbedingungen vor wie in der Schule – der Besuch ist für die TeilnehmerInnen meist Pflicht, es gibt einen relativ klar vorgegebenen Zeitrahmen, die Gruppegröße ist fix und die TeilnehmerInnen kennen sich in der Regel untereinander. In der Methodik dominieren jedoch – mit einer größeren Ähnlichkeit zur Freizeitpädagogik – subjekt- und bedürfnisorientierte Zugänge.

Neben Einrichtungen der offenen Jugendarbeit und Schulen kooperiert das wienXtra-medienzentrum seit seinem über 35jährigen Bestehen auch mit Einrichtungen und Projekten im sozialpädagogischen Bereich. In einer Zeit, wo immer mehr Jugendliche damit Schwierigkeiten haben, am ersten Arbeitsmarkt zu Fuß fassen, und für sie sukzessive mehr Auffangangebote entwickelt werden (Stichwort "Wiener Ausbildungsgarantie“), wächst die Bedeutung dieses Bereichs. Der folgende Beitrag basiert auf einem Gespräch von Anu Pöyskö, Leiterin des wienXtra-medienzentrums, mit Renée Frauneder und Thomas Adrian, zwei MedienpädagogInnen, die in ihrer Tätigkeit einen Arbeitsschwerpunkt auf den sozialpädagogischen Bereich setzen.

Projektsetting

Praxiseinrichtungen wie das wienXtra-medienzentrum entwickeln in diskursiven Prozessen ihre eigenen Arbeitsprinzipien und Qualitätskriterien. Welche dieser Arbeitsgrundsätze behalten bei Projekten im sozialpädagogischen Bereich genauso ihre Gültigkeit, wo bedarf es Adjustierungen und andere Foki?

Auch im sozialpädagogischen Bereich sind die Gruppen und die TeilnehmerInnen individuell verschieden. Wovon man jedoch als MedienpädagogIn ausgehen muss, ist, dass die Jugendlichen aufgrund ihrer Biographien, wo sich ggf. schon mehrmals ein Scheitern manifestiert hat (abgebrochene Schulausbildung, erfolglose Suche nach einem Ausbildungsplatz, missglückte Versuche am ersten Arbeitsmarkt) ein eher geringes Selbstwertgefühl und wenig Glaube an die eigenen Fähigkeiten haben. Ein guter Projekteinstieg ist daher wichtig – noch viel wichtiger als sonst.

Renée Frauneder: "Viele sagen mir zunächst, sie wollen nicht im Bild sein. Bei der Einstiegsphase tauen sie dann auf und sind später doch bereit, eine Rolle im gemeinsamen Film zu übernehmen. Die Art, wie wir im medienzentrum Projekte aufbauen, ist sehr einbeziehend. Der achtsame Umgang mit den TeilnehmerInnen und ein 'einschleichendes‘ Gewöhnen das eigene Bild im TV zu sehen, ist wichtig. Zunächst probiert jeder Jugendliche das Schwenken, Zoomen und Aufnehmen mit der Kamera aus und am TV sehen die TeilnehmerInnen das eigene Bild so nebenbei. Bei den ersten inszenierten Probeaufnahmen lasse ich es den Jugendlichen frei, wie viel sie von sich zeigen wollen, ob das Gesicht im Bild ist oder eine Großaufnahme vom Fingernagel oder nur der Schuh. Dadurch beginnen sie darauf zu vertrauen, dass sie sich wirklich so inszenieren können wie sie wollen.“

Einerseits wünschen sich die Jugendlichen Aufmerksamkeit, andererseits fällt es ihnen aber unter Umständen sehr schwer, die Aufmerksamkeit auszuhalten.

Thomas Adrian: "Einiges kann man schon mit der Reihenfolge der Aufnahme steuern: der/die Schüchternste soll nicht als ersteR dran kommen. Man kann auch selbst anfangen und rollenspielartig vorzeigen, wie man mit dem Bild und mit der Kritik umgehen kann: 'Ach ich habe eine komische, hohe Stimme. Aber es ist schon ok so.'“

Renée Frauneder: "Eine Probe, die nicht aufgenommen wird – das bietet auch Schutz. Viele versprechen sich beim ersten Mal, wenn sie vor der Kamera etwas sagen sollen. Der Satz kann so geübt werden und die Aufnahme wird besser verständlich, was sich beim anschließenden Ansehen auf das Selbstbewusstsein der Jugendlichen positiv auswirkt. Auch finde ich es wichtig, dass die Jugendlichen wissen, wann und wie sie aufgenommen werden und auch lernen zu sagen 'Nein, so will ich nicht aufgenommen werden sondern so...'. Das versteckte oder überfallsartige Aufnehmen hat bei uns keinen Platz. Es geht um Vertrauensaufbau."

