Neue Medien

3/2012 - PädagogInnenbildung Neu

Die Argonauten erreichen das offene Meer und beraten den Fortgang ihrer Erzählung

von Heiner Bastian

AutorIn: Thomas Ballhausen

Ein vorbildlich gestalteter Leseband führt die zentralen Texte des Kritikers und Kunstspezialisten Heiner Bastian zu Joseph Beuys, Cy Twombly, Anselm Kiefer, Andy Warhol und Damien Hirst zusammen. Thomas Ballhausen hat für die MEDIENIMPULSE rezensiert.

Verlag: Schirmer/Mosel
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN 978-3-8296-0573-1

Der vorliegende Leseband des Kunstkritikers, Kurators und Galeristen Heiner Bastian führt seine zentralen Texte über nicht minder zentrale Künstler des 20. und frühen 21. Jahrhunderts zusammen, deren nicht unbedingt kleinste Gemeinsamkeiten in ihrer Eigenwilligkeit und ihrer Verweigerung allzu leichter Kategorisierung liegen. Aufbauend auf diesem Entzug kunsthistorischer Zuschreibungen entwickelt Bastian freundschaftliche, fast schon intime Zugänge zu Joseph Beuys, Cy Twombly, Anselm Kiefer, Andy Warhol und Damien Hirst. In seiner dem Titel des Buches gleichlautenden Vorbemerkungen weist er dies überdeutlich aus:

„Noch immer sehe ich Bilder als Poesie jenseits ihrer kunsthistorischen Referenzen, jenseits von Ismen und deren Strukturen.“

Der Tonfall seiner Essays ist deshalb eher im Literarischen, im Poetischen  und in der Überblendung zum Philosophischen zu suchen; ganz vorsätzlich hat er hier kein kunstwissenschaftliches – oder gar kunsthistorisches – Buch vorgelegt; vielmehr eines, das den aufgerufenen literarischen Referenzrahmen unüberlesbar macht. Schon der Titel bringt uns auf die Spur, dass es sich bei seinen Reflexionen und Einschätzungen um Annäherungen abseits der gängigen Theorieangebote handelt. Die hier versammelten Künstler, so die sich anbietende Leseweise, sind Bastians Argonauten, die wohl nicht ganz zufällig entfernte Verwandte von Rosalind Krauss’ „knights of the medium“, wie sie sie in „Under Blue Cup“ (2011) beschrieben hat, darstellen. Das offene Meer wiederum, der zweite Teil der Dechiffrierungsübung, wird in der Mythologie für die auf dem Schiff Argos reisenden Argonauten erst sichtbar, als sie die Enge zwischen den sich schnell bewegenden Felsinseln, den Symplegaden, auf ihrer Fahrt nach Kolchis möglichst schadlos passiert haben. Nun kann, so das dritte Glied des Titels, über den Fortgang der Fahrt beraten werden, ganz im Sinne des Konzepts der von Bastian aufgerufenen „Erzählung“ – ist er doch weniger einem analytischen Instrumentarium denn vielmehr einer zutiefst literarischen Schreibpraxis verpflichtet. Bastian strebt mit seinen Texten und Hinführungen keine abschließenden Auslegungen an, vielmehr betreibt er Öffnungen mit literarischen Mitteln, ein Aufschließen von mythischen Flächen, von Kunsträumen und Werkstätten. Zentrale Begriffsfelder sind ihm dabei der Raum und der Dialog in all ihren Ausformungen: „Dieser Raum, der uns ganz einnimmt, der sich anderen Räumen öffnet, ist jene Werkstatt der Verheißung. Warum sollten wir ihn nicht Poesie nennen?“

In den literarischen Vermessungen mythopoetischer Räume, seinem Aufschlüsseln aus der Sicht des Kundigen, spiegelt sich dann auch die Raumnahme durch den jeweils besprochenen Künstler, das Ausbreiten einer Poetologie individueller Kunstverständnisse. Dass dabei alles Bild zu sein scheint, so auch gelesen und verschriftlicht wird, erlaubt es dem Leser, Bastians Haltung zu begreifen und nachzuvollziehen: Von konventionellen Deutungsmustern abrückend, macht er sich für die sinnlichen Potentiale als Mittel der Erfahrung und der Transzendenz stark. An diesem m. E. zentralen Punkt ist er der von ihm zitierten Susan Sontag und ihrem immer noch gültigen, wirkungsmächtigen Essay „Against Interpretation“ (1964) verpflichtet. In diesem zentralen Text, in dem sich Sontag gegen klassisch zu nennende Text- und Interpretationspraxen ausspricht, rückt sie im Rahmen des von ihr geradezu verkörperten Programms einer „New Sensibility“ von Positionen ab, die im Umgang mit den jeweiligen Kunstwerken rein auf bedeutungszuschreibender Auslegungsarbeit beruhen. Statt auf ein platonisches Verdikt mimetischer Relationen zwischen Kunst und Wirklichkeit zu setzen, forciert Sontag – und Bastian tut es ihr in seinen Texten gleich – das „Erleben des Kunstwerks“ (S. Sontag) im Rahmen einer partizipativen Auseinandersetzung. Für die ihr vorschwebende und von Bastian fortgesetzte Kunsterfahrung, ästhetisch wie auch sinnlich entsprechend, ist somit der Umstand, ein Kunstwerk nicht limitierend als Teil der Welt zu kategorisieren, sondern es vielmehr als Aussage über dieselbe an- und wahrzunehmen. Dass ein solches Verständnis und Schreiben die Begriffe von Raum und Dialog um die Konstante des Nachlebens ergänzt, ist dabei ebenso stimmig wie richtig. Dass in dieser mythengestützten, erotisierten Annäherung an die Kunst bei den Quelltexten, in denen sich u. a. Friedrich Kittler, Martin Heidegger oder auch Botho Strauß wiederfinden, ausgerechnet Aby Warburg fehlt, überrascht dann aber doch.

