Schwerpunkt

2/2013 - Freizeitpädagogik - Freiwillig, Selbstbestimmt, Selbstorganisiert?

Medienpädagogik in der offenen Kinder- und Jugendarbeit

Reflexionen aus der Praxis

AutorInnen: Olivia Horak / Milanka Jovanovic- Tesulov / Bernhard Damisch

Überlegungen zu medienpädagogischem Handeln im Feld der offenen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenarbeit werden im folgenden Beitrag exemplarisch am Jugend- und Stadtteilzentrum Margareten dargestellt. Die AutorInnen diskutieren dabei vor allem die damit verbundenen Anforderungen an PädagogInnen.

Abstract

Media pedagogy in open child and youth work
Reflections on media-pedagogical practice in the field of open child, youth and adult work are presented using the example of the Jugend- und Stadtteilzentrum Margareten. The authors mainly discuss the demands on educators in this context.


1. Definition

Anfänglich erscheint eine weitere Differenzierung der Definition „außerschulische Medienpädagogik“ erforderlich, die in der Arbeit im Jugend- und Stadtteilzentrum Margareten – im Folgenden auch 5erHaus genannt – nicht weit genug führt, da ein bedeutender Teil der Zielgruppen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – aktuell an keine Institution gebunden ist, bzw. dies in einigen Fällen auch nie war: Nicht alphabetisierte Frauen, Kinder, Jugendliche, AsylwerberInnen, Menschen, die aus allen Institutionen „herausgefallen“ sind und für die niemand zuständig scheint, und Menschen, die keine Grund- und Kulturtechniken beherrschen und somit nicht über die „Kategorie Schule“ eingeordnet und definiert werden können, da dies einfach zu kurz greifen würde. Sie alle besuchen das 5erHaus und nehmen dessen Angebote wahr. In diesem Sinne ist im folgenden Beitrag von „Medienarbeit in der offenen Kinder-, Jugend-, und Erwachsenenarbeit“ die Rede.

2. Institution und Zielgruppe

Die BesucherInnengruppen stehen eng in Zusammenhang mit der Historie und Entwicklung der „Institution 5erHaus“, das als eine Einrichtung des Vereins Wiener Jugendzentren 1964 beim Matzleinsdorfer Platz, als „Haus der Jugend“ für die umliegenden Gemeindebauten im südwestlichen Teil des fünften Wiener Gemeindebezirks eröffnet wurde. In den 1980er-Jahren wurde eine gemeinwesenorientierte Konzeption für das Jugend- und Stadteilzentrum Margareten entwickelt, in der, durch einen systemischen und sozialräumlichen Ansatz, auf die sich verändernden Bevölkerungsstrukturen eingegangen wurde. Das Haus hat sich bis in die Gegenwart als wichtige Begegnungsstätte der unterschiedlichen „Communities“ und Generationen im Sinne einer gelebten Diversität etabliert und sich die Förderung von Ideen zur Weiterentwicklung durch Partizipation und Empowerment zum Ziel gesetzt.

Der überwiegende Teil der BesucherInnen kommt aus Familien mit geringen Einkommen, meist aus Mehrkindfamilien mit beengten Wohnverhältnissen. Durch die zentrale Lage des Hauses kommen nicht nur BesucherInnen aus der näheren Umgebung, sondern auch aus angrenzenden Bezirken und ganz Wien ins 5erHaus. Durch Projektarbeit und Raumvergaben können neben den StammbesucherInnen überdies auch Gruppen erreicht werden, die sonst kaum ein Jugendzentrum besuchen würden, wie beispielsweise TheaterbesucherInnen oder AnrainerInnen. Die Bandbreite der BesucherInnen ist enorm und damit verbunden auch ihre Sozialisierungs- und Bildungshintergründe.

Bei der jugendlichen BesucherInnengruppe reicht die Palette von SchulabbrecherInnen, an keine Institution gebundene, sogenannte „Null-Bock-Kids“ (vgl. Sonnenschein 2005) bis hin zu BesucherInnen und AbsolventInnen höher bildender Schulen, die das Jugendzentrum eher über bildungsspezifische Angebote und Projekte erreichen.

