Schwerpunkt

4/2012 - Soziale und Mediale Räume

Kommunikation und Lernen in partizipativen kulturellen und medialen Räumen

AutorIn: Elke Zobl

„Ladyfeste“ sind Beispiele für eine partizipative Kultur, für selbst-organisiertes Lernen in informellen Kontexten und für lokale, transnationale und virtuelle Vernetzung und Kommunikation. Elke Zobl untersucht sie in ihrer sozialen und medialen Funktion und Räumlichkeit.

Abstract

Eine der interessantesten Transformationen in der Jugendkultur seit den 1990er-Jahren ist die steigende Zahl vor allem an Mädchen und jungen Frauen, die zu aktiven kulturellen Produzentinnen wurden. In diesem Artikel wird argumentiert, dass sie mit ihren eigenen kulturellen Produktionen und Netzwerken neue soziale und mediale Räume öffnen, die durch eine partizipative Kultur, selbst-organisiertes Lernen in informellen Kontexten und lokale, transnationale und virtuelle Vernetzung und Kommunikation geprägt sind. Ziel dieses Artikels ist es, das Kommunizieren und Lernen in partizipativen kulturellen (bzw. sozialen) und medialen Räumen am Beispiel queer-feministischer Festivals – sogenannter „Ladyfeste“ – darzustellen und ihre Bedeutung in (medien-)pädagogischen Kontexten zu diskutieren.

One of the most interesting transformations in youth culture since the 1990s is the growing number of girls and young women as active cultural producers. By creating their own cultural productions and networks, this article argues, that they open up new cultural (i. e. social) and media spaces which are characterized by a participatory culture, self-organised learning and local, transnational and virtual networks and communication. Taking the example of queer-feminist festivals (so called “Ladyfests”), the aim of this article is to discuss communication and learning in participatory cultural and media spaces and their meaning in the context of (media-)pedagogy.


I Einleitung

Eine der interessantesten Transformationen in der Jugendkultur seit den 1990er-Jahren ist die steigende Zahl an Jugendlichen – vor allem an Mädchen und jungen Frauen –, die ihre eigenen kulturellen Produktionen, Räume und Netzwerke schaffen und so zu aktiven kulturellen ProduzentInnen werden. Im Folgenden argumentiere ich, dass junge Frauen durch eine Vielzahl an medialen, künstlerischen und kulturellen Projekten neue Räume schaffen, die durch eine partizipative Kultur, selbst-organisiertes Lernen und lokale, transnationale und virtuelle Vernetzung und Kommunikation geprägt sind. Ziel dieses Artikels ist es das Kommunizieren und Lernen in diesen Räumen am Beispiel queer-feministischer Festivals darzustellen und ihre Bedeutung in (medien-)pädagogischen Kontexten anzureißen. Dieser Artikel basiert auf dem Forschungsprojekt „Young women as creators of new cultural spaces“[1]. Ich beginne mit einer Darstellung partizipativer Kultur und diskutiere dann beispielhaft Lernen und Kommunikation in partizipativen kulturellen Räumen.

II Partizipative Kultur: Ein Konzept im Kontext der Medienpädagogik

Das Konzept der „participatory culture“ spielt eine wichtige Rolle im Kontext kultureller Beteiligung. Henry Jenkins et. al (2006: 3) beschreiben in ihrer zentralen Studie „Confronting the Challenges of Participatory Culture“ diese als eine Kultur mit niedrigschwelligem Zugang für künstlerischen Ausdruck und ziviles Engagement, in der Menschen als aktiv Beitragende und TeilnehmerInnen in kultureller und medialer Produktion vor allem online und kollaborativ agieren, sich gegenseitig in Netzwerken und Communities unterstützen und über informelles Mentoring Wissen teilen und weitergeben. Bis dato wurde das Konzept der partizipativen Kultur in medienpädagogischen Kontexten und in Bezug auf Online-Entwicklungen diskutiert.

