Praxis

1/2013 - Normen und Normierungen

Methodenvorschläge zur radiophonen Realisierung eines Märchens am Beispiel von Sonne und Mond

Radio als Lernform

AutorIn: Helmut Hostnig

Helmut Hostnig erläutert einfache Möglichkeiten auditiver Produktion und präsentiert medienpädagogische Vorschläge zur Realisierung eines Märchens im Radio, wobei er das chinesische Märchen "Sonne und Mond" als Beispiel wählt.

1. Grundsätzliche Überlegungen zur radiophonen Realisierung eines Märchens

Vor der Umsetzung eines Projekts, bei dem ein Märchen (hier "Sonne und Mond") radiophon realisiert wird, müssen einige Fragen im Vorfeld geklärt werden:

  1. Projektzeitraum: Wie viele Unterrichtseinheiten umfasst das Projekt?
  2. TeilnehmerInnenanzahl: Wie viele SchülerInnen nehmen an dem Projekt teil?
  3. Prioritäten bei dem Projekt: Geht es um Informationsbeschaffung, Präsentation/Reflexion, Personale und soziale Kompetenzen oder um die Entwicklung kreativer Ausdrucksfähigkeiten durch die Medienproduktion?
  4. Medienerzieherische Relevanz: Wie trägt das Projekt zum eigenen Gestalten von Medien bei?

2. Sonne und Mond: Ein chinesisches Märchen

Zuvorderst muss ein Märchen gewählt werden. Wir haben uns für das chinesische Märchen Sonne und Mond entschieden:

Vor langer, langer Zeit, als es auf der Erde noch keine Tiere und keine Menschen gab, wollte die Sonne den Mond heiraten. Die Sonne schickte einen Boten aus. Er sollte einen Brief zum Mond bringen. Als der Bote nach einer langen Reise zum Mond kam, gab er ihm den Brief. Der Mond öffnete ihn und las. Dann lachte er laut und rief: "Die Sonne schreibt, dass sie mich heiraten möchte. So etwas Komisches habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört. Als ob ich sie heiraten würde! Ich mag sie doch gar nicht!" Aber der Mond wollte die Sonne nicht kränken. Deshalb bat er den Boten: "Sag der Sonne, dass ich mir die Sache durch den Kopf gehen lassen werde!"

Der Bote lief zur Sonne zurück.

Nach einer gewissen Zeit schickte die Sonne ihn noch einmal zum Mond. "Ich warte auf eine Antwort", stand diesmal in dem Brief. "Wann werden wir endlich heiraten?" Da sann der Mond nach einer List. "Sag der Sonne, dass ich sie heiraten werde, wenn sie eine Bedingung erfüllt. Kann sie es nicht, werde ich sie nicht heiraten", gab er dem Boten mit auf den Weg.

Der Bote lief zur Sonne zurück und erstattete Bericht. Aber er hatte kaum Zeit zum Ausruhen. Denn schon wieder wurde er zum Mond geschickt. "Die Sonne schickt mich!", keuchte der Bote atemlos, als er beim Mond angekommen war. "Sie möchte deine Bedingung hören." Der Mond erwiderte: "Sag der Sonne, dass ich sie nur dann heiraten werde, wenn sie mich selber holt."

Als der Bote der Sonne diese Nachricht überbrachte, lachte sie und meinte: "Wenn’s weiter nichts ist! Das werde ich wohl schaffen!" Und sie machte sich auf den Weg. Aber als der Mond im Osten ankam, war die Sonne noch im Westen. Und als der Mond im Westen ankam, war die Sonne ganz weit von ihm entfernt im Osten. So sehr die Sonne sich auch anstrengte: Es gelang ihr nicht, den Mond einzuholen. Und so rennt sie bis zum heutigen Tag immer noch hinter dem Mond her.

Kurze Zusammenfassung

Die Sonne will den Mond heiraten. Der Mond aber will nicht und ersinnt eine List, um die Sonne nicht zu kränken. Sie hört aber nicht auf, hinter ihm her zu sein, obwohl sie ihn nie erreichen kann, da der Mond im Westen steht, wenn die Sonne im Osten ist.

