Editorial

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

Editorial 01/2012 Repräsentation(en) der Shoah

AutorIn: Alessandro Barberi

Editorial 01/2012

Liebe Leserinnen und Leser,

Kein anderes Ereignis der Menschheitsgeschichte stellt für die Nachgeborenen eine solche ethische, intellektuelle und politische Herausforderung dar wie die Shoah. Denn die totale, technische Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten erfasste und despezifizierte im Rahmen einer rassistischen und menschenverachtenden Biopolitik alle sog. „volksfremden Elemente“: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle sowie unterschiedlich motivierte Widerstandskämpfer wurden in historisch singulärer Art und Weise gejagt, deportiert und in Konzentrationslagern ermordet.

In der jüngeren Forschung werden dabei auf unterschiedlichen Ebenen Problembereiche diskutiert, die etwa im Blick auf die Onlinepräsenz von Gedenkstätten und die medienpädagogische Aufarbeitung im Unterricht die mehrfache Medialität der Shoah in den Vordergrund stellen. Dabei scheint die wichtigste Frage zu sein, wie sich aktuell die Erinnerungskultur unserer Gesellschaften durch die Funktionsweise von Medien transformiert. Wie verändern sich durch Medieninnovationen und -transformationen die Sag- und Sichtbarkeiten, die Dar- und Vorstellbarkeiten von Geschichte im Allgemeinen und näher hin die Repräsentation(en) der Shoah? Und was bedeutet dieser Wandel für die didaktische Vermittlung von Geschichtswissen und die konkrete Unterrichtspraxis?

Diesen Fragen gehen die MEDIENIMPULSE mit dem ersten Heft des Jahres 2012 auf unterschiedlichsten Ebenen nach, wenn die Erinnerung an das größte Vernichtungsereignis der Menschheitsgeschichte ihrerseits selbstreflexiv zum Gegenstand der Analyse gemacht wird. Dabei sind alle Schwerpunktbeiträge durch eine Verdopplung des Historischen gekennzeichnet, mit der die historische – und d.h. immer auch gegenwärtige – Eingebundenheit der begrifflichen, sozialen und medialen Konstruktion und Produktion von historischen Ereignissen vor Augen geführt wird. Dies ist angesichts der Shoah von besonderer Brisanz, da sie in ihrer Singularität an die schmerzhaftesten Bereiche der menschlichen Existenz rührt und mit der Pflicht zu erinnern immer wieder aufs Neue an die Grenzen unseres Wissens führt.

Und so untersucht Maria Ecker in diesem Sinne die Wahrnehmungs- und Erfahrungstransformationen, die sich durch die mediale Speicherung von Zeitzeugeninterviews in der didaktischen Vermittlung der Shoah ergeben haben. Sie berichtet von den konkreten Schwierigkeiten, die sich dem Verein >Erinnern.at< stellten, als zwei DVDs mit Interviews über die Shoah hergestellt wurden, und kommt so auch mehrfach auf die Rolle technischer Medien (u.a. Audio- und Videorekorder, Kopfhörer oder Mikrofon) zu sprechen, welche die Art und Weise der Vor- und Darstellbarkeit der Shoah veränderten. Damit hängt auch die sozial- und medienwissenschaftlich relevante Frage zusammen, ob SchülerInnen bei bestimmten Inszenierungen der Zeugenschaft dazu neigen, abzuschalten.

Auch Christian Zolles geht derartigen Inszenierungen nach, wenn er beschreibt, wie Rhetoriken und Bilder des „Holocaust“ beispielsweise im Umfeld des Jugoslawienkrieges zweckentfremdet und strategisch eingesetzt wurden, um bestimmte Formen der/des Revision(ismus) in Szene zu setzen. Zolles analysiert dabei auf mehreren Ebenen die Repräsentation(en) der Shoah, die sich technisch, sozial und historisch je und je verschieben, da sie ihrerseits auf Konstruktionsakten der jeweiligen mediatisierten Gegenwart beruhen. Dabei werden immer auch andere Repräsentationen ausgeblendet, wodurch historisch aufgeladene Bilder – und seien es jene der Shoah – auf Verk(n)appungsprinzipien beruhen, da die volle, absolut wahrhaftige Repräsentation eines historischen Ereignisses gerade angesichts der Shoah unmöglich bleibt und wohl auch unmöglich bleiben muss, will man sie angemessen erinnern.

