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1/2013 - Normen und Normierungen

Bericht zur Tagung „Normativität und Normative (in) der Pädagogik“ an der Universität Wien, 01.–02.11.2012

AutorIn: Thorsten Fuchs

Thorsten Fuchs berichtet von einer Tagung zum Normativitätsproblem, die Anfang September an der Universität Wien stattgefunden hat. Dabei wird kursorisch die Pluralität der diesbezüglichen Positionen deutlich so wie dem Schwerpunktthema zusätzlich Relevanz verliehen wird.

Abstract

Welchen Status hat Normativität in der Pädagogik? Ist Normativität möglich und notwendig; welche Leistung kommt ihr allgemein im Gegenstandsfeld der Pädagogik und in den verschiedenen pädagogischen Diskussionszusammenhängen eigentlich zu? Diese zwar keineswegs neuen, aber nach wie vor akuten und an Brisanz in den letzten Jahren eher noch gewonnenen Generalfragen waren Thema der wissenschaftlichen Tagung, die am 01. und 02. November 2012 am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien stattfand.

Report on the conference “Normativity and Norms in/of pedagogics”
What status does normativity have in pedagogics? Is normativity possible and necessary; which benefits does it really offer in the field of pedagogical discussion? These by no means new, but still pressing general issues that have, if anything, gained in importance over recent years, were the issue of a conference that took place from Nov. 1st to Nov. 2nd 2012 at the Department of Education at the University of Vienna.


Die Tagung spannte in der Auseinandersetzung mit Normativität und Normativen einen bewusst weiten Bogen, auf den die Wiener OrganisatorInnen, May Jehle, Sabine Krause und Thorsten Fuchs, in ihrer Eröffnung hinwiesen, indem sie das breite Spektrum an Auslegungen zur Normativität (in) der Pädagogik skizzierten und an einige einschlägige Positionen erinnerten. Hierbei hoben sie auch hervor, dass selbst eine in deskriptiver Bescheidenheit und normativ-wertbezogener Zurückhaltung vorgetragene Pädagogik nur scheinbar normfrei ist – selbst wenn sie explizit auf sprachliche Terme mit Sollenscharakter verzichtet und Normativität mit dem Attribut der wissenschaftlichen Unredlichkeit qualifiziert. Nach wie vor – so der Befund – würden sich sowohl auf der theoretischen Ebene der Pädagogik als auch in der pädagogischen Praxis im Hinblick auf den ‚Sachverhalt der Normativität‘ Fragen nach der Möglichkeit, Notwendigkeit und Leistungsfähigkeit stellen, wie sie der seit 1967 an der Universität Wien tätige Universitätsprofessor Marian Heitger, der am Karsamstag 2012 im Alter von 84 Jahren verstorben ist,[1] zeit seines akademischen Schaffens konsequent verfolgte. Mit der Tagung wurde Marian Heitger und seinem wissenschaftlichen Werk insofern auch ein ehrendes Andenken bewahrt, was Wilfried Datler (Wien) als Vizedekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft in seinen Begrüßungsworten unterstrich.

Der thematische Einstieg und die sachliche Diskussion erfolgten nach diesen einführenden Worten durch zwei Plenarvorträge, die Normativität und Normativen (in) der Pädagogik aus historisch-systematischer Sicht auf die Spur gingen. Jörg Ruhloff (Wuppertal), der seinerzeit mit der Arbeit „Das ungelöste Normproblem der Pädagogik“[2] die Scheinlösungen und Hypostasierungen des Normproblems von Hauptkonzeptionen der Pädagogik kenntlich gemacht und mit der Formulierung einer Unlösbarkeitshypothese konterkarieren konnte, widmete sich in seinem Vortrag einem programmatischen Aufsatz[3] Marian Heitgers zum Begriff der Normativität in der Pädagogik und rekonstruierte die Hauptschritte seines Argumentationsgangs, um sie sodann in eine gegenwärtige Problemlage hineinzustellen. Hierbei wurde insbesondere ein bildungstheoretisch aufschlussreicher Zusammenhang von Normierung bzw. Kontrolltendenz und Entmündigung aufgemacht. Daniel Tröhler (Walferdange, Luxemburg) stellte in seinem Vortrag die „Pädagogik als Wissenschaft oder grundlegende Probleme der Erforschung normativer Praktiken“ zur Diskussion. In einer genuin historischen Analyse hob er hervor, dass der Anspruch wissenschaftlicher Pädagogik, Praktiken in ihren Normativitäten zu beschreiben und dazu Theorien zu formulieren, nicht aufrechterhalten werden könne. Denn Pädagogik lasse sich – scharf formuliert – von erstrebenswerten Wertvorstellungen ‚blenden‘ und verpasse es, Werte und Normen in ihren jeweiligen historischen Wirklichkeiten zu analysieren. Auch im Abendvortrag von Isolde Charim (Wien/Berlin), die das Tagungsthema aus philosophischer Perspektive flankierte, wurde eine derart kritische Sicht aufgemacht. Charim wendete die Frage nach Normen in der Erziehung auf die Frage nach dem Subjekt und wies dieses – in Abgrenzung zum marktkonformen, die individuellen Ressourcen steigernden homo oeconomicus – als eines aus, das mit Weniger-Ich politisch aktiv werden könne.

