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2/2013 - Freizeitpädagogik - Freiwillig, Selbstbestimmt, Selbstorganisiert?

Movie-Reviews: Gamer & Surrogates

AutorIn: Karl H. Stingeder

Blade Runner und THX 1138 lassen grüßen: Sind soziale Netzwerke wie Facebook sowie Online-Spiele Vorboten auf die mit 1984 so populär gewordene Orwellsche Version einer totalen Überwachung? Karl H. Stingeder hat sich die Spielfilme Gamer und Surrogates auf Blu-ray angesehen.

Abstract

Gamer

Studio: Universum-Film
Erscheinungsjahr: 2010/2012 (Extended Version)
DVD/Blu-ray

Surrogates – Mein zweites Ich

Studio: Touchstone
Erscheinungsjahr: 2010
DVD/Blu-ray


1. Movie-Review: Gamer

In Gamer werden die Fäden der Überwachung jedenfalls nicht von einem zentral agierenden staatlichen Big Brother gezogen, sondern die wahre Macht liegt in einer Kontrolle der Massen durch interaktives Entertainment. An der Oberfläche lediglich eine unterhaltsame Veranschaulichung des Interaktionspotentials zwischen User und Avatar, kann Gamer auf den zweiten Blick – genauso wie Surrogates von Jonathan Mostow – als sozialkritische Reflexion der aktuell von der Industrie so vehement vermarkteten Verwebung und Zurschaustellung von User-Profilen und Freizeit–Interessen gelesen werden.

Michael C. Hall, bekannt durch seine Rollen in den US–Serien Dexter und Six Feet Under, sticht vor allem durch seine eindimensionale Darstellung hervor: Gewohnt überzeugend verkörpert er den kaltblütigen Klischee-Mogul Ken Castle, dessen Ziel die totale soziale Kontrolle durch Manipulation der Hirnströme ist. Gerald Butler (300 und The Ugly Truth) bietet zwar ebenfalls eine solide Vorstellung, jedoch eingeengt in das Drehbuch-Korsett von den teils etwas überbordenden – aber gut choreografierten – Action–Szenen.

Summa summarum weiß Gamer zu unterhalten ohne die Meta-Botschaft – die Kritik an der Tendenz zum gläsernen Menschen – aufs Auge zu drücken. Gamer ist eine filmische Zukunftsversion á la Blade Runner oder 1984, stark gewürzt mit Zutaten der schrillen MTV-Musikvideo-Ästhetik. Die DTS-Tonspur der Blu–ray überzeugt durch ihren bombastischen Klang, auch das Bild ist ein Augenschmaus.

2. Movie-Review: Surrogates

In dieser Film-Adaption des Comics von Robert Venditti und Brett Weldele wird das Alltagsleben der Menschen von ihnen nahezu aus dem Gesicht geschnittenen Avataren dominiert. Die roboterähnlichen Surrogates werden von jenen menschlichen Vorbildern, die die eigenen vier Wände nur in Ausnahmefällen (im eigenen Körper) verlassen, gesteuert. Die positive Seite dieser Zukunftsvision: Kein Risiko, eine Verbrechensrate von nahezu null Prozent. Da ist es nur bezeichnend, dass in Surrogates ein Mordkomplott die Geschichte ins Rollen bringt, die (scheinbar) harmonische Symbiose zwischen Mensch und Maschine wird schlagartig und empfindlich gestört. An der Oberfläche finden wir lediglich eine Kriminalgeschichte, welche das Interaktions– und Konfliktpotential zwischen Mensch und Maschine ins Blickfeld rückt. Auf den zweiten Blick kann Surrogates aber als sozialkritische Reflexion der aktuell von der Industrie so fleißig vorangetriebenen Online-Verknüpfung und Zurschaustellung von User-Profilen und Freizeit-Interessen – im Zeitalter von Facebook und Web 2.0 – gelesen werden. Zwar wird das philosophische und sozialkritische Potential des Films vielfach nur gestreift und mittels gut inszenierter Action-Szenen in leicht verdaubare Häppchen portioniert, nichtsdestoweniger vermag es Regisseur Jonathan Mostow (Terminator 3: Rebellion der Maschinen) relevante zukunftskritische Fragen (Stichwort: Vereinsamung trotz oder in Folge sozialer Online-Vernetzung) pointiert herauszuarbeiten.

Zur Story: FBI-Agent Greer (Bruce Willis) kommt einer weitreichenden Verschwörung auf die Spur und erkennt im Zuge dessen, wie sehr er sich mittels des eigenen, überaus jugendlich aussehenden Avatars vom Menschsein und auch von seiner Frau entfernt hat. Positiv anzurechnen ist dem Film, dass der Schwerpunkt klar auf der Geschichte liegt, die gut in Szene gesetzten Action-Einlagen bieten eine stets willkommene Popcorn-Kino-Abwechslung, drängen sich jedoch zu keinem Zeitpunkt in den Vordergrund. In technischer Hinsicht spielt Surrogates auf Blu-ray in der oberen Liga und begeistert in Folge der hochwertigen Bild- und Tonqualität. Abgesehen von den absichtlich extrem weich gezeichneten Gesichtern der roboterähnlichen Avatare mit menschlichem Erscheinungsbild gibt es kaum etwas zu bemängeln. Die Bildqualität überzeugt durch ansehnliche Kontrastwerte und eine natürliche Farbauswahl. Auch der Sound geht gut ins Ohr: Die überaus räumliche Abmischung begeistert durch Authentizität und gute Balance, und das in gleichem Maße bei den hektischeren Action-Szenen wie auch in den gesetzteren dialoglastigen Sequenzen. Daher ist der Verweis auf die etwas dürftig ausgefallene Extras–Auswahl (der Audio–Kommentar des Regisseurs bietet hier bereits das Highlight der Zusatz-Features) nur Kritik auf hohem Niveau. Reichlich Bonusmaterial bietet übrigens der bei Cross Cult erschienene, sehr empfehlenswerte Comic, auf dem der Film basiert. Fazit: Gamer und Surrogates servieren vordergründig unterhaltsame Action-Streifen, bieten jedoch auf den zweiten Blick eine an 1984 erinnernde, dystopische Zukunftsvision, erweitert durch einen kritischen Blick auf Realityfernsehen und die sich im Aufwärtstrend befindliche Social Media-Industrie.

Tags

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