Schwerpunkt

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

Verk(n)appte Bilder des "Holocaust"

Formale und emotionale Aspekte der Visualisierung und Revision getöteter Massen

AutorIn: Christian Zolles

Ausgehend von der Frage, was es bedeutet, sich auf die Suche nach dem Bild der Shoah zu machen, untersucht Christian Zolles grundlegende formale und emotionale Aspekte, die unser Sehen bzw. Wiedersehen des Völkermords begleiten. Es wird gefolgert, dass medial-panoramatische (es ließe sich auch sagen: paranoische) Strukturen für vereinfachte Verhältnisse sorgen, in die sich jeder eingebunden fühlt. Wir schaffen es also nicht, dem (Massen)Sterben keinen Sinn zu geben.

Abstract

Ausgehend von der Frage, was es bedeutet, sich auf die Suche nach dem Bild der Shoah zu machen, untersucht Christian Zolles grundlegende formale und emotionale Aspekte, die unser Sehen bzw. Wiedersehen des Völkermords begleiten. Dabei wird eingehend das Verhältnis vonSagbarkeiten und Sichtbarkeiten im Blick auf die Repräsentatio(en) der Shoah diskutiert. Es wird gefolgert, dass dabei medial-panoramatische (es ließe sich auch sagen: paranoische) Strukturen für vereinfachte Verhältnisse sorgen, in die sich jeder eingebunden fühlt. Wir schaffen es also nicht, dem (Massen)Sterben keinen Sinn zu geben.

Rarefied images of the “Holocaust”. Formal and emotional aspects of the visualisation and revision of murdered masses. Starting from the question of the meaning of searching for the image of the Shoah, Christian Zolles examines fundamental formal and emotional aspects that attend our seeing or re-seeing the genocide. He discusses the relation between that which is sayable and that which is visible regarding representation(s) of the Shoah. He concludes that in this process, medial-panoramic (we might also say: paranoic) structures provide simplified conditions into which everybody feels included. Thus we cannot not invest (mass)death with meaning.


"Der Holocaust gähnt wie ein schwarzes Loch in der Mitte des
vergangenen Jahrhunderts. Ich habe im Laufe eines langen
Lebens einiges darüber gelesen, auch ein bisschen darüber geschrieben,
bin aber zu keinen Schlußfolgerungen gekommen und fand gewiss keinen Trost.
Trotzdem bleibt die Hoffnung, dass weiteres Forschen, Dichten, Nachdenken und Diskutieren
zu einer Erhellung führen möge über unser Tun und Lassen, das heißt,
über die Möglichkeiten und Grenzen dieser unserer
zwielichtigen, zweideutigen, zwiespältigen menschlichen Freiheit."

Ruth Klüger, Wiener Parlamentsrede vom 5. Mai 2011

1. Das Bild des "Holocaust" im Kosovo

Im August 1992 ging die Aufnahme eines ausgezehrten bosnischen Muslimen hinter dem Stacheldrahtzaun eines serbischen Internierungslagers als Bild des Holocaust um die Welt: Es war im Zuge einer vom britischen Nachrichtenanbieter ITN aufgetragenen Filmreportage entstanden, die Berichte von der "ethnischen Säuberung" der bosniakischen Bevölkerung durch bosnisch-serbische Militärs und Paramilitärs während des Bosnienkriegs verifizieren sollte. Gleich nach Erstausstrahlung kam das Bild auf die Titelseiten der britischer Tageszeitungen The Times, Daily Mail, Daily Mirror und Daily Star mit Schlagzeilen wie "The Proof" oder "Belsen 92" und ging unmittelbar in die weltweite Berichterstattung ein. Es illustrierte einen Spiegel-Beitrag über die Internierungslager mit dem Titel "Sie verhungern wie Vieh", das Time Magazine folgte mit einem ganzseitigen Coverabdruck und der Frage "Must it go on?" und noch ein Jahr später war in The Independent zu lesen: "Es ist das Bild einer Hungersnot, aber dann sehen wir den Stacheldraht vor seinem Brustkorb und es ist das Bild des Holocaust und der Konzentrationslager."[1]

