Neue Medien

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

Animation in der Nazizeit (Geschichte des deutschen Animationsfilms 2)

von Ulrich Wegenast (Kurator)

AutorIn: Michael Achenbach

Die von Ulrich Wegenast kuratierte DVD hat es sich zur Aufgabe gesetzt einen Einblick in das Animationsfilmschaffen der nationalsozialistischen Ära zu geben. Dazu werden Filmbeispiele aus den Jahren 1937 bis 1944 im Umfang von insgesamt 154 versammelt. Ein mit dreißig Seiten recht umfangreiches Booklet gibt dankenswerterweise Hintergrundinformationen zu den auf der DVD vertretenen Titeln und leistet eine prägnante Einführung in die Thematik des NS-Animationsfilms.

Abstract

The DVD, curated by Ulrich Wegenast, has set itself the task of offering a glimpse into animated film creation during the National Socialist era. 154 examples of films from the years 1937 to 1944 are presented. A rather comprehensive booklet of thirty pages offers background information on the titles collected on the DVD and gives a concise introduction to the issue of NS animated film.


Label: absolut MEDIEN
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2011
ASIN 3898482022
Deutsch, 154 Minuten

Dass Hitler und Goebbels dem Film zugetan waren ist allgemein bekannt. Sie teilten aber auch eine gewisse Leidenschaft für den Animationsfilm und bewunderten vor allem die Filme von Walt Disney, dem ja auch eine gewisse antisemitische Grundhaltung nachgesagt wird. Und auch das deutsche Publikum liebte die Disney-Filme und stürmte die Vorstellungen.

Anders als in den Vereinigten Staaten entstand in Deutschland aber nur eine recht überschaubare Anzahl an Animationsfilmen. Und im Gegensatz zu den USA, die nach ihrem Kriegseintritt Animationsfilme in großer Anzahl zur Propaganda der Kriegsanstrengungen produzierte, war der Umfang und propagandistische „Erfolg“ der deutschen Produktionen sehr marginal. Als Beispiel für Kriegspropaganda enthält die DVD den Film „Der Störenfried“ von 1940, der im Gewande einer Fabel klar Bezug auf den Polenfeldzug nimmt. Infanteristische Igel mit Stahlhelmen und ein Wespengeschwader mit originalen Stuka-Tönen bekämpfen den „zurückgekehrten“ Fuchs. Der Einsatz eines Volksempfängers, der anscheinend kriegsversehrte Hase (= Weltkriegsveteran?), der anfangs den Kampf gegen den Fuchs aufnehmen will, dann aber flüchtet, und die Beschwörung der Volksgemeinschaft böten Anlaß zu weitergehender Analyse des Filmes. Jedoch muss gesagt werden, dass sowohl Handlung als auch technische Ausführung des Films gegenüber zeitgleichen amerikanischen Produktionen sehr hölzern wirkt. „Vom Bäumlein dass andere Blätter hat gewollt“ (1940) mit der Figur des durch den Wald schleichenden und stehlenden Juden wird als Beispiel für Antisemitismus im Animationsfilm vorgestellt. Sein Aussehen erinnert stark an Karikaturen aus dem „Stürmer“: gebückte Haltung, langer dunkler Kaftan, große Ohren und große gebogene Nase kennzeichnen das NS-Propagandabild des Juden auch im Trickfilm.

Ein interessantes Beispiel für NS-Propaganda ist „Die Schlacht um Miggershausen“ (1937), dessen Zweck aber weniger – wie im Booklet vermutet – die Industriealisierung und Modernisierung der Landwirtschaft sein soll, sondern vielmehr die Durchdringung des Deutschen Reiches mit nationalsozialistischer Propaganda über das Vehikel des Rundfunks. In einer militärisch durchgeführten Operation dringen Massen an Volksempfängern in die Häuser des fiktiven Ortes Miggershausen ein, der erst damit für die NS-Propaganda erreichbar wird. Die Modernisierung der Landwirtschaft ist dabei lediglich Folge der umfassenden Propagandatätigkeit mit Hilfe des Radios. Inhaltlich gesehen ist dabei auch die militärische „Eroberung“ und „Gleichschaltung“ eines als rückständig geschilderten ländlichen Gebietes durch Regimenter von Volksempfängern in Hinsicht auf Goebbels Meinung bemerkenswert, der die Propaganda als gleichrangiges Kriegsmittel neben den Waffengattungen der Wehrmacht verstand. An dieser Stelle sei kritisch angemerkt, dass unverständlicherweise von zwei der auf der DVD vorgestellten Filmen „aus rechtlichen Gründen (...) nur kurze, stumme Ausschnitte gezeigt“ werden. Dabei handelt es sich um den soeben genannten „Die Schlacht um Miggershausen“ und um „Hochzeit im Korallenmeer“ (ca. 1944). Dies ist umso verwunderlicher, als diese Filme im Internet ohne Probleme aufgefunden und betrachtet werden können. Leider können die beiden stummen Fragmente aufgrund ihrer Kürze wenig bis nichts zum Thema beitragen. Hier wäre es besser gewesen auf diese nichtssagenden Ausschnitte zu verzichten, und dafür nach Möglichkeit anderes Material oder auch weitere thematische Aspekte in die DVD aufzunehmen. So wäre es beispielsweise interessant geworden, etwas mehr zur Rolle des Animationsfilms in den besetzten Gebieten zu erfahren. Zwar werden Produktionen in Frankreich und den Niederlanden im Booklet kurz erwähnt, aber zum Animationsfilm in den besetzten Ostgebieten werden keine Angaben gemacht. Die Tätigkeit des Berliner Trickfilmateliers Peroff für die Zentral-Filmgesellschaft Ost hätte hier einen Anknüpfungspunkt geboten. Nach allgemeinen Erörterungen zum NS-Animationsfilm geht das Booklet auf einzelne Produktionsfirmen und zentrale Personen ein.

