Neue Medien

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

My Winnipeg

von Guy Maddin

AutorIn: Thomas Ballhausen

Mit der vorliegenden DVD-Edition wird das filmische Stadtporträt Winnipegs des kanadischen Ausnahmeregisseurs Guy Maddin einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Maddins Arbeit ist eine ungewöhnliche, grandiose Mischung aus Fakt und Fiktion, die sowohl die Frage nach Geschichtsschreibung als auch die Mittel des Filmischen bei der Verfertigung von Wirklichkeit bzw. Wahrheit gekonnt reflektiert.

Label: Filmgalerie 451
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-941540-32-3

Auf Einladung von Michael Burns, dem Präsidenten des kanadischen Documentary Channels, sollte Guy Maddin, einer der wichtigsten und stilistisch eigenwilligsten zeitgenössischen Regisseure, einen Film über seine Heimatstadt Winnipeg drehen. Doch Burns erwartete kein klassisches filmisches Stadtporträt von Maddin. Vielmehr versah er seine Beauftragung mit einem wichtigen, fordernden Zusatz: „Enchant me with it. Don’t give me the frozen hellhole everyone thinks Winnipeg is.” Maddin, der bereits in „The Saddest Music in the World“ (2003) besagte kanadische Stadt zum Schauplatz eines seiner Langfilme gemacht hatte, legte mit „My Winnipeg“ eine seiner eigenwilligsten und auch betörendsten Arbeiten vor. Die in einer Drehzeit von nur zehn Tagen umgesetzte Arbeit wird von einem von Maddin selbst gesprochenen Monolog getragen und setzt auf die Verbindung von Geschichte, Mythen, Architektur und Kindheitserinnerungen des Regisseurs.

In der Überblendung der geographisch fixierbaren Stadt mit ihren allgemeinen Entwicklungen und den intimen Einblicken Maddins, wird Winnipeg zum Raum mythopoetischer Neuerfindung eines palimpsestgebundenen Schichtbetriebs. Der hypnotisch rhythmisierende Monolog, eine Art von poetisch wehmütigem Abschiedsbrief, ist gemeinsam mit der Situation einer scheinbar endlosen Zugfahrt des schlafenden Protagonisten, eines Gegenstücks zum allgegenwärtigen Regisseur, etwas wie ein Ariadnefaden, der sich quer durch die winterliche (Bild)Konstruktion von Fakt und Fiktion spannt. So wie der Passagier sich um den Abschied aus seiner Heimatstadt und das Erwachen aus einem verträumten Dämmerzustand bemüht – hier stellt sich nicht zufällig eine Nähe zu Walter Benjamins dialektischer Struktur von Traum und Erwachen aus dem „Passagen-Werk“ ein – ist man als Zuschauer versucht, im Dargebotenen zwischen historischer Begebenheit und skurriler Neuerfindung Maddins zu unterscheiden.

Doch eher als früher als später wird deutlich, wie unnotwendig diese pragmatische Unterscheidung, dieser Augenblick konventioneller Erkenntnis ist. In „My Winnipeg“ verbinden sich Tatsache, urbane Legende, mythische Neustiftung und bruchstückhafte Erinnerungen zu einer anspruchsvollen, medienreflexiven Mischung, in der alle Teile in einem Nebeneinander präsentiert werden, dass den Anspruch auf Wahrheit, auf Gültigkeit erhebt. Schließlich lautet der Titel des Films ja mit unüberlesbarer Betonung „My Winnipeg“ – ein Umstand, der insbesondere durch diese Strategie der unterhaltsamen Täuschungen deutlich wird und dem Madding durch die durchaus akkurate Eigenbezeichnung seiner Arbeit als „docu-fantasia“ ja auch Rechnung trägt. Es scheint in diesem Zusammenhang wenig überraschend, dass Maddin den Schriftsteller W.G. Sebald und dessen „Die Ringe des Saturn“ als einen seiner Haupteinflüsse nennt.

Maddin spielt mit den zeitlichen Überlagerungen in einem Ort, aus dem er Räume des Erzählens und Reflektierens herausentfaltet. Bei Sebald heißt es entsprechend: „Auch in welchem Jahrzehnt oder Jahrhundert man ist, läßt sich nicht ohne weiteres sagen, denn viele Zeiten haben sich hier überlagert und bestehen nebeneinander fort.“ Darüber hinaus teilt Maddin mit Sebald (und in Teilen auch mit Benjamin) die materialanhäufende Struktur des Anekdotischen, die Wendung bzw. Überblendung der allgemeinen Geschichte einer medial abgeschrittenen Gegend in persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. Die Verknüpfungsleistung in diesem „psycho-geographic field trip“, wie Eddie Cockrell Maddins Film in „Variety“ bezeichnet hat, berücksichtigt Meinungen, Legenden und historisch Belegbares gleichermaßen. Maddin betont diesen Umstand mehrfach, etwa auch in einem Interview mit James Nadeau: „Mythic truth is more important than facts anyway.“

Gemäß diesem Credo setzt er auf schelmische Verschleierung, auf augenzwinkernde Verschiebung der Geschichte und die betonte Notwendigkeit, der Historie Sinn zuzuschreiben – eben weil sie von sich aus keinen eindeutigen Sinn zu machen scheint. Unter den gegebenen Strukturen der Stadt macht Maddin geheime Verläufe, Seitenwege und Kraftlinien aus, er stellt das „secret network“, das Ryan Gilbert in seiner Kritik von „My Winnipeg“ in „Sight & Sound“ sehr treffend erwähnt, dieser mystifizierten Stadt aus. Entsprechend verklausuliert und von Irritationen durchzogen ist auch die Filmsprache, die der Arbeit gemeinsam mit der Vielzahl der eingesetzten filmischen Materialien und Techniken den typischen, stummfilmgeprägten Maddin-Touch gibt: Home Movies stehen neben historischem Archivmaterialien, Zwischentitel ergänzen nachgestellte Familienszenen, in denen Darsteller als Maddins Familie posieren. Den erwähnten Strukturen nähert er sich dabei oftmals über die von Zerstörung und Verfall geprägte Geschichte der jeweiligen Bauten an, die für Maddin wesentliche Verbindungsglieder zwischen intimer Geschichte und offizieller Historie darstellen: So ist die Geschichte von Winnipegs Luna Park Happyland unerfreulich kurz, da muss die Wolsley Elm heimlich gesprengt werden und mythisch aufgeladene Gebäude wie das Kaufhaus Eatons oder die Winnipeg Arena werden einfach abgerissen. Andere Bauten, wie die von urbanen Legenden umrankte Arlington Street Bridge oder der mit sexuellen Referenzen resemantisierte Sherbrook Pool, fügen sich aber mindestens ebenso problemlos in die Evokation von Maddins durch und durch persönlicher Stadt, in seine filmische Geistergeschichte Winnipegs. Guy Maddin ist mit dem vorliegenden, nun auch auf DVD greifbaren Film, eine fordernde, durchdachte Arbeit voll poetischer Wahrheiten und unterhaltsamer Neuerfindungen über reale und psychischen Landschaften gelungen. Den oben erwähnten Wunsch nach Verzauberung, nach enchantment, hat er mit „My Winnipeg“ mehr als nur erfüllt.

 

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