Praxis

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

Incognito – nicht bei ACTA

AutorIn: Christian Berger

Es dauert nur etwas länger. Aber schrittweise nähern wir uns Orwells 1984. Christian Berger diskutiert u.a. die eigentliche Funktion von ACTA.

Stille. Eine Minute. Eine Schweigeminute hält die Punkband auf der Bühne für die verstorbene Mutter eines Bandmitglieds. Keine Besonderheit? Kein Problem? „Mitnichten“, meint der geniale Mann aus dem Musikbusiness, „solange sie das nicht online stellen. Noch nie was von John Cage und seiner Nummer „4:33“ gehört?“. Diese Komposition beinhaltet 4:33 Minuten Stille. Eine Schweigeminute ist also eine derivative Nutzung, eine abgeleitete oder sekundäre Nutzung des Originals. Diese kann nutzungsrechtlich verwertet werden. Langweilige Feststellung?

Mitnichten, meine ich, und empfehle die Lektüre von Michel Reimons Roman „#incommunicado“ (inkognito). Ein Roadmovie zum Lesen. Eine Liebesgeschichte, gespickt mit Philosophie und Einblicken in den Alltag des Musik- und Mediengeschäfts. So nebenbei erfährt mensch eine Menge darüber wie Popstars und Hits produziert werden, aber auch welche Bedeutung das Urheberrecht in unserem Alltag hat. Von „geschütztem“ Saatgut bis zur Vermarktung von Ideen. Ein Roman (fiction) oder ein Sachbuch (non-fiction)? Beides. Reimon mixt und bedient sich der Wissensschnipsel von Philosophen und Kulturtheoretikern, von Nachrichten aus dem Alltag und des Szenewissens, das er als bloggender Journalist und politischer Denker hat. Manchmal liest sich der Roman wie die Sammlung von Zitaten aus dem Netz, dann wieder aus Büchern, dann wieder aus Nachrichten oder dem eigenen Erleben.

Soweit wäre es eine Rezension. Aber diese Kolumne beschäftigt sich mit dem Urheberrecht und deren Bedeutung im Schulalltag. Mit dem Recht und den Links, die hierzu aufgestöbert werden. In seinem Blog hat Michel Reimons seinen Roman, an dem er über 6 Jahre hindurch gearbeitet hat, unter Creative Commons Licence (CC BY-SA-NC 3.0) publiziert.

„Ich habe lange überlegt, wie ich ihn vermarkten und verkaufen soll, aber es gibt nur eine Antwort: Sofort, gratis, ohne DRM (=digital rights management – Anm. chb). Ich will Aufmerksamkeit für ein Thema, das mir wichtig ist.“, schreibt Reimon in seinem Blog.

Das Thema heißt ACTA. Schon wieder eine mysteriöse Abkürzung: Anti-Counterfeiting Trade Agreement . Eine Initiative zur Eindämmung von Fälschungen im Handel, die auf eine weltweite Regelung des Urheberrechts abzielt. Dies wird nicht von allen als harmlos angesehen, sondern ruft derzeit weltweit Kritik und Demonstrationen hervor. Warum das? Es geht doch darum Ideen und Produkte zu schützen und eine kriminelle Nutzung einzubremsen. Nein, meinen die Kritiker. Dazu wieder ein Link zu einem Video, das auf Youtube von Anonymus veröffentlicht wurde. Ihrer Ansicht nach führt ACTA direkt auch in eine Auflösung des Privatraumes. Denn um die Verteilung von Kopien im Internet zu überwachen, ist es erforderlich, auch den Datentransfer zu überwachen – und schon finden sich die Rechtsschützer in deinem Wohnzimmer wieder. Vor kurzem gelangte ein amerikanisches College in die Schlagzeilen, das ihre SchülerInnen via serienmäßig in den Laptops eingebauten Webcams überwachte. Es sollte der Drogenhandel eingedämmt werden – neben der polizeilichen Verfolgung eines Schülers, der einem anderen ein paar Drops gab, ergötzten sich die „Überwacher“ auch an Schlafzimmerbildern aus der Webcam von Schülerinnen oder entlarvten "nur“ Schulschwänzer (siehe dazu u.a. die Beitrag von golem.de oder futurezone). In Deutschland hingegen wird der „Schultrojaner“ diskutiert, um an Schulen Raubkopien von Software und Schulbüchern aufzustöbern (vgl. mädchen.de).

So führt eines zum anderen. Übrigens wird auch jenes Haus, in dem dereinst George Orwell „1984“ schrieb, komplett per Video online überwacht und dies ist keine künstlerische Aktion um Orwell zu interpretieren, sondern normaler englischer Alltag. Der Weg zur Überwachung ist Schritt für Schritt vorgezeichnet (vgl. u.a. George Orwells Erben) und wird durch permanentes Aufweichen der Grundrechte unter dem Vorwand des Schutzes vor Kriminalität und Terrorismus begleitet.

"Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren", meinte einst Benjamin Franklin. Das hätte auch bei Michel Reimons "#incommunicado" reingepasst. Womit sich die Kolumne schließt und das Weiterdenken hoffentlich angeregt wurde.

Letzte Meldung: Das Handelsabkommen ACTA  wurde dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur Prüfung vorgelegt und so vorerst aufgeschoben.

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copyright, acta, überwachung