Schwerpunkt

4/2012 - Soziale und Mediale Räume

Nummern für Räume: Zwischen Verbrechensbekämpfung, Aneignung und Klassenkampf

Eine Dokumentation

AutorIn: Anton Tantner

Die unscheinbare Kulturtechnik der Nummerierung wurde spätestens seit der Frühen Neuzeit dazu eingesetzt, Individuen im Raum zu verorten, sei es in Häusern, Räumen oder selbst in Betten. Anton Tantner untersucht diese Identifizierungspraktik und führt soziale und mediale Anwendungen der Menschenzählung vor Augen.

Abstract

The assignment of numbers to identify spaces can be traced back at least to early modern history: Houses, rooms and even hospital beds were numbered in order to administer and rule people; most often the cultural technique of numbering was used for police or state purposes but there are also examples of employing it for anticapitalist aims. The historian Anton Tantner documents in this contribution some of the ways, numbers were and are used in history and present.


„Parzellierung“ oder auch „Lokalisierung“ nennt Michel Foucault in seinem Werk „Überwachen und Strafen“ die für Disziplinarapparate charakteristische Methode, jedem Individuum einen Platz zuzuordnen, um „unkontrollierte[s] Verschwinden“ und „diffuses Herumschweifen“ zu vermeiden. Es handelt sich dabei um eine Einpflanzung des Modells der Klosterzelle in Einrichtungen wie Gefängnisse, Fabriken, Spitäler, Anstalten, Universitäten oder Schulen (Foucault 1991: 183f.).

Teil dieses Prozesses der „Parzellierung“ kann der Einsatz einer unscheinbaren „Kulturtechnik“ (zu diesem Begriff u. a.: Siegert 2011) sein, nämlich der Kulturtechnik der Nummerierung: Diese vergibt einem Objekt oder Subjekt – ganz gleich ob einer Buchseite, einem Haus, einem Bezirk, einem Regiment oder einer Person, sei sie Sträfling oder PolizistIn – eine Zahl, um diese/s eindeutig identifizierbar zu machen. Diese Zahl hat dieselbe Funktion wie ein Name – TheoretikerInnen der Gebrauchsweisen von Zahlen sprechen daher von der „nominalen“ Zahlenzuweisung (Wiese 2004: 127, 132) –, mit dem Unterschied, dass sie im Gegensatz zum Namen eindeutiger ist – es gibt nur ein beschränktes Repertoire an miteinander verwechselbaren Namen, aber ein potenziell unendliches Reservoir an Zahlen – und dass sie seltener mit Geschichten beispielsweise über eine genealogische Herkunft verbunden wird. Wird eine Zahl zur Identifizierung eingesetzt, wird sie zur Nummer, wobei die Geschichte der Kulturtechnik der Nummerierung noch zu schreiben bleibt; an dieser Stelle sollen einige Materialien dafür geliefert werden.

Klassenzimmernummerierung gegen Amokläufe

Der Prozess der „Parzellierung“ erlebt heute noch – in einem Zeitalter, in dem die Macht der Disziplinen vielleicht von der Verpflichtung des Subjekts zum Management seiner Selbst abgelöst bzw. zumindest ergänzt wird – seine Modifikationen und Optimierungen. Wie so oft wird dabei von den BefürworterInnen einer besseren Regierbarkeit des Sozialen das Argument der Sicherheit herangezogen, um Innovationen zu propagieren:  So diskutierten im Jahr 2007 VertreterInnen der Schulen und Polizei der Stadt Bonn, welche Maßnahmen zur Bekämpfung von Amokläufen an Schulen eingesetzt werden könnten; seitens der Polizei wurde folgender Vorschlag ventiliert: In sämtlichen Schulgebäuden wären einheitliche Raumnummern anzubringen, was – so die Darstellung einer Tageszeitung – „dann etwa so aussehen [könnte]: Alle Chemieräume zum Beispiel könnten die Nummer 20, Werkräume die Nummer 10 erhalten. Räume im Erdgeschoss könnten mit einer 0 vorneweg gekennzeichnet werden und so weiter. [Absatz] Aus Sicht der Polizei ein sinnvolles Projekt, (...)[,] [d]as auch nicht nur bei Amokläufen helfen könnte, an Schulen Menschenleben zu retten und Täter auszuschalten. Auch in anderen Krisensituationen, etwa bei Bränden, sei eine schnelle Orientierung für die Einsatzkräfte ungeheuer wichtig (...). Sinn mache deshalb eine einheitliche Raumnummerierung in Verbindung mit entsprechenden Bauplänen aller Schulen, die der Polizei zur Verfügung gestellt werden sollten, damit sie in Notfällen die Maßnahmen zielgerichteter als bisher einleiten kann“ (Inhoffen 2007). Zweck der Nummerierung wäre demnach, die eindeutige und schnelle Identifizierung der Räume sicherzustellen: Das Eingreifen von Polizei und Rettungsdiensten sollte nicht durch langes Nachfragen, wo denn nun genau der Raum sich befände, in dem der Amokläufer sein Unwesen treiben oder eine zu rettende Person sich aufhalten würde, verzögert werden.