Eine partizipative Kultur steht in der Geschichte der Do-It-Yourself (DIY)-Kultur (Spencer 2005), die in der avantgardistischen Kunstbewegungen der 1950er und 1960er-Jahre wurzelt, sich durch die Hippie- und Punkrock-Szene verbreitete und heute v. a. mit Raves, alternativen Medien und Culture Jamming in Verbindung gebracht wird. Immer mehr junge Menschen bringen unterschiedliche DIY-Projekte hervor und lassen so lokale, transnationale und virtuelle Netzwerke (Zobl 2011a) sowie partizipative Räume entstehen, die geprägt sind von einem selbst-organisierten Lernen außerhalb traditioneller Bildungsorte, prozessorientierten, nicht-hierarchischen und kollaborativen Arbeitsmethoden, Aktivismus, zivilgesellschaftlichem Engagement und aktiver Bürgerschaft (Reitsamer/Zobl 2010).

Diese neuen partizipativen Kulturen repräsentieren peer-to-peer Lernumgebungen, in denen junge Menschen auf verschiedenste Weise mit ästhetischen Innovationen experimentieren: Paul Gee (2004) spricht hier im Speziellen von “affinity spaces” als (reale oder virtuelle) Räume, in denen (junge) Menschen über gemeinsame Interessen und Ziele zusammengebracht werden und durch informelles Lernen und Vernetzungsaktivitäten daran teilnehmen. Durch die gemeinsame Motivation können laut Gee gewisse Barrieren (wie Alter, sozio-ökonomischer Status, Bildung) überwunden werden. Ein Aufbrechen des ExpertInnenwissens findet statt, so dass es dadurch zu einer Demokratisierung unterschiedlicher Wissensformen kommen kann. Diese offenen Räume werden als wichtiger Motor für Innovation, Kreativität, kulturelle Transformation und gesellschaftliche Mitbestimmung Jugendlicher angesehen. (Selbst-)Ermächtigung und Mitbestimmung entstehen durch den Erwerb von Kompetenzen der Selbstrepräsentation sowie durch das Treffen sinnstiftender Entscheidungen in einem realen zivilgesellschaftlichen Kontext.

Jedoch wurde richtigerweise darauf hingewiesen, dass auch „Ausschlüsse“ (wie ungleicher Zugang zu Möglichkeiten, Kompetenzerwerb und Wissen) produziert werden: „shaping which youth will succeed and which will be left behind as they enter school and the workplace“ (Jenkins et. al 2006: 3). Demgemäß sind neue Fähigkeiten für die kompetente Teilhabe in der Gesellschaft notwendig, etwa soziale Fähigkeiten, die durch Kollaboration und Vernetzung entwickelt werden. Zentral ist die Forderung nach der Integration dieser neuen Wissenskulturen in das Curriculum unserer Schulen, um notwendige Kompetenzen zu vermitteln und gemeinsam mit SchülerInnen zu erproben (Jenkins et al. 2006: 20–21). Die Herausforderung liegt generell in dem Schritt vom Kulturkonsum zu aktiver Kulturproduktion, die zu gesellschaftlicher Mitbestimmung führt.

