Neue Medien

2/2012 - Biomacht, Biopolitik, Biomedien

Der ewige Krieg

von Marvano & Haldeman

AutorIn: Thomas Ballhausen

Mit der längst überfälligen Neuauflage von „Der Ewige Krieg“ wird einer der wichtigsten Science Fiction-Comics in Form einer Gesamtausgabe wieder zugänglich. Thomas Ballhausen erläutert, warum darin auch eine reflektierte Verhandlung gesamtgesellschaftlicher Veränderungen lesbar wird.

Verlag: Carlsen
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN 978-3-551-78374-5
Deutsch, 168 Seiten

Soldat William Mandella hat es alles andere als leicht: Als Mitglied einer Eliteeinheit zieht er im Jahr 2010 gegen einen außerirdischen Feind in den Krieg, den noch niemand zuvor wirklich gesehen hat. Als Verpflichteter der „Aufklärungsarmee der Vereinten Nationen“ – eine Bezeichnung, die sich im Verlauf der Handlung als zynischer Euphemismus entpuppen wird – soll er Teil eines Versuchs sein, die schemenhaft bleibenden Tauren in einen Bodenkampf zu verwickeln. Ein unter Hypnose ablaufendes Gemetzel, in dessen Rahmen den menschlichen Kombattanten ihr Gewissen nicht in die Quere kommen soll, ist die direkte Folge … und erst der bittere Anfang für Mandella, ist es doch der Auftakt zum Ewigen Krieg. Eine Rückkehr in sein altes Leben als Wissenschaftler ist ihm verwehrt, nicht nur durch die Entfremdung, die Kriegserfahrungen und das alles durchdringende Element des Militärischen, sondern vor allem durch ein physikalisches Phänomen, das die Gesamtheit des Werks prägt: Die Soldaten reisen in riesigen Raumschiffen durchs All und nutzen erloschene Sonnen als Portale. Die sich daraus ergebende Zeitverschiebung im Empfinden und Erleben erzeugt Paradoxien ohne Ende. Und während auf der Erde die Jahrzehnte nur so dahineilen, läuft der mörderische Alltag der kämpfenden Truppen in individuellem Tempo ab.

Entsprechend heißt es auch: „Während wir mit Lichtgeschwindigkeit binnen weniger Monate von einem Kollapsar zum nächsten vorrückten, vergingen die Jahre auf der Erde wie im Flug. Nach diesem letzten Feldzug könnte ich in Pension gehen: Ein Veteran von 25 Jahren, der insgesamt 20 Jahre gedient hat …“ Aber die Demission Mandellas lässt auf sich warten. Das Auseinanderklaffen der Zeitebenen bringt auch soziale Verschiebungen mit sich und lässt schließlich spürbar werden, dass diese Gesellschaft nur noch zwischen Soldaten und Zivilisten zu unterscheiden vermag. Der weiterhin andauernde Krieg wird zum einzig vertrauten Alltag und schließlich auch denkbaren Lebensentwurf für Mandella und seine Kameradin Marygay Potter, mit der er – einziger Lichtblick in dieser trüben Dystopie – eine romantische Verbindung eingeht. Doch auch diese scheint der ständig ratternden Maschinerie des Konflikts und ihrer Befehlsgewalt zum Opfer zu fallen. So wie sich die Widersprüchlichkeiten zwischen Legitimation und eigentlicher Kriegshandlung ausweiten, bläht sich der militärische Apparat auf, in dem Mandella seinen eigentlich ungeplanten Aufstieg erlebt. Das Denken und Handeln der sogenannten militärischen Logik, die Isolation der Individuen und die Unmöglichkeit von Kommunikation führt zur Auflösung aller sinnstiftenden Elemente. Der Grund für den Krieg gerät ins Vergessen, der auszutragende Kampf wird zum unhinterfragten Selbstzweck. Nach einem letzten Gefecht kehrt Mandella mit einigen Heimkehrern schließlich im Jahr 3177 zu einem terranischen Stützpunkt zurück, wo ihn nicht nur die zwischenzeitlich vor allem aus Klonen bestehende Menschheit erwartet, sondern auch die ernüchternde Nachricht, dass der ewige Krieg auf einem Missverständnis, einer simplen Verständigungsschwierigkeit beruhte.

Die nun vorliegende – um einige Dokumente und Briefe erweiterte – Gesamtausgabe des Comics, der ursprünglich in drei Einzelbänden erschienen war, folgt in Tonfall und Struktur der gleichnamigen, preisgekrönten Vorlage des US-amerikanischen Autors Joe Haldeman. Haldeman, selbst ein Vietnam-Veteran, nutzte in vielen Punkten diesen selbst erlebten Konflikt als Blaupause für seinen Roman. Wie Mandella war auch er ein unfreiwilliger Soldat in einem Krieg, dessen Sinnhaftigkeit sich ihm nicht erschließen wollte. Nachdem Haldeman mit War Year eine durchaus erfolgreiche, naturalistische Verhandlung des Themas vorgelegt hatte, folgte 1975 The Forever War. Diese ins Zukünftige und Fantastische gewandte Erinnerung ist heute einer der unbestrittenen Klassiker des Genres, der hinsichtlich seiner Qualitäten und Ausrichtung mit Robert A. Heinleins Starship Troopers oder Lucius Shepards Life During Wartime auf einer Ebene steht. Marvanos Leistung muss man wohl nicht zuletzt darin sehen, perfekte Bilder für Haldemans reduzierte, ja mitunter karge Sprache zu finden. Er illustriert nicht nur die Geschichte, die Mandella in Form eines Monologs präsentiert; vielmehr wird in der Umsetzung eine eigenständige Leistung deutlich, die unterhält, ergänzt und der Handlung eine zusätzliche Dynamik verleiht. Der doch sehr kühl und sachlich erzählte Krieg wird so in all seiner Lautstärke und Farbigkeit greifbar. Marvano verdeutlicht noch Haldemans Ausrichtung; der Ewige Krieg ist keine eindimensionale Space Opera, keine simple Heldengeschichte, sondern ein eindringliches Statement über den Krieg … über  jeden Krieg als Phänomen und Zumutung.

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