Mehrheitlich sind die BesucherInnen zwei bzw. mehrsprachig, bei Kindern und Jugendlichen liegt der Mädchenanteil nahe bei 50%, was unter anderem auf intensive Eltern- und integrative Bildungsarbeit zurückzuführen ist – ein Umstand der auch in der Konzeptionierung von Angeboten in der Medienarbeit berücksichtigt wird.

3. Chancen und Herausforderungen

Aus schulischer Perspektive scheint die medienpädagogische Arbeit in der offenen Kinder- und Jugendarbeit den großen Vorteil zu haben, dass sie geprägt von Freiheit ist. Das stimmt – einerseits. Für die Motivation, an Projekten teilzunehmen ist es ein großer Gewinn, dass Zielgruppen, mit denen medienpädagogisch gearbeitet wird, dies freiwillig und interessengeleitet tun und damit keinem Leistungsdruck durch Lehrpläne und Benotung ausgesetzt sind. Der Faktor Freiwilligkeit erscheint durchaus als ideale Voraussetzung für medienpädagogisches Handeln (vgl. Sonnenschein 2005 ). Diese Freiheit wird sowohl von BesucherInnen als auch MitarbeiterInnen der Einrichtungen für offene Kinder- und Jugendarbeit hoch geschätzt und für medienpädagogische Vorhaben praktisch genutzt. Bedürfnisorientiert, spontan, nach Lust und Laune – der Rahmen wird durch Öffnungszeiten, Ressourcen und technische Möglichkeiten definiert, doch innerhalb dieser Grenzen scheint fast alles möglich. Doch auch die Kehrseite dieser Freiheit und was diese „Nichts ist fix“-Situation für Projekte und PädagogInnen bedeutet wird im Weiteren noch zu betrachten sein.

Die medienpädagogische Arbeit im Jugend- und Stadtteilzentrum Margareten lässt sich – neben dem grundsätzlichen Bereitstellen von Ressourcen und Know How in allen medialen Bereichen: Audio, Video, Fotografie, Print, digitale Medien – grob weiter unterteilen in tägliche, sich aus Bedürfnissen der BesucherInnen ergebende, Aktionen und geplant initiierte Aktionen und Projekte, die sich an Themen der Lebenswelten der Zielgruppen orientieren, neue Gestaltungsräume eröffnen, sowie den Wünschen und Vorlieben der unterschiedlichen BesucherInnengruppen Rechnung tragen. Unter den erstgenannten „alltäglichen Handlungen“ sind medienpädagogische Tätigkeiten zu verstehen, die im laufenden offenen Betrieb stattfinden, sich spontan ergeben, für die keine Vorbereitung seitens der PädagogInnen möglich ist und die es erfordern, fachliches Wissen sofort abrufen zu können, bzw. sich soweit zurückzuziehen, dass mit einzelnen BesucherInnen kurz recherchiert und gearbeitet werden kann. Dies bedeutet fast immer ein „Ressourcenproblem“, da sich die Belastung der mitarbeitenden KollegInnen für diese Zeit erhöht und da ein/e BetreuerIn im laufenden Betrieb fehlt und damit nicht für den Rest der BesucherInnen zur Verfügung steht. Beispielhaft für diese Tätigkeiten sind Internetrecherchen für Schule, Hausübungen, Referate, Hilfe beim Verfassen von Bewerbungsschreiben und Lebensläufen, Fotobearbeitung, Videoschnitt, Ausdrucken, kleinere Reparaturen und Wartungsarbeiten: „Der Computer/Drucker funktioniert nicht!“, beratende Unterstützung beim Einrichten neuer Accounts für E-Mail und soziale Netzwerke, vergessene Passwörter, Accountänderungen, Sicherheitseinstellungen, Löschen von Einträgen und/oder Fotos, bis hin zur Hilfe beim Verfassen von Fachbereichsarbeiten und Spezialgebieten.

