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We gotta get out of this place. Rock, die Konservativen und die Postmoderne

von Lawrence Grossberg

AutorIn: Christina Wintersteiger

Das nun in deutscher Übersetzung vorliegende Werk von Lawrence Grossberg über die Zusammenhänge von Konservativismus und Rock bearbeitet unter dem Aspekt der Cultural Studies sehr ausführlich das Phänomen der „popularen Entpolitisierung“.

Verlag: Löcker
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2010
ISBN: 978-3854095514

Beim Lesen des Titels, der zugleich der eines Songs der Animals ist, freuen sich wohl viele Rockfans – zu voreilig womöglich, denn dies ist kein Buch über Rock, wie Lawrence Grossberg, Professor für Cultural Studies und Anthropologie an der Universität von North Carolina und Autor des vorliegenden Buches, selbst bestätigt. Die bereits 1992 erschienene Studie elaboriert auf gut 450 Seiten die These, dass soziale Beziehungen und kulturelle Praktiken reideologisiert und repolitisiert werden, jedoch im Gegenzug ein großer Teil der Bevölkerung entpolitisiert wird. Grossberg bezeichnet diese Entwicklung als "populare Entpolitisierung" und legt es mit seinem Buch darauf an, die Arten, wie Kultur auf politische Diskurse hin artikuliert wird, zu analysieren und die Arbeits- und Wirkungsweisen, die Strategien des neuen Konservativismus freizulegen.

"Ich möchte daher eine >>spekulative Analyse<< vorschlagen, eine Interpretation des gegenwärtigen politischen Kontextes der USA, die darauf fokussiert, wie ein neuer Konservativismus an der Schnittstelle von Popularkultur und einer spezifischen Struktur des täglichen Lebens konstruiert wird." (Grossberg 2010, 23)

Laut Grossberg bauen die Strategien des Konservativismus auf die "postmoderne Sensibilität" auf, sehen den Rock als "Territorialisierungsmaschine", einen Apparat zur Entpolitisierung und folglich Entmachtung. Das vom Autor observierte Fortschreiten des neuen Konservativismus sieht er darin begründet, dass dieser auf affektive Politik setzt, "Bauchthemen" und eine von Leidenschaft und Sentimentalität triefende Rhetorik verwendet. Somit treten Emotionen und Stimmungen an die Stelle politischer Inhalte und komplexer Bedeutungen, politische Standpunkte verkommen zu affektiven Investitionen. Folglich erscheinen die Angriffe der konservativen Politik auf die Rockformation verständlich, deren affektive Autorität und die ihr eigenen Wirkungsorte (Schlagworte wie Jugend, Spaß, Körper[lichkeit], Drogen, etc.) als gefährlich betrachtet werden, die jedoch die Rockformation auch zu einer wichtigen Ressource für die Linke machen. Bei der Herausarbeitung der neuen konservativen Strategie der Reartikulation der postmodernen Grenze (zwischen einem Euch und einem Uns) und der Konstruktion affektiver Epidemien (z. B. der Krieg gegen die Sucht, Familienthemen, Gesundheit, Konsum, etc.) bezieht sich Grossberg auf die Popularkultur, wobei man bei der Lektüre natürlich den Kontext beachten muss: Das Buch wurde in den 1990er-Jahren veröffentlicht, obwohl viele von Grossbergs Observationen und Analysen immer noch ihre Richtigkeit und Relevanz haben und das Buch mittlerweile als Standardwerk gilt, darf man nicht vergessen, dass er sich auf eine andere politische Ära bezieht, auf eine andere popularkulturelle Atmosphäre. Ein wichtiger, und gewiss auch noch heute gültiger Punkt, ist, dass Rock einen starken Zugang zu den Beziehungen zwischen Kultur und Macht bietet und somit ein ausgezeichnetes Untersuchungsgebiet darstellt, um die politischen, ökonomischen und kulturellen Kräfte, die im (amerikanischen) Leben wirken, zu analysieren, ebenso wie die Rolle der Populärkultur in der (Neu-)Ordnung von Macht.

Als Vertreter der Cultural Studies stützt Grossberg sich auf deren Strategien und das ihr eigene Vokabularium, eine Einführung in die Cultural Studies findet sich auch im ersten Kapitel dieses Buches. Selbst an popularkulturelle Rhetorik anknüpfend (u. a. die Verwendung von Songtiteln als Kapitelüberschriften), etabliert Grossberg hier eine sehr eigenständige Theorie … für den Laien wird eine Cultural Studies-Einführung sowie ein Glossar  und auch einige Exkurse (z. B. über Ökonomie) zur Verfügung gestellt. Dennoch ist es kein leicht zugängliches Buch, was auch Grossberg selbst klar ist ("Der erste Teil ist unverfroren theoretisch und akademisch." (Grossberg 2010, 41). Im Vorwort liefert er eine Definition des Intellektuellen als Werktätigen, der für die Erzeugung von Wissen bezahlt wird, und somit rechtfertigt der Autor seinen Gebrauch eines elitistischen Vokabulars und komplexer Schreibweisen ("Intellektuelle suchen nach adäquateren Verständnisweisen für bestimmte Aspekte der Welt." (Grossberg 2010: 39f).

"You can‘t always write what you want, but if you try sometimes, you write what you need." (Grossberg 2010: Vorwort)

Man merkt bei der Lektüre sehr deutlich, dass Grossberg dieses Buch schreiben musste, dass ihm das Thema, vor allem die Entwicklung der Linken und ihrer Strategien, denen er eine Portion der kritisierten affektiven Intensität zur Besserung verschreibt, am Herzen liegt. Er schrieb vielleicht nicht gerade so, wie er wollte – und was sich ein in Cultural Studies und ökonomischer Theorie der 1990er nicht so bewanderter Leser wünscht – doch hat er eine interessante Studie zu einem für ihn augenscheinlich auch persönlich wichtigen Thema geliefert: der Entwicklung von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll hin zu Romantik, Verweigerung und Rock ’n’ Roll des neuen Konservativismus.

Fazit: Ein sehr interessantes, nicht immer leicht zu lesendes Buch, das zu Recht zum Fundament der aktuellen Forschung auf diesem Themengebiet und der neueren Strömungen wie z. B. den Sound Studies zählt.

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