III Partizipative kulturelle Räume am Beispiel der Ladyfeste

Ein neues Phänomen weiblicher Jugendkultur ist der große Zuwachs an nicht-kommerziellen Festivals, die von und für junge Frauen organisiert werden, um ihren künstlerischen und politischen Arbeiten ein Forum zu bieten (Zobl 2011a). Diese sogenannten „Ladyfeste“ sind in Olympia (USA) 2000 entstanden und haben sich in den letzten zehn Jahren weltweit verbreitet. Von 2000 bis 2010 fanden 264 Ladyfeste in 34 verschiedenen Ländern statt (Stand Juli 2010). Obwohl Ladyfeste von Ort zu Ort sehr unterschiedlich sein können, verbindet sie nicht nur der gemeinsame Name, sondern auch ein Bekenntnis zu (queer-)feministischem Aktivismus und lokale, transnationale und virtuelle Netzwerke kultureller Produktion. Ladyfeste stehen in der Tradition von frauenspezifischen und feministischen Festivals, vor allem bei der in den USA zu Beginn der 1990er-Jahre entstandenen Riot-Grrrl-Bewegung (Baldauf/Weingarnter 1998), einer feministischen Jugendkultur, die mit dem Slogan „Revolution Grrrl Style Now!“ ihren Platz in der männerdominierten Post-Punk-Szene einforderte. Organisiert von Frauen zwischen ca. 18 und 30 Jahren, die sich dem DIY-Ethos des Punkrock und einer anti-kapitalistischen Agenda verpflichtet fühlen, erstrecken sich Ladyfeste über mehrere Tage und umfassen Auftritte von MusikerInnen, KünstlerInnen, Performances, Ausstellungen, öffentliche Diskussionen, Demonstrationen und Workshops. Viele Ladyfeste bekunden Interesse an Gesellschaftspolitik, wie die OrganisatorInnen von Ladyfest Wien 2004: „in unserm (sic!) interesse liegt die stärkung von politischsozialen prozessen, die staatliche und andere patriachale macht- und zwangsverhältnisse bekämpfen und das leben feministischer/queerer ideen permanent erweitern“ (Ladyfest Wien 2004a).

IV Kommunikation und Netzwerke der Ladyfeste: Mediale Räume

In der Ladyfest-Szene haben sich lokale, transnationale und virtuelle Netzwerke queer-feministischer kultureller Produktion entwickelt, bestehend aus einer Vielfalt an Medien, Musik, Kunst, Musiklabels, Distributionskanälen, Info-Läden, Open-Mic-Performances, Straßentheater, Online-Ressourcen, Blogs, Ton- und Videoprojekten u. v. m. Ladyfeste bieten die Möglichkeit, eine lokale Szene zu beleben und Personen, Organisationen und Initiativen zu vernetzen. Die meisten Ladyfeste finden an einem Ort nur einmal statt, aber die Organisation eines Ladyfests kann die Schaffung neuer und nachhaltiger Strukturen mit sich bringen; manchmal wird ein Ladyfest Jahr für Jahr wiederholt. Bands, künstlerische, mediale und aktivistische Gruppen und Netzwerke werden gegründet und aufgebaut. Durch Interventionen im öffentlichen Raum, die Besitznahme von öffentlichen Räumen, das Flyering und Benefizkonzerte vor und während der Ladyfeste kann feministisches Potenzial sowie kultureller und politischer Widerstand einer lokalen Szene sichtbar werden.

Daneben nehmen die AktivistInnen Ladyfeste als ein transnationales Kommunikationsnetzwerk wahr. Das Ladyfest Wien 2004 verstand sich als „… ein über die grenzen hinweg verbindendes netzwerk, das es uns ermöglicht, die unterschiedlichsten menschen kennen zu lernen“ (Ladyfest Wien 2004a). Die transnationale Ladyfest-Szene besteht aus weit verstreuten lokalen Szenen, die regelmäßig miteinander und mit den TeilnehmerInnen kommunizieren und sich vernetzen – durch den Besuch verschiedener Ladyfeste sowie über virtuelle Netzwerke (vor allem Social-Networking-Seiten). Damit entsteht ein medialer Raum, in dem Kommunikation und Vernetzung verschiedener lokaler queer-feministischer Szenen im Vordergrund stehen.