Ergänzend zur täglichen situationsbezogenen Arbeit steht die Projektarbeit, die je nach Umfang und Komplexität ein gewisses Maß an Planung verlangt und bei der die klassisch pädagogische Herangehensweise, im Sinne von Lernziel- und Wirkungsanalyse, methodisch didaktischen Überlegungen, Vorbereitung von Materialien, etc. noch am Ehesten möglich ist. Jedoch sind auch hier der Planung durch Faktoren wie Zeit-und Personalressourcen enge Grenzen gesetzt. Die Projektarbeit reicht von spontan durchführbaren Kleinprojekten, an denen alle Besucher, die sich gerade im 5erHaus aufhalten und dies möchten, teilnehmen können, bis hin zu komplexen, lange geplanten Projekten mit umfangreicher Vorarbeit und relativ fixer TeilnehmerInnengruppe. Als exemplarisch können folgende Projekte verschiedener Größenordnungen genannt werden (die Kurzbeschreibungen hervorzuhebender Projekte werden am Ende des Beitrags ausgeführt):

  • Fotowettbewerbe
  • Filmbeiträge
  • Projekt Handy-Klingeltöne
  • Zeitungsbeiträge
  • Audioaufnahmen von und mit Jugendlichen
  • Digitale Fotobearbeitung
  • LAN-Parties
  • Produktion von Videobeiträgen (CU Jugendredaktion)
  • Einsatz von Filmen (Kooperation mit dem Internationalen Filmclub)
  • Radio 5erHaus (Projekt im Rahmen der Langen Nacht der Jugend)
  • EU Projekt „Community Media“
  • Medienpädagogische Veranstaltungen für Erwachsene und Eltern (z. B. Sicherheit im Internet, Mediennutzungsverhalten der Kinder, etc.)

Als wesentlich erweist sich auch hier große Flexibilität in der Projektumsetzung und die Bereitschaft, bei Bedarf die gesamte Planung „über den Haufen zu werfen“ und der gegebenen Situation anzupassen. Möglich ist alles, erst zum Zeitpunkt der Durchführung wird es Gewissheit über die teilnehmende Zielgruppe geben, über deren Größe und Zusammensetzung, oftmals unabhängig von vorhergegangenen Vereinbarungen.

Ist die thematische Freiheit abseits von Leistungsdruck durchaus als Stärke zu definieren, sind es andererseits genau jene Faktoren wie Freiheit, Zwanglosigkeit und Unverbindlichkeit, durch welche medienpädagogisches Handeln in der offenen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenarbeit für PädagogInnen zur großen Herausforderung wird.

Ist ein Projekt geplant, sind Ressourcen bereitgestellt – personell, zeitlich und technisch –, Termine vereinbart usw. gibt es keinerlei Garantie, dass dieselben Kids, die darauf „brannten“, am Projekt teilzunehmen, überhaupt zum Termin erscheinen werden. So kann ein intensiv geplantes und vorbereitetes Projekt auch komplett ins Leere laufen. Sind es bei einem Termin zehn begeisterte TeilnehmerInnen, können es beim Folgetermin auch nur zwei sein oder überhaupt niemand. Eventuell interessieren sich auch ganz andere plötzlich für eine Teilnahme, was es notwendig macht, wieder von vorne zu beginnen. Hier ist maximale Flexibilität gefordert, sowohl in der Planung, als auch in der Durchführung. Konzepte für Inhalt und Ablauf müssen jederzeit – sollen die Zielgruppen erreicht und einbezogen werden – angepasst und verändert werden können. Dies ist oft sehr nervenaufreibend für die involvierten PädagogInnen und das Potenzial an Frustration, das ein gut vorbereitetes Projekt, in das viele Ressourcen und viel Motivation gesteckt wurden und zu dem die TeilnehmerInnen nicht erscheinen, in sich birgt, sollte nicht unterschätzt werden. Im Kontrast dazu „funktionieren“ Projekte, die in der Planung recht chaotisch erscheinen, dann wieder überraschend gut.