Aufgrund seiner Unzufriedenheit mit dem Animationsfilmschaffen im Deutschen Reich gründete Goebbels 1941 die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Ziel der Gründung war es, innerhalb der nächsten sechs Jahre einen abendfüllenden Film nach Disney-Muster zu erstellen. Trotz großem finanziellen Aufwand blieb das Ergebnis mit dem 17-minütigen Kurzfilm „Armer Hansi“ (1943) eher mager. Obwohl Goebbels angeblich zufrieden mit dem Ergebnis war, mutet der Film doch mehr wie eine Fingerübung an, um Grenzen und Möglichkeiten auszuloten. NS-Ideologie transportiert er insofern, als im Film die persönliche Freiheit als nicht erstrebenswert beschrieben wird. Der Kanarienvogel, der durch einen Zufall aus seinem Käfig hinaus in die Freiheit gelangt und dort einige Abenteuer erlebt, kehrt am Ende wieder gerne und freiwillig in die „Sicherheit“ seines Käfigs zurück.

„Der Schneemann“ (1944)  von Hans Fischerkoesen dürfte der bekannteste Animationsfilm aus der NS-Zeit sein. Und das auch zu Recht. Die Leichtigkeit der Handlung und der Ideenreichtum in der Ausführung machen ihn zum herausragendsten Beispiel auf der besprochenen DVD. Weitere Erwähnung finden die Arbeiten von Gerhard Fieber, Heinz Tischmeyer, Kurt Stordel und Hans Held, sowie die Puppenfilme der Brüder Diehl. Der außergewöhnlichste Film auf dieser Zusammenstellung ist aber wohl „Weltraumschiff I startet“ (ca. 1940). Es handelt sich dabei um eine interessante Mischung aus Aufnahmen realer Schauspieler, gemischt mit im Stoptrick-Verfahren erstellter Modellaufnahmen. Der in der näheren Zukunft spielende Streifen zeigt den ersten Flug eines bemannten Raumschiffes um den Mond herum und seine Rückkehr auf die Erde. Der Feststellung im Booklet, dass keine Hakenkreuze im Bild zu sehen sind und „es sich nicht um ein explizit deutsches Vorhaben“ handelt, sondern um das einer „internationalen Raumfluggemeinschaft“ muss aber widersprochen werden. Denn die erwähnte „Internationale Liga für Raumschiffahrt“ erweist sich eher als privates Unterstützungskomitee denn als internationale Behörde. Aus dem Zusammenhang ergibt sich aber sehr wohl, dass es sich hier um eine rein deutsche Entwicklung handelt, und deutsche Technik wird im Film mehrfach als überlegen geschildert. Zudem suggeriert der Streifen, dass ohne die deutschen Ingenieure die Rakete niemals zur Ausführung gelangt wäre. Eine erschreckend prophetische Vision, wenn man an die während des Krieges vom Heereswaffenamt energisch vorangetriebene Entwicklung der V2 oder an die Mitarbeit derselben deutschen Wissenschaftler beim US-Raumfahrtprogramm nach dem Krieg denkt. Eher unvermutet wird man durch die DVD auch auf die Existenz von abstrakten Avantgardefilmen gestoßen. Weder in ihrer Machart noch in der Musikuntermalung (teilweise Jazz) entsprachen sie dem geforderten NS-Kunstbild. Trotzdem gelang es beispielsweise „Tanz der Farben“ (1939) sich zwei Wochen lang in einem Hamburger Kino unter positiver Bewertung von Kinobesuchern und der Presse zu halten.

Fazit: Die großen Pluspunkte dieser Edition sind einerseits die Beschäftigung mit einem Randgebiet des NS-Filmes. Andererseits  ermöglichen die erhellenden Ausführungen des Booklets, die zudem noch durch zahlreiche weiterführende Literaturangaben ergänzt werden, einen guten  Einstieg in das Thema und fordern zu weiterer Auseinandersetzung auf.

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