3. Vorlesen des Märchens, inhaltliche Auseinandersetzung und Rollenverteilung

Natürlich verlangt jedes Märchen bei seiner szenischen Umgestaltung ein anderes Setting. Vielleicht aber kann das chinesische Märchen von Sonne und Mond als Anregung dienen, es – abhängig von seinem Inhalt – nicht nur zu adaptieren und neu zu denken, sondern auch an die jeweiligen Bedingungen (Gruppengröße, Gender-Verhältnis, Räumlichkeiten usw.) anzupassen. Je nach Aufwand, den man betreiben will, kann das Märchen in zwei oder drei Unterrichtseinheiten oder im Projektunterricht realisiert werden. Hauptsache: Es macht Spaß!

Nach einer Einführung in die unterschiedlichen Gestaltungsmittel des Mediums und seinen Möglichkeiten, erhalten die TeilnehmerInnen den Auftrag, den Text still zu lesen und mit unterschiedlichen Farben die Dialoge den Rollen zuzuordnen, um das Märchen szenisch umzugestalten und in radiokonforme Sprache zu übersetzen. Nachdem die Rollen verteilt sind, wird das Märchen laut gelesen. Dann teilen sich die TeilnehmerInnen in zwei Gruppen, die den Hofstaat von Mond und Sonne repräsentieren, um nach einer Vorbesprechung eine erste Probeaufnahme ohne Mikro zu versuchen.

Die besten Einfälle werden protokolliert. Manchmal können sogar Aufnahmen vom Making of in die szenische Gestaltung mit einbezogen werden. Zur Rollenbesetzung der Hauptrollen von König oder Königin, hier von Sonne und Mond, kann ein Casting vorgenommen werden. Schnell zeigt sich, wer sich für eine Rolle besonders eignet. Über die endgültige Besetzung wird nach dem Vorsprechen der im Laufe des Castings in die engere Auswahl gekommenen DarstellerInnen von den ZuschauerInnen entschieden, die ihre Wahl auch begründen müssen, ohne Abwertungen vorzunehmen. Bei diesem spannenden Prozess der Rollenbesetzung durch Audition darf nicht vergessen werden, dass es auch diejenigen braucht, die für die Aufnahmetechnik zuständig und verantwortlich sind.

Schon bei den ersten Probeaufnahmen wird klar, dass es neben den Stimmen auch Geräusche braucht. Vielleicht sogar Musik, um das Auftreten von Bote, Sonne und Mond auch akustisch einzuleiten. Wenn wir an eine Veröffentlichung denken, kann im Rahmen des Projekts ein kleiner Exkurs zu den medienrechtlichen Bestimmungen nicht schaden. Auch muss festgelegt werden, ob das Märchen in seiner dramaturgischen Umsetzung einen Erzähler braucht oder ohne einen solchen auskommt.

Ob Sie wissen, welche Begabungen und welch überbordende Fantasie in jedem/jeder von ihnen schlummert? Jedenfalls stellen Sie schnell fest, wie gut sich das Medium eignet, um Teamdenken und Teamarbeit zu fördern, und wie sich Lerninhalte über dieses gemeinsame Tun vermitteln lassen, ohne dass es als Lernstoff wahrgenommen wird.

4. Vorschläge für Fragestellungen und versteckte Lerninhalt

Textverständnis und Interpretation

  • Warum ist die Sonne eine Frau? In welchen Sprachen ist sie männlich und warum?
  • Was sind romanische Sprachen?
  • Götterwelt der Römer und Germanen: Mon(d)tag, Sonntag
  • Macht eine Frau einem Mann einen Heiratsantrag? Warum nicht, warum schon?
  • Wie gibt man einen netten Korb?
  • Wie entstanden Sonne und Mond? Wer von den beiden Himmelskörpern ist älter?
  • In welchem Abstand stehen Mond und Sonne zueinander?
  • Wie entsteht eine Mondfinsternis?
  • Welche Macht besitzt der Mond und welche die Sonne? (Gezeiten, Eiszeit usw.)
  • Wie geht man mit Enttäuschungen um? Welche Folgen können enttäuschte Erwartungen haben?
  • Was bedeutet „stalking“? Welche Gesetze gibt es, die Stalking als Delikt ahnden? Seit wann? Warum?

