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Film-Review: Blank City

von Céline Danier

AutorIn: Thomas Ballhausen

Céline Daniers empfehlenswerter Dokumentarfilm reflektiert klug und unterhaltsam die US-amerikanische Avantgardebewegungen in Film und Musik, die retrospektiv unter den Begriffen No Wave und Cinema of Transgression zusammengefasst wurden.

Label: Rapid Eye Movies
Erscheinungsort: Köln
Erscheinungsjahr: 2013

Céline Danhiers Dokumentarfilm Blank City ist eine Liebeserklärung an die Lower East Side der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre und an die retrospektiv unter den Labeln No Wave und Cinema of Transgression zusammengefassten künstlerischen Ausdrucksformen, die die rauen Bedingungen ihres Entstehungszeitraums aufnahmen und auswiesen. New York war zu diesem Zeitpunkt eine wirtschaftlich wie ideologisch bankrotte Metropole, die Lower East Side eine Zone des städtischen Ausnahmezustands. In den Leerstellen der verwahrlosten, heruntergekommenen Gegenden machten sich im Geiste von Punk und (vor allem) Post-Punkt Künstlerinnen und Künstler breit, die nicht selten über die Grenzen der einzelnen Disziplinen hinweg miteinander arbeiteten, die Umstände ihrer Produktion reflektierten und sich vom politischen bzw. kulturellen Establishment absetzten – aber nie als homogene Gruppe agierten oder erfahrbar wurden.

Danhier lässt diese Form von Vielstimmigkeit und Widersprüchlichkeit in ihrem Film ebenso spürbar werden, wie die Notwendigkeit des damals gegebenen Raums, um die künstlerische Produktivität und Durchlässigkeit überhaupt zu ermöglichen. Was Walter Benjamin in seinem Aufsatz über Neapel schreibt, lässt sich in diesem Sinne auch auf diesen engen Bezirk pulsierender Kreativität übertragen: „In allem wahrt man den Spielraum, der es befähigt, Spielplatz neuer unvorhergesehener Konstellationen zu werden.” In den wenigen, doch intensiven Jahren bis zur beginnenden Glättung dieser durchaus nicht ungefährlichen Gegend, speiste die Lower East Side eine Vielzahl von Arbeiten, die, anfänglich ignoriert, schließlich breiter rezipiert wurden und mit mittlerweile legendären Treffpunkten wie dem CBGB oder dem Mudd Club räumliche Verdichtungen erlebten. Vitalität rückte an die Stelle von Virtuosität, die Konzessionen des DIY und eine gewaltvolle Energie des Aufbegehrens trieb die musikalischen und filmischen Projekte voran.

Zwischenzeitlich etablierte Akteure wie Jean-Michel Basquiat, Lydia Lunch, David Byrne, Thurston Moore oder John Lurie taten ihre ersten, mutigen Schritte, Jim Jarmusch, Richard Kern, Nick Zedd und Steve Buscemi waren vor und hinter der Kamera tätig. Die tendenziell stark auf Musik ausgerichtete No Wave mündete schließlich ins Cinema of Transgression: Die bis 1990 anzusetzende Ära eines verschärften filmischen Aufbegehrens setzte weiterhin auf das Aushebeln gesellschaftlich sanktionierter Vorgaben und akzeptierter künstlerischer Praxen. Aussagen wie Zedds „We propose that all film schools be blown up and all boring films never be made again” waren ebenso typisch wie bezeichnend für den Geist eines andauernden Aufstands gegen Vereinnahmung und Kommerzialisierung – ein Umstand, der sich in Danhiers Film kritisch niederschlägt: Das Ende von No Wave und der Lower East Side als Benjamin’schem Spielraum ist ja einerseits mit der urbanen Auf- bzw. Auswertung verbunden, andererseits aber auch mit dem Erfolg einiger der (einstmals) rebellischen Protagonisten.

Die Forderung nach einer Avantgarde in Permanenz ist, dies wird auch an diesem Beispiel deutlich, nicht einlösbar. Danhiers schnell geschnittener Film, der auch zahlreiche Archivmaterialien enthält, ist trotz aller spürbarer Zuneigung für den dargestellten Berichtszeitraum weder schlicht nostalgisch noch völlig unkritisch. Unter Einrechnung der zahlreichen Filme über bzw. aus dieser Zeit – sei es das düstere Kunst-Märchen Downtown 81 (1981), Susan Seidelmans punkiges New York City Girl (1982), oder Jarmuschs meisterhafte Frühwerke Permanent Vacation (1980) und Stranger Than Paradise (1984) – erzählt Blank City nicht nur ein facettenreiches Stück Stadt- und Kulturgeschichte. Céline Danhiers lautstarkes Undergroundporträt ist eine vielstimmige, lautstarke Hör- und Seheinladung, eine kurzweilige, von Verweisen durchzogene Erzählung über Raum als Option künstlerischer Entfaltung und Erfahrung.

Tags

lower east side, no wave, cinema of transgression, kinogeschichte, blank city