Ausgehend von Hannah Arendts Standardwerk Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft untersucht Christian Filk deshalb in seinem Artikel die äußerst bedenkliche Tatsache, dass mittlerweile jede/r fünfte (deutsche) StaatsbürgerIn Ausschwitz nicht kennt und mithin auch die Shoah nicht (mehr) erinnert. Eingehend führt er vor Augen, wie sich unser Gedächtnis und mithin unser historisches Erkennen wie Begreifen überhaupt durch elektronische, digitale und soziale Medien verändern und dabei zwischen Narration und medialer Formatierung immer auch neuartige Geschichte(n) und Erinnerungen hervorbringen. Nachdrücklich betont Christian Filk, dass der Konnex von historischer Erkenntnis und audiovisuellen Medien ein permanentes Pendeln zwischen kognitiver Entlastung und medialer Akzentuierung markiert, das direkt unser Erinnern und Vergessen betrifft.

In dieser Perspektive geht auch Astrid Messerschmidt in ihrem Beitrag der Funktion von Erinnerungsabwehr und Relativierung nach, wenn sie etwa danach fragt, wie der sekundäre Antisemitismus nach 1945 die Vernichtungs- und Verbrechensvorgänge der Shoah durch Derealisierung (z.B. Diskreditierung der Opfer oder Täter-Opfer-Umkehr) dem Vergessen anheim geben wollte. Die rassistischen Praktiken einer fundamentalen Unterscheidung zwischen einem „Wir“ und den „Anderen“, die in der Gegenwart von Migrationsgesellschaften eine permanente Rolle spielen, stehen mithin in einer Kontinuität zum Nationalsozialismus. Dieser Kontinuität kann, so Messerschmidt, nur durch eine anamnetische Erinnerungskultur entgegengewirkt werden, die einer bleibenden Verunsicherung der Repräsentation(en) der Shoah entspricht.

Einer solchen Verunsicherung und Anamnese geht auch Michaela Anderle nach, wenn sie den Film „Todesmühlen“ (1946) daraufhin befragt, welche Rolle er in der alliierten Re-education nach 1945 spielte. Denn nach der Befreiung des Lagers Majdanek durch die rote Armee im September 1944 gelangten Bilder von den Zuständen im befreiten Lager auch in die westlichen Armeekreise. Das gab den Anstoß, die befreienden Truppen ebenfalls von Kamerateams begleiten zu lassen. Die so hergestellten Bilder dienten u.a. als Ausgangsmaterial für den Film und sollten die Deutschen und Österreicher umerziehen. Die Hoffnungen in das Medium Film waren dabei sehr groß, wenngleich bei den RezipientInnen eher eine Beschämung als ein Schuldeingeständnis eintrat.

Daran anschließend diskutiert Edith Blaschitz die mediale Vermittlung der Shoah in österreichischen Schulbüchern und stößt dabei auf ein „Authentizitätsdilemmma“, da ein absoluter Wahrheitsanspruch immer schon mit der Eigenart und Mehrdeutigkeit historischer Ereignisse kollidieren muss. Denn gerade die Auseinandersetzung mit der Shoah wirft die Frage nach der Darstellung des Undarstellbaren auf. Und so untersucht Blaschitz die visuellen Repräsentationen des Konzentrationslagers Mauthausen im österreichischen Schulbuch, da Bilder ob ihres illustrativen Charakters lange Zeit pädagogisch als uneindeutig galten und deshalb nicht als Quellen verwendet wurden. Anhand von Bildern, welche die Todesstiege von Mauthausen, Leichenberge, sowjetische Gefangene oder Befreiungsszenen zeigen, diagnostiziert auch Blaschitz ein verknapptes Bildrepertoire, in dem Menschen verschwinden und durch Erinnerungsobjekte ersetzt werden.

Darüber hinaus hat Susanne Krucsay, die mehr als verdiente ehemalige Chefredakteurin der MEDIENIMPULSE, eine Rezension von Tobias Ebbrechts „Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis – Filmische Narrationen des Holocaust“ verfasst, die sich im Ressort Neue Medien findet. Sie hebt dabei mit Ebbrecht hervor, wie verschiedene Erzählmuster und Typologien sich aus dem Kontext der Shoah herauslösen und schleichend Bestandteile anderer Geschichtsfiktionen werden. Ebenda rezensiert Michael Achenbach eine von Ulrich Wegenast kuratierte DVD, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, einen Einblick in das Animationsfilmschaffen der nationalsozialistischen Ära zu geben.

Thomas Ballhausen zeigt in der Folge anhand der jüngsten Veröffentlichungen der Filme „Im Museum“ von Werner Kofler und „T4 – Hartheim 1“ von Andreas Gruber wie Verdrängung und (Mangel an) Aufarbeitung des nationalsozialistischen Terrorregimes in direktem Zusammenhang mit der Zeig- bzw. Darstellbarkeit der Shoah stehen. Und auch mit „Von Verschlungenen verschlungen“ (L’avalée des avalés) liegt nunmehr eine deutschsprachigen Übersetzung eines zentralen Werks von Réjean Ducharmes vor, mit der eine eigenwillige Verhandlung von Diaspora und jüdischer Identität nach 1945 lesbar wird. Diese vier Rezensionen runden mithin unser Thema Repräsentation(en) der Shoah ab.

