Praxis

2/2012 - Biomacht, Biopolitik, Biomedien

Radio als Lernform der Neuen Mittelschule

AutorIn: Wolfgang Kolleritsch

Wolfgang Kolleritsch berichtet eingehend vom Projekt Radioigel, das an der Neuen Mittelschule Steiermark angesiedelt ist und betont, dass Radiomachen für die Entwicklung sozialer Kompetenzen wie Kooperation, Teamgeist, Durchsetzungsvermögen, Zielarbeit, Stressresistenz oder Konfliktfähigkeit förderlich ist.

Abstract

Die Neue Mittelschule soll durch eine Vielfalt an abwechslungsreichen Lernangeboten den unterschiedlichen Begabungen und Interessen sowie Potentialen und Stärken aller Kinder gerecht werden. Eines dieser Angebote ist radioigel.


Schulradio als Lern- und Kommunikationsform

In der Neuen Mittelschule Steiermark ist seit September 2011 mit Radioigel (www.radioigel.at) eine neue, innovative Lernplattform in den Unterricht integriert. Ein Projektteam hat durch Eigeninitiative und mit Unterstützung der zuständigen Behörden das Format Radio sukzessive in alle Unterrichtsfächer integriert: Es geht darum, die natürliche Begeisterung der Kinder zwischen 11 und 14 Jahren für den Umgang mit neuen Medien zu nutzen. Egal, ob es sich um Themen wie „Ernährung“, „Sport“ oder „Politik“ handelt. Die Schüler haben im Radio die Chance, alle Kenntnisse weiter zu vertiefen. Als Studio und Aufnahmebereich dient das ehemalige "Biologiekammerl" und Teile der angrenzenden Bibliothek, gesendet wird als Podcast-Radio. Eine mobile Reportage-Ausstattung steht zur Verfügung und kann an vielen Schulstandorten eingesetzt werden.

Story-Award sucht Nachwuchsautoren

Mit dem ins Leben gerufenen „Radioigel Story–Award“ wurde im Herbst 2011 versucht, die neue Lernform im ganzen Bundesland bekannt zu machen und Interesse an diesem Projekt sowohl bei Schülern, als auch bei Lehrern zu wecken. Mit Erfolg: Insgesamt wurden 223 Geschichten eingeschickt und von einer Jury bewertet. 10 Geschichten wurden ausgewählt und am 20.12.2011 im Literaturhaus in Graz der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit den Siegergeschichten wurde ein Hörbuch produziert, wobei die AutorInnen ihre Storys im Radioigel-Studio selbst eingesprochen haben. 2012 haben Netzwerkarbeit und Ausweitung des Awards hohe Priorität. Gespräche mit Wien und Salzburg sind weit fortgeschritten.

Persönliche Gedanken zum Radioigel-Story-Award und der Arbeit im Studio

Ich freue mich richtig, wenn etwas besonders gut schmeckt und andere fühlen förmlich meine Begeisterung, während ich esse. Als ich Melissa (15) am Kuchenbuffett eines Elternabends sagte, dass ihre Kokostörtchen zum Niederknien seien, freute sie sich darüber, wie sich sonst kleine Kinder freuen. So begeistert habe ich Melissa noch nie erlebt. Die Kokostörtchen bei der Verleihung des Radioigel Story Award 2011 kamen dann aus ihrer „Backstube“. Wenn Kinder und Jugendliche Radio machen, sehe ich auch diese Begeisterung. Vor wenigen Tagen war eine fünfköpfige Gruppe einer achten Schulstufe im Radioigel Studio. Auch auf mein Anraten hin wollten sie keine Pausen machen und arbeiteten an ihrem Sendungskonzept, den Sprachaufnahmen, dem Schnitt und den Interviews ganze fünf Stunden lang. Während dieser Zeit hatten allesamt wiederholt denselben Gesichtsausdruck wie Melissa. Als wir Einladungskarten an alle Lernenden der Neuen Mittelschule Steiermark verteilten und sie einluden, uns ihre Geschichte zu schicken, ahnten wir noch nicht, dass uns eben dieses Strahlen immer und immer wieder begegnen sollte. Das Schreiben der Geschichten fand ja zum Teil in den Schulen statt und LehrerInnen erzählen von der Direktheit, der Klarheit und der Einfachheit, mit der Kinder und Jugendliche Denk-Grenzen sprengen und die Welt zu einem Kunstwerk werden lassen, in dem sie den Platz einnehmen, der am allerbesten zu ihnen passt. Eine Jury wählte die zehn tollsten Geschichten der 223 Einsendungen aus. Diese wurden als Hörbuch CD aufgenommen und wieder war da dieser unverwechselbare Ausdruck in den Gesichtern der jungen AutorInnen, die in diesem Moment den Geschichten ihre Stimme gaben.

