Neue Medien

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

Schauspieler außer sich. Exponiertheit und performative Kunst. Eine feminine Recherche.

von Susanne Valerie

AutorIn: Anna Denk

Susanne Valerie gelingt mit „Schauspieler außer sich“ eine tiefgründige und spannende Auseinandersetzung mit der Kunst des Schauspielens. Im Spannungsbogen zwischen praxisbezogenen Beobachtungen und philosophischen Reflexionen versucht die Autorin der Frage „Warum wollen Sie Schauspieler werden?“ nachzugehen.

Verlag: transcript (Reihe Theater; Bd. 28)
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-8376-1676-7

Ausgangspunkt und roter Faden von Susanne Valeries „Recherche“ ist eine schlichte Frage: Warum wollen Sie Schauspieler werden? Eine banal wirkende Frage, die die Autorin, selbst Schauspielerin und Universitätsprofessorin am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, jedoch zum komplexen Kernthema ihres Buches führt: der Kunst des Schau-Spielens. Im Spannungsfeld zwischen philosophischen Reflexionen und praxisbezogenen Beobachtungen behandelt die promovierte Philosophin den Schauspieler als „Experten des Seins“, der sich und seinen Körper im schutzlosen und öffentlichen Raum der Bühne für alle sichtbar exponiert. Damit versucht die Autorin eine Brücke zu schlagen zwischen Philosophie und Schauspielkunst, „grauer“ Theorie und Theaterpraxis, Wissenschaft und Kunst. Das macht es auch schwer „Schauspieler außer sich“ eindeutig zu verorten, bewegt sich die Autorin immerhin zwischen klassischer deutscher Philosophie und postmodernem Theater. Auch Valeries verschiedene Zugänge zum Schreiben verweigern dem Leser gewollt eine eindeutige Zuordnung. So wird der plastisch erzählende Text durch innere Monologe, Zitate, persönliche Reflexionen und auch Illustrationen durchbrochen. Das lässt Valeries Auseinandersetzung mit dem Schauspiel(er) zwischen theoretischen, philosophischen und persönlichen Überlegungen zur performativen Kunst und zur Exponiertheit des Menschen auf der Bühne hin und her pendeln.

Ausgangspunkt des philosophisch-theoretischen Gedankenspiels ist die Geschichte der jungen Schauspielstudentin Hannah J. im exemplarischen „Lehrsaal X“, die sich bei einer Probe zu Schillers „Jungfrau von Orleans“ mit einem der großen Monologe quält und allmählich zu verzweifeln droht. Die Probe steht kurz vor dem Abbruch als Hannah J. plötzlich die Anwesenden mit ihrer Performance in ihren Bann zieht. Doch genau in diesem Moment des Glückens bricht Hannah J. paradoxerweise ab und bricht in Tränen aus. Die Frage nach dem „Warum“ für das Verhalten der jungen Frau bietet Susanne Valerie die Ausgangsbasis, um dem nachzuspüren, was Schauspiel ausmacht. Dabei stellt die Autorin den Körper ins Zentrum ihrer Betrachtungen und beschreibt die Schwierigkeiten, die gerade Schauspielanfängern in Bezug auf dessen Exponiertheit haben. Immerhin erfordert es ein mehrjähriges Training, um seinen Körper den persönlichen Blockaden und gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz, für das zu öffnen, was Hannah J. im Moment des Glückens widerfahren ist: das „Aus/Über-sich-Hinausgehen“. Gerade Schauspielneulingen macht es Angst wenn gewohnte Grenzen wie Person/Rolle oder innen/außen durchbrochen werden und die Herrschaft der Vernunft über das Subjekt für einen Augenblick außer Kraft gesetzt wird. Auch für Hannah J. scheint es ihrer Reaktion zufolge ein befremdliches Gefühl gewesen zu sein als sich die Psyche plötzlich über die Grenzen des eigenen Körpers ausgedehnte und das Ich – sichtbar für alle – der Gefahr des „Sich-selbst-Verlierens“ ausgesetzt wurde.

Wenn die Exponiertheit des Körpers, die mit der performativen Kunst einhergeht, so befremdlich, ja fast schmerzlich, ist, stellt sich umso mehr die Frage nach dem „Warum“: Warum wollen Sie/will man Schauspieler werden? Doch die Autorin gibt dem Leser nicht die eine, allgemeingültige Antwort, sondern bietet ihm die Möglichkeit sich aus den verschiedenen Facetten und Puzzlesteinen, die ihre Reflexionen zurücklassen, selbst ein Bild zu machen. Sie gibt dem Leser spannende Denkanstöße, die auch helfen können die Antwort auf das persönliche „Warum“ zu finden. Auf jeden Fall ist Susanne Valerie mit „Schauspieler außer sich“ ein tiefgründiges Buch über die Kunst des Schauspielens gelungen, das auf lehrbuchhafte Paradigmen („so gehört es gemacht“) verzichtet und einen authentischen Einblick gibt in das, was Schauspiel ist bzw. sein kann.

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