Neue Medien

1/2013 - Normen und Normierungen

Rezension: Bankrott der Bildungsgesellschaft – Pädagogik in politökonomischen Kontexten

von Pasuchin, Iwan (2012)

AutorIn: Susanne Krucsay

Susanne Krucsay hat sich mit der letzten Publikation von Iwan Pasuchin auseinandergesetzt und unterstützt seine Kritik am neoliberalen >Informationalismus< der die (Medien-)Pädagogik vom emanzipatorischen Weg abgebracht hat.

Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Erscheinungsort: Wiesbaden
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN-13: 9783531196374

Deutsch: 388 Seiten.

Was Iwan Pasuchin in seiner jüngsten Publikation vom Titel weg als Bildungsgesellschaft bezeichnet, findet sich schon in den zahlreichen politischen Weiß-und Grünbüchern der letzten Jahrzehnte als Informations- und Wissensgesellschaft. Die Frage ist nun, ob die von Pasuchin vorgestellte Definition der Bildungsgesellschaft inhaltlich identisch ist mit eben dieser Informations- bzw. Wissensgesellschaft? Eine rhetorische Frage, so Pasuchin, denn den Menschen wird das Streben nach Wissen und Bildung als Investition für ihre selbstbestimmte Zukunft bloß vorgegaukelt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Informationalismus – eine vom Autor geprägte Wortschöpfung – sei als eine technikdeterministische und neoliberale Metaideologie das prägende Charakteristikum des erwähnten Zeitraumes; und diese Ideologie werde letzten Endes zu einem Bankrott der Bildungsgesellschaft führen.

Der erste Teil des Titels deutet bereits auf die Vielschichtigkeit der Verbindungen zwischen Bildung und Wirtschaft hin, die darauf folgenden Ausführungen zur Pädagogik sehen als Hauptzielgruppe sowohl die „PraktikerInnen“ (Lehrende) als auch die „TheoretikerInnen“ (ErziehungswissenschafterInnen) vor. Letzten Endes soll das Werk mithin alle ansprechen und interessieren, die sich mit den Wechselwirkungen von Bildung, Politik und Wirtschaft überhaupt auseinandersetzen wollen.

Welcher Sektor der vorhin angesprochenen Erziehungswissenschaft ist nun gemeint? Primär ist das Buch der „Allgemeinen Pädagogik“ zuzurechnen, als wesentliches Verfahren wendet der Autor die Hermeneutik, also das Verstehen als Methode, an. Warum findet sich aber die Rezension eines Bandes, dessen Hauptanliegen die allgemeine Pädagogik im Kontext gegenwärtiger Wirtschaftspolitik ist, gerade in der Fachzeitschrift MEDIENIMPULSE? Interessieren sich die LeserInnen nicht primär für Neuerscheinungen im Bereich der Medienpädagogik? Die Antwort liegt nahe: Weil das Hauptcharakteristikum des untersuchten Zeitraumes der einleitend genannte Informationalismus ist, der als eine technikdeterministische, neoliberale Metaideologie die Pädagogik der letzten Jahrzehnte maßgeblich geprägt hat.

Dank des bemühten Einsatzes der großen IKT-Unternehmen und deren unerschöpflichen und stark verfügbaren finanziellen Ressourcen sind Ansätze einer emanzipatorischen Pädagogik, deren wesentliches Merkmal kritische Reflexion ist, mühelos verschluckt worden. Als Beispiel für die Vernebelung von Begriffen, die an Orwells 1984 gemahnt, sei neben der Wissensgesellschaft das inflationär verwendete Zauberwort literacy erwähnt, das im Original eine mit eigenständiger Sinnerfassung und Kreativität verbundene Fähigkeit bedeutet. Die zahlreichen gegenwärtig kursierenden wohlklingenden literacies wie z. B. Computer literacy, Information literacy, E-Learning Literacy gehören indes zu den gängigsten Nebelgranaten der Informationsgesellschaft..

Mit all diesen Begriffen und deren Einbettung in die Pädagogik setzt sich der Autor in einem eigenen Abschnitt kritisch auseinander. Nach einer eingehenden Beschreibung der Theorien der Informationsgesellschaft wendet er sich den bildungsrelevanten Theorieansätzen zu, um dann einige Grundzüge von informationalistischer Politik nachzuzeichnen. Der darauf folgende Abschnitt beschreibt die Auswirkungen dieses Informationalismus auf die Bildung. Äußerst kritisch wird die enge Verzahnung der Bildungspolitik mit neoliberalen Tendenzen und Zielsetzungen untersucht sowie deren Einfluss auf psychologische Implikationen und lerntheoretische Paradigmen beleuchtet. Logischerweise führt dieser Abschnitt zum Ende des Informationalismus, das gleichzeitig mit dem Bankrott der Bildungsgesellschaft gleichgesetzt wird.

Ein pessimistisches Ende? Mitnichten. Als vorausblickenden positiven Ausblick bietet Pasuchin einen Rückblick an: Vor fast 100 Jahren erschien in den U.S.A. John Deweys Democracy and Pedagogy, ein Werk, das auf verschiedenen Ebenen vorwegnimmt, worin (wie in zahlreichen gedruckten und Online-Ausgaben der MEDIENIMPULSE immer wieder nachzulesen ist) die grundsätzlichen Prinzipien von Pädagogik bestehen sollten: Demokratie, Solidarität und Kreativität. Eine Konkretisierung dieser abstrakten Grundsätze ermutigt zum Nachmachen und schafft damit ein Gegengewicht zur Resignation, die sich hin und wieder bei der Lektüre des umfangreichen, gründlich recherchierten und mit großem persönlichen Engagement verfassten – leider etwas oberflächlich lektorierten – Bandes einstellt.

Tags

pasuchin, informationalismus, neoliberalismus, informations- und wissensgesellschaft, bildungsgesellschaft