Eine andere Möglichkeit ist es, die ersten Versuche der Selbstinszenierung etwas hinter den technischen und gestalterischen Fragen zu verbergen:

Thomas Adrian: "Wenn ich Zeit habe, mache ich es mit Storyboard. Jeder soll aufzeichnen, wie er/sie bei den Probeaufnahmen im Bild sein möchte. Und dann geht es auch um die Handhabung der Technik. Ich sage immer, bitte macht bei den ersten Aufnahmen möglichst viele Fehler…Und da ist es gut, wenn der Gruppenstärkste als erster dran kommt, und gerade bei ihm alle technischen Fehler auffallen. Und nebenbei hören und sehen sie sich mal.“

Auch wenn die Jugendlichen heute von Aufnahmegeräten (Mobiltelefonen und Fotokameras mit Videofunktion) umgeben sind, darf man nicht davon ausgehen, dass sie es gewohnt sind, gemeinsam mit anderen Bilder von sich anzusehen und darauf Reaktionen zu bekommen.

Renée Frauneder: "Eine Sharing-Runde ist wichtig. Ich stelle jeder/m die Frage, wie es ihr/ihm mit den ersten Probeaufnahmen geht. Der erste sagt dann so was wie 'Ich hasse meine Stimme…‘ und dann sagen oft die anderen 'Ich meine auch, ich auch…‘ und das ist entlastend.“

Projektsetting: Werkstatt für Jugendliche mit starken physischen und psychischen Beeinträchtigungen, 10 Jugendliche, 3 Tage

Renée Frauneder: "Geplant war: ein Tag ausprobieren, ein Tag gezielt Aufnahmen machen und am letzten Tag Schnitt. Die Probeaufnahmen am ersten Tag waren aber eigentlich schon das, was für die Jugendlichen wichtig war: sich selbst zu inszenieren und das vor der Kamera zu machen was sie sonst im Fernsehen sehen. Wie sie das erste Mal ihr Bild gesehen haben, ist die Spannung in der Gruppe deutlich gestiegen. Das Selbstbild war ein großes Fragezeichen. Aber die Anderen haben immer die Person im Bild ganz toll gefunden, und das hat sie bestärkt. Der wertvolle Prozess zu dem eigenen Bild Bestätigung bekommen ist bei jedem Videoprojekt so, aber so basal wie bei diesem Projekt habe ich es nie erlebt. Am nächsten Tag habe ich sie gefragt, ob sie ihren Arbeitsplatz vorstellen wollen, und einige wollten es. Sie gingen mit der großen Kamera durch die Werkstätten und filmten und waren dadurch für alle dort Arbeitenden etwas Besonderes. Das hat sie sehr gestärkt."

Projektsetting: Jugendnotschlafstelle, sieben Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahre, halber Tag

Thomas Adrian: "Wir haben mit Handyvideo gearbeitet und mit ungewöhnlichen Einstellungen und Perspektiven experimentiert. Das Projekt war sehr niederschwellig angelegt der Zugang für die Jugendlichen lief über Fun. Kleine Medienprojekte haben diesen 'Schwan, kleb an‘-Effekt. Man stolpert quasi vorbei und bekommt das Handy in die Hand gedrückt: 'Filme du mich mal geschwind‘. 'Schau, wie cool das aussieht, wenn man aus der Waschmaschine rausfilmt.‘ Da fallen gleich die Hemmschwellen und man ist sofort dabei. Beim Schnitt kam dann der Aha-Effekt der Bildwirkung. Das ist also meine Stimme, so wirke ich. Es waren Jugendliche, die ganz selten vor dem Spiegel stehen und eigentlich keine Selbstwahrnehmung haben.“

Ideenfindung

Die Themen der Jugendlichen spiegeln ihre Lebenssituation in der Übergangsphase zum Erwachsen-Sein wieder – eine Phase, die sich für sie häufig brüchig gestaltet. Inszeniert werden Wünsche: sexy sein, Freund/Freundin haben, Rausch erleben, tolle Party feiern. Die Jugendlichen bauen auch Erlebnisse aus realen Bewerbungs- und Arbeitssituationen in ihre Filme ein oder arbeiten sich an den gerade aktuellen medialen Vorbildern ab.