Grammatik

In welchen Sprachen ist die Sonne männlich und warum? (Türkisch heißt Sonne = güneş ("günesch" gesprochen) Mond = ay (gesprochen wie das "Ei"). Isländisch: sól – Sonne, weiblich sólinn – die Sonne (Artikel werden angehängt) tungl – Mond, männlich tunglinn – der Mond. Die Frage, mit der man gut arbeiten kann, ist also: Welchen Artikel haben Sonne und Mond in den Sprachen der TeilnehmerInnen? In den romanischen Sprachen ist die Sonne weiblich und der Mond ist männlich. Warum?

Germanische, griechische und römische Mythologie

Hier könnte mit einer Recherche im Internet gearbeitet werden. So etwa unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Mani_(Mythologie) oder unter: http://www.univie.ac.at/rel_jap/kami/Sonne_und_Mond (letzter Zugriff: 26.02.2013)

So geht z. B. das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein auf die germanische Mythologie zurück, der zufolge die sieben Geißlein die sieben Wochentage repräsentieren und der Wolf den Mond. Er kann nur dem Jüngsten nichts anhaben, weil es das Heute darstellt.

Lesen mit verteilten Rollen. Casting

Zu fragen wäre hier: Wer eignet sich? Welche Charaktereigenschaften zeichnen Mond und Sonne aus?

Danach kann gut in die Diskussion übergeleitet werden

  • Vorschlag: Monolog von Sonne und Mond (Schreiben fürs Hören)
  • Welche Rollen außer Sonne, Mond und Bote können wir noch dazu erfinden? (z. B.: Hofstaat und BeraterInnen von Sonne und Mond)
  • Braucht es einen Erzähler oder kommen wir ohne ihn aus? Welche Sprache spricht der Mond, welche die Sonne?
  • Wer kann übersetzen?
  • Wer übernimmt die Rolle der DolmetscherIn?

Welche Aufgaben können die anderen übernehmen?

  • Cover für die CD zeichnen
  • Ein Storyboard als Comic entwickeln (oder die Geschichte als Manga erzählen)
  • Märchen als Fotogeschichte (Aufnahme der Zeichnungen mit Handy)
  • Welche Geräusche brauchen wir? (Exterrestrischer Sound)
  • Welche Art von Musik braucht der Auftritt von Sonne/Mond, Bote? Wo gibt es lizenzfreie Musik? (Urheberrecht, medienrechtliche Bestimmungen, creative commons)
  • Moderationstexte schreiben
  • Material schneiden

Aufteilung der Klasse oder Gruppe in eine Sonnen- und eine Mondgruppe

Erste Probeaufnahme mit einem Teil der Klasse oder einer Gruppe als Publikum. Anschließend kann gut diskutiert werden:

  • Was war gut, was könnte man besser machen?
  • Rollentausch
  • Miteinbeziehen des Publikums als Volk. Gerücht geht um: Sonne will heiraten … Neue Rollenvorschläge: Exmann oder Exfrau von Sonne und Mond. Schlagzeile in der Klatschpresse ...

Gliederung und Dramatisierung des Märchens in Szenen:

  • Monolog der Sonne
  • Hofstaat berät und macht Vorschläge
  • Bote und DolmetscherIn werden ausgeschickt
  • Am Hof des Mondes
  • Berater des Mondes im Gespräch mit seiner Majestät usw…

Themenblöcke mit Kleingruppenbildung für Recherchearbeit

Beispiel:

  • 1. Gruppe: Dürfen/Sollen Frauen den ersten Schritt machen?
  • 2. Gruppe: Recherche: Wie ist der Mond entstanden? Oder: Welche Auswirkungen hat der Mond auf die Erde und die Menschen?
  • 3. Gruppe: Wie gibt man einen netten Korb? Umgang mit Enttäuschungen usw.
  • 4. Gruppe: Singlebörsen: Ja oder Nein! Kontroversielle Diskussion
  • 5. Gruppe: Stalking? Was ist das?