Der Balkankonflikt hatte ein eindeutiges Gesicht bekommen und die Unklarheiten, welche Seite für welche Übergriffe verantwortlich war und wie systematisch diese durchgeführt wurden, waren weitgehend bereinigt. Es zeigte sich immer klarer, dass die Weltöffentlichkeit nicht tatenlos zusehen konnte, wie sich im Herzen Europas erneut ein Völkermord anbahnte. Der blutige Bürgerkrieg bekam einen globalen Charakter, für den wie keine andere die Aufnahme des ausgemergelten Bosniaken stand, die noch 1999 den umstrittenen Kosovo-Einsatz der NATO begleiten sollte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich um eben dieses Bild jedoch bereits eine rege Kontroverse entspannt. Der investigative Journalist Thomas Deichmann war im Zuge seiner Recherchen zur Entlastung des vom internationalen Strafgerichtshof angeklagten (und später wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstöße gegen das Kriegsrecht verurteilten) Duško Tadić zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich dabei um eine Täuschung handelte.[2] Nicht die abgebildeten Bosniaken, sondern das Nachrichtenteam sei hinter einem Stacheldrahtzaun gestanden, um von dort aus eine dramatischere Perspektive auf die Ansammlung von Flüchtlingen zu bekommen. Schließlich soll es sich bei dem Lager Trnjopole um ein Sammellager zum Schutz der muslimischen Bevölkerung vor Übergriffen extremistischer Serben, also keineswegs um ein Konzentrationslager gehandelt haben. Ohne die stattgefundenen Vertreibungen, Folterungen, Vergewaltigungen und Ermordungen im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens bestreiten zu wollen, sei maßgeblich über diese Aufnahme der falsche Eindruck entstanden, dass die Serben alleinige Urheber des Konflikts waren und es unter ihrer Führung zu einem Völkermord kam.

Im Jahr 2001, also zu einer Zeit, in der international recht nachhaltig über Kriegsbegründungen debattiert wurde, erschien in der Suhrkamp-Reihe Edition Zweite Moderne die Studie Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust der Soziologen Daniel Levy und Natan Sznaider. Darin wird die Bedeutung des Bildes von Trnopolje, das vor allem von israelitischer Seite aus vehement mit der Shoah assoziiert wurde, für die Sensibilisierung der Weltöffentlichkeit auf dem Weg zum NATO-Einsatz bestätigt.[3] Doch ganz im Gegensatz zu Deichmann, dem nach einer von ITN eingeleiteten Verleumdungsklage die weitere Veröffentlichung seines Artikels auf britischem Boden verunmöglicht wurde, befürworten die Autoren die eingetretene Entortung des Bildes. Das globale Zeitalter verlange nach derart eindeutigen Zuschreibungen, um die internationale Gemeinschaft geschlossen gegen die dunkle Seite der Moderne auftreten zu lassen, gegen die staatlich initiierten Massenmorde an ganzen Volks- und Randgruppen, die sich nach wie vor ereigneten, wie die jüngsten Beispiele Ruanda und Jugoslawien zeigten. Das kosmopolitische Gedächtnis der nun angebrochenen "Zweiten Moderne", das die vormaligen partikularen Interessen der Nationalstaaten ("Erste Moderne") im Begriff sei abzulösen, müsse daher am "Holocaust" als "Maßstab für universalistische und humanistische Identifikationen"[4] geschult werden. Vermittelt soll es durch die populärmediale Aufarbeitung der nationalsozialistischen Judenvernichtung werden, wie sie über das Tagebuch der Anne Frank (EA 1947), die Bilder vom Eichmann-Prozess (1961), den Fernsehfilm Holocaust (USA 1978) oder Spielbergs Schindler’s List (USA 1993) erfolgt ist.

Somit wird auch das Bild vom August 1992 als eine positive kollektive Imago für das globalisierte oder, mit einer für das dialektische Verhältnis globaler und lokaler Erinnerungskultur präziseren Bezeichnung, "glokalisierte"[5] Zeitalter aufgefasst. Es repräsentiere in einem Augenblick all das, was an ultimatives Verbrechen gegen die Menschlichkeit bereits stattfand und auch jederzeit wieder stattfinden könnte. Schon Jahre vor der drohenden humanitären Katastrophe im Kosovo versinnbildlichte es demgemäß die Notwendigkeit eines militärischen Einsatzes der internationalen Schutztruppen gegen die Nazi-Serben. Und tatsächlich kam es dann 1999 zu einer Reparationsleistung ganz eigener Art: "Deutschland befreit Auschwitz im Kosovo"[6].

2. Positionen, Stränge, Ebenen

Wer sollte Überblick über alle Positionen, Stränge und Ebenen behalten, die sich in diesem Beispiel des Bildes des "Holocaust" im Kosovo verdichten? Paradox mutet jedenfalls der Anspruch auf Eindeutigkeit an, den Levy und Sznaider formulieren und der genau in eine zeitgenössische Mediendisposition passt, die den Konsumenten bis zur Abstumpfung mit Symbolisierungen menschlichen Leids und Verbrechens konfrontiert.[7] Im Kleinen zeigt sich hier aber, worauf die Geschichtstheorien seit Jahrzehnten hinweisen: auf die permanente Überlagerung komplexer nicht nur zeitgenössischer, sondern auch historischer Sachverhalte durch neue tragende Bedeutungen. Jeder Zuschreibung liegt eine Ausschaltung von mannigfaltigen Ereignissen und Bedeutungen zugrunde und folgt aktuellen "Verknappungsprinzipien"[8], die ausnahmslos alles dominieren, was zur Aussage kommt.