Ein wichtiger Arbeitsgrundsatz, den der bei allen Projekten des medienzentrums umzusetzen versucht wird, ist, dass alle in der Gruppe mit der Idee einverstanden sein sollten. Die Zufriedenheit und die Einsatzbereitschaft der Einzelnen sind immer so groß, wie die Identifikation mit dem Produkt.

Thomas Adrian: "Am Anfang der Ideenfindung ist es meine Aufgabe, für Balance zu sorgen: die Dominanten zu bremsen, die Schüchternen zu ermutigen. Das ist aber auch eine Zeitfrage… eine Idee, mit welcher alle können, ist ab einer Gruppengröße von 7-8 schon sehr mühsam. Und dann muss man immer wieder überprüfen: kennen jetzt alle die Idee? Kann jemand das, was wir gerade gemeinsam ausgemacht haben, von Anfang bis Ende nacherzählen? Manchmal ist es allerdings so, dass die Idee der ganzen Gruppe eher klar ist und nur mir nicht mehr (lacht).“

Zweitens legt das medienzentrum Wert darauf, dass jeder selber entscheiden darf, welche Rolle er/sie übernehmen möchte, da u. a. bei Rollenzuteilungen durch andere Zuschreibungen mittransportiert werden und diese mitunter sehr verletzend sein können.

Thomas Adrian: "Wo ich bei diesen Gruppen ganz besonders aufpasse, ist die Geschlechteraufteilung. Wenn eine Gruppe z.B. sagt, wir wollen eine Geschichte wo ein Mädchen entführt wird, und es sind sieben Burschen und nur zwei Mädchen, kann es eine schlimme Dynamik annehmen. Es müssen ganz abgeklärte Mädchen sein, die man unter vier Augen fragt, ob sie es auch so wollen. Und das Mädchen braucht viel Vertrauen zu der Gruppe, weil sie es vielleicht gar nicht so einschätzen kann, wie das dann wirklich ist, wenn sie im Keller gefesselt wird und eine gruselige Stimmung aufkommt."

Projektsetting: AMS-Maßnahme für arbeitslose Jugendliche, 15 Jugendliche, zwei Wochen

Thomas Adrian: "Die AMS-Kurse werden von Jugendlichen häufig als sinnlos empfunden, besonders zum wiederholten Male den gleichen Kurs machen müssen (z.B.: Bewerbungstraining). Diese AMS-Gruppe allerdings hatte eine gute Woche Zeit für die Produktion eines Kurz-Spielfilms, und es war ein ganzheitlicher Prozess, wie ich ihn selten erlebt habe. Die Jugendlichen brachten in diesem Fall viel Medienkompetenz mit, im Sinne von Medienhandling und technischem Knowhow, und waren dankbar, das anwenden zu können. Das Thema war 'Mobbing am Arbeitsplatz‘ und in der Geschichte waren viele autobiographische Bezüge drin.

Bei der Gruppe hat man sehr deutlich gemerkt, wie der Selbstwert im Produktionsverlauf gestiegen ist. Die KursbetreuerInnen, die die TeilnehmerInnen auch anders kennen, waren erstaunt über das Potential das sie gezeigt haben. Jugendliche, die sich sonst vor allem drücken, waren aktiv dabei und haben es z.B. geschafft, einen Drehort zu organisieren und pünktlich da zu sein mit allen erforderlichen Kostümen und Requisiten.“

Die Grenze zwischen fiktiver Inszenierung und Realität verschwimmt

Der/die MedienpädagogIn muss gut einschätzen können, inwieweit die Gruppe und die einzelnen Jugendlichen das Spielerische von der Realität unterscheiden können. Diese Grenze beginnt leicht zu verschwimmen, besonders, aber nicht nur, wenn die Gruppe ein Thema mit autobiographischen Bezügen behandelt. Als ProjektbetreuerIn lernt man aus eigenen Erfahrungen und Fehlern.