V „Peer-to-peer learning“: Do-It-Yourself Kultur als informeller Lernort

Insgesamt kann festgestellt werden, dass Ladyfeste (wie die Riot-Grrrl-Bewegung) durch verschiedene Strategien wie beispielsweise der Vernetzung einen „kulturell produktiven, politisierten gegen-öffentlichen Raum“ (Nguyen 2000) schaffen, in dem Menschen Ideen artikulieren und ihre Erfahrungen beschreiben können, die ansonsten von der Mainstream-Gesellschaft unterdrückt oder ausgeschlossen werden. Die OrganisatorInnen tauschen aber auch Wissen untereinander aus, vor allem im Rahmen von Workshops, was Mimi Nguyen im Kontext der Riot-Grrrl-Bewegung als „ein informelles pädagogisches Projekt, eine Art punk rock ‘teaching machine’“ (Nguyen 2000) bezeichnet. Einige verwenden die Fähigkeiten, die sie sich im Zuge der Organisation und Teilnahme an Ladyfesten aneignen, für ihre (semi-)professionelle Laufbahn, etwa um ihren Bekanntheitsgrad als MusikerInnen oder KünstlerInnen zu steigern und um auf Erfahrungswerte in der Organisation von Ladyfesten zurückzugreifen.

In den prozessorientierten Workshops werden durch „learning by doing“, „peer-to-peer learning“ und „skill sharing“ technische, künstlerische und handwerkliche Kompetenzen, sogenannte „DIY skills“, außerhalb formaler (Aus-)Bildungseinrichtungen vermittelt (zur näheren Diskussion s. Reitsamer/Zobl 2010). Bei den Ladyfesten in Wien wurde eine Vielzahl an Workshops angeboten, so etwa zu „audio-engineering“, Metallverarbeitung, Siebdruck, Grafik für Kinder, Kleider nähen, elektronischer Musik, Radio-Machen, Zine-Produktion, Tanz und feministischer Selbstverteidigung, aber auch zu Themen wie Feminismen, Gender und Sexualität, Ethnizität und „race“ sowie Politik (vgl. Ladyfest Wien 2004b, 2005, 2007).

Es lässt sich also feststellen, dass Ladyfeste – zumindest temporäre – partizipative kulturelle Räume und informelle Lernorte für künstlerische, mediale und technische Kompetenzen, feministische und politische Bildung, kritische Reflexion und zivilgesellschaftliches Engagement eröffnen. Informelles Lernen “geschieht ungeplant, beiläufig, sozusagen ‚naturwüchsig‘ und […] ist vom Lernenden nicht als Lernen intendiert“ (Pfadenhauer 2011: 197, Hervorh. im Original), wie etwa bei der Organisation der Ladyfeste oder beim „Konzept der Self-Security“, auf das im folgenden Abschnitt noch näher eingegangen wird. Daneben findet in den Workshops „nicht-formelles bzw. proto-formalisiertes Lernen“ (siehe ebd.) statt. Die Kompetenzaneignung erfolgt auch hier außerhalb traditioneller Bildungsinstitutionen, wird aber von den Lernenden als beabsichtigter Bildungsprozess intendiert (siehe ebd.). Gerade die Workshops spielen eine zentrale Rolle in der Schaffung solcher informeller Lernorte und „unsichtbarer Bildungsprogramme“ (siehe ebd.), wo junge Frauen ihre Ideen, Erfahrungen, Wissen und Meinungen kommunizieren und unter Gleichgesinnten austauschen können. Solche partizipativen Räume erfordern aber auch einen Lernprozess, der von allen Beteiligten geteilt werden muss: Themen wie die Betonung auf prozess-orientierten, nicht-hierarchischen und kollaborativen Arbeitsmethoden, die bewusste Reflexion, Verhandlung und Reklamation von Raum und das Zulassen von möglichen Konflikten und von kritischer Selbstreflexion sind allesamt eine große Herausforderung.

