Neue Medien

4/2012 - Soziale und Mediale Räume

Tagebuch eines Obdachlosen

Ethnofiktion

AutorIn: Thomas Ballhausen

Marc Augé legt mit seinem fiktiven „Tagebuch“ eine der eindringlichsten Reflexionen über die Schattenseiten sozialer Realität im beginnenden 21. Jahrhundert vor.

Verlag: C. H. Beck
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN 978-3-406-63080-4

Marc Augé ist mit seiner Ethnologie des Nahen fester Bestandteil der disziplinübergreifenden raumtheoretischen Diskurse. Die von ihm begründete Theorie der Nicht-Orte, jener transitorischen Orte, dieser auswechselbaren, nicht zum Verweilen einladenden Gegenden, erfährt im vorliegenden „Tagebuch eines Obdachlosen“ eine Fortführung als Untersuchung räumlicher Bedingungen unserer zunehmenden gesellschaftlichen Vereinsamung. Wie schon in seinen früheren Arbeiten stellt Augé radikale Prozesse der Verminderungen, die Auflösung des Gesellschaftlichen und das potentielle Herausfallen aus allen sozialen Bindungen und Netzwerken ins Zentrum seiner Überlegungen. Für die Gestaltung eines fiktiven Tagebuchs verbindet Augé seine Qualitäten als Ethnologe und als Autor und legt ein schmales Buch von beachtlichem diskursivem Gewicht vor. In Bezugnahme auf Claude Lévi-Strauss’ Forderung nach einer zu berücksichtigenden subjektiven Sicht im Rahmen einer allumfassenden Erfassung sozialer Tatsachen ist sein jüngstes Werk weder einen Roman noch eine Studie, sondern, wie er es selbst bezeichnet, „Ethnofiktion“. In dieser Balanceübung zwischen dem Literarischen und dem Anthropologischen liegt für Augé der in diesem Fall einzig gangbare Weg: „Die Wahrheit ist keine (sofern überhaupt möglich) buchstäbliche Transkription der Elemente der Realität. Das wissen Romanciers, aber sie nehmen gelegentlich zum Ausgangspunkt ein Thema, ein Wort oder einen Begriff aus der Anthropologie, bevor sie sich davon frei machen. Der Anthropologe geht hier den umgekehrten Weg. Er benutzt die Darstellungsweise des Romanciers, um die ganze Leibhaftigkeit, Emotion, Ungewissheit und Angst nachvollziehbar zu machen, die die von ihm bevorzugten Themen, die von ihm verwendeten Worte und die Begriffe in sich bergen, die er zu entwickeln versucht – zum Beispiel wie im vorliegenden Fall die des Ortes und des Nicht-Ortes.“ Doch nicht die Überwindung des Literarischen, wie man hier argwöhnen könnte, ist der dringlichste Wunsch des Autors, sondern nichts weniger als „den Wahnsinn der Welt“ zu enthüllen.

Die auf diese Weise angestrebte und auch vorgelegte „Erzählung, die eine soziale Tatsache aus der Perspektive einer einzelnen Person“ schildert, dient Augé als partikulares Beispiel, um das Phänomen der sogenannten neuen Obdachlosen darstellbar zu machen. Mit dem von der französischen staatlichen Ordnung vergebenen Akronym „SDS (Sans Domicile Stable – Menschen ohne stabilen Wohnsitz)“ werden diese, zumindest auf der Ebene der Verwaltung, von herkömmlichen Obdachlosen differenzierbar und unterscheidbar. Die damit Bezeichneten sind, wie sich anhand zahlreicher Zeitungsberichte und vorliegender Studien bereits schlüssig nachweisen lässt, keine Randerscheinung mehr: Ihr vorhandenes Einkommen ist zu gering, um Miete und andere Kosten alleine bestreiten zu können und sie bilden einen neuen Typus des von Herausforderungen, Flexibilitäts- und Mobilitätsforderungen überstrapazierten Nomaden, der gar nichts mit dem vermeintlichen Chic des bürgerlichen Bohemiens gemein hat. Vielmehr manifestiert sich hier das Leben in unzureichenden, ja unwürdigen Verhältnissen, in denen gelebt, gearbeitet und – mal mehr, mal weniger gut – durchgehalten wird. Die zunehmende Unleistbarkeit des souveränen Wohnens als Einzelner – insbesondere im urbanen Raum – zwingt diese Personen förmlich in bürgerliche Lebensformate (wie z.B. eine verbindliche Partnerschaft in einem gemeinsamen Haushalt) oder eben in besonders unbürgerliche Konstellationen (wie etwa eine Wohngemeinschaft mit entsprechend geteilten Kosten und Verpflichtungen). Mit beiden Wegen wären etwas wie, wenn man sie so betrachten will, Lösungsangebote vorhanden. Augés Protagonist aber ist nun eine literarische Zuspitzung all der realen neuen Obdachlosen, für die diese beiden Varianten, aus welchen Gründen auch immer, eben nicht (mehr) in Frage kommen: Henri Cariou, dessen Namen und Lebensgeschichte man aus den gebotenen Passagen rekonstruieren muss, ist ein frühpensionierter Beamter, der zwei Scheidungen und eine finale Wohnungsauflösung hinter sich hat. Als beispielhafter Vertreter einer erodierenden Mittelschicht bleibt ihm angesichts der verstärkten Kapitalisierung des (Wohn)Marktes, einer der vielen Auswirkungen der Krise(n) und der dahinterstehenden Giergesellschaft, nur das Leben ohne festen Wohnsitz. Es folgt ein immer betrüblicher werdender Lebensentwurf, ein regelrechter Zerfallsprozess, der auf den Ich-Erzähler und seine Notizen übergreift: „Wenn ich mich entschlossen habe, dieses Tagebuch zu führen, so tue ich dies ein wenig in der Absicht, mich an einen unbekannten Zeugen zu wenden, der nicht wirklich ich ist, sondern eher so etwas wie ein vorgestellter Leser. Ein Leser, dem ich mich aufgrund der Gewöhnung Tag für Tag ein wenig näher fühlen werde. Ich möchte den Gang meines Lebens wie eine Geschichte betrachten, von der ich mich einnehmen lassen kann. Wenn diese Geschichte erzählbar ist, so weil sie auf einer gewissen Logik basiert und nicht vollkommen verrückt ist. Darum werde ich sie erzählen.“