Ein großer Teil des Problems liegt zunächst darin, dass allein diese Feststellung schon direkt auf eine moralpolitische inhaltliche Ebene führt, die nur schwer zu umgehen ist: Der NATO-Einsatz diente dem Schutz einer zivilen Minderheit vor staatlich legitimierten Übergriffen; was sich in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo ohne internationalen Druck womöglich ereignet hätte, lässt sich am Massaker von Srebrenica ablesen; dem Nichteinsatz wäre der Vorwurf einer unterlassenen Hilfeleistung entgegengestanden, wie er auch den Alliierten des Zweiten Weltkriegs gemacht wurde, die bereits früher von den Konzentrationslagern hätten wissen müssen.[9] Dass dem einiges abgewonnen und vieles entgegengesetzt werden kann (die Mehrseitigkeit der gewaltsamen Übergriffe, die Rolle der international verborgen unterstützten albanischen UÇK als Aggressor, die politischen und ökonomischen Interessen der NATO-Länder, das fehlende UNO-Mandat für den militärischen Einsatz), lässt sich etwa auf der Website der AG Friedensforschung der Universität Kassel nachlesen.[10]

Abseits der Frage nach der Dokumentation der Ereignisse rund um die Jugoslawienkriege stellt sich aber die Frage nach deren Bewertung und Beurteilung in der internationalen Öffentlichkeit. Der Vergleich mit der Shoah spielt dabei eine zentrale Rolle und ist aus zweierlei Gründen interessant: Einerseits weil um beide Ereignisse ähnliche Argumentationsstrukturen festzustellen sind, die für eine permanente Wieder- oder Neusichtung der Vorkommnisse verantwortlich sind. Zum anderen weil sich darin die Problematik jedes historischen Vergleichs zeigt: Dem eindeutigen Bild des "Holocaust" von Levy und Sznaider, das uns die Serben als Täter präsentiert, steht etwa der Umstand entgegen, dass der Konflikt der Serben gegen die Kroaten noch von der kroatischen Kollaboration mit den Achsenmächten im Zweiten Weltkrieg aufgeladen war. Mehr anekdotischen Charakter hat die Teilnahme einer Gruppe europäischer Neonazis an den Kampfhandlungen des kroatischen Militärs.[11] Wesentlich breiter diskutiert wurde die einsame Position Peter Handkes, der in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung den NATO-Einsatz mit den Worten kommentierte: "Die Nato sagt, es geht uns nicht um Geld oder Macht, es geht uns um die Sache. Wir wollen ein neues Auschwitz verhindern. Gut, jetzt hat die Nato ein neues Auschwitz erreicht. [...] Der Horror der Geschichte wiederholt sich nicht seitengleich oder spiegelbildlich. Dieser Krieg zeigt auf fürchterlich unvermutete Weise die ewige Barbarei: Nur bricht die im Jugoslawien-Krieg in grundanderer Gestalt aus als in der planen Wiederholung. Damals waren es Gashähne und Genickschußkammern; heute sind es Computer-Killer aus 5000 Meter Höhe."[12]

Wie das Beispiel der Balkankriege veranschaulicht, kann es niemals nur um das Bild des "Holocaust" gehen, sondern um die zahlreichen unterschiedlichen und sich teils widersprechenden Diskursstränge, die sich zu einer gegebenen Zeit darum gruppieren. Es zeigt – ohne noch auf die Position der deutschnationalen Geschichtsrevisionisten eingegangen zu sein –, dass es ein umkämpftes Feld ist, in dem auch die Medienkonsumenten dazu angehalten sind, eindeutig und mehr oder weniger vehement Stellung zu beziehen, allerdings auch laufend bereit zu sein, diese abhängig von argumentatorischen Plausibilitäten zu revidieren. Dahinter zeichnet sich die grundlegende Fragilität und Anpassungsfähigkeit jeder historischen Erkenntnis ab.

Die Rezeption der Shoah indes hat für sich eine eigene Geschichte, die sich anhand bestimmter "Gedächtnisrahmen" untersuchen lässt, in denen Opfererinnerungen nach gegenwärtigen Maßstäben ihren konkreten Platz finden oder nicht.[13] Wie auch am weit jüngeren Beispiel des Zerfalls Jugoslawiens zu sehen ist, gibt es einen stetigen Kampf um die Diskurshoheit über derartige Erinnerungen, der in den seltensten Fällen von den Opfern selbst geführt wird. Er folgt anderen Regeln der Öffentlichkeit, die wenig mit dem zu tun haben, was der auf der Aufnahme aus dem Lager Trnopolje zu sehende Fikret Alic erlebte,[14] und sich weit hinwegsetzen über die systematische Ermordung von etwa 6 Millionen Juden im Zuge der nationalsozialistischen "Endlösung".[15]