In der Auseinandersetzung mit Joseph Beuys, für den Bastian auch als Privatsekretär arbeitete, stehen das Kontrastieren der Ebenen von „Anschauung und Bedeutung“ im Vordergrund. Anhand Beuys intensiver Auseinandersetzung mit Mythologie und einem dem Tod zugeschriebenen Moment der Zeugung beleuchtet Bastian in mehreren Texten nicht nur Beuys’ Haltung „gegen das kategorische, ja imperative Denken der archetypischen und klassifizierenden Kunstgeschichte“, sondern auch seine Leistung, „in einfachen Formen rätselhafte, unser Nachdenken fordernde Werke“ herzustellen. Die poetische Haltung, das Fremde in allen Dingen sichtbar zu machen, erlaubt dem Autor den Brückenschlag zu Cy Twombly. Auch hier findet Bastian einen Verbündeten, einen Künstler, der ausschließlich seinem eigenen Weg gefolgt ist und „die Ismen der Zeit nie beachtete“. Mehrere, über größere Zeiträume hinweg entstandene Texte zu Twombly erlauben nicht zuletzt auch einen Einblick in die Wandlung Bastians im Sprechen über diesen Künstler und sein Werk, sein Untersuchen der „Chiffren“. Das Zwiegespräch – hier wird u.a. Ovid als Gegenstück aufgerufen – dominiert, gemeinsam mit der unablässigen Erkundung der noch zu erschließenden bzw. erschreibenden Gegenden, diese Abschnitte des Bands: „Welcher Raum verbirgt sich hinter den Inschriften aus Kreide? Wir haben diesen Raum als Anatomie der Melancholie verstanden, die in Wirklichkeit vielleicht eine ruhelose Vision der Aussöhnung meint, die sich als Identität hinter jeder Abstraktion verbirgt.“ In der Abfolge der Texte zu Twombly, die in dem Bericht einer persönlichen Begegnung gipfeln, ist auch ein weiterer Dialog mitgemeint und schließlich auch erwähnt: Bastians eigene Auseinandersetzung mit Roland Barthes, der ja zentrale Texte zu Twombly vorgelegt hat, und von dessen Position er sich nach und nach, was hier auch nachlesbar/nachvollziehbar wird, entfernt:

„Ich habe in früheren Texten zu Twomblys Werk, ähnlich wie Barthes Bilder und Analogien, Begriffe bemüht, die als Instrumente der Kommunikation Licht auf die averbale Zeichenwelt Twomblys werfen sollten. Heute scheint mir, daß es eher darauf ankomme, umgekehrt vorzugehen: auszugehen vom physischen Substrat der averbalen Zeichenmedien und deren kommunizierbare Werte nicht länger zu suchen.“

Die Untersuchung von Wertstrukturen lässt sich auch in Bastians Schriften zu Anselm Kiefer, wirklichen Glanzstücken, finden. In der produktiven Beschäftigung herrscht hier Evokation statt Interpretation vor, auch Kiefer vertritt für den Kunstkenner eine Position „jenseits aller wiederkehrender Ismen und der verbrauchten Diskurse“. An den Werken Kiefers arbeitet Bastian die Vergegenwärtigung individuellen Erlebens heraus, einen geretteten Augenblick, der ihn den Künstler auch in eine sinnhafte Verbindung mit Karl Jaspers und Paul Celan stellen lässt. Diesen Zugang nutzt Bastian als Option der Kritik an sozialpsychologisch ausgerichteten Erklärungsmodellen der NS-Herrschaft und der Shoah. Kiefers Werk wird als Nachreichen der bislang fehlenden Katharsis verhandelt, wobei die Versuche, die Ungeheuerlichkeiten anwesend zu machen, scheitern müssen, also von produktiver Unvollkommenheit sind, dem wiederum ein „Erkennen“ innewohnt, das „in viele Richtungen weitergetragen wird“. Kiefers Abarbeiten am Mythos, an der Offenbarung des Göttlichen in der Welt, dessen wir, so Bastian, verlustig gegangen sind, wird hier als Notwendigkeit für den bzw. die Künstler beschrieben, immer wieder und auch immer wieder neu anzusetzen.

Bei Andy Warhol, dem ein Text mit dem treffenden Titel „Rituale unerfüllbarer Individualität“ gewidmet ist, findet Bastian diese Produktivkraft nicht nur in dessen Formenvielfalt, sondern vor allem in der entscheidenden Definitionsmacht von Kunstwerken, die aus dem Gestendepot der Betriebsamkeit heraus zu einer kritischen Welterklärung führen würde. Damien Hirst und seine „konfusen Projektionen“, die thematisches Ergebnis unserer von Zumutungen durchzogenen Gegenwart sind, behandelt Bastian anhand der medienkomparatistischen Nahestellung zu Francis Bacon und Samuel Beckett. Im Moment der Verwerfung identifiziert er die Umsetzung eines vorsätzlich reduzierten Vokabulars in Hirsts Kunstpraxis. Heiner Bastians wunderbare, wenn auch streckenweise vorsätzlich dunkel bleibenden Texte sind literarischer Ausdruck und poetisches Experiment zugleich. Sein Buch ist, vielleicht sogar mehr als ihm lieb sein mag, einer gleichermaßen auf Sinnlichkeit und Intellekt setzenden künstlerischen Forschung verpflichtet, die zeigt, was eine umgesetzte Aussöhnung von Literatur und Philosophie zu leisten imstande ist.

 

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