Neue Medien

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

L’ Abécédaire de Gilles Deleuze

von Claire Parnet, Peierre-André Boutang und Michael Pamart

AutorIn: Thomas Ballhausen

Das „Abécédaire“ des französischen Philosophen Gilles Deleuze ist ebenso sagenumwoben wie sagenhaft: Siebeneinhalb Stunden bewegtes Denken uncut, das allerdings erst nach seinem Tode veröffentlicht werden durfte. Herausgegeben bzw. bearbeitet von Valeska Bertoncini und Martin Weinmann liegt eine vollständige, zweisprachige Edition dieser einzigartigen Arbeit vor.

Label: Absolut Medien/Zweitausendeins
Erscheinungsorte: Berlin/Frankfurt a.M.
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-89848-957-7

Was also ist das „Abécédaire de Gilles Deleuze“? Sieben Jahre vor seinem Freitod stimmte Deleuze einem Experiment zu: Die filmische Aufzeichnung eines Gesprächs mit seiner Schülerin Claire Parnet sollte ein lebendiges Bild seines Denkens bieten, aber erst nach seinem Tode veröffentlicht werden. Aufgenommen im Herbst 1988 und im Frühjahr 1989 wird in 25 Kapiteln, die von „A comme Animal“ bis „Z comme Zigzag“ reichen, seine Philosophie im Rückblick durchschritten. Bereits in den Jahren 1995 und 1996 wurden im vierzehntägigen Rhythmus Ausschnitte auf Arte im Rahmen der Kultursendung „Métropolis“ ausgestrahlt; 1997 wurde eine erste Gesamtedition veröffentlicht, die immer wieder auch im Kunstkontext zur Aufführung gelangte, etwa 2000 bei Thomas Hirschhorns „Deleuze Monument“ in Avignon. Jedes Kapitel ist einem Buchstaben zugewiesen, X und Y fallen als „inconnues“ in einen Abschnitt zusammen. Ausgehend vom jeweiligen Begriff beginnt Deleuze seine Ausführungen, seine Denkarbeit, seine Antwort, die mal ein paar Minuten, mal eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. Doch nie ist sein Sprechen ein medientaugliches Dozieren aus dem Stegreif, nie ein auf den Beifall des Publikums abzielendes Arsenal flotter, leicht verdaulicher bonmots. Vielmehr wird in den Kapiteln die philosophische Geste seines Vortragsstils deutlich, die die Vorlesung als Forschungslaboratorium erfahrbar macht, als Feld des Experiments und der zugelassenen Interventionen. Es herrschte in seinen Vorlesungen wohl mitunter Chaos, doch keine im klassischen Sinne gemeinte Unordnung; ein m.E. nach falsch verstandener Umstand, der Deleuze immer wieder Vergleiche mit dem exakten und akribischen Vortragsstil Michel Foucaults eingetragen hat, dem er in der Schriftform in Präzision aber um nichts nachsteht. Seine Vorlesungen hingegen hatten allerdings tatsächlich eine andere, stürmischere Form, in der das Chaos als zutiefst positives Element verstanden wurde – und auch immer noch zu verstehen ist: Es ist in diesem Fall das maritime Element der Philosophie, des Denkens schlechthin: Der Philosoph bei Deleuze setzt sich dieser Unberechenbarkeit aus, er setzt seine Leidenschaften, seine Interessen ein, er setzt sich mit allem aufs Spiel. Es wird deutlich, dass das Chaos so nicht mehr als das simple Fehlen von Ordnung oder als Nicht-Ordnung verstanden werden kann. Es gibt hier keine negative Bezugnahme mehr, vielmehr ist es, ganz im Sinne von Deleuzes gewendetem Differenzbegriff, eine Bejahung, eine andere Form der Ordnung, eine bewegliche Denk-Materie.

Für den Denkenden gibt es nun die unbedingte Notwendigkeit, sich in dieses Element zu begeben, um ihm zu trotzen, um ihm überhaupt trotzen zu können. Es kann für den Philosophen kein Abseits dieses Elements mehr geben, so es überhaupt je existiert hat. Er bewegt sich im Inmitten, einem Außen, das eben kein Äußeres mehr ist, ganz so, wie Deleuze in seinem „Foucault“-Buch 1986 schreibt, „als ob das Schiff lediglich eine Falte des Meeres wäre“. Als Schiffbrüchiger auf hoher See, dieser Ebene seiner Begriffe und Konstellationen, muss er sich ein Floß bauen, nur dort ist er in der Lage dazu. Man mag dieses Vehikel als Floß der Medusa denken wollen, als ikonographische Konstante zwischen Géricault und Uderzo, aber man ist nicht notwendigerweise auf die rettende Argus – um sozusagen „im-Bild-zu-bleiben“ – angewiesen; Philosophen, Denker sind nicht bloß Schiffbrüchige, sie sind Schwimmer, ihre Begriffe sind „leuchtende Bojen, deren Verankerung lose ist“ (M. Steinweg). Zu dieser Position des Inmitten, die Deleuze so leicht und so voll entflammt für die Haltung des Denkens darzustellen versteht, und zum Stoff seines Denkens, den er so charmant in Bewegung versetzt, lädt dieses ganz und gar ungewöhnliche Interview-Werk ein. Denn, „L’ Abécédaire“ ist eben kein Vermächtnis im klassischen Sinn, kein Testament; es ist in seiner Rückschau eine weitere Fluchtlinie, die Bilderfolge einer „unabschließbaren Denkbewegung“ (M. Stingelin).

