Bildung - Politik

Ausgabe 1/2012

Community Medien: Orte der Partizipation, politischen Bildung und Medienkompetenzförderung

AutorIn: Christine Trültzsch-Wijnen

Christine Wijnen analysiert die Rolle von Communitymedien und diskutiert dabei ihren Einfluss auf die Medienkompetenz genauso wie ihre demokratiepolitische Bedeutung. Als Orte der (BürgerInnen-)Beteiligung eröffnen sie freie Räume der Information und transformieren so die traditionelle Medienlandschaft.

Community Medien: BürgerInnenbeteiligung und kulturelle Vielfalt

Unter Community Medien wird der, neben dem öffentlich-rechtlichen und dem privaten Rundfunk, sogenannte dritte Mediensektor (vgl. Europäisches Parlament 2009), der zum Teil auch als BürgerInnen-Medien bezeichnet wird, verstanden. Unter diesem Begriff werden nichtkommerzielle Radio- und Fernsehsender zusammengefasst, die durch ihren freien Zugang und die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ein alternatives Programmangebot bieten, das darauf ausgerichtet ist, jenen Bevölkerungsgruppen, die im öffentlichen und privaten Rundfunk unterrepräsentiert sind, eine Plattform zu bieten. Community Radiosender oder sogenannte Freie Radios haben eine lange Tradition und von Beginn an spielte die politische Partizipation vor allem gesellschaftlicher Randgruppen eine große Rolle. So gründeten beispielsweise in den 1970er Jahren lateinamerikanische Migrantinnen und Migranten in den USA eigene Community Radiosender um sich gegen ihre Ausgrenzung zu wehren (vgl. Peissl 2008: 368). In Europa entstanden nichtkommerzielle Radiosender (und später auch Fernsehsender) erst ab Mitte der 1980er Jahre, da die europäische Medienlandschaft bis dahin von Rundfunkmonopolen geprägt war (vgl. Peissl 2008: 368).

Auch heute noch richten sich Community Medien an soziale Randgruppen, Jugendliche, ältere Menschen oder Migrantinnen und Migranten, aber auch an jeden anderen Interessierten bzw. jede andere Interessierte und bieten diesen Menschen die Möglichkeit, sich durch die Gestaltung eigener Sendungen aktiv zu beteiligen. Manche Community Medien stellen durch unterschiedliche Formen der Kooperation auch anderen Kultur- und Bildungsinstitutionen sowie sozialen Einrichtungen durch eigene Sendeflächen Raum zur Verfügung, um sich zu präsentieren und ihre Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sie verstehen sich zumeist als Plattform für Themen, die im öffentlichen und privaten Rundfunk keinen oder zu wenig Platz haben und definieren sich über ihre Bürgernähe und ihr Bestreben, zur Förderung einer demokratischen Gesellschaft beizutragen. Der freie Zugang und die Möglichkeit der aktiven Beteiligung von Menschen, die nicht zwingend über eine journalistische Ausbildung verfügen müssen, ist einer der zentralen Unterschiede im Vergleich zu öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanbietern. Durch die Förderung und Ausbildung dieser Menschen, die zumeist in Form spezieller Workshops erfolgt, leisten Community Medien auch einen Beitrag zur Medienkompetenzförderung in Form aktiver Medienarbeit. Ebenso tragen sie zur Meinungsvielfalt bei, wenngleich einschränkend anzumerken ist, dass Community Radios und Community Fernsehsender oft eine relativ geringe Reichweite haben (vgl. Grünangerl/ Trappel/ Wenzel 2012).

