Neue Medien

2/2012 - Biomacht, Biopolitik, Biomedien

Putty Hill & Hamilton

von Matt Porterfield

AutorIn: Raffaela Rogy

In Putty Hill und Hamilton arbeitet Regisseur Matt Porterfield das suburbane Leben von Baltimore am Beispiel von Tod und Teenagerproblematik heraus und räumt dem Rezipienten eine Beobachtungsmöglichkeit ein, die sich von aktuellen und konventionellen Kinofilmen löst.

Label: Filmgalerie 451/Revolver-Film
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2011

Putty Hill (2010) und Hamilton (2006) sind die filmischen Erstlingswerke des Regisseurs Matthew Porterfield, die nun in der Revolver Edition erschienen sind und den RezipientInnen in englischer Originalsprache mit deutschen Untertiteln zugänglich sind. Welches Band lässt sich zwischen den Filmen knüpfen? Beide Arbeiten siedelt Porterfield in einem Vorort von Baltimore (Maryland, USA) an und durchleuchtet und veranschaulicht – gleich dem Projektor, der den Filmstreifen auf die Leinwand projiziert – das vorherrschende Milieu: Baltimore, eine Stadt in den USA, ist durch Verwahrlosung und Verarmung ebenso geprägt wie von einer hohen Kriminalitätsrate und dem Phänomen der Suburbanisierung. Matt Porterfield, selbst aus einem Vorort von Baltimore stammend, fühlt sich (und dass zu Recht) berufen, Stimmungen von Baltimore einzufangen und mit den ZuseherInnen zu teilen.

Putty Hill erzählt vom Vortag der Beerdigung von Cory – der mit vierundzwanzig an einer Überdosis Heroin verstorben ist – und schildert den Umgang der Familie, Freunde und Angehörigen mit dieser Tragödie. Putty Hill besticht dabei weniger auf der Inhaltsebene, da nicht wirklich viel im klassischen Sinne geschieht; vielmehr überzeugt der Film durch seine Machart – also durch das Wie. Wesentliches Element ist dabei der dokumentarische Charakter: Den ZuschauerInnen wird ein Paintballspiel gezeigt, mal eine Tattoo-Session oder das Setting eines Skateparks und immer wieder befragt eine Stimme aus dem Off einzelne ProtagonistInnen über deren Beziehung zu Cory oder nach ihren Lebensverhältnissen. Der Film ist aber keineswegs ein Dokumentarfilm, die improvisierenden LaiendarstellerInnen agieren vielmehr in einem fiktiven Handlungsrahmen. Porterfield beschreibt diese Strategie folgendermaßen: „Ich habe den Film rund um die Darsteller gedreht“. Das fragile Gewirr zwischen Realität und Fiktionalität, in dem LaiendarstellerInnen das Leben spielen und zur Schau stellen, wird durch die Ästhetik der Bilder, die entscheidend zur Harmonie von Putty Hill beitragen, verbunden. Es beginnt sich durch die Bilderfolgen ein Rhythmus einzustellen, in welchem die ZuschauerInnen zu BeobachterInnen avancieren: lange Einstellungen, die zum Teil von Nahaufnahmen durchbrochen werden, und zum genauen Hinsehen aufrufen, sind die Bindeglieder des Films.

Die ausgedehnten Einstellungen, welche Putty Hill so kennzeichnen, etablierte Matt Porterfield bereits in seinem Debütfilm Hamilton, der ebenfalls auf Handlungsarmut setzt: er spielt in einem Zeitraum von nur zwei Tagen und führt uns eine Teenagermutter vor Augen, die sich um einen Besuch des Vaters ihres gemeinsamen Kindes bemüht. Regisseur Porterfield setzt gleichermaßen auf LaienschauspielerInnen und eine individuelle Art der Montage, um das Gefühlsleben der Teenager und die Stimmung des titelspendenden Vororts stimmig einzufangen. Mäßig in der erzählerischen Informationsvermittlung und im Tempo der dargebotenen Filmbilder, lässt Porterfield mit Hamilton die (Hollywoodblockbuster-)ZuseherInnen zur Ruhe kommen. Diese wiedergewonnene Ruhe gewährt den RezipientInnen einen Blick auf seine Filme wie auf Gemälde: Der mit Entschleunigung arbeitende, bloße Blick Porterfields, der nicht kommentiert oder gar wertet, etabliert eine überzeugende Sehschule eines nahezu musealen Betrachtens.

Tags