Vor allem die Arbeit mit BesucherInnen aus sozial massiv benachteiligten Familien – mit geringem Bildungshintergrund, oft nur fragmentarischen Deutschkenntnissen, Schulabbrechern oder Kids mit Hafterfahrung – ist sowohl von großen Herausforderungen, als auch enormen Chancen geprägt. Das 5erHaus stellt für diese Jugendlichen oft den einzigen Rahmen dar, indem es die Möglichkeit gibt, mit gewissen Strukturen und Themen in Berührung zu kommen, an Projekten mitzuarbeiten oder einfach partizipativ dabei zu sein und so im Idealfall ein Mindestmaß an gestaltender Teilhabe an der Informationsgesellschaft zu erlangen.

Diese Gruppe zu „gewinnen“ und zur Teilnahme an Projekten zu motivieren erscheint als ständige Gratwanderung, die von Sonnenschein sehr treffend formuliert wird:

„Einerseits den Sichtweisen, Vorlieben und Wünschen der Kids Rechnung zu tragen und sich ggf. auch in Gestaltungsfragen an attraktiven Elementen der kommerziellen Freizeitkultur (zu) orientieren, andererseits aber ein klares eigenes Profil (zu) entwickeln. Mit unterscheidbaren Zielen, Inhalten und Arbeitsformen geht es darum den Kindern Medienplätze zu bieten, die ihnen nichtkommerzielle, neue Gestaltungsräume eröffnen. Dort sind vor allem auch die benachteiligten Kinder im Blickpunkt, die besondere Unterstützung bedürfen, ihre Interessen und Fähigkeiten zu erkennen.“ (Sonnenschein, 2009)

Die Möglichkeit des Zuganges zu Medien, die medienpädagogische Begleitung und damit die Chance auf Erlangen von Medienkompetenz erscheint vor allem bei dieser Gruppe besonders bedeutungsvoll, trifft aber selbstverständlich als Ziel auf alle BesucherInnen des 5erHauses – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – zu. Sich vorhandener Medien zu bedienen, sie für eigene Zwecke pragmatisch wie kreativ einzusetzen und sie im Idealfall noch kritisch zu reflektieren soll im Sinne einer aktiven Medienarbeit von allen MitarbeiterInnen für alle Zielgruppen gefördert und gefordert werden. (Schorb 2005: 257–262)

Bei Kindern, die innerhalb der Informationsgesellschaft mit einer großen Flut an ständigen Neuerungen sozialisiert werden, erscheint es wichtig, ihre Medienkompetenz auch im Sinne von Prävention zu fördern (Theunert 2005: 194), sie für den Umgang mit neuen Technologien zu rüsten und in der Entwicklung einer eigenverantwortlichen und kritischen Reflexionsfähigkeit zu unterstützen, ohne Angst zu machen.

Auch Eltern sind in diesem Sinne zu stärken, medienpädagogische Eltern- und Informationsveranstaltungen werden zu diesem Zweck seit Jahren im 5erHaus angeboten und gut angenommen. Sie bieten Gelegenheiten, das eigene Mediennutzungsverhalten zu hinterfragen, Kompetenzen zu erwerben und auszubauen, sowie Ängste und Schwellen abzubauen. Von der Informations- und Aufklärungsarbeit können positive Synergien auf das Verhalten der Kinder erhofft werden.

4. Anforderungen und Voraussetzungen

Medienpädagogisches Handeln in der offenen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenarbeit mit den beschriebenen Besonderheiten und Ausprägungen, führt zu einer ganzen Reihe an Anforderungen und Voraussetzungen, für die Institution einerseits und die pädagogischen MitarbeierInnen in diesem Bereich andererseits.