Balkonnummerierung als Anti-Riot-Maßnahme

In der jüngeren Vergangenheit wurden auch Objekte, die üblicherweise nicht einer Nummerierung unterzogen werden, mit dieser Adressierungstechnik bedacht. Wer hätte sich je vorstellen können, dass die Balkone eines Studentenheims als Anti-Riot-Maßnahme nummeriert würden? So geschah es zur Jahrtausendwende in State College, Pennsylvania: Dort hatten im Sommer 1998 mehr als 1000 Jugendliche revoltiert, indem sie Straßenlampen niederrissen, Ladenfenster und Windschutzscheiben einschlugen sowie Feuer anzündeten; des weiteren warfen ZuschauerInnen von den Balkonen angrenzender Wohngebäude Bierflaschen, Eier und Toilettenpapier auf die darunter befindliche Menge. Es brauchte den Einsatz von Tränengas, Pfefferspray und Schlagstöcken, dass die Revolte durch die Polizei aufgelöst wurde; 20 UnruhestifterInnen wurden anschließend verhaftet, mehr als die Hälfte davon waren StudentInnen der Pennsylvania State University. In den darauf folgenden Tagen setzte seitens der Behörden, Universitätsangehörigen und NachbarInnen eine Debatte um die Ursachen des Aufstands ein, und es wurden auch Maßnahmen zur Verhinderung künftiger Unruhen diskutiert; so machten die VertreterInnen der städtischen Behörden die Bauweise der studentischen Wohnhäuser, insbesondere die daran angebrachten Balkone für die Unruhen verantwortlich und schlugen vor, die Zimmernummern der Studentenwohnungen an den Balkonen jener Gebäude anzubringen, von denen die Krawalle geschürt worden waren. Es gab durchaus Stimmen, die sich gegen diese Maßnahme aussprachen, die ästhetische Bedenken anführten, Belästigungen der BewohnerInnen sowie eine Minderung des Werts der Immobilie befürchteten, doch letztendes setzten sich die BefürworterInnen der Balkonnummerierung durch. Als es 2000 erneut zu Unruhen kam, konnte die Lokalpresse zufrieden melden, dass Balkone, auf denen sich Personen nackt gezeigt oder Gegenstände hinuntergeworfen hatten, durch ihre Nummer identifiziert werden konnten. – Wie Reuben Rose-Redwood, der Chronist dieser Episode, betont, zeigt sich daran der politische Aspekt einer vermeintlich so selbstverständlichen und neutralen Technik, den die Vergabe beziehungsweise Sichtbarmachung einer Nummer implizieren kann (Rose-Redwood 2012: 296f.).