Dabei ist eine Aufnahme der einzelnen Szenen mit Rec und Play ohne Schnitt vorzunehmen. Das Einspielen von Geräuschen und Musik erfolgt über Mischpult direkt oder im mehrspurigen Schnitt mit Audacity oder Reaper.

5. Hörspiel als gebauter Beitrag

Hier geht es um die Komposition der einzelnen radiophonen Darstellungsformen:

  • Jingle
  • Opener
  • Moderation
  • Making of
  • Originaltext mit verteilten Rollen
  • Gespieltes Märchen mit Einbau der Features oder Collagen
  • Abspann

Dramaturgische Elemente einbauen

Hier kann lizenzierte oder selbst gemachte Musik aus Soundarchiven verwendet werden. Oder auch Gedichte und Lieder vom Mond: Lady sunshine and Mr moon, Der Mond ist aufgegangen usw.

Mögliche Referenztexte zur Moderation des Märchens von Sonne und Mond können in anderen Märchenmotiven gefunden werden: Romeo und Julia oder die zwei Königskinder

So hat der Autor dieses Artikels im Zuge eines solchen Projekts  ein eigenes Gedicht geschrieben, dass sich gut verwenden ließ:

Gedicht zum Artikelstreit

Der die das das der die
Und wie und was Und die der das Wer sagt’s wie
Im Deutschen der: Chinesisch die
Wie kommt es, dass
Der Mond ein Mann
In einer andern Sprache
Auch eine Frau sein kann
Vielleicht ist’s Ansichtssache

(Helmut Hostnig)

6. Vorschläge für eine Moderation mit zwei Stimmen:

In folgender Art und Weise ließe sich eine Moderation von zwei Personen gestalten:

Stimme 1: Die Sonne ist weiblich, weil sie wärmt. Warme Dinge sind weiblich: Die Hitze, die Wärme, die Lava …

Stimme 2: Und der Mond? Der Mond ist männlich, weil er nachts unterwegs ist.

Stimme 1: Nein. Alles was kalt ist und unangenehm: der Schnee, der Frost, der Hagel

Stimme 2: Das ist doch Unsinn. Die Geschlechtswörter für die Gestirne können männlich oder weiblich oder sogar beides sein. Es hat mit den Mythen zu tun, mündlich überlieferten Geschichten von der Entstehung des Universums.

Stimme 1: Bei den Griechen ist die Sonne männlich und heißt Helios. Jeden Morgen spannt er seine feurigen Rosse vor den Wagen, den nur er lenken kann. Die Mondgöttin heißt Selene und ist weiblich. Auch sie zieht mit einem Wagen über den Himmel. Dieser wird von zwei weißen Kühen über die Milchstraße gezogen.

Stimme 2: Die Römer haben sie in Sol und Luna umgetauft.

Stimme 1: In der nordischen Mythologie ist Mani der Mond. Er ist der Sohn von Mundilfari und Bruder der Sonne. Die Geschwindigkeit, mit der Sonne und Mond über den Himmel ziehen, wurde dadurch erklärt, dass man sich vorstellte, sie würden von zwei Wölfen gehetzt.

Stimme 2: Dann sind sie also Geschwister und kein Liebespaar?

Stimme 1: Im Chinesischen schon. Dort waren sie einmal die Augen des Riesen Pangu.

Stimme 2: Die Geschlechtswörter bei den Gestirnen haben also mit den frühen Sonnen- und Mondgottheiten zu tun.

Stimme 1: Ganz richtig: Wir haben ihnen sogar zwei Wochentagen gewidmet: Sonntag und Montag.

Stimme 2: Genau, aber jetzt zurück zu unserem Märchen

7. Schluss

Ganz nebenbei und fast unbemerkt wurde damit Radio als Lernform realisiert und gleichzeitig sind etliche Lerninhalte aus den Fachbereichen Geografie, Geschichte, Deutsch, Religion gestreift worden, wie die abschließende Darstellung zeigen will.

Tags

radio, mediennutzung, methoden