Neben der technischen Ausstattung, die keine Selbstverständlichkeit darstellt und immer auch Budgetfragen aufwirft, ist die Qualifikation der MitarbeiterInnen im technischen und pädagogischen Bereich ein ständiges Thema. Das technische Wissen über Hard- und Software, Funktionsweisen, Bedienung, Wartung etc. muss erworben und ständig aktualisiert werden, medienpädagogisches Wissen sollte zumindest als Basiskompetenz vorhanden sein und in Fortbildungen vertieft und erweitert werden können. Das Wissen um die Bedeutung von Medien für die Entwicklung von Kindern erscheint in der Arbeit mit dieser Zielgruppe unerlässlich, der Einblick in die Lebenswelt Jugendlicher ebenso, um nicht an „den Jugendlichen“ vorbei zu agieren, sondern nah an ihrer Lebenswelt anknüpfen zu können. Um Orientierungswissen in der komplexen medialen Welt zu vermitteln scheint es wichtig, wesentliche Eckpfeiler der medialen Jugendkultur zu kennen, ohne sie für die Erwachsenenwelt vereinnahmen zu wollen, damit Medienkompetenz auch auf Lebensbewältigung ausgerichtet und damit – meist über informelle Lernprozesse – immer auch ein Prozess individueller Lebens-Bildung sein kann (Hüther/Podehl, 2005: 127).

Als weitere pädagogische Kompetenz erscheint ein Repertoire an Methoden hilfreich, innerhalb dessen flexibel gewechselt werden kann. Die Arbeit mit Jugendlichen, die an keinerlei schulisches Setting gewöhnt sind, verlangt nach anderen didaktischen Überlegungen und Methoden, als beispielsweise die Arbeit mit AHS- oder HTL-Schülern, die in ihrer Freizeit eigenständig experimentieren, Zugang zu Medien besitzen und im Jugendzentrum an inhaltlich anspruchsvollen Projekten mitarbeiten wollen, oder sich in komplexe Programme einschulen lassen, eigenständig Videos produzieren etc. Oft gibt es auch eine bunte Durchmischung der unterschiedlichen Gruppen. Hier gilt es zu differenzieren und individuell zu betreuen bzw. eigenverantwortliches Arbeiten zu ermöglichen und die eigenen didaktisch methodischen Überlegungen ständig zu evaluieren, zu verändern und an wechselnde Zielgruppen oder Settings anzupassen.

Das kann zum Beispiel bedeuten, dass in einer Gruppe, in der die ausdauernden Kids für Film- und Videoschnitt-Tätigkeiten eingesetzt werden, jene Kids mit weniger Durchhaltevermögen interviewt werden, passende Musik aus dem Internet suchen oder sonst eine Rolle in der Produktion spielen, die schnelle Erfolge und/oder nur eine kurze Beteiligung erfordert. Brauchen die Einen schnelle Ergebnisse, um weitere Motivation zu erlangen, können die Anderen prozessorientiert arbeiten und sich in Einzelheiten vertiefen. Eine Ergebnisorientiertheit – mag sie auch noch so einen Motivationsschub bei TeilnehmerInnen hervorrufen – sollte nicht zum Dogma erhoben werden. Auch diese Erfahrung konnte in der Arbeit mit den verschiedenen Zielgruppen bereits oftmals gemacht werden. Vieles wurde begonnen, ohne beendet zu werden, einfach weil die beteiligten Kids nicht mehr erschienen sind oder die Lust am Projekt verloren haben. Trotzdem konnten sie von durchlaufenen Teilprozessen profitieren und hatten die Chance, sich mit Inhalten und Techniken auseinanderzusetzen. Fragmente können als ebensolche stehen bleiben oder zu einem späteren Zeitpunkt evtl. wiederaufgegriffen oder in anderer Form verwendet und/oder verwertet werden. So anspruchsvoll dieser Spagat für die begleitenden PädagogInnen auch sein mag, für die Dynamik innerhalb der Gruppe über ihre Cliquengrenzen hinaus birgt es unglaublich viel Potenzial abseits von „vorzeigbaren Projektergebnissen“.