Hausnummer und Verbrechen

Die genannten Beispiele sind keineswegs das erste Mal in der Geschichte der Kulturtechnik der Nummerierung, dass vorgeschlagen wurde, diese oft unbeachtete Adressierungstechnik zur Prävention oder Bekämpfung von Verbrechen zu verwenden: 1753 wurde zum Beispiel in Wien darüber diskutiert, in der Haupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie die Hausnummerierung einzuführen: Zur leichteren Besorgung der aufwändigen Beschreibung sollten alle Häuser in und vor der Stadt sichtlich ober den Fenster des ersten Stoks nummeriert werden, damit ohne lange Nachsprach, wo diese oder jene zu wissen nöthig habende Persohn wohne, jedermann durch den auf dem Beschreibungs-Zettul anmerkenden numerum (...) gleich aufgesuchet werden könne. Gewiss, der Argwohn der boshafte[n] Volckmenge gegen die Neuerung wird befürchtet; um diesen zu entkräften, war Aufklärung vonnöten: Mit guter Art sollte den misstrauischen Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohnern begreiflich gemacht werden, dass die Maß­nahme der Hausnummerierung blos allein zu besserer Ausf{in}digmachung derer verdächti{g} lieder­lich und gefährl[ich] Leu{ten} abgeziellet seye. Ihnen sei kundzutun, daß dieses lediglich zu beybehaltung der ruhe, und Sicherheit beschehe und dass dadurch die Stadt rein gehalten werden solle von sich einschleichende gefahrliche, oder verdächtige Leute. – Die Einführung der Hausnummerierung wurde demnach als Mittel zur Verbrechensbekämpfung angepriesen, ein Argument, dass bis hin zur heute weitgehend durchgesetzten Speicherung der Fingerabdrücke in Reisepässen die Einführung neuer Kontrolltechniken oft begleitet; die Überlegungen zur prak­tischen Umsetzung der Hausnummerierung waren damals übrigens schon recht weit gediehen: Die Hauseigentümer sollten dazu verpflichtet werden, jeweils auf eigene Kosten eine Blechtafel in der Höhe und Breite von je einem halben Schuh anzuschaffen; damit der Glanz bey dem Sonnenschein nicht blende, müsste diese grundiert werden. Selbst die Länge der darauf zu schreibenden schwarze[n] Zifer wurde angegeben: Vier Zoll sollte sie betragen, und anzubringen wären die Tafeln bei Häusern mit großen Toren mitten ober dem Thor zu befestigen, bei Häusern mit kleinen Türen in der Mitte der Breite unter dem Fenster des Ersten Stocks. Schließlich gab es aber seitens der Behörden dann doch Bedenken und das Adressierungsprojekt wurde im März 1754 ad acta gelegt. (Zitate laut Akten im Österreichischen Staatsarchiv, Nachweise bei Tantner 2007a: 32).

Ähnliche Argumente wie in Wien führten allerdings im Jahr 1770 dazu, dass in München die Hausnummerierung eingeführt wurde: Damals erhielt der Maler Franz Gaulrapp den Auftrag, die vier Viertel der bayerischen Metropole jeweils durchzunummerieren, was als Polizeimaßnahme gedacht war, die gegen BettlerInnen und VagantInnen gerichtet war, also gegen jene Personen, die in der Frühen Neuzeit mit einem immensen Aufwand an behördlichen Regelungen und Verfolgungsmaßnahmen schikaniert wurden; die Nummer wurde mit weißer Farbe auf die Haustür gemalt (Schattenhofer 1984: 173).

Vom Siegeszug der Hausnummer

Überhaupt erlebte die Hausnummer im 18. Jahrhundert – im dem laut dem romantischen Schriftsteller Friedrich Schlegel die „mathematische Staatsansicht“ vorherrschend war – (Schlegel 1966: 400) ihren Triumphzug, ganz gleich ob in Madrid, Mailand, London oder Paris, in den kleinsten habsburgischen Gebirgsdörfern oder in preußischen Provinzstädten, die Häuser wurden nummeriert, wobei die Motivation für diese Beschriftungsaktionen durchaus unterschiedlich sein konnte: Mal war es die Vorbereitung eines Rekrutierungssystems, dann die Militäreinquartierung, die Besteuerung oder die Brandschutzversicherung, die den Anlass dazu boten, den Gebäuden eine Nummer zu verpassen; niemals wurde argumentiert, dass die Nummern der Bevölkerung oder Reisenden die Orientierung in dem Häusermeer der wuchernden Städte erleichtern konnte. Es handelte sich somit um eine Technik, mit der der „absolutistische“ Staat gebildet wurde und die Regierbarmachung der Gesellschaft sichergestellt werden sollte.