3. Strukturen der Verknappung und Verkappung

Mit den Opferzahlen der Shoah verhält es sich wie mit dem Opferbild: Sie sollen augenblicklich und innerhalb eines Bedeutungszusammenhangs etwas repräsentieren, was sich nicht nur jeder Eindeutigkeit, sondern jeder Darstellungsmöglichkeit entzieht. Ein Satz wie der vorletzte hier stehende könnte nach Saul Friedländer auch die "Einstellung eines Ausrottungsverwalters"[16] erkennen lassen, der es innerhalb eines Satzes schafft, von Gedanken über Diskursregelmäßigkeiten auf die planmäßige Vernichtung von mehreren Millionen Menschen zu kommen und nebenbei eine Brücke zu den Balkankriegen herzustellen. Die Satz- und Argumentationsstruktur folgt einer Gewohnheit, in die sich die Shoah nicht einbetten lässt, "unter jedem Satz stehen die gewohnten Strukturen unserer Vorstellungswelt, drängen sich vor und verschleiern die eigentliche Bedeutung der Worte"[17]. Es sollte also stets beachtet werden, wie sehr Sprache und Sehen, Sagbarkeiten und Sichtbarkeiten einer gegenwärtigen Struktur folgen, der Diskursproduzenten wie -konsumenten durch und durch zu folgen gewohnt sind.

HistorikerInnen, die alle zeitgenössischen Zusammenhänge systematisch aufdecken, schützen "uns letzten Endes vor der Vergangenheit, dank der unvermeidlichen Auflösung der Sprache"[18]. Am anderen Extrem sieht Friedländer die Geschichtsrevisionisten, die mit den Quellen und Zeugnissen feilschen und eine neue Erinnerungskultur einfordern. Im Flug über die Begriffe werden ausgehend von einigen neuen, gedrehten oder gefälschte Fakten übergreifende Zusammenhänge hergestellt und Vermutungen bestätigt, die schon lange hinter der öffentlichen Darstellung der Ereignisse geschwelt haben. Damit folgen sie einem vertrauten methodischen Prinzip, dem heutzutage kaum zu entkommen ist und das sie sowohl in Richtung Verschwörungstheorie als auch politische Propaganda zieht.

Vielleicht hatte Carl Christian Bry (eigtl. Carl Decke) nicht den treffendsten Begriff gefunden, mit dem er 1924 auch sein einziges Buch Verkappte Religionen betitelte,[19] allerdings gelang es ihm damit, das Augenmerk vom Inhaltlichen auf die Strukturmerkmale der öffentlichen Debatten der Zwischenkriegszeit zu lenken. In ihnen sieht sich Bry von verkappten Religionen umgeben, die die Wahrheit nicht mehr jenseits, sondern hinter der physischen Welt entdecken. Er zählt zu diesen Stimmungen, Strömungen und Richtungen, die an die Stelle des philosophischen Gedankens getreten sind, nicht nur Faschismus, Kommunismus und Theosophie, sondern auch unterschiedlichste Gebiete wie Antisemitismus, Yoga, rhythmische Gymnastik, Sexualreform, Okkultismus oder Psychoanalyse, sofern sie mit dem Anspruch auf Totalität auftreten. Denn ihnen allen ist gemeinsam, dass sie nur allzu leicht von einem Punkt ausgehend ihre Kompetenzen auf alle Wissensdisziplinen erweitern und die ganze Welt nach ihren Maßstäben ausdeuten, einschnüren und verkappen können.

Der sogenannte "Hinterweltler"[20] ist nach Bry bis ins Tiefste davon überzeugt, dass die hinter dem Alltäglichen aufgefundenen, schon länger geahnten Gesetzmäßigkeiten die einzigen hinter der Welt sind und diese einmal durchdrungen haben wird. "Alle verkappten Religionen sind nicht nur Monomanie, sie wollen auch umfassende Systeme sein. Über jedem wölbt sich ein besonderer Kosmos, wie klein auch der Ausgangspunkt sein mag."[21] Jeder und jedem stehe eine verkappte Totalität offen, nach der sich – über pseudo- und wissenschaftliche Literatur, Zeitungen, Zeitschriften und Vereine  – die Welt erklären würde und nach der diejenigen zu benennen wären, die für die persönliche Unterdrückung und Verurteilung zum Schweigen (und damit für das empfundene Ressentiment) verantwortlich sind.

Dieser konstatierte unbedingte Hang zu einer passiv erworbenen panoramatischen Weltsicht entspricht im Grunde jener Diskurseinschränkung, die Michel Foucault in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France als Doktrin bezeichnete.[22] In dieser sind, so Foucault, Individuen und Aussagetypen fest aneinander gebunden, gehen die sprechenden Subjekte emotional in dem Denken und den Argumenten auf und ist das Denken wiederum eines von der Gruppe der sprechenden Subjekte kontrolliertes. Diese doppelte Unterwerfung und Einschränkung macht jede Gruppenzugehörigkeit aus, die Individuum und Kollektiv in bestimmte Richtungen drängt. Es handelt sich dabei um eine Position, die früher oder später, kürzer oder länger alle Teilnehmer jedweden Diskurses einmal einnehmen und die sich aufgrund des Drangs nach eindeutigen Entscheidungen am deutlichsten an den politisch-propagandistischen, verschwörerischen und geschichtsrevisionistischen Standpunkten ablesen lässt, welche inhaltlich nicht selten miteinander verschmelzen.[23] Derartige "Diskurspanoramen" sind deshalb so reizvoll, weil sie geschlossene und in sich stimmige Weltanschauungen transportieren, und schießen rasch am Ziel vorbei, weil sie von einem musterhaften Punkt aus die ganze Welt zum Kampfplatz erklären.