Methodisch didaktisches Fingerspitzengefühl ist auch in der medienpädagogischen Arbeit mit der erwachsenen Zielgruppe gefragt. Inhalte lustvoll und ansprechend zu gestalten kann sich positiv auf Motivation und Lernerfolg auswirken. Vor allem in sprachlich sehr heterogenen Gruppen, oder mit nicht-alphabetisierten Erwachsenen kann der Einsatz von spielerischen Materialien, die aus der Arbeit mit Kindern „entlehnt werden“, wie Maus- und Tastaturübungen sehr hilfreich sein, jedoch sollte Achtsamkeit hinsichtlich einer drohenden Infantilisierung erwachsener KursteilnehmerInnen herrschen. Nicht alle Materialien, die im Einsatz mit Kindern hilfreich sind, können eins zu eins für Erwachsene verwendet werden, sinnvolle Überschneidungen erscheinen aber durchaus als angebracht und lustvoll.

Unerlässlich im Bereich der Anforderungen und Voraussetzungen erscheinen, nicht zuletzt, Freiraum und Kreativität in der Planung und Umsetzung von medienpädagogischen Projekten, ohne den Druck Ergebnisse zu liefern und die Möglichkeit „erfolgreich zu scheitern“. Dies ist nicht in jeder Institution selbstverständlich, wirkt sich aber äußerst positiv auf TeilnehmerInnen und BetreuerInnen medienpädagogischer Vorhaben aus. Die dadurch entstehende Lust am Tun, am Experimentieren, und die daraus resultierende Motivation, trotz aller beschriebener Herausforderungen und Schwierigkeiten medienpädagogischen Handelns in der offenen Kinder- Jugend- und Erwachsenenarbeit, ist die treibende Kraft in der Entwicklung und Realisierung immer neuer, interessanter Ideen und Projekte, seitens der MitarbeiterInnen des Jugend- und Stadtteilzentrums Margareten und ihrer Zielgruppen.

5. Zusammenfassung

Der Aspekt der Freiheit im medienpädagogischen Arbeiten mit Zielgruppen der offenen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenarbeit kann von allen Beteiligten, BesucherInnen wie BetreuerInnen als großer Bonus geschätzt werden. Gleichzeitig birgt diese Freiheit auch Schwierigkeiten – vor allem in der Planung medienpädagogischer Projekte – hinsichtlich Verbindlichkeit und Verlässlichkeit in sich, was auch durch die Besonderheiten der Zielgruppen offener Jugend- und Stadtteilzentren zu erklären ist. Schulische Medienpädagogik sollte nicht in Kontrast, sondern ergänzend zur „außerschulischen“ Medienpädagogik gesehen werden. In beiden Arbeitsfeldern können, neben vielen Überschneidungen, auch sehr unterschiedliche Wege in dieselbe Richtung beschritten werden – zur Unterstützung und Begleitung (junger) Menschen in der Erlangung von Medienkompetenz und damit zur eigenverantwortlichen Teilhabe an der Informationsgesellschaft.

6. Kurzbeschreibung Medienprojekte im 5erHaus – exemplarische Auswahl

  • Projekt „Vorher-Nachher“

Zielgruppe: Jugendliche

Fotos von „ungeschminkten Jugendlichen“ wurden von Profi-Fotografen angefertigt, danach wurden die Jugendlichen von Stylisten geschminkt, professionell beleuchtet und noch einmal fotografiert. Danach wurden die Fotos zusammen mit den Jugendlichen digital retouchiert und mit dem Ausgangsfoto verglichen.

  • Audioaufnahmen von und mit Jugendlichen

Zielgruppe: Jugendliche

Bands oder Solosänger werden unterstützt beim Komponieren und Texten ihrer Werke, die Resultate werden in gemeinsamer Arbeit mit Jugendlichen im 5erHaus aufgenommen.

  • Zeitungsartikel verfassen

Zielgruppe: Jugendliche

In Kooperation mit der Zeitung „Augustin“ wurden Jugendliche beim Verfassen von Zeitungsartikeln unterstützt, die im „Augustin“ in einer eigenen Jugendrubrik veröffentlicht wurden.

  • Produzieren von Fernsehbeiträgen – CU Jugendredaktion

Zielgruppe: Jugendliche

Einmal monatlich erscheint eine Fernsehsendung des Vereins Wiener Jugendzentren auf OKTO TV, Jugendliche produzieren mit Unterstützung selbst ihre Beiträge, filmen und schneiden. Die Jugendredaktion hat ihren Sitz im 5erHaus, produziert und moderiert Beiträge.