Der Beginn und das Ende sind das Alphabet, ein System, eine Struktur. Im Laufe einer künstlerischen oder philosophischen Arbeit steht genau das, denken wir an illustre Beispiele wie David Lynchs „The Alphabet“ (1968), Peter Greenaways „The Falls“ (1980) oder an „Von Abel bis Zwilling. Ein Lexikon des Lebens“ von Deleuzes Weggefährten Michel Tournier aus dem Jahre 1992. Ein solches Lebens-Lexion ist dieses offene System. Das „L’ Abécédaire“ ist auch ein sinnliches Erlebnis, die Aufzeichnung eines nahezu unglaublichen Denkereignisses. Es ist die Möglichkeit, dem Denken des Philosophen Gilles Deleuze zuzusehen, dem die Philosophie als System nur dann vorstellbar und denkbar war, wenn – wie er 1990 in einem Brief an Jean-Marie Clet schreibt – es nichts mit „Koordinaten des Identischen, des Gleichen und des Analogen“ zu tun hat. Seine Vorstellung der Philosophie ist die einer Philosophie als ars vivendi, als schaffende, schöpferische Kraft und Kunst, die auf Variation und Vielheit ausgerichtet ist, die ihre Aufgabe darin sieht, Begriffe, begriffsspezifische Immanenzebenen der Anordnung und innere, signaturhafte Bedingungen für die reale Ausübung des Denkens zu erzeugen und zu ermöglichen. Diese Begriffe sind Ausdrücke einer Philosophie als – wie Deleuze es in seinem Text „Das Aktuelle und das Virtuelle“ (1980) bezeichnet hat – „Theorie der Vielheiten“.

Das Durchschwimmen des ABC-Meeres Deleuzes braucht Zeit und Ruhe. Es bräuchte dafür doch nahezu acht Stunden Kopf- bzw. Brustschwimmen, oder was auch immer man sonst bevorzugt. Als Beispiele sollen hier drei Ausdrücke hervorgehoben werden, die zentral mit dem Denken und Arbeiten dieses Philosophen verbunden sind: „D comme Désir“, „L comme Littérature“ und „Q comme Question“. Stellvertretend für das gesamte Alphabet wird an ihnen deutlich werden, wie es Deleuze nicht nur um die Begriffe und ihre Bedeutungen, sondern auch um ihre Kontexte, ihre Bedingungen im Rahmen seines bereits angedeuteten Philosophieverständnisses geht. So finden wir im Wort „désir“ sowohl die Begierde im Sinne Hegels als auch den Wunsch im Sinne Freuds repräsentiert, etwas, das nun nicht mehr als Mangel verstanden werden sollte, sondern spätestens mit dem „Anti-Ödipus“ (1972) als Kraft und Fluchtlinie, als Option auf eine radikale und radikal neue historische Theorie. Geschichte wird in der Zusammenführung von Psychoanalyse und Gesellschaftskritik als etwas Phasenhaftes begreifbar, geprägt durch Wandel, Einschreibungen oder gar Dressur. „Littérature“ hingegen macht deutlich, so meine Sicht, dass das Lesen eben keine Frage von Verurteilungen ist, sondern eine Sache von Liebe und Hass. Gute Bücher, so man von ihnen sprechen kann, werden für den Philosophen Deleuze, der die Literatur sehr ernst nimmt, als Bündelungen neuer Arten und Weisen des sinnlichen Erfahrens, des Empfindens und Denkens fassbar; ein entsprechend daran anknüpfendes Lesen wäre somit eines, das uns zu diesen neuen Möglichkeiten verhilft, ein Lesen also, das unser Denken beflügelt und erweitert. Frage und Blick gelten und erscheinen mir als Instrumente eines detektivischen Denkens unabdingbar, deshalb auch die Unvermeidlichkeit, auf „Question“ einzugehen, also die Frage nach der Philosophie in die Auswahl mit aufzunehmen. 1990 schreibt Deleuze für die Zeitschrift mit dem wunderbaren Namen „Chimères“ einen prägnanten Text über die Bedingungen der Frage „Was ist Philosophie?“. Da heißt es: „Vielleicht kann man die Frage Was ist Philosophie? erst spät stellen, wenn mit dem Alter die Stunde gekommen ist, die Dinge konkret beim Namen zu nennen. Eine solche Frage stellt man, wenn es nichts mehr zu fragen gibt – obwohl ihre Folgen beträchtlich sein können. Zwar hat man sie schon früher gestellt, immer wieder gestellt, jedoch zu künstlich, zu abstrakt; man trug sie vor, man legte sie dar, man zähmte sie eher, als daß man sich von ihr hätte ergreifen lassen.“ Wie soll man das besser sagen? Es geht darum, sich vom ungezähmten Denken ergreifen zu lassen, sich ins Inmitten hineinzubegeben und sich den Risiken der Freiheit des Denkens auszusetzen. Denken und Philosophieren wird bei Deleuze – und insbesondere im „L’ Abécédaire“ – als eine Sache von Leben und Tod begreifbar, erfahrbar. Man soll sich eingeladen fühlen, ein Schwimmer zu sein oder zu werden.

www.absolutmedien.de

www.zweitausendeins.de

 

 

Tags