Kultur - Kunst

1/2013 - Normen und Normierungen

Besprechung des Filmes: ‚Hannah Arendt‘ – Ihr Denken veränderte die Welt

AutorIn: Katharina Mildner (Sontag)

Hannah Arendt ist eine der bedeutendsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Margarete von Trotta hat sie mit Barbara Sukowa besetzt und ihr Leben verfilmt. Katharina Luckner war für Sie im Kino und hat die hervorragende Umsetzung rezensiert.

Originaltitel: Hannah Arendt - Ihr Denken veränderte der Welt
Erscheinungsjahr: 2012
Dauer: 113 Minuten

Im Film Hannah Arendt, inszeniert von der Regisseurin und Drehbuchautorin Margarethe von Trotta, wird ein spezifischer Ausschnitt aus dem Leben der politischen Theoretikerin Hannah Arendt, gespielt von der deutschen Schauspielerin Barbara Sukowa, skizziert. Dieser setzt mit der Entführung des ehemaligen SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann vom Mossad in Argentinien ein und nimmt Arendts literarisches Schaffen während und auf den Prozess folgend in den Blick.

Die 1906 in Deutschland geborene und nach ihrer Emigration ab 1941 in Amerika, New York lebende Autorin jüdischer Abstammung, die in zweiter Ehe mit Heinrich Blücher zusammenlebt, erfährt aus den Nachrichten von der Entführung Eichmanns und dem Vorhaben, ihn in Israel vor Gericht zu stellen. Daraufhin engagiert sie sich, um für die US-amerikanische Zeitschrift The New Yorker als Reporterin vor Ort in Jerusalem vom Eichmann-Prozess berichten zu können. Trotz teils divergierender Haltungen zu ihrem Interesse an diesem Prozess reist Arendt nach Israel und setzt sich sowohl mit Eichmann selbst, als auch mit der Art und Weise, wie ihm der Prozess gemacht wird, kritisch auseinander: Den Prozess begleitend wird Arendt in Diskussionen und Kontroversen mit jüdischen Bekannten und Freunden dargestellt, in denen sie von ihren – durch die Auseinandersetzung mit Eichmann berichtigten Vorstellungen –über ihn berichtet. Er erscheint ihr nun keineswegs mehr als unheimlich. Vielmehr beschreibt sie ihn als absolut mittelmäßigen „Nobody“, der stets in einer grauenhaften Amtssprache verharrt, den sie jedoch nicht als ‚das Monster‘ erkennt, das viele in ihm sehen wollen. Vielmehr skizziert sie ihn als einen Menschen, der sich blind an die Gesetze gehalten und selbst nicht gedacht hat. Zugleich hinterfragt sie das Vorhaben, die Verantwortung für die Verbrechen der Nationalsozialisten alleine einem Menschen, in diesem Falle Eichmann, anzulasten, wodurch der Prozess selbst seine Legitimität in Frage zu stellen droht.

Basierend auf ihren Erfahrungen während des Eichmann-Prozesses und der von ihr verfassten und auch teilweise von ihren engsten Freunden und Kollegen scharf kritisierten Reportagen für die Zeitschrift The New Yorker formuliert die politische Theoretikerin ihre, von vielen, vor allem auch jüdischen Menschen als Provokation verstandenen Überlegungen zu Eichmann, dem Prozess in Jerusalem , dem Nationalsozialismus und denjenigen, die sich der Mittäterschaft oder Kooperation mit den Nazis schuldig gemacht haben – zu denen sie auch einige Mitglieder der in der NS-Zeit gegründeten „Judenräte“ zählt – in ihrem Werk Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen weiter aus. Insbesondere ihre kritische Beleuchtung der Rolle der Judenräte im Nationalsozialismus wird dabei unter anderem als Grundlage für den Vorwurf herangezogen, sie wolle den Juden selbst die Schuld für ihre Vernichtung während der NS-Zeit geben, was eine breite Welle der Kritik, des Unverständnisses und der Ablehnung nicht nur von Arendts Werk, sondern auch ihrer Person auslöst, welche sie in einem für sie unerwartetem Ausmaß trifft. Dennoch distanziert sich die Autorin auch später nicht von ihren Aussagen. Zwar erfährt sie als Dozentin auch auf akademischer Ebene Ablehnung und Distanzierung, jedoch wird ihr von Seiten der Studierenden zugleich ein hohes Maß an Verständnis, Interesse und Anerkennung zuteil, was sie wiederum in ihrer Tätigkeit und kritischen Auseinandersetzung bestärkt.