Thomas Adrian: "Eine Gruppe wollte eine Modellshow á la '... sucht das Supermodel' nachmachen und sagte bei der Planung einstimmig: wir machen es auf lustig, wir wollen genauso gemein über die Kandidaten schimpfen wie die im Fernsehen. Aber im Spiel ist es dann gekippt: das Mädchen hat sich hübsch gemacht und konnte nicht abstrahieren, dass die abschätzige Bewertung zu der Rolle des Jurors dazu gehört, sondern nahm es persönlich und war ganz verstört. Seither lasse ich bei Castingshow-Remakes nur Feedback zu, das letztendlich positiv rüber kommt.“

Besondere Sensibilität ist dort angesagt, wo die TeilnehmerInnen psychische Probleme haben:

Renée Frauneder: "Die Jugendlichen sehen viel Horror und Thriller und die Sehnsucht, einen solchen Film zu drehen, kann ich total nachvollziehen. Aber wenn in einer Gruppe viele TeilnehmerInnen Medikamente nehmen und psychisch labil sind, kann ich nicht darauf vertrauen, dass sie die Grenze zur Inszenierung ziehen können. Und so habe ich bei bestimmten Gruppen begonnen das Lustige, Komödienhafte zu forcieren. Ich möchte damit ev. Auslöser für Psychosen/Realitätsverlust vermeiden.

Wenn solche Jugendlichen unbedingt einen Krimi mit Mord drehen wollen, mache ich genau das Gegenteil was sonst als eine gute filmische Auflösung empfunden wird. Der Mord wird in der Totale und so weit weg wie möglich aufgenommen, damit das Bild emotional nicht so anregend wirkt ..."

Dort wo das Projekt thematisch in der Selbstinszenierung bleibt, ist es wichtig, die Würde der Beteiligten zu wahren:

Renée Frauneder: “Die persönliche Grenze, wie mag ich mich inszenieren, ist ja stets ein Balanceakt zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Machen die Jugendlichen bestimmte Dinge vor der Kamera weil sie die Vorbilder vom Fernsehen kennen und glauben, dass es sich so gehört, oder ist es etwas was sie wirklich selbst wollen? Wie weit kannst du sie gehen lassen, ohne dass sie sich selbst entstellen/entwerten? Hier ist auch noch der Kontext der Gruppe mitzudenken und wer vielleicht die Aufnahmen sieht."

Planung vs. Spontanität

In der Medienarbeit lernen die TeilnehmerInnen viel über Projektabwicklung: was es bedeutet, aus einer vagen Idee ein griffiges Konzept zu entwickeln, die Umsetzung zu planen und es auch tatsächlich zu schaffen. Als BetreuerIn setzt man die Projekte gerne an der Obergrenze des Machbaren an und versucht, mit der Gruppe in der vorhandenen Zeit das Maximum zu erreichen. Im sozialpädagogischen Bereich muss das Zeitmanagement anders ausschauen. Mitunter geht es auch darum, weniger Planung zu forcieren und offener zu sein für Dinge, die im Projektverlauf passieren können.

Thomas Adrian: "Es ist ein stressloseres Arbeiten mit ein bisschen mehr Fokus auf den Prozess und weniger resultatorientiert."

Jeder einzelne Arbeitsschritt benötigt – und bekommt – mehr Zeit in der Vorbereitung und Durchführung:

Renée Frauneder: "Was ich normal bei Projekten oft aus Zeitgründen nicht mache, ist bei diesen Gruppen besonders wichtig. Nachdem eine Szene fertig gedreht wurde, setzen wir uns gemeinsam hin und schauen uns die Aufnahmen an. Die Jugendlichen brauchen diese Pause und auch die Bestätigung: Die Aufnahmen sind super, die DarstellerInnen haben gut gespielt…!

Oft wollen die Jugendlichen im Freien drehen, u. a. weil sie als Filmteam mit der Kamera unterwegs gesehen werden und Aufmerksamkeit bekommen möchten. Ich lasse sie die Drehsituationen zuerst im Raum proben, damit später alle genau wissen, was sie zu tun haben. So können sie draußen, vor Zuschauern, wie ein tolles, professionelles Team agieren. Dafür sind sie zu erstaunlichem Einsatz bereit und präsenter bei den Außendrehs."

