Editorial

3/2012 - PädagogInnenbildung Neu

Editorial 03/2012 Medienbildung im Kontext der "PädagogInnenbildung NEU"

AutorInnen: Alessandro Barberi / Christian Berger

Editorial 03/2012

Liebe LeserInnen,

der Einsatz von Medien als Lehrmittel – aber vor allem als Informations- und Kommunikationsinstrument – erfordert, so wie das suchende Lernen in vernetzten auf Hypertext basierenden virtuellen Räumen, eine multimediale Schreib- und Lesekompetenz, die nicht auf lineare Schrifttexte begrenzt ist. Die Förderung der Medienkompetenz der Lehrenden sowohl in der Hochschule als auch in der Schule ist daher eine der wichtigen Aufgaben des Bildungssystems in unserer heutigen Wissens-, Informations- und Mediengesellschaft. Diese Konstellation wirkt sich direkt auf die Frage nach der Zukunft von Medienbildung und Medienpädagogik aus, weshalb sich die Redaktion der MEDIENIMPULSE entschlossen hat, dem Thema PädagogInnenbildung NEU ihre Schwerpunktausgabe 3/2012 zu widmen.

Auf allgemeiner Ebene haben bm:ukk und bmwf – wie im letzten Regierungsprogramm verankert – schon früh festgehalten, dass die Erstellung eines Konzepts nötig ist, das der Bologna-Struktur entspricht und dabei eine zwischen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen abgestimmte Neuorganisation der verschiedenen Lehramtsstudien entwickelt werden muss. Zu diesem Zweck wurde eine Vorbereitungsgruppe zur PädagogInnenbildung Neu unter der Leitung von Peter Härtel eingesetzt, deren Endbericht nach langen Diskussionen am 27. Juni 2011 Bildungsministerin Dr. Claudia Schmied und Wissenschaftsminister Dr. Karlheinz Töchterle übergeben wurde.

Im Rahmen dieses Endberichts werden Medien, Medienbildung und Medienpädagogik an vier Stellen direkt angesprochen:

  1. Auf allgemeiner Ebene soll die kommende LehrerInnenbildung den „gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung tragen“ und dabei „das Medien und Informationsumfeld“ berücksichtigen.
  2. Angesichts der Tatsache, dass „globale, multikulturelle und pluriethnische Welten […] das pädagogische Feld zu einer vielschichtigen Kommunikationswelt“ werden lassen, müssen „neue Kommunikationshaltungen“ erschlossen und antizipiert werden, um u. a. den „Umgang mit den Neuen Medien“ (medien)pädagogisch zu berücksichtigen
  3. In der Architektur des Curriculums ist neben der Grundbildung und den „fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen sowie pädagogischen (inkl. berufspraktischen und schulpraktischen) Studieninhalten“, die Möglichkeit einer weiteren „Vertiefung“ vorgesehen. Neben anderen Vertiefungsfächern (etwa Sprachförderung, Sozialpädagogik oder Inklusive Pädagogik) werden hier Medienpädagogik und IKT explizit genannt.
  4. Im Rahmen einer beispielhaften Induktionsphase des Curriculums werden der Medienpädagogik auf der Sekundarstufe I 30 ECTS-Punkte zugeordnet.

Insgesamt spielt mithin die Medienpädagogik im Rahmen des Endberichts eine eher untergeordnete Rolle, weshalb sich die Ausgabe 3/2012 der MEDIENIMPULSE auch als ein praktisch unterstütztes Plädoyer für die stärkere Berücksichtigung und intensivere Diskussion der Medienpädagogik im Rahmen der PädagogInnenbildung Neu lesen lässt.

Den Schwerpunktteil der MEDIENIMMPULSE eröffnet daher Bernhard Lahner, der einen knappen Einblick in den Ist-Zustand der Pädagogischen Hochschule für Studierende des Lehramts für allgemeine Sonderschulen im Hinblick auf medienpädagogische Ausbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten gibt und dabei auch die inhaltliche Umsetzung genauer betrachtet. Dabei wird der zeitliche Umfang über die Maßeinheit des European Credit Transfer and Accumulation Systems (ECTS) analysiert, mit der vorrangig der zeitliche Aufwand für Ausbildungseinheiten definiert wird. Anhand von zwei konkreten medienpädagogischen Unterrichtskonstellationen erläutert Lahner die Notwendigkeit medienpädagogischer Sensibilisierung bei SchülerInnen und LehrerInnen und fordert ein niederschwelliges Angebot, um das Bewusstsein für die medienpädagogische Durchsetzung der Unterrichtspraxis zu erhöhen.