Aber auch neben unserem äußerst sensiblen Schwerpunktthema hat diese Ausgabe der MEDIENIMPULSE einiges zu bieten:

So diskutieren Anita Müller, Gudrun Marci-Boehncke und Matthias Rath im Ressort Forschung den Umstand, dass breit gefächerte Medienerziehung in der frühen Bildung bislang nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme ist, wenngleich Kinder eine breite Medienpalette nutzen. Angelehnt an die Bildungssoziologie Pierre Bourdieus geht sie davon aus, dass Medienkompetenz als unverzichtbare Kulturtechnik heutzutage stark in die Bildungsbiographie von Kindern und Jugendlichen eingreift und berichtet deshalb eingehend von dem Projekt KidSmart – Medienkompetent zum Schulübergang.

Im Ressort Praxis diskutiert Christian Berger den Online-Roman #incommunicado von Michel Reimons und die Gefahren von ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement) für den Privatraum der Menschen. Denn wenn die Verteilung von Kopien im Internet überwacht werden soll, betrifft dies schlussendlich jede Form von Datenübertragung. Ein Umstand der – wie Berger ausführt – auch Fragen des Urheberrechts massiv berührt. Äußerst praktisch ist auch der Beitrag von Christoph Kaindel, der mit zahlreichen Links in das Programmieren von Computerspielen einführt und einen Blick auf die derzeitigen Tools und Werkzeuge wirft. Des Weiteren stellen Clemens Fessler und Claudia Tassotti die erste Offline-Plattform Inside-My-World vor, die als Rollenspiel dazu einlädt über die Nutzung und Funktionsweise von sozialen Web-Netzwerken nachzudenken und Helmut Hostnig plädiert für eine Implementierung von Radio als Lernform.

Christine Wijnen behandelt dann im Ressort Bildung – Politik eingehend die Rolle von Communitymedien, die als dritter Mediensektor – neben öffentlich-rechtlichen und privaten Medien – als Orte der Partizipation und der Gegenöffentlichkeit die Möglichkeit mit sich bringen aus reinen Rezipientinnen und Rezipienten aktive Produzentinnen und Produzenten von Informationen und Inhalten zu machen. Medienpädagogisch betrachtet fördern die auch von der EU unterstützten Communitymedien – in Österreich etwa Sender wie Okto – direkt die Medienkompetenz und die politische Beteiligung der BürgerInnen. Denn durch die praktische Mediengestaltung können sie auch den Umgang mit Kameras, Aufnahmegeräten und Schnittprogrammen erlernen und erhalten Einblick in die Sendungsgestaltung und in Redaktionsabläufe, wodurch sie im Umgang mit Medien allererst ein kritisches Bewusstsein konstituieren.

Im Ressort Kunst und Kultur berichten Michael Suszynski und Michael Simku von Vergangenheit und Gegenwart des Gameboymusicclubs, der als Subkultur seit den späten 1990er Jahren existiert und unter Verwendung eines weithin bekannten Spielgeräts zur Herstellung von Micromusic auch demokratiepolitische Fragen nach dem Status des „Künstlergenies“ oder der Rolle von Kollektiven in der Musikproduktion in die (Wiener) Szene der elektronischen Musik hineintrug. Martin Beck diskutiert dann in seinem englischsprachigen Beitrag „The Band Members and the Band“ Probleme, die sich beim Unterrichten an Kunstschulen ergeben. Im Rahmen seines Erfahrungsberichts diskutiert er zwei unterschiedliche medienpädagogische Herangehensweisen zwischen Medien- und Sozialkompetenz.

Und auch das Ressort Neue Medien ist im Rahmen dieser Ausgabe hervorragend vertreten. Thomas Ballhausen konnte -- neben den oben genannten - noch weitere sieben Rezensionen für unsere LeserInnen zusammenstellen: thematisch reichen sie u. a. von der Computerspielnutzung über Trancemedien und Neue Medien um 1900 zu Online-Spielen im Cyberspace und von Becketts Theater über Lost in Cyberspace? bis hin zum Abécédaire von Gilles Deleuze. In diesem breiten Spektrum an sozial- und medienwissenschaftlichen Bezügen und Querverweisen auf unterschiedliche Medien ist mit Sicherheit auch für Sie etwas dabei!

Im Namen des Redaktionsteams wünsche ich Ihnen daher eine nachdenkliche aber doch anregende und spannende Lektüre,

Alessandro Barberi

(Chefredakteur MEDIENIMPULSE)

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