Projektsetting: AMS-Maßnahme für arbeitslose Jugendliche, zwölf Jugendliche zwischen 17–21 Jahren, 4 Tage

Renée Frauneder: "Das Auffällige an diesem Projekt war die starke Fluktuation von den 12 TeilnehmerInnen waren pro Tag durchschnittlich neun anwesend. Das hatte auch mit ihren Krankheiten zu tun. Die Ideen sind nur so gesprudelt. Mein Eindruck war, dass sich die Jugendlichen teilweise bei der Fülle der Ideen für den Film sowie bei der Wahl der Rolle und der Zusage, welche Kostüme und Requisiten sie morgen für den Dreh mitnehmen, selbst überfordert haben. Aufgrund dieser Überforderungen haben sie es am nächsten Tag nicht geschafft haben, zu kommen. Ein Produktionsprozess, der sich von der Idee bis zur Umsetzung, über mehrere Tage zieht, ist unter diesen Voraussetzungen nicht möglich gewesen. Was aber sehr gut funktioniert hat, war eine spontane Idee, die in der Gruppe greift, sofort zu planen und umzusetzen. So ist dann ein Film mit einer Reihe kurzer Episoden und Sketches entstanden."

Rolle des Betreuers/der Betreuerin

Im Vergleich zur Arbeit z. B. mit Schulklassen, erleben sich Frauneder und Adrian in der Arbeit im sozialpädagogischen Kontext "näher dran" an den Jugendlichen.

Thomas Adrian: "Es ist ein Seiltanzakt. Du streckst die Fühler raus und versuchst zu spüren, was sie brauchen, du musst ganz empathisch sein. Wer braucht was und wie gesagt. Manche musst du mit Scherz packen, andere vertragen gar keinen Spaß ..."

Als MedienpädagogIn arbeitet man daran, sich selbst zu erübrigen: die Gruppe dazu zu befähigen, eigenständig als Team zu agieren und sich selbst im Laufe des Projektes sukzessive immer mehr zurückziehen zu können. Mit den Gruppen im sozialpädagogischen Bereich ist dies nicht immer möglich: die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Jugendlichen verlangt nach einer stärkeren Präsenz bis zum Schluss.

Der/die ProjektleiterIn entwickelt mit den TeilnehmerInnen Gruppenregeln und versucht auf einen respektvollen Umgang untereinander zu achten:

Renée Frauneder: "Nach jeder Aufnahme Beifall zu klatschen, ist eine Kultur der Wertschätzung, die ich erst einführe. Damit wird sichtbar gemacht, dass sie gerade etwas gut gemacht haben. Das ist gerade für diese Jugendlichen besonders wichtig."

Technik und Gestaltung: weniger ist mehr

Durch kurze Inputs und Selbst-Ausprobieren lernen die Jugendlichen technische und gestalterische Basics einer Videoproduktion. Das ist umso nachhaltiger je besser es gelingt, die Inputs an das Niveau der Gruppe anzupassen.

Reneé Frauneder: "Einstellungsgrößen, filmische Gestaltungselemente – das ist häufig nicht das, was wichtig ist. Gestalterische Inputs hallen eher nur bei denen nach, die bereits Vorwissen hatten. Diese Sachen fließen so nebenbei ein, weil ich bestimmte Begriffe zwischendurch immer erwähne, aber es wird nicht zu ihrem aktiven Wortschatz."

Thomas Adrian: "Am ehesten geht es über Fragen zur Bildwirkung: so schaut es in der Großaufnahme aus und so in der Totale. Was gefällt Dir besser, wie möchtest du das Bild haben?"

Der Schnitt stellt für integrativ-mehrfachtherapeutische Gruppen häufig eine Hürde dar, entweder ist dieser Arbeitsschritt eine Überforderung für die Konzentrationsfähigkeit der TeilnehmerInnen oder wird in seiner Abstraktion gar nicht verstanden.“

Renée Frauneder: "Mit diesen Jugendlichen ist Schnitt eher ein gemeinsames Sichten: jede/r kann bestimmen was auf ihre DVD kommt. Und das ist für sie schon sehr viel an Selbstbestimmung in der Gestaltung. Was will ich vor der Kamera machen und welche der Aufnahmen möchte ich zeigen. Oft ist es für sie sehr wichtig, die Aufnahmen in voller Länge zu zeigen. Auch wenn sich im Bild nicht viel tut, jemand steht vielleicht nur da, ein anderer dreht sich 3 Minuten lang zu einem Musikstück. Als MedienpädagogIn gibt man den Gruppen am Schnittplatz häufig den Rat, einen Clip zu kürzen, damit eine Sequenz flüssiger wird. Aber es gibt eben auch Gruppen, die eine Kürzung ihrer Aufnahmen weder verstehen noch akzeptieren würden."