Foucault hatte bestimmt nicht die Nationalisten und Geschichtsrevisionisten, die erst recht alles einem populären Gedanken unterordnen, als Gegenbeispiel im Sinn, als er der modernen Gesellschaft eine allgemeinen Logophobie konstatierte: "[…] eine stumme Angst vor jenen Ereignissen, vor jener Masse von gesagten Dingen, vor dem Auftauchen all jener Aussagen, vor allem, was es da Gewalttätiges, Plötzliches, Kämpferisches, Ordnungsloses und Gefährliches gibt, vor jenem großen unaufhörlichen und ordnungslosen Rauschen  des Diskurses."[24] Eine allgemeine Angst, ungeordneten und unüberschaubaren Dingen und Aussagen gegenüber zu stehen und sich nicht mit Worten vor den allerorts lauernden verdrängten Kräften schützen zu können. Die wesentliche Bedeutung der Philosophie von Foucault und auch jener von Gilles Deleuze liegt darin, aufgezeigt zu haben, dass jedes Denken und Reden in Zusammenhang mit einer bestimmten Gewalt auftritt, die die diskursiven Hierarchien und Richtungen bestimmt, und dass es eine abgrundtiefe Angst vor dem Ereignishaften, Zufälligen, Mannigfaltigen und Sinnleeren gibt, die den Bürger der Medienmoderne immer wieder aufs Neue an absolute Ideen bindet.[25]

4. Das Ausmaß eines Völkermords

Zu seinem Generalthema Masse und Macht notierte Elias Canetti 1956: "Mit der wachsenden Einsicht, daß wir auf einem Haufen von Toten sitzen, Menschen und Tieren, daß unser Selbstgefühl seine eigentliche Nahrung aus der Summe derer bezieht, die wir überlebt haben, mit dieser rapid um sich greifenden Einsicht wird es auch schwerer möglich, zu einer Lösung zu kommen, deren man sich nicht schämt. [...] Das Glück, sich auf eine Ferne zu beziehen, von dem alle überkommenen Religionen zehren, kann unser Glück nicht mehr sein. Das Jenseits ist in uns: eine schwerwiegende Erkenntnis, aber in uns ist es gefangen. Dies ist die große und unlösbare Zerklüftung des modernen Menschen: Denn in uns ist auch das Massengrab der Geschöpfe."[26]

Von einem richtenden Jenseits wurde die Wertung der Toten auf ein richtendes Diesseits verschoben. So trat auch die Shoah in eine Verhandlungsschleife ein, in der die Bedeutung der Judenvernichtung laufend vermessen wurde. Überlebende mussten vor dem paradoxen Hintergrund als Zeugen auftreten, die geheime nationalsozialistische Tötungsmaschinerie der Gaskammern gerade deshalb nicht bezeugen zu können, weil nur die toten Opfer das Innere der Gaskammern gesehen haben und Zeugnis ablegen könnten. Wer überlebte, hatte eben nicht gesehen.[27] Erkennt man vor allem die Gültigkeit der Diagnose, die Carl Christian Bry 1924 für den öffentlichen Diskurs stellte, im Wesentlichen auch in der Nachkriegszeit und – vervielfacht und beschleunigt – in den Neuen Medien, zeigen sich die verwirrenden und unmöglichen Bedingungen der Zeugenschaft: Jüdische Opfer mussten die Gültigkeit ihrer Aussagen innerhalb einer diskursiven Konstellation beweisen, die die eigene Verfolgung mitgetragen hatte. Sie hatten eine Stimme und im Zirkulieren der Stimmungen einen Platz in der Öffentlichkeit zu finden, obwohl gerade diese Argumentationsstruktur dafür gesorgt hatte, dass sie, um diesmal aus Canettis Hauptwerk zu zitieren, nach dem Muster der Inflation jeglichen öffentlichen, jeglichen existenziellen Wert verloren hatten.[28]

Von Beginn an an der Grenze zum öffentlichen Ärgernis, waren die jüdischen Opfer vor die Aufgabe gestellt, eine logophobe Gesellschaft mit einem unvorstellbaren Ereignis zu konfrontieren, das in ihrem Zentrum stattfinden und am Rande ihres Wahrnehmungshorizonts ausgeführt werden konnte. Die Stimmen, die später Reparation und Wiedergutmachung verlangten, waren dann schon andere: mit dem Glauben verbunden, dass es eine annähernde monetäre Aufwertung der Opfer geben könne, von dem keines je vergessen sein dürfe. Das Ausmaß der Shoah wird seitdem im Großen und Abstrakten mit Millionen- und Milliardenbeträgen und im Kleinen und Anschaulichen anhand der dokumentarischen Aufarbeitung jüdischer Opferbiographien repräsentiert.[29] Die undefinierbare Masse erhielt einen Wert und individuelle Gesichter, wodurch sich die Vergangenheit bannen ließ und die Gegenwart den Anspruch auf eine unantastbare Präsenz und d.i. Repräsentation aufrecht erhalten konnte.