Die Förderung von Community Medien ist auch ein Anliegen des Europäischen Parlaments bzw. der Europäischen Kommission. In der Entschließung des Europäischen Parlaments zu gemeinnützigen Bürger- und Alternativmedien in Europa (vgl. Europäisches Parlament 2008) sowie in der Declaration of the Committee of Ministers on the role of community media in promoting social cohesion and intercultural dialogue (vgl. Europäisches Parlament 2009) wird besonders auf die Bedeutung von Community Medien als Plattform zur Förderung des aktiven Engagements und der Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger an der Gesellschaft hingewiesen. Der Partizipationsgedanke ist zentral in der Auffassung von Demokratie seitens der Europäischen Union. Die Rolle von Community Medien wird in diesem Kontext darin gesehen, als sogenannte dritte Kraft bzw. als dritte Säule des Mediensystems allen Bürgerinnen und Bürgern eine einfache Möglichkeit der Beteiligung an öffentlichen Diskursen zu ermöglichen. Community Medien werden somit zu Einrichtungen von öffentlichem Interesse, die zur Förderung der politischen Bildung und des gesellschaftlichen Engagements beitragen. Zudem sieht die Europäische Union in Community Medien eine Möglichkeit der Medienkonzentration entgegenzuwirken und die Berichterstattung über Themen von stark lokalem Interesse, die in privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunkangeboten zu kurz kommen, zu fördern (vgl. Europäisches Parlament 2009). Durch ihre offene Struktur fungieren Community Medien auch als Sprachrohr für Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen. Vielen Community Radios und Community Fernsehsendern ist es daher auch ein Anliegen, durch ihr Programm „die gesellschaftliche, kulturelle und sprachliche Vielfalt ihrer Ausstrahlungsgebiete“ (vgl. Charta der Community Fernsehsender Österreich 2011) widerzuspiegeln und den interkulturellen Dialog zu fördern. Auch dies ist im Interesse des Europäischen Parlaments, das Community Medien eine besondere Rolle in der Förderung von Toleranz und Pluralismus sowie der Integration von Migrantinnen und Migranten und benachteiligten Mitgliedern der Gesellschaft zuspricht (vgl. Europäisches Parlament 2009). In diesem Sinne werden die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union dazu aufgefordert, Community Medien zu fördern, sie rechtlich neben den öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern als eigenen Mediensektor anzuerkennen und sie auch finanziell entsprechend zu unterstützen.

Zur Situation der Community Medien in Österreich

Community Medien haben in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union eine unterschiedlich lange Tradition und werden auch verschieden stark von öffentlicher Seite gefördert. Obwohl in Österreich – im internationalen Vergleich zwar relativ spät – aber dennoch bereits 1998 die ersten Freien Radios eine Lizenz erhielten (vgl. Peissl 2008: 368), wurde erst 2009 durch eine Nivellierung des KommAustria-Gesetzes die Förderung nichtkommerzieller Rundfunksender beschlossen und ein entsprechender Fond eingerichtet (vgl. KOG 2010). Die Förderungen stammen aus Einnahmen durch die ORF-Gebühren und werden über die Rundfunk- und Telekom-Regulierungs GmbH (RTR) geregelt; in der 2011 beschlossenen neuen Richtlinie zur Förderung des Nichtkommerziellen Rundfunks wurde eine Steigerung des Fördervolumens von zwei Millionen Euro im Jahr 2011 über 2,5 Millionen Euro im Jahr 2012 bis zu drei Millionen Euro im Jahr 2013 festgelegt (vgl. NKRF 2011: 2; siehe auch Grünangerl/ Trappel/ Wenzel 2012). Die österreichischen Community Medien können sich allerdings nicht ausschließlich über die Förderungen der RTR finanzieren. Sie werden zudem von regionalen Fördergebern unterstützt und finanzieren sich über Mitgliedsbeiträge, Spenden sowie Projekte und Kooperationen. Heute gibt es in Österreich 14 Community Radiosender, die auch im Verband Freier Radios Österreich organisiert sind, sowie drei Community Fernsehsender.