VI „Ladyspace“ als feministischer Gegenraum: Raumaneignung am Beispiel des Ladyfest Wien

Das Ladyfest Wien fand bisher drei Mal statt (2004, 2005 und 2007) und wurde als nicht-elitäres, demokratisches, offenes Festival konzipiert. Wichtig für das Ladyfest Wien ist die bewusste Reflexion von Raum (In welchen Räumen findet es statt? Wie werden diese Räume gestaltet?) und Raumaneignung. Im Programmheft des Ladyfest Wien 2004 wird das Anliegen beschrieben „queere Räume zu schaffen, die frei sind von allgegenwärtigen rassistischen, homophoben und sexistischen Strukturen“ (Ladyfest Wien 2004b) und zugleich festgestellt: „den Freiraum gibt es nicht“. Mooshammer und Trimmel (2005) argumentieren, dass Ladyfeste unterschiedliche feministisch-queere Strategien einsetzen, um einen so genannten „Ladyspace“ zu schaffen. Dieser „Ladyspace“ wird als feministischer Gegenraum beschrieben, der durch Verschiebungen im sozialen Raum und Kritik an vorherrschenden Strukturen entsteht. Eine Vielzahl von Kommunikations- und Repräsentationsformen – wie Graffiti, Plakate, Kleidung und direkte Kommunikation (Mooshammer/Trimmel 2005) – werden genutzt, um die „Besetzung“ von Räumen zu markieren. Diese Strategien sollen dazu beitragen, einen Raum zu schaffen, „in dem der respektvolle Umgang miteinander sowie das Vertrauen aufeinander einen hohen Stellenwert einnehmen.“ (Mooshammer/Trimmel 2008: 144). Die Reflexion von Raum sowie der Ziele und Gestaltungsmöglichkeiten erfolgt im Vorfeld im Organisationsteam. Wichtig ist nicht nur die Wahl des Raumes (von kommerziellen zu nicht-kommerziellen Räumen, öffentlichen Räumen wie Parks), sondern auch mit welchen Strategien der Raum reklamiert wird. Es geht dabei darum, repressives Verhalten zu benennen und nicht zu tolerieren. Alle TeilnehmerInnen werden dazu aufgerufen, sich im Sinne einer „Self Security“ gleichsam für den Raum verantwortlich zu fühlen, die eigene Position und Verhaltensmuster kritisch zu reflektieren und wenn nötig, Interventionen zu setzen:

„Reclaim the space!

wir wollen raeume, wo vieles und auch noch diversitaet, spass, freude, rausch, kreativitaet, begehren, freund*nnenschaft, kollektivitaet moeglich sind. und wo kein platz ist fuer respektlosigkeit, uebergriffe, ignoranz, diskriminierung, sexismen, homo- und transphobie, rassismen und antisemitismus. (…)

Im prozess des gestaltens vom ladyfest entstehen unsere raeume fuer die wir kaempfen. (...)

SELF SECURITY – ALLE sind SECURITY. soll heißen, alle sind verantwortlich: wenn du mitkriegst, dass neben dir eine(r) jemand anders blöd angeht, ist es gut, zumindest mal zu fragen, ob alles ok ist, ob hilfe benötigt wird. dann ist schon mal klar, dass frau/man nicht alleine mit dieser situation klar kommen muss. und das allein kann schon helfen. wenn es zu verbalen/körperlichen übergriffen kommt, sollte es selbstverständlich sein, dass sich menschen, die das bemerken, einmischen, so können wir gemeinsam den raum, den wir uns wünschen, schaffen und auch verteidigen.“ (Ladyfest Wien 2007: 5f)

Mit Interventionen wie self security soll auch klar gemacht werden, dass solche Räume nicht schon von vornherein freie Räume sind, sondern immer erst entstehen und verhandelt werden müssen. Raum wird so als etwas Politisches verstanden, der von allen Beteiligten gemacht wird und nie abgeschlossen, sondern ständig im Entstehen ist. Ein „Ladyspace“ kann nur entstehen, wenn sich alle TeilnehmerInnen aktiv mit der Gestaltung auseinandersetzen, sich daran beteiligen und sich auf Konflikte einlassen. Im „Ladyspace“ sind dadurch Vielfalt und Momente des Unerwarteten möglich und es kann nach Doreen Massey (zit. Hipfl 2004) zur Produktion neuer Geschichten und neuer Bewegungen kommen. Wenn diese Prozesse des Raumeinnehmens und Reklamierens bewusst gemacht werden, können längerfristige Effekte auf die Veränderung der täglichen Erfahrung von Raum und der Reklamation von Raum beobachtet werden (Trimmel/Mooshammer 2005).