Die weiteren Plenarvorträge am nächsten Tag konzentrierten sich auf verschiedene Aspekte des Normativitätsproblems in der Bildungsforschung und der Bildungspolitik sowie innerhalb medienpädagogischer und werterzieherischer Diskussionen.  Während Josef Lucyshyn (Wien) und Hans-Rüdiger Müller (Osnabrück) Normativität in verschiedenen Spielarten der Bildungsforschung erörterten und dabei – so etwa Müller – die Konstruktion von Normativität durch Methoden und gegenstandsbezogene Hintergrundannahmen der Qualitativen Bildungsforschung in den Blick nahmen, richtete Astrid Messerschmidt (Karlsruhe) in ihrem Vortrag das Augenmerk auf pädagogische Mittäterschaften bei der ‚Normalisierung‘ der Bildungspolitik. Im Mittelpunkt stand dabei die These, dass von MitarbeiterInnen diverser Bildungseinrichtungen von Schule, Universität und Weiterbildung Regierungstechniken und Selbstführungsmethoden ausgebildet wurden, die der Etablierung bildungspolitischer Normen Tür und Tor öffneten und Abhängigkeiten schufen, in denen kritisches Intervenieren schwierig – aber keineswegs unmöglich – ist. Die aus medienpädagogischer Perspektive interessanten Diskussionen wurden mit den Plenarvorträgen von Cornelie Dietrich (Lüneburg) und Norm Friesen (Kamloops/Kanada) initiiert. Dietrich widmete sich den inkorporierten Normen in der Sprache der Pädagogik und brachte damit ihre bislang vorgelegten Studien zur Sprechgestik in jugendlichen Bildungsprozessen auf neue Pfade. Friesen erläuterte in seinem englischsprachigen Vortrag „Educational Media, Educational Norms: Interlinked or Interwoven?“ den Zusammenhang zwischen Bildungsmedien und pädagogischen Normen. Dabei konzentrierte er sich in Anlehnung an Klaus Mollenhauer auf traditionelle, schriftliche Medien und machte deutlich, wie die Auffassung begründet wird, dass Medien pädagogisch betrachtet als nicht-normativ bzw. neutral verstanden werden, um zum Ende seines Vortrags – und antithetisch zu dieser Auffassung – auf eine doppelte normative Bedeutung schriftlicher Medien in pädagogischen Kontexten hinzuweisen. Jürgen Rekus (Karlsruhe) und Stefan Weyers (Mainz) thematisierten schließlich einen Begriff, der in den bisherigen Vorträgen bereits häufig erwähnt und als ‚Adlatus‘ von Normen gebraucht wird: Werte. Rekus markierte in seinem Vortrag „Bildung und Werterziehung“ das Spannungsverhältnis von notwendiger Wertanerkennung und selbstständiger Wertentscheidung. Weil und insofern Erziehung dazu beitragen soll, dass junge Menschen lernen, ihre Handlungsentscheidungen unter Berücksichtigung gemeinschaftlicher Normenerwartungen in selbstgesetzter Normbindung zu verantworten, muss – so Rekus – sich der Erziehungsprozess notwendigerweise auf die normbegründenden Werte richten. Diese bildungs- und erziehungstheoretischen Überlegungen wurden im Vortrag von Stefan Weyers durch eine Analyse der Möglichkeit und Legitimität von „Werteerziehung“ gleichsam fortgesetzt und mit entwicklungspsychologischen Perspektiven sowie Einblicken in ein DFG-Projekt zur Entwicklung von Rechtsvorstellungen im Kontext religiös-kultureller Differenz bereichert.