Im 19. Jahrhundert setzte sich diese Verbreitung der Hausnummerierung dann fort, es wurden neue Systeme eingeführt – in Europa z. B. nach US-amerikanischem Vorbild die uns zumeist vertraute wechselseitige Nummerierung, bei der die geraden und ungeraden Nummern auf jeweils gegenüberliegenden Straßenseiten angebracht werden – und noch in der Gegenwart werden etwaige nummernlos verbleibende Zonen nummeriert, als Beispiele seien Seoul und Addis Abeba genannt, wo erst in den letzten Jahren ein westliches Adressierungssystem eingeführt wurde (Zur Hausnummerierung: Tantner 2007a, 2007b; Wittstock 2010; Rose-Redwood/Tantner 2012). Auch manche ländliche Regionen der USA erlebten erst jüngst die Vergabe neuer Hausnummern: So waren zum Beispiel in West Virginia bis vor kurzem zumeist nur die Briefkästen nummeriert, die oft genug weit weg von den eigentlichen Häusern standen und damit keinerlei Auskunft über deren Lage gaben. Das neue, 2001 beschlossene Hausnummernsystem wurde mit dem Argument der Sicherheit – das heisst insbesondere der leichteren Auffindbarkeit der Häuser durch Rettungsdienste – propagiert und nach der Notrufnummer 911 auch als 911 addressing system bezeichnet; Pech nur, dass manche HauseigentümerInnen so gar nicht glücklich über den Erhalt einer neuen Nummer waren: Einige von ihnen beließen es nicht bei starken Worten und bedrohten die Hausnummerierer mit Schrotflinten und Macheten, was ein Mitglied des für die Hausnummerierung zuständigen Addressing and Mapping Board mit dem markigen Macho-Spruch quittierte: Addressing isn’t for sissies (Rose-Redwood 2012: 311).

Bettennummern

Dass die Nummerierung dazu fähig ist, in die Häuser einzudringen und selbst noch innerhalb der einzelnen Zimmer Unterscheidungen schaffen kann, bewiesen die Spitäler der Barmherzigen Brüder bereits im 17. Jahrhundert: Es war deren Ordensmann Johannes Baptista Savonantius de Cassinetti, der in einem 1623 veröffentlichten Traktat vorschlug, dass „[d]ie einzelnen Betten (...) aber mit gewissen Nummern bezeichnet sein [sollen], damit gemäß den Bettennummern eine Unterscheidung zwischen den Kranken geschehen kann“ (Savonantius de Cassinetti 1623: 126, zitiert nach einem freundlichen Hinweis von Carlos Watzka per E-Mail, 12.04.2012); und tatsächlich: in dem von diesem Orden im damals niederösterreichischen Feldsberg (Valtice) angelegten Spital wurden ab 1630 die Bettennummern 1 bis 11 vergeben (Watzka/Jelinek: 251). Auch im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, das im 18. Jahrhundert aus dem Großen Armenhaus geschaffen wurde, herrschte laut einem Reiseschriftsteller eine „schöne Ordnung“, die jegliche „Konfusion“ – etwa eine falsche Behandlung der Kranken – verhindern sollte: „Die Kranken sind in Sälen, so viel möglich nach ihren Krankheiten rangirt, und die gleichen zusammen eingetheilt. Die männlichen und weiblichen Kranken sind abgesondert. Die Anzahl dieser Säle ist 86, jeder ist numerirt und enthält 20 bis 25 Betten. Jeder Kranke schläft allein, und ist durch einen geräumigen Plaz von seinem Nachbar abgesondert. (...) Neben jedem Bette hängt eine Tafel, auf welcher die Nummer des Betts, der Name des Kranken, die Zeit seiner Krankheit, die Arzeneyen, die ihm verordnet worden, die Stunde, wenn er sie einzunehmen hat, und die besonders merkwürdigen Zufälle seiner Krankheit stehen“ ([Roeder] 1789: 306f).

Nummerierung im Fordismus

Eine Hochzeit erlebte die Nummerierung im Fordismus, die ArbeiterInnen in den durch Fließbandarbeit gekennzeichneten Fabriken wurden in jeder Minute ihres Alltags damit konfrontiert. Einer der europäischen Industriellen, der in der Zwischenkriegszeit die Lektionen Henry Fords begierig aufnahm, war der tschechoslowakische Schuhfabrikant Tomáš Baťa; über die Zustände in der von ihm im mährischen Zlin angelegten Werksiedlung wird folgendermaßen referiert:

„Alles unterliegt der Rationalisierung. (...) Die Fabrikgebäude sind numeriert, damit man sich nicht verirrt. Auch die Türen in den Gebäuden sind numeriert. Jede Straße auf dem Werksgelände hat ebenfalls eine Nummer. [Absatz] Durch die 21 geht man nach VIII/4a“ (Szczygiel 2008: 22, vgl. 29).