Dies ist die Folge eines Erinnerungsprozesses der Shoah, der zumindest seit dem Fall des Eisernen Vorhangs von einem immer stärker auch politischen Interesse an der Homogenisierung der Erinnerung geleitet wurde. Die Shoah findet sich darin einerseits fest im historischen Diskurs eingebettet und andererseits als historischer Zivilisationsbruch entortet. Wenn Dirk Rupnow bemerkt, dass der "Holocaust […] das bisher einzige historische Ereignis [ist], dessen Erinnerung auch auf supranationaler Ebene – jenseits der Nationalstaaten – und weltweit zu institutionalisieren und standardisieren versucht wird"[30] – so findet diese Entwicklung in dem anfänglich erläuterten (verknappten und verkappten) Bild vom "Holocaust" im Kosovo ihre paradoxe Entsprechung. An kaum einem anderen Beispiel lässt sich besser der direkte Einfluss der Geo- bzw. Kosmopolitik auf die Erinnerungskultur demonstrieren.[31]

Die treibende Unruhe der von Canetti konstatierten Massengräber in uns und unserer Gesellschaft blieb damit weitgehend unberührt. Die Konfrontation mit ihr widerspräche auch fundamental jener umfassenden modernen Denkweise, welcher die kommende Ausgabe der MEDIENIMPULSE gewidmet ist: der Biopolitik als moderne Lebensmacht, die den Tod in die Dienste des Weiterlebens gestellt hat. Für Giorgio Agamben zeigt sie ihr wahres Gesicht im Konzept des Lagerwesens, das heutzutage nicht mehr nur in Form lokaler Einrichtungen zu tragen kommt, sondern sich auf zahlreiche Zonen des Alltags ausgeweitet hat. Neben allen anderen ließe sich der Hauptunterschied zwischen den Lagern der Deutschen und der Serben an der Zahl der in Ex-Jugoslawien stattgefundenen ethnischen Vergewaltigungen festmachen, die auf eine Entterritorialisierung, eine Entortung der "Einschreibung des Lebens" hinweisen.[32] Als vollständiger Zeuge für dieses moderne Lebensprinzip, so Agamben, könne der "Muselmann" der KZs aufgerufen werden, an dessen Dahinvegetieren sich im Extrem zeige, welchen tiefsten Ansprüchen unsere Gesellschaft folgt.[33]

Man mag Agambens Schlussfolgerungen überzogen finden. Seine Bezugnahme auf den Unansehnlichsten, den Unrepräsentativsten aller Zeugen weist aber darauf hin, dass die Shoah in der einzigartigen Dimension ihrer planmäßigen und systematischen Despezifizierung, Abwertung, Ausschaltung und Vernichtung von Menschenmassen – und darin wurde die Shoah in diesem Beitrag von den unzähligen anderen Massentötungen des vergangenen Jahrhunderts unterschieden – zur großen Erzählung der Moderne hätte werden sollen. Darin hätten viel eher bestimmte Funktionsweisen jener Kräfte begreifbar werden können, die die Moderne vorantreibt. Stattdessen folgten laufende Repräsentationen, Vergegenwärtigungen eines Ereignisses, das in seiner gesamten Tragweite wohl ein verdrängtes geblieben ist.


Anmerkungen

[1] Baker, Frederick (1993): They can’t read the words, but the pictures give them hope, in: The Independent, 5. August, "Opinion" [zu finden im "Article archive" online unter: http://www.independent.co.uk (letzter Zugriff: 24.05.2014), Übersetzung C. Z.].

[2] Vgl. Deichmann, Thomas (1996): "Es war dieses Bild, das die Welt in Alarmbereitschaft versetzte" (Penny Marshall, ITN), in: Novo, 26, 16–25, online unter: http://www.novo-magazin.de/itn-vs-lm/novo26-1.htm (letzter Zugriff: 24.05.2014).

[3] Vgl. Levy, Daniel/Sznaider, Natan (2001): Erinnerung im globalen Zeitalter: der Holocaust, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 178–184. Die Thesen des Buches finden sich zusammengefasst und 9/11-adaptiert in Sznaider, Natan (2002): Holocausterinnerung und Terror im globalen Zeitalter, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 52/53, 23–28, online unter: http://www.bpb.de/apuz/25810/holocausterinnerung-und-terror-im-globalen-zeitalter?p=all (letzter Zugriff: 24.05.2014).

[4] Levy/Sznaider (2001): 10.

[5] Ebd.: 17f.

[6] Ebd.: 189. Vgl. ergänzend die Argumentation in Ulrich, Bernd (2011): Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss. Eine Streitschrift, Reinbek: Rowohlt.