Blitzartig entsteht ein Redaktionsteam, das gemeinsam an einem Beitrag arbeitet. Wie schnell am Beginn eines neuen Radioigel-Projekts eine Leistungsbereitschaft unter den Teilnehmenden hergestellt wird und ein klares Ziel entsteht, ist für mich mindestens genauso faszinierend, wie das Durchhaltevermögen und die Präzision der Überprüfung der eigenen Leistung, die nie in einem Gegensatz zu dem steht, wie ich es selbst bewerten würde. Was noch nicht gut genug scheint, wird verbessert und was schon toll gelungen ist, wird erkannt. Jede und jeder bringt sich mit den eigenen Qualitäten ein. Manche sind so kreativ, dass man Werbeagenturen auf das hohe Potenzial aufmerksam machen sollte. Andere behalten den Überblick und die Struktur im Auge. Wieder andere Sprechen durch das Mikrofon und reagieren auf Hinweise im Kopfhörer so, als hätten sie eine Schauspiel- oder Moderationsausbildung.

Was dadurch bei den RadiomacherInnen entsteht, ist der Wunsch nach Fortsetzung und durch die Fortsetzung dessen, was mit Begeisterung getan wird, entsteht mehr und mehr Kompetenz bei allen Beteiligten. Und der Kompetenzerwerb ist breit gestreut.

Kompetenzerwerb

Eine Vielzahl an Kompetenzen wird im Rahmen des Radiomachens erworben:

  • Die Möglichkeiten im Spracherwerb liegen auf der Hand, wenn Texte gelesen, geschrieben und gesprochen werden. Berufsfelder von ReporterInnen, RedakteurInnen, ProduzentInnen, TechnikerInnen oder SprecherInnen werden erprobt, Talente erkannt und Visionen kreiert.
  • Genaue Recherche von Themenbereichen führt zum Erahnen von Manipulation durch Information (Berichterstattung) und hilft bei der Entwicklung von Kritikfähigkeit und Medienkompetenz.
  • Persönliche Interessen und Hobbys werden lustvoll in den Arbeitsprozess integriert und Spaß am Lernen und Leisten (wieder) in Neugierde verwandelt. Reflektieren und Präsentieren von Ergebnissen ist an der Tagesordnung. Durch die Zusammenarbeit in einem vielfältig begabten Team aus LehrerInnen und SchülerInnen verschmelzen auf dieselbe Weise wie in einem Unternehmen der Umgang mit zeitgemäßen Technologien (Tonstudio, Computer, Internet, Website, Podcast, MP3, Aufnahmegerät, Studio-Software…) mit sozialen Kompetenzen wie Kooperation, Teamgeist, Durchsetzungsvermögen, Zielarbeit, Stressresistenz und Konfliktfähigkeit. Das trägt zur Persönlichkeitsbildung bei.
  • Ein Politikverständnis und das Grundverständnis für Demokratie werden erlebt und auch sehr konkret verstanden.

PH Lehrgang „Radio als Lernraum“

An der PH Steiermark startet der zweisemestrige Lehrgang „Radio als Lernraum“ im Oktober 2012. Ziel ist es, Lehrenden einen niederschwelligen Einstieg in die Radioarbeit zu ermöglichen und die Vorteile des Mediums von Beginn an nutzen zu können. Der Lehrgang wird in sechs Blöcken zu zwei bis drei Tagen stattfinden. Eine Anmeldung auf die Bewerberliste ist über PH-Online ab 15. Juni 2012 möglich.

Zwischenbilanz

Was besonders auffällt, ist die Begeisterung und Professionalität, mit der Lehrende und Lernende – und das sind wechselweise SchülerInnen und LehrerInnen auf beiden Seiten – an ihren Beiträgen dran bleiben. Pausenglocken werden ebenso ignoriert wie autonome Tage oder Schulferien. Selbst für das Gründungsteam ist die Vielfältigkeit von über 70 Beiträgen aus 13 steirischen Neuen Mittelschulen beeindruckend: vom Rap über Ausgrenzung oder das menschliche Blut bis hin zu Gesprächen mit unterschiedlichsten ExpertInnen sowie Dokumentationen von Projekten oder innovativen Zugängen zur Fremdsprachengrammatik ist Vieles dabei. All das gibt es zu hören unter: www.radioigel.at.

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