Neue Medien

2/2012 - Biomacht, Biopolitik, Biomedien

Deus Ex: Der Icarus-Effekt

von James Swallow

AutorIn: Karl H. Stingeder

Karl H. Stingeder berichtet über die dystopische Welt von Deus Ex, deren Autor James Swallow für den Roman und die Spiele dieser Reihe verantwortlich zeichnet. Wie weit darf die Menschheit (biopolitisch) gehen, um sich selbst "neu zu gestalten"?

Abstract


Roman
Titel: Deus Ex: Der Icarus-Effekt
Verlag: Panini Books
Erscheinungsort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3833223235
Deutsch, 410 Seiten

Computerspiel
Titel: Deus Ex: Human Revolution
Produktion: Eidos
Erscheinungsort: London
Erscheinungsjahr: 2011
Link: http://www.deusex.com/

Der titelgebende Effekt bezeichnet die menschliche Furcht vor dem Unbekannten, das Bedürfnis nach Kontrolle. Gemäß der griechischen Mythologie stürzte Ikarus ins Meer, nachdem er den Rat seines Vaters Dädalus missachtet hatte und infolgedessen der Sonne übermütigerweise zu nahe kam. Bedingt durch deren Hitze schmolz das Wachs und die bis dahin zusammengehaltenen Flügel zerbrachen. Der Icarus-Effekt meint somit die menschliche Kontrolle des Absturzes: Entfernt sich der Mensch von einem ihm zugedachten Pfad, so nehmen sich die Drahtzieher im dystopischen Universum von Deus Ex das Recht heraus, seine Flügel zu stutzen. Die Abweichler stürzen ab und spielen für die Entwicklung der Menschheit keine Rolle mehr.

Folglich kann Deus Ex: Der Icarus-Effekt als Roman der Gattung Science Fiction gewertet werden, der mit immanenten Transhumanismus-Ängsten unserer Gesellschaft (Stichwort: Gentechnik, Stammzellenforschung, Klon-Experimente) spielt. Ästhetisch stilecht und intelligent verpackt in ein von Verschwörungstheorien geprägtes Universum aus Cyberpunk und Science Fiction, werfen Roman und Videospiele der Reihe Deus Ex einige überaus interessante Fragen auf: Wie weit darf die Menschheit gehen um sich selbst „neu zu gestalten“? Mit welchen Mitteln steht es uns zu, Entwicklungen zu stoppen oder voranzutreiben?

Da das Skript zum hochgelobten Computer- und Videospiel Deus Ex: Human Revolution (Square Enix/Eidos 2011, auch für PC, PS3 und Xbox 360) ebenfalls aus James Sallows Feder stammt, ist es wenig überraschend, dass Kenner des aktuellen Deus Ex-Titels sowie der Vorgängerspiele sofort in den Bann des Buchs gezogen werden. Doch selbst aus dem Blickwinkel eines unbedarften Greenhorns sollte der Roman eine solide Einstiegsmöglichkeit in die fiktive Welt James Swallows bieten. Von geringen Einstiegsschwierigkeiten abgesehen sollte es jeder/m mit ein wenig Mühe möglich sein, in dieses faszinierende Cyperpunk-Universum einzutauchen. Sind die ersten Kapitel geschafft, finden sich auch Neulinge rasch von der Dynamik der sich entfaltenden Dramaturgie gefesselt. Auch Swallows Neigung, in den ersten Kapiteln mit zu vielen Charakteren, unbekannten Namen (und überproportional häufigen technischen Begriffen im Zusammenhang mit den in Deus Ex handlungstragenden Augmentationen) um sich zu werfen, ist dann schnell vergessen.

Dem Autor gelingt dabei das Kunststück, die Geschichte durchwegs spannend zu erzählen und dabei die Story bis zum Schluss geheimnisvoll zu halten. Swallow schafft es darüber hinaus, einen beachtlich gehaltvollen und erzählerisch fesselnden Blick auf die fiktive und dystopische Vision des Jahres 2027 zu werfen. Gleichermaßen werden die Protagonisten der Geschichte und die LeserInnen über die Drahtzieher der Verschwörung weitestgehend im Dunkeln gelassen. Nur in einem Kapitel wird eine ungefähre Ahnung von der Motivation der Drahtzieher vermittelt. Die Stärke des Romans liegt in Swallows Leistung, Figuren aus dem ersten sowie dem zweiten Teil der Videospielserie glaubwürdig in die Handlung des Buchs einzuflechten, um deren Vorgeschichte und Motivation zu beleuchten.

Fazit: Wem die Welt von Deus Ex bis dato gänzlich verschlossen geblieben ist, der wird zu Beginn ein wenig Mühe haben, sich nach dem sprichwörtlichen Wurf ins kalte Cyperpunk-Wasser zurechtzufinden. Alle Neulinge, die das Wagnis jedoch auf sich nehmen und sich durch die ersten Kapitel kämpfen, tauchen schnell in die fesselnde und mysteriös-dystopische Welt von Deus Ex ein. Mit Der Icarus-Effekt bietet sich das ideale literarische Sprungbrett, um in eine der atmosphärisch dichtesten sowie überaus intelligent arrangierten Cyberpunk-Dystopien der Videospielwelt einzutauchen. Dabei steht eine Frage im Deus Ex-Universum stets im Mittelpunkt:

Mit welchen Mitteln steht es uns zu, Entwicklungen zu stoppen oder voranzutreiben? Heiligt der Zweck alle Mittel?

 

Tags

ikarus, deus ex, dystopie, cyberpunk, furcht, kontrolle, fortschritt, transhumanismus, gentechnik, stammzellenforschung, klon-experimente