Umrahmt wird diese zentrale Erzähllinie des Films von teils intensiven Auseinandersetzungen Arendts mit ihrem Ehemann Heinrich Blücher, ihren Freunden und Bekannten, zu denen etwa der Philosoph Hans Jonas zählte, mit Kritikern und Unterstützern. Dies vermittelt auch, welche bedeutsame Rolle FreundInnen und GesprächspartnerInnen im Leben der politischen Theoretikerin spielten, welche sie unterstützten und an deren Widerstand sie wachsen konnte. Der Film zeigt jedoch auch die negativen Erfahrungen, die Arendt mit einigen Freunden machen musste.

In diesem Zusammenhang sind auch die über den gesamten Film verteilten Rückblenden in Arendts Vergangenheit zu verstehen, welche die Beziehung zwischen der jungen Hannah und ihrem Professor und später auch Geliebten Martin Heidegger skizzieren, der 1933 der NSDAP beitrat. Dass der Philosoph Heidegger sich nicht vom nationalsozialistischen Regime distanzierte stellte für Arendt eine große Enttäuschung dar, dennoch hatte Heidegger in wissenschaftlicher Hinsicht, wie auch in diesem Film deutlich wird, einen bedeutsamen Einfluss auf die politische Theoretikerin und prägte ihr Denken.

Hannah Arendt endet einige Zeit nach dem Erscheinen des bereits genannten Werkes Eichmann in Jerusalem, den kritischen Reaktionen auf ihr Werk und Arendts Antwort auf die ihr entgegengebrachte Ablehnung. So vermittelt der Film ein Verständnis dafür, welche Ereignisse dazu führten, dass unter anderem die Frage nach dem Bösen und dessen Thematisierung sowie die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen ihr Denken und ihr weiteres Werk prägte. Es gelingt dem Film zudem, ohne eine Wertung zu vollziehen, auf der einen Seite Arendt zu skizzieren, die für einen angemessenen Umgang mit ihren Thesen kämpft, und auf der anderen Seite die immense Betroffenheit darzustellen, die Arendts Thesen vor allem unter jüdischen Menschen auslöste, welche so kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah für eine derartige Form der Aufarbeitung, wie sie vonseiten der politischen Theoretikerin vollzogen wurde, noch nicht bereit zu sein schien.

Die zentralen Thesen, die im Zuge des Films zu Arendts und ihrem Werk herausgearbeitet werden, beziehen sich auf die Frage danach, was denn „das Böse“ ist und worin die „Banalität des Bösen“ besteht. So äußert sich Arendt, dass das Böse, entgegen herkömmlicher Vorstellungen radikaler – später korrigiert sie sich an dieser Stelle selbst und benutzt den Begriff extremer – gedacht werden muss und nicht darauf reduziert werden kann, seinen Ursprung in der Selbstsucht zu haben. In einem ihrer Werke heißt es hierzu:

„Denken und Erinnern, sagten wir, sind die menschliche Art und Weise, Wurzeln zu schlagen, den eigenen Platz in der Welt, in der wir alle als Fremde ankommen, einzunehmen. Was wir üblicherweise als Person oder Persönlichkeit – im Unterschied zu einem bloß menschlichen Wesen oder Niemand – nennen, entsteht gerade aus diesem wurzelschlagenden Denkprozeß. [...] Wenn sie [die Person, Anm. K.L.] ein denkendes Wesen ist, das in seinen Gedanken und Erinnerungen wurzelt und also weiß, daß sie mit sich selbst zu leben hat, wird es Grenzen geben zu dem, was sie sich selbst zu tun erlauben kann, und diese Grenzen werden ihr nicht von außen aufgezwungen, sondern selbst gezogen sein. [...] doch das grenzenlose, extreme Böse ist nur dort möglich, wo diese selbst-geschlagenen und gewachsenen Wurzeln, die automatisch die Möglichkeiten einschränken, ganz und gar fehlen“ (Arendt 2009, S. 85f).

Eichmann jedoch sei als ein „Jemand“ zu verstehen, der durch seine Weigerung, zu denken, also zu erkennen und damit auch Dinge in Frage zu stellen, sein Person-Sein und damit auch seine Menschlichkeit aufgegeben hat, worin für sie die ‚Banalität des Bösen‘ besteht.

Entgegen den Vorwürfen, Hannah Arendt würde auf diese Art und Weise der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den zu dieser Zeit begangenen Verbrechen versuchen, letztere zu entschuldigen, gelingt es dem Film, zu vermitteln, dass Arendts Anliegen darin besteht, zu verstehen, was dazu führte, dass derartige Verbrechen begangen werden konnten, nicht jedoch darum, diese zu vergeben oder zu entschuldigen.


Literatur

Arendt, Hannah (2009): Einige Fragen der Ethik. Vorlesung in vier Teilen, in: Über das Böse. Eine Vorlesung über Fragen der Ethik. Aus dem Englischen von Ursula Ludz. Aus dem Nachlass herausgegeben von Jerome Kohn. 3. Auflage, München: Piper7–150. (Originalfassung: Some Questions of Moral Philosophy, New York 1965)

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