Die Abenteuerlust, die die erste Zeit nach der Lebensbilanzierung kennzeichnet, nutzt sich unter der Tristesse der beschriebenen Wirklichkeit schnell ab, auf das leergeräumte Appartement folgt das ausgehöhlte Leben. Die rezeptionsästhetische Haltung trifft auf eine letztendlich versagende literarische Sinnstiftung des unter Druck weiter zerfallenden Subjekts. Cariou übernachtet im seinem alten, zerbeulten Mercedes, als gespenstische heim-suchende Figur streunt er durch sein ehemaliges Wohnviertel, schafft sich nach Möglichkeit Ersatzinfrastrukturen in den städtischen Angeboten und erstarrt immer mehr in seinen vorgespielten Rollen und partikelgleicher Mimikry. Mit dem Verlust eines stabilen Rückzugs- und Wohnorts büßt der Berichtende seine sozialen Kompetenzen, seine Orientierung, seine Erinnerung und nicht zuletzt auch wesentliche Teile seiner Identität ein: „Der Verlust des Ortes ist wie der Verlust des Anderen, des letzten Anderen, des Phantoms, das einen empfängt, wenn man in seine einsame Wohnung zurückkehrt. [...] Es ist schwierig, eine Rolle zu spielen, wenn man keinen Ort mehr hat; an seinem Platz zu bleiben, wenn man ihn verloren hat; bei den Anderen zu sein, wenn man selbst ohne festen Wohnsitz, ohne Bleibe und fast namenlos ist.“ Auch flüchtige Begegnungen mit anderen Menschen vermögen weder daran, noch an dem schließlich dringender werdenden Wunsch nach einer anzutretenden Flucht aus den Umständen, etwas zu ändern. Die Schrift kann den Umständen kaum beikommen, die loser datiert werdenden Notate werden auf eine harte Probe gestellt. Dass Augé ganz vorsätzlich die Form des fingierten Diariums gewählt hat, das zwischen intimer Aufzeichnung und Adressierung einer undefiniert bleibenden Leserschaft oszilliert, erweist sich da als besonders geglückt. Doch Henri ist nicht nur Schreibender, er ist, ein weiterer bewusst gesetzter Hinweis, auch Lesender. Wenig überraschend werden Franz Kafkas Tagebücher und Fragmente als Referenz aufgerufen, ein stimmiges Verweissystem, das die Reflexion über Sterben, spurloses Verschwinden und existenzstiftendes Schreiben wortwörtlich erfahrbar macht: Es ist ein Schreiben, das deutlich macht, dass man sterben müsste, wenn man damit aufhört. Als Henri zuletzt doch den Weg aus der Stadt einschlägt, ist es für ihn auch dahingehend ein konsequent abschiedsloser Abschied: „Ich sagte mir, es sei an der Zeit, dass ich aufhörte, mich selbst zu belügen, wie ich die Anderen belog; Zeit, auf die Verstellung, die literarischen Anwandlungen und mein kleines Theater im 15. Arrondissement zu verzichten. Es war Zeit für eine Luftveränderung. Ich beschloss, mich einfach davonzumachen, ohne mich von jemandem zu verabschieden, und fuhr langsam los in Richtung Seine.“ Die Figur gerät in Bewegung, die Schrift hingegen stoppt – Henri kippt in aufzeichnungslose Ungewissheit und fällt aus dem Diskurs, den Augé hiermit anstößt. Das „Tagebuch eines Obdachlosen“ ist keine Sozialreportage, sondern ein theoretisch unterfütterter, literarischer Versuch, sich der Rastlosigkeit und Fragmentierung unserer Wirklichkeit anzunähern. Es ist ein elegantes, streckenweise resignatives Buch, das den Bürgersteig vielleicht nicht zum jüngsten, aber gewiss zum aktuellsten Nicht-Ort macht. Die Erzählbarkeit der komplexen Theoriezusammenhänge und sozialen Kontexte mag nicht in allen Punkten gelungen sein, doch Augé hat mit seinem „Tagebuch“ mehr als nur ein Stück lehrhafter Literatur vorgelegt. Sein Buch ist ein Denkanstoß, ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der gegenwärtigen entropischen Verhältnisse und der allumfassenden Verlogenheit unserer Tage.

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