[7] Vgl. etwa nur Moeller, Susan D. (1999): Compassion Fatigue: How the Media Sell Disease, Famine, War and Death, New York: Routledge.

[8] Foucault, Michel (1991): Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M.: Fischer, 34.

[9] Ein Vorwurf, der auch von geschichtsrevisionistischer Seite häufig polemisch gebracht wird. Vgl. hingegen den Bericht von Jan Karski über die Begegnungen mit Franklin D. Roosevelt und den westlichen Regierungsvertretern, der in Claude Lanzmanns Shoa (F 1985) zwar fehlt, vor Kurzem aber in Reaktion auf Yannick Haenels Roman Jan Karski (Paris 2009) erstmals separat erschienen ist: The Karski Report (F 2010). Vgl. eingehender Wood, E. Thomas (1994): Karski: How One Man Tried to Stop the Holocaust, New York: John Wiley and Sons.

[10] Vgl. die Beiträge online unter www.ag-friedensforschung.de (letzter Zugriff: 24.05.2014) für die Regionen "Bosnien-Herzegowina", "Jugoslawien", "Kosovo", "Serbien" und die Themen "Kosovo-Krieg" und "NATO – Krieg gegen Jugoslawien".

[11] Vgl. Höges, Clemens (1992): Und morgen schon tot, in: Der Spiegel, 39, 235–246, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13682359.html (letzter Zugriff: 24.05.2014).

[12] Winkler, Willi (1999): "Moral ist ein anderes Wort für Willkür". Peter Handke im Interview, in: Süddeutsche Zeitung, 15. Mai, Feuilleton. Vgl. dazu, auch aufgrund der eindeutigen Positionierung, Deichmann, Thomas (Hg.) (1999): Noch einmal für Jugoslawien: Peter Handke, Frankfurt/M.: Suhrkamp; Gritsch, Kurt (2009): Peter Handke und "Gerechtigkeit für Serbien". Eine Rezeptionsgeschichte, Innsbruck/München/Wien: Studienverlag und ders. (2010): Inszenierung eines gerechten Krieges? Intellektuelle, Medien und der "Kosovo- Krieg" 1999, Hildesheim: Georg Olms AG.

[13] Vgl. Assmann, Aleida (2006): Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München: C. H. Beck, 153–168. Außerdem zuletzt Assmann, Aleida (2013): Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention, München: C. H. Beck. Hierzu allgemein auch Rupnow, Dirk (2009): Jenseits der Grenzen. Zeitgeschichte, Holocaust und Literatur, in: Atze, Marcel/Degener, Thomas/Hansel, Michael/Kaukoreit, Volker (Hg.): akten-kundig? Literatur, Zeitgeschichte und Archiv, Wien: Praesens, 67–97, insbes. 79: "Die Geschichte der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist keineswegs von langsamer, aber stetig wachsender Aufklärung seit dem Kriegsende, sondern vielmehr von Gegenläufigkeit und Ungleichzeitigkeit geprägt."

[14] Das Zeugnis von Fikret Alic, dessen Abmagerung in der öffentlichen Kontroverse auch auf einen genetischen Defekt, Tuberkulose oder Krebs zurückgeführt wurde, findet sich online unter: http://www.youtube.com/watch?v=W2sO-XcI9FQ (letzter Zugriff: 24.05.2014).

[15] In den Standardwerken zur Shoah wird die Zahl der jüdischen Opfer zwischen 5,6 und 6,3 Millionen angegeben. Vgl. Benz, Wolfgang (Hg.) (1996): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, 2. Aufl, München: dtv; Gutman, Israel u. a. (Hg.) (1998): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, München: Piper. Vgl. auch zuletzt Snyder, Timothy (2011): Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, München: C. H. Beck, 409, wo für den Zeitraum von 1933 bis 1945 der Zahl von insgesamt 5,7 Millionen jüdischer Opfer eine ähnlich große Zahl ermordeter Nichtjuden und unter dem Stalinismus ermordeter Sowjetbürger dazu gestellt wird, die alle vorwiegend aus Osteuropa stammten. Im Übrigen stellt dieses Buch ein gutes Beispiel dafür dar, dass es sehr wohl möglich sein könnte, die Massentötungen unter dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus aus einer einheitlichen Perspektive zu thematisieren, wenn dies nicht immer noch auf Kosten unbedingt notwendiger Differenzierungen gehen würde: vgl. Zarusky, Jürgen (2012): Timothy Snyders "Bloodlands". Kritische Anmerkungen zur Konstruktion einer Geschichtslandschaft, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 60, 1, 1–31.

[16] Friedländer, Saul (1999): Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus, Frankfurt/M.: Fischer, 92. Einen Überblick über Friedländers Beschäftigung mit den Repräsentationen der Shoah gibt Aschheim, Steven E. (2002): Geschichte und Erinnerung: Über Saul Friedländer, in: Düwell, Susanne/Schmidt, Matthias (Hg.): Narrative der Shoah. Repräsentationen der Vergangenheit in Historiographie, Kunst und Politik, Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh, 15–48.