Noch radikaler ging es in den 1960er Jahren bei FIAT zu, wie Nanni Balestrini in seinem Roman „Wir wollen Alles“ aus Perspektive des Operaismus zu berichten weiß:

„Jeder FIAT-Arbeiter hat eine Werkstornummer, eine Gangnummer, eine Umkleidekabinenummer, eine Spindnummer, eine Werkstattnummer, eine Fließbandnummer, eine Nummer des Arbeitsvorganges, den er ausführen muss, eine Nummer, wie viel Maschinenteile er machen muss. Es besteht alles aus Nummern. Sein Tag bei der FIAT ist vollständig geplant und wird von diesen Nummern bestimmt. Einige davon sieht man und andere sieht man nicht. Eine Reihe von nummerierten und unausweichlichen Dingen. Da drin zu sein bedeutet, dass du mit dem nummerierten Werksausweis so machen musst, wenn du reinkommst, dass du einen bestimmten nummerierten Gang lang musst, dann einen nummerierten Korridor. Und so weiter“ (Balestrini 2003: 69).

Adressen und Nummern im Klassenkampf

Die soeben zitierten Passagen sollen jedoch keineswegs suggerieren, dass die Kulturtechnik der Nummerierung und die Kenntlichmachung von Räumen nur das Leben des Proletariats prägen würden; schon manch ein habsburgischer Adliger war keineswegs glücklich über den Umstand, dass sein Palast gleich den einfachen Hütten des Volks mit einer Nummer versehen wurde. Insbesondere in Ungarn scheiterte in den 1780er Jahren die Einführung der mit einem Rekrutierungssystem verbundenen Hausnummerierung zunächst am adligen Widerstand (Tantner 2007a: 58f.).

Dass heute noch Adressen und Nummern klassenkämpferische Sprengkraft entwickeln können, bewies der Theaterregisseur Volker Klösch, als er 2008 im Hamburger Schauspielhaus das antikapitalistische Stück „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ inszenierte. Darin wurde unter anderem eine Liste von Namen, Wohnanschriften und Vermögenshöhe derjenigen HamburgerInnen verlesen, die laut einer Aufstellung des „Manager Magazin“ zu den 300 reichsten Deutschen gehörten; prompt reagierten vier der genannten mit Anwaltsschreiben und versuchten, ihre Nennung zu verhindern (Superreiche 2008). Das Kapital mag spätestens im Neoliberalismus ortlos, flüchtig und grenzüberschreitend geworden sein; seine Charaktermasken aber können per Adressen verortet werden, und die Drohung, dass sie oder zumindest ihre Vermögen zur Rechenschaft gezogen werden könnten, schwebt permanent über ihm.

Ein Recht auf Adressierbarkeit

Es ist ein Charakteristikum sozialer Bewegungen, sich gegen Kontroll- und Überwachungstechniken – und auch die Hausnummerierung ist eine solche – zur Wehr zu setzen. Doch manchmal kann es auch umgekehrt sein, wie ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte Österreichs beweist: Im Zuge der Proteste gegen die Bildung der Koalitionsregierung von ÖVP und FPÖ wurde am 9. Februar 2000 am Ballhausplatz, wo sich sowohl das Bundeskanzleramt als auch die Präsidentschaftskanzlei befinden, von RegierungsgegnerInnen die Botschaft besorgter Bürgerinnen und Bürger eröffnet. Zunächst untergebracht in einem Zelt, später in einem Container, sollte diese Einrichtung ein Treffpunkt des Widerstands gegen die unerwünschte Regierung sein und wurde zum Ausgangspunkt der wöchentlichen Donnerstagsdemonstrationen. Die ungewöhnliche Botschaft nahm sich das Recht auf Adressierbarkeit, indem sie sich Anfang März 2000 selbst eine Hausnummer gab, nämlich Ballhausplatz 1A. Diese Ortsangabe wurde auch von Radio Widerhall, einer vom Alternativsender Radio Orange ausgestrahlten Sendung als Kontaktadresse angegeben; auf der Homepage fand sich dazu die Anmerkung: eingeschrieben kommt es sicher an (Nachweise bei Tantner 2007b: 63, 76). Adressierbar zu sein bedeutet demnach nicht nur die mögliche Verpflichtung, zum Militär eingezogen werden zu können oder Steuern zahlen zu müssen. Zuweilen handelt es sich um ein begehrenswertes Gut. Kontroll- und Überwachungstechniken haben demnach dann eine Chance, sich durchzusetzen, wenn sie von den Betroffenen für ihre eigenen Zwecke angeeignet werden können.