Neben den Plenarvorträgen trugen auch die Vorträge in den einzelnen projektbezogenen Arbeitsgruppen ganz erheblich zum Gelingen der Tagung bei. Dietrich Benner, Martina von Heynitz, Stanislav Ivanov, Roumiana Nikolova und Marina Tschernjajew (Berlin) stellten Ansatz, erste Ergebnisse und vorläufige Modellierungen von moralischer Kompetenz vor, wie sie derzeit von ihnen im DFG-Projekt ETiK erforscht werden. Stephan Kielblock (Gießen) berichtete ebenfalls aus einem Projektzusammenhang und machte auf die normativen Fundamente der so genannten Bildungsqualität außerunterrichtlicher Angebote aufmerksam, die momentan vielfach in der Ganztagsschulforschung untersucht werden. Wilfried Göttlicher (Wien) präsentierte sein historisch angelegtes Dissertationsprojekt zu normativen Zielsetzungen in der österreichischen Landschulerneuerungsbewegung. Auch Julia Seyss-Inquart (Graz), Henrik Bruns (Koblenz) und Nadja Thoma (Wien) berichteten aus ihren laufenden Dissertationsprojekten und machten dabei methodische, professionelle und sprachliche Normen zum Thema. Die Genese von Normen und die Entstehung von Werten wiederum waren aus unterschiedlichen Richtungen und mit verschiedenen pädagogischen Schwerpunkten der Gegenstand in den Vorträgen von Nils Köbel (Mainz), Szilvia Barta (Debrecen, Ungarn) sowie Sascha Trültzsch (Salzburg) und Christine Wijnen (Wien). Axel Schenz (Erlangen-Nürnberg) schließlich hat sich in einer erziehungsphilosophisch orientierten Reflexion mit dem Problem beschäftigt, die Begrenzung der Freiheit zu legitimieren.

Die Tagung hat das Problem der Normativität (in) der Pädagogik neuerlich auf die Agenda gesetzt und insofern neu aufgenommen, als konkreter und vielfältiger nach Ausprägung und Verortung gefragt wurde. Im Aufzeigen unterschiedlicher Perspektiven wurde es dabei möglich, Normativität in ihrer Vielschichtigkeit herauszuarbeiten und so auch in ihrer Bedeutung für die Pädagogik diskutierbar zu machen. Ein beim Verlag Königshausen & Neumann voraussichtlich im Sommer 2013 erscheinender Sammelband[4] wird die Beiträge der Tagung dokumentieren und einige weitere aufschlussreiche Inblicknahmen von Normativität (in) der Pädagogik bereithalten. Auch ist ein weiterer ausführlicher Bericht zur Tagung in Druck.[5] Auf diese Weise wird die Diskussion zu diesem wichtigen Thema (hoffentlich) weiter in Gang bleiben.


[1] Dazu der Nachruf von Ines M. Breinbauer (2012): In memoriam Marian Heitger (1927–2012), in: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik 88. Jg., H. 2, 169–171.

[2] Ruhloff, Jörg (1979): Das ungelöste Normproblem der Pädagogik, Heidelberg: Quelle & Meyer.

[3] Gemeint ist: Heitger, Marian (1966): Über den Begriff der Normativität in der Pädagogik., in: Neue Folge der Ergänzungshefte zur Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, H. 4, 36–47.

[4] Fuchs, Thorsten/Jehle, May/Krause, Sabine (Hg.) (2013): Normativität und Normative (in) der Pädagogik, Würzburg: Königshausen & Neumann (in Vorbereitung).

[5] Der Bericht von Marina Tomic Hensel und Nina Wlazny wird erscheinen in: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik 89. Jg., H. 1.

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tagung, normativität