Unter den Community Fernsehsendern kann der Wiener Sender Okto, der seit Herbst 2005 on air ist, auf die längste Tradition verweisen und seit kurzem bereichern mit Dorf TV (seit Juni 2011 in Linz) und FS 1 – Freies Fernsehen Salzburg (seit Februar 2012) zwei neue Community Fernsehsender die österreichische Medienlandschaft. Wie die österreichischen Freien Radios verstehen sich auch die Community Fernsehsender als Plattformen, die die Bedürfnisse und Anliegen der Menschen ihrer Stadt bzw. ihrer Region abbilden. Zentral sind auch hier der Partizipationsgedanke und die aktive Mitarbeit der Sendungsmacherinnen und Sendungsmacher. Ähnlich wie die Charta der Freien Radios Österreich haben auch die Vertreterinnen und Vertreter der Community Fernsehsender eine Charta verfasst in der sie ihre Grundsätze und Leitlinien formulieren. Sie bekennen sich zur Förderung der Meinungsvielfalt, des interkulturellen Dialogs und der Partizipation an der Gesellschaft und zum offenen Zugang für alle Bevölkerungsgruppen.

Medienkompetenzförderung durch Community Medien

Community Medien drehen den Spieß um – aus Rezipientinnen und Rezipienten von Fernseh- und Radiosendungen werden aktive Sendungsmacherinnen und Sendungsmacher, die eigene Inhalte produzieren und ihre Gedanken, Anliegen und Ideen der Öffentlichkeit zugänglich machen. Sie ermöglichen aktive und kreative Medienarbeit und sind somit auch aus medienpädagogischer Perspektive von besonderer Bedeutung, da sie auf unterschiedlichen Ebenen zur Förderung von Medienkompetenz beitragen können. Es existieren unzählige Definitionen des Begriffs Medienkompetenz (vgl. Wijnen 2008: 116-124), unter dem allgemein jene Fähigkeiten und Fertigkeiten gefasst werden, die notwendig sind, um sich in einer Gesellschaft, die stark von Medien geprägt ist, zurechtzufinden. Nach Baacke (vgl. 1999: 11-12) lässt sich Medienkompetenz in folgende Bereiche ausdifferenzieren: Medienkritik, Medienkunde (Wissen über Medien), Mediennutzung (sowohl rezeptiv als auch produktiv) und Mediengestaltung.

Im Bereich der Mediengestaltung bieten Community Medien – oft auch in Form spezieller Workshops – die Möglichkeit, den Umgang mit Kameras, Audioaufnahmegeräten, Schnittprogrammen usw. zu erlernen sowie die Prinzipien einer Sendungsgestaltung zu verstehen. Diese Fertigkeiten sind die Grundlage, um eigene Medieninhalte produzieren zu können und sich als Sendungsmacherin bzw. Sendungsmacher zu beteiligen. Die Mitarbeit bei Community Medien und die Produktion einer eigenen Sendung ermöglichen es aber auch, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und ein differenziertes Wissen über Medien, wie etwa die Abläufe in einer Redaktion etc., zu erwerben. Sich mit eigenen Sendungen zu engagieren kann außerdem dazu anregen, sich generell näher mit dem Mediensystem, etwa mit Produktionsbedingungen oder politischen und ökonomischen Fragen (beispielsweise die Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen, privaten und nicht-kommerziellen Anbietern) auseinanderzusetzen. Selber Medieninhalte zu produzieren kann auch dazu führen, die eigene Mediennutzung bewusster zu reflektieren und die kritische Auseinandersetzung mit Medien zu fördern. Ein kritischer Medienumgang kann auch als Teil der politischen Bildung betrachtet werden.

Abgesehen von der Förderung eines kritischen Medienumgangs leisten Community Medien aber auch auf anderen Ebenen einen Beitrag zur politischen Bildung. Auf Angebotsseite erfolgt dies durch die Herstellung einer Gegenöffentlichkeit, da vor allem auch Angehörige von Minderheiten und spezifischer Interessensgruppen ihre Anliegen über eigene Sendungen kommunizieren können und Platz für Themen ist, die im öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk kaum oder gar keine Berücksichtigung finden. So erhalten Rezipientinnen und Rezipienten von Community Medien Einblicke in andere Kulturen oder stoßen auf gesellschaftlichen Fragen oder Problemstellungen, mit denen sie sich sonst vielleicht nicht auseinandergesetzt hätten. Umgekehrt ermuntern Community Medien dazu, öffentlich eine Meinung zu äußern und sich Gehör zu verschaffen. Gerade Jugendliche, die Erfahrungen mit der Produktion eigener Sendungen machen, können auf diese Weise dafür sensibilisiert und darin bestärkt werden, sich auch in anderen Kontexten zu engagieren und in öffentliche Debatten einzubringen.