VII Ladyspaces als „border spaces“ und kulturelle Identitätsräume

Entgegen der hegemonialen Einschätzung von Ladyfesten und feministischer Medien-Produktion als „unpolitischer Spaß“ von und für junge Frauen bewerten Aapola et al. (2005: 213) diese jugendkulturellen Ausdrucksformen als bedeutungsvolle „neue“ und „andere“ Räume für eine Politik im kulturellen Feld. Sie kritisieren, dass dieser mikropolitische Aktivismus sowie potenzielle neue Formen von politischer Organisation und von Protest junger Frauen oft nicht registriert werde, aber genau in diesen „anderen“ Räumen ein „neuer Feminismus“ zum Vorschein kommen könnte (ebd.: 216). Die australische Soziologin Anita Harris (2004: 179) spricht von „border spaces“, die von jungen Frauen generiert werden und primär gleichgesinnten Peers offenstehen. Junge Frauen entwerfen sich in diesen „border spaces“ als „neue Art von Bürgerinnen“ (ebd.: 179). Dies geschieht teils durch den Versuch, die Bedeutung von „citizenship“ weg vom Konsum in Richtung aktive kulturelle Produktion zu verschieben und durch den neue Ausdrucksarten von politischem Engagement (z. B. über Culture Jamming und neue Medien wie wikis, e-zines, blogs etc.). Die in den „border spaces“ stattfindende neu konfigurierte partizipative (bottom-up) Politik ermögliche Verbindungen zu anderen emanzipatorischen sozialen Bewegungen ebenso wie neue Formen der Selbstorganisation, Allianzen- und Netzwerkbildung. Obwohl die politische und längerfristige Wirksamkeit dieser Räume schwer zu beurteilen sei, plädiert Harris dafür, diese als temporäre Orte des Experimentierens, Austauschens und Reflektierens mit anderen jungen Erwachsenen ernst zu nehmen.

Ladyfeste können als temporäre „border spaces“ erfasst werden, in denen junge Frauen als kulturelle Produzentinnen aktiv werden, Wissen und Kompetenzen erwerben, Allianzen und Netzwerke bilden, Kritik an Macht- und Herrschaftsverhältnissen üben, sich mit Raumaneignung auseinandersetzen sowie ihre eigene Position im Raum und in der Gesellschaft reflektieren. Ladyfeste nutzen unterschiedliche Strategien, um Aufmerksamkeit auf intersektionale Formen der Diskriminierung und des Ausschlusses innerhalb der Kunst-, Medien- und Kulturbereiche sowie auf die Dekonstruktion stereotyper Bilder zu lenken. Obwohl Ladyfeste auf respektvollem Umgang miteinander und Vertrauen basieren, sind auch soziale und strukturelle sowie diskursive Ausschlussmechanismen wirksam (so ist die mit Ladyfesten assoziierte demographische Gruppe vorwiegend weiß, jung, gebildet und entstammt der Mittelklasse) und Ladyfeste sind als selbstorganisierte Räume in Zeiten prekarisierter Arbeitsleistungen nicht konfliktfrei.

