Neue Medien

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

Im Museum/T4 – Hartheim 1

von Werner Kofler/Andreas Gruber, Egon Humer und Johannes Neuhauser

AutorIn: Thomas Ballhausen

Mit der Veröffentlichung der beiden österreichischen Filme „Im Museum“ (1993) und „T4 – Hartheim 1“ (1988) im Rahmen der Standard Edition werden zwei wichtige Beispiele der filmischen Verhandlung der Shoah einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Label: Hoanzl/Edition Standard/Filmarchiv Austria
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2011

Zwei Filme, ein Thema. Zwei Zugänge, eine offene Frage. Mindestens eine. Bei allen Antworten gibt es doch zumindest immer eine Frage mehr. Werner Koflers „Im Museum“ und „T4 – Hartheim1“ von Andreas Gruber, Egon Humer und Johannes Neuhauser sind hier in ihrer Verwandtschaft und Unterschiedlichkeit nicht zufällig miteinander verkoppelt worden. Eben hier wird gefragt, nicht zuletzt nach den Optionen und Limits der Zeig- bzw. Darstellbarkeit. Beide Filme, deren Zugänglichmachung längst überfällig war, setzen in ihren jeweiligen Verhandlungen von Verdrängung und (Mangel an) Aufarbeitung des nationalsozialistischen Terrorregimes bei Gebäuden an. In Koflers „Im Museum“ ist es der noch nicht realisierte Entwurf, eben ein Museum der gesamtdeutschen Geschichte; in „T4 – Hartheim 1“ ist es der im Untertitel des Films – „Sterben und Leben im Schloss“ aufscheinende Bau.

Die Fiktion des ebenso wortgewaltigen wie knallharten Autors trifft auf die dokumentarische Auseinandersetzung mit dem historischen steinernen Objekt. Doch wie tun mit der filmischen Darstellung der Shoah, für die es kein endgültiges, letztes Bild geben kann, wie verfahren mit dem Scheitern der medialen Repräsentationen? Kofler geht in seiner Arbeit einen lohnenden, harten Umweg. Der Erzählstimme lauschend schreiten wir gemeinsam mit Kustos und Besucherinnen und Besuchern besagtes Museum ab. Schon zu Beginn heißt es:

„Wir beginnen also in der Steinzeit, sagte des Museumsführer, während wir in eine kühle Marmorhalle eintraten, denn, wenn mir dieser kleine Scherz gestattet ist, wo immer wir in die deutsche Geschichte eintreten, landen wir früher oder später in der Steinzeit.“

Ton und Bild gehen auseinander, man sieht sich mit frisch gebliebenen Herausforderungen an Sinnesgewohnheiten und Bildgedächtnisse konfrontiert. Der gebotene Text, ebenso von Kafka-Hinweisen durchzogen wie von den Phrasen fragwürdiger museologischer Konzepte, wird, ergänzt um das Geraune der anderen Besucher, mit Naturbildern verbunden, mit Unschärfen, zerkratztem und manipuliertem Material. Der Godard-Verehrer Kofler zelebriert die Störung, die Irritation und verweist auf die Gefahren, wenn Erinnerung zum Event, zum verwertbaren Spektakel zu verfallen droht.

Der Kustos ätzt treffend an einer Stelle:

„NATURGEMÄSS hat das Konzentrationslager im Museum nichts verloren, naturgemäß – Natur und Geschichte, NATURGESCHICHTE, das beschäftigt uns, wie?“

Nicht weniger bedrohlich, nicht weniger emsig tippt und knattert die bürokratisch gestützte Schreckens- und Mordmaschinerie auch in „T4 – Hartheim 1“ und gibt den darin vorgelesenen historischen Dokumenten, Zitaten, Dienstanweisungen und Belegstellen einen gespenstischen Rhythmus. Die Herausstellung der Euthanasie-Anstalt und der befremdlich harmlose Wohnalltag zur Drehzeit des Films betonen die sorgfältige Reihung im Untertitel: „Sterben“ trifft auf „Leben“. Die Interviewten berichten von der Inbesitznahme des Gebäudes, von baulichen Maßnahmen; was einmal gewesen wäre, hätte man nicht als störend empfunden. Die verschränkten Arme der Sprechenden lassen vermuten, dass es eher die Fragen sind, die so wahrgenommen werden.

Auf ihre Weise sind sowohl „Im Museum“ als auch „T4 – Hartheim 1“ philosophisch aufgeladene hauntologies, die verdeutlichen, dass es weiterhin gilt, ebendiese schwierigen, unangenehmen Fragen zu stellen.

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