  • Projekt T-Media Box – in Kooperation mit T Media Systems

Zielgruppe: Kinder, Jugendliche, Erwachsene

Box mit 15 Computerarbeitsplätzen im benachbarten Park, um den Zugang zu Ressourcen für EinwohnerInnen des Theodor Körner Hofs zu ermöglichen. MitarbeiterInnen des 5erHauses arbeiten mit Zielgruppen in dieser Box. Workshops, e-Bassena u. medienpädagogische Veranstaltungen werden darin abgehalten

  • Radio 5erHaus

Zielgruppe: Jugendliche

Projekt im Rahmen der Langen Nacht der Jugend. Jugendliche machen Radio, das im 5erHaus und im Internet gesendet wird. Moderation und Beiträge wurden selbst gestaltet.

  • Makey-Makey

Zielgruppe: Kinder und Jugendliche

Musizieren mit Apfelscheiben und Controller; Tastatur selber bauen –„Obstorchester“

  • EU-Projekt: „Community Media“

Multilaterales EU-Projekt in Kooperation mit dem Jugendzentrum MexTreff, unter der Beteiligung von 5 Ländern, die in Wien ihre Medienkompetenzen, in den Bereichen Video, Print, Audio, austauschen. Ein Follow-up-Projekt ist bereits in Planung.

  • e-Bassena

Zielgruppe: Erwachsene/Frauen

Vermittlung bedürfnisorientierten Computerwissens, abseits von kommerziellen Computerkursen, im Basisbereich. Einschulung in Programme, Internet, Fotobearbeitung, Verfassen von Bewerbungsschreiben am PC etc. Zeit. zweimal wöchentlich, vormittags.

  • Medienpädagogische Informationsveranstaltungen für Eltern

Zielgruppe: Erwachsene, Eltern

Informationsveranstaltungen zu verschiedenen Themen wie Sicherheit im Internet etc.


Literatur

Gräßer, Lars/Pohlschmidt, Monika (Hg.) (2007): Praxis Web 2.0. Potentiale für die Entwicklung von Medienkompetenz, München: kopaed.

Hüther, Jürgen/Schorb, Bernd (Hg.) (2005): Grundbegriffe der Medienpädagogik. 4 Aufl., München: kopaed.

Hüther Jürgen, Podehl, Bernd (2005): Geschichte der Medienpädagogik, in: Hüther, Jürgen/Schorb, Bernd (Hg.): Grundbegriffe der Medienpädagogik, 4. Aufl., München: kopaed, 116–127.

Schell, Fred (2005): Aktive Medienarbeit, in: Hüther, Jürgen/Schorb, Bernd (Hg.): Grundbegriffe der Medienpädagogik, 4. Aufl., München: kopaed, 9–17.

Schell, Fred (2005): Jugend und Medien, in: Hüther, Jürgen/Schorb, Bernd (Hg.): Grundbegriffe der Medienpädagogik, 4. Aufl., München: kopaed, 178–195.

Schorb, Bernd (2005) Medienkompetenz, in: Hüther, Jürgen/Schorb, Bernd (Hg.): Grundbegriffe der Medienpädagogik, 4. Aufl., München: kopaed, 257–262.

Sonnenschein, Sabine (2009): Die wunderbare Medienwelt der Marlene M. – Kreative Medienarbeit mit Kindern, in: Dieter Baacke Preis Handbuch 4, 2009, 51–59, unter: http://www.gmk-net.de/fileadmin/pdf/Materialien-Artikel/db4_sonnenschein2009.pdf (letzter Zugriff 24.04.2013)

Sonnenschein, Sabine (2005) Ganz nach Lust und Laune. Außerschulische Jugendarbeit mit Medien – Trends und Tendenzen, in: Baacke, Dieter (Hg.) (1999): Handbuch Medien: Medienkompetenz. Modelle und Projekte, Bonn: Bundeszentrale fuer politische Bildung, 15–22.

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