[17] Friedländer (1999): 92.

[18] Ebd.: 90.

[19] Bry, Carl Christian (1979): Verkappte Religionen. Kritik des kollektiven Wahns, mit einem Vorwort hg. v. Martin Gregor-Dellin, München: Ehrenwirth.

[20] Ebd.: 33–38.

[21] Bry (1979): 44.

[22] Vgl. Foucault (1991): 28f.

[23] Die revisionistischen Diskurse zum "Holocaust" finden sich detailliert analysiert bei Shermer, Michael/Grobman, Alex (2009): Denying History: Who Says the Holocaust Never Happened and Why Do They Say It?, Berkeley/Los Angeles/London: University of California Press.

[24] Foucault (1991): 33.

[25] Peter Handke erklärte seine unerlaubte Kritik am Kosovoeinsatz der NATO mehrmals ausdrücklich mit dem Anliegen, gegen die einseitige internationale Verurteilung der Serben aufzutreten, auf die von allen Seiten verübten Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen und den Blick auf die Opfer und deren Geschichten zu lenken – um dann, etwa zum Massaker in Srebrenica, umso vehementer eine nationalistische und revisionistische Stellung zu beziehen. Seine Kritik an der Kriegsberichterstattung siedelte sich in einer Region des Einschlusses und Ausschlusses, der Verhandlungen und Verurteilungen an, in der ein vertrauter Zug begegnet: bereitwilliger alle Fakten, die ganze Welt zu relativieren als den persönlichen Standpunkt. Bei Handke verknappte und verkappte sich die Ausnahme zur Regel. (Auch die Position von Thomas Deichmann [siehe Anm. 2 und 12] kann im Übrigen nicht als unvoreingenommen bezeichnet werden.)

[26] Canetti, Elias (1993): Aufzeichnungen 1942–1985. Die Provinz des Menschen. Das Geheimherz der Uhr, München/Wien: Hanser, 220.

[27] Vgl. etwa Lyotard, Jean-François (1983): Der Widerstreit, München: Fink, 18: "‚Tatsächlich und mit eigenen Augen eine Gaskammer gesehen‘ zu haben wäre Bedingung für die Autorität, ihre Existenz zu behaupten und den Ungläubigen zu belehren. Zudem muß man beweisen, daß sie in dem Augenblick todbringend war, als man sie sah. Der einzig annehmbare Beweis für ihre tödliche Wirkung besteht darin, daß man tot ist. Als Toter aber kann man nicht bezeugen, daß man in einer Gaskammer umgekommen ist." Zit. n. Agamben, Giorgio (2003): Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge, Homo Sacer III, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 31.

[28] Vgl. Canetti, Elias (2003): Masse und Macht, Frankfurt/M.: Fischer, 219f: "In der Behandlung der Juden hat der Nationalsozialismus den Prozeß der Inflation auf das genaueste wiederholt. Erst wurden sie als schlecht und gefährlich, als Feinde angegriffen; dann entwertete man sie mehr und mehr; da man ihrer selber nicht genug hatte, sammelte man sie in den eroberten Ländern; zum Schluß galten sie buchstäblich als Ungeziefer, das man ungestraft in Millionen vernichten durfte. Man ist noch heute fassungslos darüber, daß Deutsche so weit gegangen sind, daß sie ein Verbrechen von solchen Ausmaßen, sei es mitgemacht, sei es geduldet oder übersehen haben. Man hätte sie schwerlich so weit bringen können, wenn sie nicht wenige Jahre zuvor eine Inflation erlebt hätten, bei der die Mark bis auf die Billionstel ihres Wertes sank. Es ist diese Inflation als Massenphänomen, die von ihnen auf die Juden abgewälzt wurde."

[29] Vgl. hierzu etwa den Appell bei Snyder (2011): 409f, die ungeheuren Opferzahlen aus dem Blickwinkel der individuellen Lebens- und Sterbensgeschichten zu betrachten.

[30] Rupnow (2009): 70.

[31] Eine wünschenswerte andere Erinnerungkultur wäre demnach auch Folge einer fundamental anderen politischen Logik, wie sie etwa Pierre Bourdieu eingefordert hat: "[Die Politiker] müssten damit aufhören, in der Logik der Global-Regel und des Global-Reglements zu denken, sonst läuft die beste Absicht der Welt Gefahr, den verfolgten Zielen strikt entgegengesetzte Resultate zu zeitigen. All das würde viel Klugheit, Bescheidenheit, Realitätskenntnis, Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge und für die kleinen Leute voraussetzen. Eine wahre Revolution wäre das!" Bourdieu, Pierre (1997): Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik & Kultur 1, hg. v. Margareta Steinrücke, Hamburg: VSA, 42.

[32] Vgl. Agamben, Giorgio (2002): Homo sacer. Die Souveränität der Macht und das nackte Leben, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 185f.

[33] Vgl. Agamben (2003): 135–139.


Literatur

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