Sehr handfest thematisiert Barbara Buchegger dann die Anwendung von Digitalen Technologien im Unterricht, um zehn praktische „Faustregeln“ der Medienpraxis zu definieren, die gleichzeitig auf die Notwendigkeit der Implementierung von Medienpädagogik in künftige Curricula verweist. So ist der Ausbau von Basiskenntnissen bei allen Beteiligten ebenso nötig wie die medienkompetente Kritik von Informationsquellen oder das gemeinsame Diskutieren und Anwenden technischer Medien. Ein breites Repertoire an Individualisierung und Methodenvielfalt im Unterricht steht daher genauso auf Bucheggers Agenda wie die Problembereiche Cybermobbing, Handy in der Schule oder Safer Internet.

Christian Swertz schließt dann in systematischer Absicht an die Ergebnisse der ministeriellen Arbeitsgruppen an und unterbreitet Vorschläge für die Umstellung der Lehramtsausbildung auf die dreigliedrige Studienarchitektur. Dabei argumentiert er nachdrücklich für die Einbindung medienpädagogischer Lehrveranstaltungen in die neuen Studienprogramme und betont, dass zumindest ein medienpädagogisch qualifizierendes Angebot für die Induktionsphase zu entwickeln ist, in dem die Reflexion der eigenen (medialen) Erfahrung im Blick auf die Weiterentwicklung der eigenen Praxis mit Hilfe medienpädagogischer Konzepte und Theorien im Mittelpunkt stehen sollte. Ob der fehlenden forschungsmethodischen Qualifikation der Studierenden wäre daher zumindest eine rudimentäre Einführung in medienpädagogische Forschungsmethoden (mit Studierendenberatung) in das Curriculum einzubauen.

Auch Gerhard Scheidl setzt sich für eine intensivere Berücksichtigung der Medienbildung ein, indem er herausarbeitet, dass Wissensmanagement und Medienkompetenz in einem wechselseitigen Verhältnis zu einander stehen und deshalb beidseitig berücksichtigt werden müssen, da sie wesentliche Einflussfaktoren für die Schulentwicklung darstellen. Dabei hält er fest, dass Wissen auf Daten und Informationen beruht und mithin unabdingbar mit dem Bereich der Medienproduktion verbunden ist. Die Unterscheidung von implizitem und explizitem Wissen dient ihm dazu, vier verschiedene Formen der Übertragung von Wissen zu unterscheiden: Sozialisation, Externalisierung, Kombination und Internalisierung. Soll mithin die LehrerInnenbildung als wesentlicher Motor für die Schulentwicklung begriffen werden, ist es unbedingt notwendig, neben der theoretischen Rechtfertigung auch entsprechende didaktische Szenarien zu entwickeln.

Im Rückgriff auf die „industrial education“ von John Dewey betont dann Iwan Pasuchin in beeindruckender Art und Weise, weshalb (Medien-)Pädagogik sich nicht nur als Vorbereitungsinstanz für wirtschaftliche Indienstnahmen verstehen kann, sondern demgegenüber einen demokratiepolitischen Auftrag hat: Denn Bildung, Demokratie und Wirtschaft wiedersprechen sich keineswegs, sondern können sich gegenseitig bereichern, sofern allgemein bedeutsame Bildungsziele definiert und umgesetzt werden. Dies erläutert Pasuchin anhand eines Umsetzungsbeispiels, um dann mit Nachdruck die Gesamtschule und eine Reform der Ausbildung der Lehrkräfte in Österreich zu befürworten. Er unterstürzt dabei die VerfasserInnen der ministeriellen Expertise, indem auch er den Hauptakzent auf die nötige Schulung der Lehrenden legt, sofern diese sich tatsächlich an demokratische Ziele anlehnt.

Christian Filk geht darüber hinaus mit dem letzten Beitrag des Schwerpunktteils der Frage nach, wie Lernende und Lehrende mit unterschiedlichen Voraussetzungen in der multimedialen Gestaltung und Produktion ausgebildet werden können, wenn Kompetenzprofile auf Komplementarität und Differenz hin ausgelegt werden sollen. Dabei dient ihm die Unterscheidung von Wissen (Knowledge), Fähigkeiten (Competence) und Fertigkeiten (Skills) dazu, einer dezidiert integralen Konzeption, Programmatik und (Hochschul-)Didaktik das Wort zu reden, in der kooperative Wissens- und Produktionsprozesse gegen den Anreiz zur Konkurrenz veranschlagt und gefordert werden müssen. Dabei ist es ihm auch darum zu tun, eine vierfache Konvergenz von Technik, Wirtschaft, Kultur und Narration zu denken, die in künftige Curricula Eingang finden müsste. Medien erfodern eben (meta)kommmunikative und soziotechnische Kompetenzen und Qualifikationen bei allen Beteiligten.

