Neue Medien

3/2012 - PädagogInnenbildung Neu

Film-Bildung im Zeichen des Fremden. Ein bildungstheoretischer Beitrag zur Filmpädagogik

von Hanne Walberg

AutorIn: Philipp Sutanto

Philipp Sutanto rezensiert für die MEDIENIMPULSE die Dissertationsschrift von Hanne Walberg, welche sich eingehend mit "Film-Bildung im Zeichen des Fremden" auseinandersetzt, und überprüft dabei den Nutzen der Studie für die konkrete Unterrichtspraxis.

Verlag: transcript
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN:  978-3-8376-1820-4
Deutsch, 282 Seiten

In Abgrenzung zu kompetenz- und vermittlungsorientierten Überlegungen, die im gegenwärtigen filmpädagogischen Diskurs überwiegen, versucht Hanne Walberg in der publizierten Version ihrer Dissertationsschrift Anschluss an den bildungstheoretischen Diskurs der allgemeinen Pädagogik zu finden und dabei die filmtheoretischen Überlegungen von Gilles Deleuzes mit einzubeziehen. Unter Bezugnahme auf Bernhard Waldenfels argumentiert die Autorin das wissenschaftliche Potenzial des „Fremden“, also all jener Bereiche, die sich nicht in die eigene Weltordnung einfügen. Sie plädiert dafür, dass Bildungsprozesse im Sinne einer Transformation des Selbst- und Weltverständnisses ermöglicht werden sollten.

Das Fremde entsteht dabei mit jedem Ordnungsversuch neu und ist daher nicht als etwas zu verstehen, das sich im Sinne eines additiven Verständnisses von Erfahrung zu einem Erfahrungsschatz hinzufügen lässt. Vielmehr zeichnet es sich durch seine Unzugänglichkeit aus. Seine Erfahrung entspricht dabei dem irreversiblen Überqueren einer Schwelle durch die das Fremde vom Eigenen immer schon getrennt ist. Überschreiten wir diese Schwelle, wird uns das vormals Eigene fremd. Nach dieser Transformation des Selbst- und Weltverständnisses ist es, so Walberg, nicht mehr möglich, Selbst und Welt so zu denken wie zuvor.

Der Film stellt dabei eine Möglichkeit dar, das Fremde im kinematografischen Raum zu erfahren. Im Sinne Gilles Deleuzes betrachtet Walberg den Film als einen sinnlichen Materiestrom und damit nicht als Text, den es zu entschlüsseln gilt, um eine darin transportierte Botschaft zu erkennen. Als sinnliches Medium hat er beispielsweise das Potential, vertraute Erfahrungen zu verfremden, Unzugängliches in seiner Unzugänglichkeit zu präsentieren sowie seine RezipientInnen in Fremdbezüge zu verwickeln. Anhand vier verschiedener Filme exemplifiziert Walberg wie Fremderfahrungen dieser Gestalt Probleme thematisieren, die im gegenwärtigen pädagogischen Diskurs diskutiert werden.

Im Film „Chaché“ von Michael Haneke wird beispielsweise das Bildungssubjekt hinsichtlich seiner Autonomie problematisiert während „l'esquive“ von Abdellatif Kechiche gesellschaftliche Deutungsmuster irritiert. Darüber hinaus thematisiert „Der Sohn“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne die normative Haltung, dem Anspruch des Fremden gerecht zu werden. „Gespenster“ von Christian Petzold schließlich deutet auf die Prozessstruktur von Bildung hin, auf das Erfahren des Fremden selbst.

Im letzten Kapitel des Bandes widmet sich Walberg den eher praktischen Fragen danach, welche Filme ein besonderes Potenzial haben, eine derartige Fremderfahrungen zu ermöglichen und welche pädagogischen Zugänge hier günstig seien. Dabei argumentiert Walberg, dass es vor allem Filme seien, die Anschluss an den Alltag der RezipientInnen bieten, diesen aber verfremden und irritieren. In Bezug auf die Frage danach, welche pädagogischen Zugangsweisen hier günstig sind, distanziert sich Walberg vom gängigen pädagogischen Paradigma an die gegebenen Deutungsmuster anzuknüpfen, da so der Sinnüberschuss des Fremden verloren geht und damit das Fremde nicht als Fremdes erfahren wird, sondern in vorhandene Deutungsmuster gepresst wird. Viel eher sollen die Deutungsmuster erst mit dem Sehen selbst gebildet werden. Dementsprechend sollten PädagogInnen Deutungshoheit abgeben und einen Rahmen schaffen, in dem verschiedene Bewertungen und Eindrücke zulässig sind.

Die Stärke der in theoretischer Hinsicht gut gelungenen Arbeit liegt zunächst in ihrer Gründlichkeit, weshalb sie auch von disziplinfremden LeserInnen verstanden werden kann, da kaum pädagogisches noch filmtheoretisches Vorwissen verlangt wird. Lesenswert ist diese Arbeit allerdings vor allem für (Film-)pädagogInnen, für deren Disziplin sie von großer Relevanz ist.

In pädagogisch praktischer Hinsicht stellt sich auch das von Walberg selbst thematisierte Problem, dass Bildung sich nicht einfach herstellen lässt, weil nicht bestimmt werden kann, welche Bedeutung die jeweiligen Erfahrungen für die verschiedenen RezipientInnen haben. Dementsprechend problematisch erscheinen auch Walbergs Filmanalysen, die von einer bestimmten Alltagswahrnehmung ausgehen, auf Basis derer die von ihr gewählten Filme als potentielle Medien der Fremderfahrung betrachtet werden. Was das Fremde und was das Eigene allerdings sind, ist von der jeweiligen Ordnung abhängig.

In diesem Sinne verbleibt Walbergs Arbeit theoretisch bedeutsam, Auswahl und Deutungen der Filmbeispiele können allerdings nicht ohne weiteres in praktische Bezüge gesetzt werden und haben insofern eher illustrativen Wert.

Tags