Viele Community Medien bieten daher auch eigene Workshops für Schulen oder Jugendzentren an, die auch von engagierten Pädagoginnen und Pädagogen gebucht werden. Dennoch gibt es viele Heranwachsende, die noch keine Erfahrungen mit Community Medien gemacht haben (oder nur am Rande als Rezipientinnen und Rezipienten). Im Hinblick darauf, dass jene Kompetenzen, die durch die Produktion eigener Radio- oder Fernsehsendungen gefördert werden, auch im Umgang mit anderen Medien wie etwa dem Internet von Bedeutung sind, wäre es wünschenswert, wenn Community Medien noch stärker als bisher in den Schulalltag integriert würden. Community Radio- und Fernsehsender bieten dafür unterschiedliche Möglichkeiten. Einerseits können in Form von Projekten einzelne Sendungen produziert werden, andererseits bietet sich aber auch die Möglichkeit, ein eigenes Schulradio bzw. Schulfernsehen zu gründen und in regelmäßigen Abständen (beispielsweise ein Mal im Semester) mit Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Klassen entsprechende Beiträge zu produzieren. Wie eine derartige Zusammenarbeit im Detail gestaltet werden kann, hängt von dem entsprechenden Radio- oder Fernsehsender ab, der sich in Reichweite der Schule befindet. Gemeinsam ist jedoch allen Community Medien, dass sie allen Bürgerinnen und Bürgern einen freien Zugang bieten – somit auch Schülerinnen und Schülern.


Literatur:

Baacke, Dieter (1999): „Medienkompetenz“: theoretisch erschließend und praktisch folgenreich. In: medien+erziehung 1/99. S. 7-12

Charta Community Media (2011): Online verfügbar: http://fs1.tv/files/2011/10/Charta-Community-TV.pdf (21.03.2012)

Charta Freie Radios (2007): Online verfügbar: http://www.freie-radios.at/article.php?id=194 (21.03.2012)

Europäisches Parlament (2008): Entschließung vom 25. September 2008 zu gemeinnützigen Bürger- und Alternativmedien in Europa. Online verfügbar: http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?type=TA&reference=P6-TA-2008-0456&language=DE (21.03.2012)

Europäisches Parlament (2009): Declaration of the Committee of Ministers on the role of community media in promoting social cohesion and intercultural dialogue. Online verfügbar: https://wcd.coe.int/ViewDoc.jsp?id=1409919 (21.03.2012)

Grünangerl, Manuela/ Trappel, Josef/ Wenzel, Corinna (2012): Public Value and Participation of Civil Society – a case for Public Service or Community Media?. In: kommunikation.medien. Online verfügbar: http://journal.kommunikation-medien.at/2012/03/public-value-and-participation-of-civil-society-a-case-for-public-service-or-community-media/ (21.03.2012)

Komm Austria Gesetz (KOG) (2010). Online Verfügbar: http://www.rtr.at/de/m/KOG (21.032012)

NKRF-Richtlinien (2011): Online verfügbar: http://www.rtr.at/de/foe/RichtlinienNKRF_Fonds/NKRF_Richtlinien.pdf (21.03.2012)

Peissl, Helmut (2008): Freie Radios – Empowerment & Partizipation. In: Blaschitz, Edith/ Seibt, Martin (Hg.): Medienbildung in Österreich. Historische und aktuelle Entwicklungen, theoretische Positionen und Medienpraxis. Wien/ Berlin: Lit. S. 368-377

Wijnen, Christine W. (2008): Medien und Pädagogik international. Positionen, Ansätze und Zukunftsperspektiven in Europa und den USA


Links

FS 1 – Freies Fernsehen Salzburg: http://fs1.tv/

Okto: http://okto.tv/

Dorf TV: http://www.dorftv.at/

Freie Radios in Österreich: http://www.freie-radios.at/netzwerk.php

Charta der Freien Radios Österreich: http://www.freie-radios.at/article.php?id=194

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