Brigitte Hipfl (2004) hat in dem Buch „Identitätsräume“ die Konzeption von medialen Identitätsräumen und Zwischen-Räumen dargelegt. Solche Räume sind in Anlehnung an die Geografin Doreen Massey von Momenten des Unerwarteten und des ständigen Gemachtwerdens gekennzeichnet und können damit zu Orten werden, an denen neue Identitätspositionen, Geschichten und Bewegungen entstehen und in ihrer Vielfalt nebeneinander stehen. In Bezug auf Ladyfeste wird durch die aktive kulturelle Produktion die traditionelle Rollenverteilung zwischen Produktion und Konsum aufgebrochen und das Publikum partizipativ einbezogen. Dadurch entstehen, so kann man mit Brigitte Hipfl argumentieren, nicht nur mediale sondern auch kulturelle Identitätsräume, die durch ihre diskursive Prozesshaftigkeit, Vielfalt und Momente des Unerwarteten gekennzeichnet sind und auch gesellschaftliches Veränderungspotenzial aufzeigen. Verbunden mit dem Konzept der „participatory culture“ (Jenkins et al. 2006) können wir also von partizipativen kulturellen und medialen Räumen sprechen. Aber es ergeben sich natürlich auch offene Fragen: Wie politisch und langfristig wirksam sind solche kulturellen Räume? Welche anderen Beispiele gibt es? Wie sieht deren konkrete praktische Umsetzung aus?

VIII Bedeutung in pädagogischen Kontexten

Warum sind solche Fragen zu partizipativen kulturellen und medialen Räume in schulischen und pädagogischen Zusammenhängen wichtig? Grundsätzlich schaffen jugendkulturelle, selbst-definierten Räume eine Alternative zu den Mainstream-Repräsentationen und bieten die Möglichkeit der vielfältigen Selbstrepräsentation für den Ausdruck von marginalisierten Stimmen und die Hinterfragung von Rollenbildern. Räume und Netzwerke außerhalb formalisierter Bildungseinrichtungen können geschaffen werden, in denen junge Menschen Gleichaltrigen ihre Erfahrungen und Ideen lokal oder über Grenzen hinweg kommunizieren. Ladyfeste können als Beispiel einer lebendigen partizipativen Kultur im Unterricht (oder in außerschulischen Projekten) angeführt und erfahren werden.

Wir müssen davon ausgehen, dass es keine „freien Räume“ ohne Exklusionsmechanismen gibt. Aber für die Lernenden können sich Handlungsmöglichkeiten eröffnen, indem sie selbst als kulturelle ProduzentInnen aktiv werden können. Wie in den von Paul Gee angesprochenen “affinity spaces” tauschen sich junge Menschen über gemeinsame Interessen aus und tragen durch das Aufbrechen von ExpertInnenwissen zu einer Demokratisierung unterschiedlicher Wissensformen bei. In Workshops (wie bei den Ladyfesten) nehmen Jugendliche eine aktive, kreative und kritische Rolle in der Gestaltung ihrer Umgebung ein und kreieren im Sinne des „Do-It-Yourself“ selbstverantwortlich ein künstlerisches, kulturelles oder mediales Projekt von der Idee bis zum Vertrieb. Dieser emanzipative Aspekt setzt einer konsumierenden Haltung produktive Kritik am Bestehenden, aktive kulturelle Produktion und Selbstbestimmung entgegen und regt kritische Denk- und Meinungsbildungsprozesse an. Dadurch können Prozesse kritischer Reflexion und niedrigschwelliger partizipativer Kultur in Gang gesetzt werden, die künstlerischen Ausdruck und zivilgesellschaftliches Engagement im Austausch mit anderen fördern und in denen Erfahrungen und Wissen untereinander mit Wertschätzung weitergegeben werden.


Anmerkungen

[1] Dieses Forschungsprojekt (gefördert vom FWF, T360-G12, durchgeführt 2007–2011 an der Universität Salzburg) untersucht die Produktion kultureller Räume von jungen Frauen am Beispiel der Ladyfeste; im Zuge dessen wurde ein online Archiv unter www.grassrootsfeminism.net/cms/sortable_node_list_digital_fest/125 geschaffen. Dieser Artikel basiert auf Vorarbeiten (s. Reitsamer/Zobl 2010, Zobl 2011a, 2011b). Danke an Stefanie Grünangerl und Roswitha Gabriel für ihre Kommentare.


Literatur

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