Neue Medien

4/2012 - Soziale und Mediale Räume

No Copyright

Vom Machtkampf der Kulturkonzerne um das Urheberrecht

AutorIn: Raffaela Rogy

Smiers und van Schijndel stellen in ihrer Streitschrift „No Copyright“ einen recht radikalen Weg aus dem gegenwärtigen Urheberrechtssystem und exemplarische neue Verwertungsmodelle vor.

Verlag: Alexander Verlag
Erscheinungsort: Berlin/Köln
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-89581-275-0

Das Thema Copyright bewegt in diesen Tagen erneut die Öffentlichkeit: Massenproteste gegen Gesetzesentwürfe, wie das internationale Antipiraterie Abkommen ACTA, finden statt, Kunstschaffende sprechen sich gegen die „Everything-for-free-download“-Gesellschaft im Internet aus und Pamphlete wie „No Copyright“ entstehen. Zweifelsfrei sind die aktuellen Copyright-Debatten emotional aufgeladen, vor allem wenn Menschen auf die Straße gehen und für ihre Rechte und Freiheit kämpfen. Umso erfrischender und auch rationaler liest sich die Streitschrift „No Copyright“ des Politikwissenschaftlers Joost Smiers und der Medienwissenschaftlerin Marieke van Schijndel. Die beiden niederländischen Autoren stellen zunächst den historischen Werdegang des Urheberrechts vor, dessen Ziel es nie war, das geistige Eigentum des jeweiligen Autors oder Künstlers zu schützen, sondern vielmehr Druckern und Verwertern klar definierte Privilegien einzuräumen. Smiers’ und van Schijndels zentrale als auch radikale Forderung, das Fazit ihrer Darstellungen, lautet deshalb: Die Abschaffung des Urheberrechts. In weiterer Folge kommen die niederländischen Wissenschaftler zu der Annahme, dass das Recht auf geistigem und künstlerischem Material als eine „Spielart von Zensur“ verstanden werden kann. Das bestehende Urheberrecht arbeite, so Smiers und van Schijndel, gegen den freien Markt, fördere eine unkritische Massenkultur sowie die Marktdominanz weniger großer globaler Konzerne, die an die Stelle des staatlichen Zensors rücken.

Wie aber soll künstlerisches Schaffen ohne Urheberrecht entlohnt werden? Auf diese brennende Frage reagieren die Autoren Joost Smiers und Marieke van Schijndel mit der Eröffnung neuer Wettbewerbsrechte und der Befürwortung eines freien Markts, der unabhängig von Großkonzernen agiert. Als Verkaufstrategie bringen Smiers und van Schijndel das Prinzip des „First Movers“ zur Sprache. Derjenige der beispielsweise ein Buch herausbringt, hat – laut besagtem Prinzip – einen Zeitvorsprung gegenüber eventuellen Nachahmern, und könnte in diesem Zeitfenster angemessen das jeweilige Werk auswerten. Das niederländische Autorenduo führt für diese Überlegungen auch in mehreren Fallstudien aus den Bereichen Musik, Film oder Medikamentenpatente an.

„No Copyright“ ist wissenschaftlich, jedoch alles andere als verstaubt geschrieben. Allerdings sind einige Thesen beziehungsweise Forderungen von Joost Smiers und Marieke van Schijndel schlichtweg naiv und utopisch, wie beispielsweise die völlige Befreiung des Markts von Content-Monopolen der großen Film- und Plattenfirmen. Zudem werden die beiden Wissenschaftler ein wenig ungenau, wenn sie unterschiedliche Urheberrechtsgrundlagen aus den Bereichen Literatur, Film und medizinischer Forschung zu mischen beginnen. Auch das „First Mover“ System scheint eher aus der analogen Zeit zu entspringen; im digitalen Zeitalter von „copy and paste“ hätte der „First Mover“ wohl nur wenige Sekunden Zeit, sein Werk an die Leute zu bringen.  Mit der Streitschrift „No Copyright“ findet ein weiterer Baustein seinen Platz auf dem unfertigen Urhebergebäude, das wohl noch weitere Denkanstöße à la Smiers und van Schijndel benötigt, um ohne Gerüst stehen zu können.

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