Neue Medien

1/2013 - Normen und Normierungen

Rezension: Brüder unterm Sternenzelt. Friedrich Georg und Ernst Jünger. Eine Biographie

von Jörg Magenau

AutorIn: Thomas Ballhausen

Jörg Magenaus gelungene Lesebiografie eröffnet einen Zugang zum umstrittenen Schriftsteller-Brüderpaar Ernst und Friedrich Georg Jünger und versucht sich dabei buchstäblich in literarischer Aufarbeitung. Thomas Ballhausen hat für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE rezensiert.

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-608-93844-9

Die letzten Jahre haben, rückblickend betrachtet, ein erneuertes Interesse an Leben und Werk Ernst Jüngers mit sich gebracht. Neben Helmut Kiesels ausgewogener, umfassender Biografie oder Detailstudien – wie die Arbeiten von Allan Mitchell, Peter Trawny oder Jan Robert Weber – stehen eine Vielzahl von weiterführenden Untersuchungen und kritische Editionen bislang nicht zugänglicher Primärtexte. So zeigt das ursprüngliche Kriegstagebuch 1914–1918 ein anderes, weit weniger heroisierendes Bild der Greuel als das infame, oft attackierte und weitaus seltener gelesene In Stahlgewittern oder kleinere Schriften mit nicht minder sprechenden Titeln wie Der Kampf als inneres Erlebnis oder „Das Wäldchen 125“. Im Kontext von Volker Schlöndorffs Fernsehfilm Das Meer am Morgen wurde auch Jüngers 1941–42 heimlich erstellte Denkschrift über die deutschen Geiselerschießungen in Frankreich herausgegeben.

Die publizistische Langlebigkeit dieses 1895 geborenen und 1998 verstorbenen Schriftstellers, den sein Stammverlag Klett-Cotta zu „den wichtigsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts“ zählt, ist dabei offensichtlich weniger umstritten als der literarische und politische Ruf Jüngers. Wenig überraschend also, dass die jüngste Veröffentlichung in der konstruktiven Auseinandersetzung mit Ernst Jünger ebenfalls bei Klett-Cotta erschienen ist. Der Germanist und Literaturredakteur Jörg Magenau wählt in seiner Auseinandersetzung mit diesem Schwierigen dabei einen zweifach erfreulich überraschenden Weg: Einerseits setzt Magenau in seiner Annäherung selbst auf eine vorsätzlich literarische Sprache, andererseits will er ganz bewusst den weit weniger bekannten Friedrich Georg aus dem „Schatten“ seines sprichwörtlich großen Bruders hervorholen. Die Werke beider Schriftsteller, weiterführende Quellen und Belege werden bei ihm zum Ausgangsmaterial für seine ebenso lesbare wie raffiniert gebaute Studie: Zwischen Zeiten und Ereignissen springend inszeniert Magenau sein Hintasten auf ein verlorenes Paradies aus Kindheit und Abenteuerlust, schon eines der ersten Kapitel beginnt wirkungsmächtig mit „Am Anfang war das Wort“.

Anhaltspunkte der ineinander verwobenen Lebensbeschreibungen bietet die von Magenau nicht zufällig eingestreute Vier-Elemente-Lehre, die von einer Karteikartennotiz Ernst Jüngers aus dem Jahr 1934 herrührt. An ihr macht der Biograf nicht nur dessen Übergang vom Politisch-Geschichtlichen zurück zur Natur fest, an ihr verankert er die Ableitbarkeit des Kommenden in den Biografien der Brüder. Zwischen Erde, Wasser, Feuer und Luft navigierend, finden die beiden nationalkonservativen Revolutionäre und kühlen Analysten, so Magenau, ihren Weg durch nationale Krisen und europäische Katastrophen. Beide erscheinen dabei durchaus als Vertreter einer „versunkenen Welt“, als vom Ersten Weltkrieg gezeichnete Menschen, die an einer intellektuellen Öffentlichmachung ihrer Privatgeschichte und ihrer weltanschaulichen Haltungen festhalten. Im Miterzählen politischer Ereignisse und geistesgeschichtlicher Entwicklungen gewinnt die Darstellung der ungleichen, doch in mehrfacher Hinsicht verwandten Brüder zusätzlich an Schärfe. Obwohl für beide, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, einzig im konsequent durchgeführten Konflikt das Fundament eines „tragfähigen Friedens“ liegt, ziehen sich sowohl Ernst als auch Friedrich Georg angesichts des Aufstiegs des Nationalsozialismus schlussendlich auf Positionen konservativen Widerstands zurück.

Das literarische Reagieren und Antworten aufeinander ist für den weiteren Verlauf ihrer Leben, etwa für Auf den Marmorklippen oder für Illusionen der Technik, von größter Bedeutung. Diesen Dialog zweiter Taktierer, wie er etwa im Gemälde Die Schachspieler abgebildet ist, fängt Magenau mit großer Sensibilität ein. Es bleibt zu hoffen, dass seine Arbeit, die wohl auch von der differenzierten Beschreibung der umfehdeten Brüder aus Carl Zuckmayers Geheimreport inspiriert sein mag, zu einer weiteren, keineswegs unkritischen Annäherung an diese Schriftsteller einlädt.

Tags

ernst jünger, friedrich georg jünger, biografie, konservative revolution