Aber auch in den anderen Ressorts finden sich diesmal wieder hoch interessante Beiträge: So erläutert Stefan Iske im Ressort Forschung das quantitative Verfahren der Analyse des Navigationsverhaltens in Hypertexten mittels Optimal-Matching. Ein sozialstatistisches Verfahren, mit dem es möglich ist, Social Communities, Wikis, Weblogs, Internetauftritte von Institutionen wie von Privatpersonen usw. zu analysieren, zu identifizieren und zu modellieren. Amina Ovcina Cajacob stellt dann in ihrem Artikel die Ergebnisse ihrer empirischen Studie vor, mit der die Wirkungen von Popstars und Pobbands auf Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren untersucht wurden. Unter der Anwendung des Uses-and-Gratifications-Approach kann sie zeigen, dass das Medium Fernsehen von eminenter Bedeutung für die Schaffung von Parasozialität ist. Wolf Silzenhauer berichtet dann von seinem Projekt zur videobasierten Rekonstruktion Subjektiver Theorien. Der Artikel skizziert den theoretischen Hintergrund sowie das didaktische Konzept des Projekts und geht dabei speziell auf die Bedeutung von Subjektiven Theorien für den Lehrberuf ein.

Natürlich kommt auch das Ressort Praxis nicht zu kurz: Denn Felix Studencki hat sich eingehend mit dem Zoom H1 Audiorecorder auseinandergesetzt und liefert uns einen erhellenden Testbericht. Siegfried Samer setzt dann unsere Diskussionen zum Urheberrecht digitaler Inhalte fort, indem er rekapituliert, welche juristischen Regeln für Video- und Audiobeiträge zu beachten sind. Und Wilfried Swoboda nimmt uns mit auf eine Reise in das Medienkompetenztraining JobFit an der Schule Holzhausergasse und berichtet sehr präzise von den praktischen Logiken des Projekts.

Im Ressort Kultur/Kunst berichten Paula Pfoser und Gudrun Rath eingehend von ihrer selbstreflexiven Involviertheit in das neue Kulturprojekt der Stadt Wien: die Wienwoche. Dabei betonen sie, dass kulturelle Räume wie dieser besonders wichtig sind, um die Rahmenbedingungen künstlerischer Arbeit wieder ins Blickfeld zu holen. So können Grenzen und Potenziale alternativer Medienarbeit ausgelotet und ästhetische Positionen geschärft werden.

Darüber hinaus haben wir erneut eine stattliche Reihe von Rezensionen für Sie zusammengestellt: So berichtet Katharina Prazuch von dem Dokumentarfilm Mondo Lux, der eine Hommage an Werner Schroeter darstellt und Philipp Sutanto rezensiert die Dissertationsschrift von Hanno Walberg, der sich eingehend mit Filmbildern des Fremden auseinandergesetzt hat. Thomas Ballhausen stellt dann einen Band vor, der die zentralen Thesen des (Kunst-)Kritikers Heiner Bastian zusammenfasst und erinnert in einer zweiten Rezension daran, dass der grandiose Science/Fiction-Film Tykho Moohn von Enki Bilal wieder greifbar ist. Des Weiteren berichtet Raffaela Rogy von einer bemerkenswerten Studie zum Problembereich der Political Correctness, die Matthias Dusini und Thomas Edlinger vorgelegt haben. Es ist – ob seiner konstanten Beiträge für die MEDIENIMPULSE – fast schon müßig, zu erwähnen, dass auch Karl H. Stingeder wieder mit zwei Rezensionen zu Computerspielen dabei ist: So bespricht er Stefan Schwingelers Studie zu Raum und Perspektive im Computerspiel sowie Bernhard Rapps Analyse selbstreflexiver Formen im virtuellen Raum: Wie überkreuzen sich soziale und mediale Räume und inwiefern kommunizieren Spiele(r) miteinander?

Derartigen Fragen werden wir auch in unserer nächsten Ausgabe nachgehen. Haben Sie unseren diesbezüglichen Call schon gelesen? Dachten Sie schon daran einen Artikel auf MEDIENIMPULSE einzureichen? Sei es, wie es sei, wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre der aktuellen Ausgabe zur PädagogInnenbildung NEU

Alessandro Barberi & Christian Berger

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