Literatur

Balestrini, Nanni (2003, EA 1971): Wir wollen Alles. Roman der FIAT-Kämpfe, Berlin/Hamburg/Göttingen: Assoziation A.

Foucault, Michel (1991): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Inhoffen, Lisa (2007): Polizei will einheitliche Nummerierung der Klassenräume, in: General-Anzeiger, 15.08.2007, online unter: http://www.general-anzeiger-bonn.de/lokales/bonn/Polizei-will-einheitliche-Nummerierung-der-Klassenraeume-article139207.html (letzter Zugriff 15.11.2012)

[Roeder, Philip Ludwig Hermann] (1789): Reisen durch das südliche Teutschland. 1. Band, Leipzig/Klagenfurt: Crusius/Walliser.

Rose-Redwood, Reuben (2012): With Numbers in Place: Security, Territory, and the Production of Calculable Space, in: Annals of the Association of American Geographers, vol. 102, 295-319, DOI: http://dx.doi.org/10.1080/00045608.2011.620503 (letzter Zugriff 15.11.2012)

Rose-Redwood, Reuben/Tantner, Anton (2012) (Hg.): History of Urban House Numbering. Special Section der Zeitschrift „Urban History“, Vol. 39, Nr. 4, online unter: http://journals.cambridge.org/action/displayIssue?jid=UHY&volumeId=39&issueId=04&seriesId=0 (letzter Zugriff 15.11.2012)

Savonantius de Cassinetti, Johannes Baptista (1623): Tractatus de Hospitalibus et de Pauperum subsidio instituendo, Prag: Paulus Sessius.

Schattenhofer, Michael (1984): Bettler, Vaganten und Hausnummern, in: Oberbayerisches Archiv, Bd. 109, Nr. 1, 173–175.

Schlegel, Friedrich (1966): Über die neuere Geschichte, in: ders.: Studien zur Geschichte und Politik. (=Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 7. Hg. von Ernst Behler), München u. a.: Schöningh, 125–407.

Siegert, Bernhard (2011): Kulturtechnik, in: Mayer, Harun/Scholz, Leander (Hg.): Einführung in die Kulturwissenschaft, München: Fink/UTB, 95–118.

Superreiche am Pranger (2008), in: Hamburger Morgenpost, 27.10.2008, online unter http://www.mopo.de/news/klassenkampf-im-schauspielhaus-superreiche-am-pranger,5066732,5462750.html (letzter Zugriff: 16.11.2012).

Szczygiel, Mariusz (2008): Kein Schritt ohne Bata, in: ders.: Gottland. Reportagen, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 7–50.

Tantner, Anton (2007a): Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie. (=Wiener Schriften zur Geschichte der Neuzeit; 4), Innsbruck/Wien/Bozen: Studienverlag.

Tantner, Anton (2007b): Die Hausnummer. Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung, Marburg: Jonas Verlag.

Watzka, Carlos/Jelínek, Petr (2009): Krankenhäuser in Mitteleuropa vor der Aufklärung: Das Beispiel des Ordenshospitals der Barmherzigen Brüder in Feldsberg/Valtice und seiner Patienten 1630–1660, in: Medizinhistorisches Journal, Vol. 44, 235–273.

Wiese, Heike (2004): Sprachvermögen und Zahlbegriff. Zur Rolle der Sprache für die Entwicklung numerischer Kognition, in: Schneider, Pablo/Wedell, Moritz (Hg.): Grenzfälle. Transformationen von Bild, Schrift und Zahl (=visual intelligence. Kulturtechniken der Sichtbarkeit; 6), Weimar: Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, 123–145.

Wittstock, Bernhard (2010): Ziffer Zahl Ordnung. Die Berliner Hausnummer von den Anfängen Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart im deutschen und europäischen Kontext. Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktor-Ingenieur-Grades, eingereicht an der Technischen Universität Berlin.

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nummerierung, zahl, identifizierung, amoklauf, rekrutierungssystem