Das Produkt

Die Jugendlichen wissen, dass sie auf ein gemeinsames Produkt hinarbeiten und dass dieses Medienprodukt ihnen gehört.

Renée Frauneder: "Ein Produkt ist wichtig, aber das Niveau des Produktes darf das sein, was die TeilnehmerInnen gefilmt haben und für sie passend ist. Die filmische Qualität ist nicht mit herkömmlichen Maßstäben zu messen."

In der Regel wird erst anhand des fertigen Films gemeinsam festgelegt, was damit passieren soll und wer ihn sehen darf. Häufig findet eine Präsentation im kleinen Kreise statt: vor anderen KursteilnehmerInnen, BetreuerInnen, ggf. auch Freunde oder Eltern der Beteiligten.

Thomas Adrian: "Es bedarf das Einverständnis von allen, in Bezug auf welche Öffentlichkeit adressiert werden soll. Das hat allerdings wieder mit Vertrauen zu tun – wenn alle eine DVD bekommen, kann man ja nie genau wissen, was die einzelnen damit machen.

Die Jugendlichen wünschen sich vielleicht eine größere Öffentlichkeit, können aber nicht unbedingt einschätzen, was das bedeutet. Wie es sich anfühlt, den Film vor einem größeren Publikum zu präsentieren, weißt du erst, wenn es so weit ist. Man kann die Jugendlichen nur anhand der Erfahrungswerte darauf vorbereiten."

Es soll nicht passieren, dass das Produkt den Händen der Jugendlichen entrissen wird. Eine Präsentation, die mit den Beteiligten so nicht ausgemacht war, eine Fremdverwendung des Produkts, ist ein klarer Vertrauensmissbrauch.

Ein ganzheitlicher Prozess

Das besondere an Videoprojekten ist für Frauneder und Adrian ihre Ganzheitlichkeit. Neben dem technischen Prozess des Produzierens läuft ein runder, abgeschlossener Gruppenprozess ab.

Ein Projekt ist gelungen, wenn alle Beteiligten daraus gestärkt, um ein Erfolgserlebnis reicher, herausgehen. Dieser Aspekt kommt im sozialpädagogischen Bereich, wo die TeilnehmerInnen "mit ihrem Selbstwert nicht so toll da stehen" besonders zum Tragen.

Thomas Adrian: "Nach der Einführung geht es graduell vom Spielerischen ins Produzieren über. Man kann die Aufgaben so gut aufteilen, dass alle Jugendlichen ihre Stärken einbringen können. Am Ende steht ein Erfolg, sie identifizieren sich damit, sind stolz drauf, zeigen es gerne her. Es ist eine schöne Mischung aus einem Fantasieprodukt und ehrlichem Feedback; du schlüpfst in eine Rolle und hast trotzdem das gleiche Gesicht wie vorm Spiegel.

Die Kids unterhalten sich auch ganz oft bei der Präsentation ihrer Filme über die so genannten 'Hoppalas‘ und wollen diese Outtakes auch als Erinnerung auf der DVD. Die Präsentation hat einen feierlichen Charakter nach all den Strapazen, das empfinde ich immer als den harmonischen Moment die finale Gruppenfreude.“

Renée Frauneder: "Mich freut es, wenn die Jugendlichen ihr Fähigkeiten, ihr Potential kennenlernen. Was sie sich zu Beginn selbst nicht zugetraut haben, wird im Laufe des Produktionsprozesses immer selbstverständlicher die Technik bedienen und vor der Kamera zu agieren. Bei der Präsentation sieht man den Stolz auf ihren Film. Der gemeinsame Produktionsprozess ist zwar nicht direkt sichtbar, aber für die Jugendlichen kann er beim Anschauen ihres Filmes immer wieder erinnert werden.“

Tags

medienarbeit, videoarbeit, prozess, projektaufbau, methodik