Neue Medien

3/2012 - PädagogInnenbildung Neu

In Anführungszeichen. Glanz und Elend der Political Correctness

von Matthias Dusini und Thomas Edlinger

AutorIn: Raffaela Rogy

Matthias Dusini und Thomas Edlinger nähern sich in erfrischend lockerem Ton dem Thema Political Correctness (PC), indem sie dessen historisches Gewebe offenlegen, aktuelle Debatten aufzeigen und eigene Überlegungen dazu vorstellen. Raffaela Rogy berichtet.

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-518-12609-7

„In Anführungszeichen. Glanz und Elend der Political Correctness“ – dieser Titel prangt auf dem bescheidenen Cover der „edition-suhrkamp“. Weit weniger bescheiden fällt der Inhalt des Essays des Autorenduos Dusini/Edlinger aus, das sich mittels lupenhafter Blicke und weitgefächerten Informationsspektrum dem Thema Political Correctness (PC) verschreibt. Was also ist mit Political Correctness gemeint? PC ist ein komplexer Begriff, der weit mehr umfasst als Sprach- und Schreibvorgaben wie etwa das Binnen-I; oftmals kommt es auch zur Herabsetzung persönlicher Freiheitsrechte wie beispielsweise auferlegte Rauchverbote beweisen. Somit teilt sich das Lager in Befürworter der PC, die in dieser das Aufzeigen der Rechte der Frau oder von Minderheiten verwirklicht sieht, und in Gegner der PC, die die Meinung vertreten, dass es zu massiven Einschränkungen des Individuums zu Gunsten der Gesellschaft kommt.

Matthias Dusini und Thomas Edlinger beginnen mit der Entstehungsgeschichte von PC, die in der US-Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre wurzelt, und führen die Leserschaft von den historischen Fundamenten hin zu aktuellen PC-Polemiken und -Debatten: Das Autorenteam bespricht u. a. Kopftuchdebatten oder Slutwalks-Aufstände, doch auch der Kunst- und Kultursektor wird gebührend berücksichtigt. Fernsehserien wie „Mad Men“ oder Filme wie „American Psycho“ werden ebenso analysiert wie Kontroversen über Mohammed-Karikaturen. Der Fokus der Ausführungen liegt dabei stets in der Verbindung der PC zum Kontext der jeweiligen medialen Präsenz. Als wesentliches Charakteristikum der PC, so Dusini und Edlinger, kann dabei die (mediale) Bildung von Opfergruppierungen gesehen werden. Zwar bestreiten die Autoren an keinem Punkt die reale und höchst bedenkliche Existenz von rassistischen oder sexistischen Diskriminierungen, legen aber anhand ihrer Untersuchungen noch tiefere Schichten der PC frei und klären schlüssig über die Deklarierung falscher Opferrollen auf. Sich selbst den Opferstatus zuzuschreiben ist, so Dusini und Edlinger, in narzisstischen Verhaltensmustern begründet. Als ebenso treffendes wie sarkastisches Beispiel dafür nennen die Autoren Thilo Sarrazin, der Unmut über eine Zensur seiner Äußerungen hegt und gleichzeitig in der auflagenstarken „Bild“ des Öfteren das Titelblatt ziert.

Distanzwahrung und analytische Vorgehensweise zeichnen den Essay von Matthias Dusini und Thomas Edlinger aus. Sie begreifen ihren Analysegegenstand PC dabei nicht als feststehendes und geformtes Konstrukt, das nur einen Fokus zulässt. Vielmehr wird umfassend, wohlinformiert und pointiert hinter, unter und über die diversen Fassaden geblickt, was nicht nur neue Perspektiven auf vermeintlich Vertrautes eröffnet, sondern auch zu weiterführenden Forschungen einlädt.

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