Schwerpunkt

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

Migrationsgesellschaftliche Geschichtsbeziehungen zum Nationalsozialismus

AutorIn: Astrid Messerschmidt

Der Beitrag skizziert die gesellschaftlichen Bedingungen einer zeitgemäßen Erinnerungsarbeit im Kontext der gegenwärtigen migrationsgesellschaftlichen Wirklichkeit und analysiert Selbstbilder in der Migrationsgesellschaft im Sinne einer Wir-Konstruktion sowie Phänomene des sekundären Antisemitismus. Auch die Gedenkpraxen in der europäischen Geschichtserinnerung an den Nationalsozialismus werden in diesen Kontext gestellt. Dabei werden migrationsgesellschaftliche Erinnerungspraktiken als multiperspektivisch angelegte Beziehungsgeschichte begriffen. Die Verfasserin argumentiert aus ihrem eigenen bundesdeutschen Kontext heraus, wobei die Ähnlichkeiten und Unterschiede zu den österreichischen Bedingungen noch zu diskutieren wären.

Abstract

This contribution sketches societal conditions for an up-to-date work of remembrance in the context of our current experience in migration societies, and analyses self-images of migration society in the sense of a construction of an ‘us’ as well as phenomena of secondary antisemitism. Also, the memorial practices within a European remembrance of the history of National Socialism are examined within this context. Memorial practices in migration societies are understood as multi-perspective constructs of relational history. The author argues from her own West German context; similarities and differences to the Austrian situation remain to be discussed.


Selbstbilder in der Migrationsgesellschaft

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich erst vor wenigen Jahren politisch dazu bekannt, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein, kurz bevor sie statistisch im Jahr 2009 vorübergehend wieder zur Auswanderungsgesellschaft geworden war.[1] In dieser Verspätung spiegelt sich eine Schwierigkeit im Umgang mit der inneren gesellschaftlichen Heterogenität. Dies lässt sich auf die in der politischen Kultur des Landes stark verankerte Vorstellung einer nationalen Homogenität zurückführen. Im Unterschied zu vielen anderen Nationalstaaten ist in Deutschland und Österreich die Vorstellung eines ethnisch und kulturell homogenen ‚Wir‘ bis heute im kollektiven Gedächtnis stark verankert. Dieses Wir-Bild stellt eine nationale Gemeinschaft her und wehrt neue Zugehörigkeiten ab. Deutsche bzw. ÖsterreicherInnen können dabei weder Schwarze, noch Sinti, noch Muslime, noch Juden sein, ohne gefragt zu werden, woher sie ‚eigentlich’ kommen. Letzteres wird im aktuellen migrantInnenfeindlichen Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland versucht durch Vereinnahmung zu überwinden. Die penetrante Rede von der ‚jüdisch-christlichen Kultur’ der Deutschen verdrängt die deutsche Abwehr- und Assimilationsgeschichte gegenüber den deutschen Juden zugunsten eines unproblematischen Selbstbildes, mit dem zugleich wieder eine homogene kulturelle Identität behauptet wird. Das Jüdische wird dabei en passant vereinnahmt, ohne wirklich gemeint zu sein. Salomon Korn sieht die rhetorische Funktion dieser Bezeichnung in der Abgrenzung gegenüber den „neuen Fremden“, gegen die eine Allianz gebildet werden solle, die sich insbesondere gegen Muslime richtet (vgl Diez 2010). Aus meiner Sicht handelt es sich um eine dominanzgesellschaftliche Vereinnahmung. Sowohl die deutsche Geschichte des Antisemitismus wie auch die deutsche Geschichte des migrantInnenfeindlichen Rassismus werden dabei ausgeblendet.

Sekundärer Antisemitismus

Als sekundär stellt sich jeder Antisemitismus nach 1945 dar, denn von da an nehmen alle antisemitischen Äußerungen, Denkmuster und Praktiken in irgendeiner Weise Bezug auf den Massenmord an den europäischen Juden und instrumentalisieren die Erinnerung an die Shoah für die Legitimation antisemitischer Auffassungen. Die Grundstruktur des sekundären Antisemitismus besteht in einem Abwehrverhältnis zum Nationalsozialismus, indem versucht wird, Geschichte dadurch abzuschließen, dass man die Opfer diskreditiert. Vorherrschend sind Praktiken der Derealisierung der Verbrechensvorgänge, deren Relativierung sowie die im sekundären Antisemitismus vorgenommene Täter-Opfer-Umkehr. Erinnerungsabwehr und Relativierungen historischer Erkenntnisse bedingen sich in diesen Abwehrpraktiken gegenseitig. Ein wirksames Instrument dieser Relativierung besteht darin, „die Opfer von damals als die Täter von heute“ erscheinen zu lassen (Holz 2005: 59). Holz sieht in dieser „Umkehrung des Verhältnisses von Täter und Opfer (...) den Kern des Antisemitismus nach Auschwitz“ (ebd.). Zwar hat der Antisemitismus nach 1945 seine rassentheoretische Begründung weitgehend verloren, dabei aber nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt (vgl. Bergmann 2004).

In der gegenwärtigen bundesrepublikanischen Öffentlichkeit wird Antisemitismus bevorzugt als Phänomen extremistischer Gruppierungen oder identifizierbarer Minderheiten betrachtet und erscheint dadurch als ein Problem von anderen, die nicht „wir“ sind. Für den Rassismus hat Karin Scherschel heraus gearbeitet, dass diesem Ansatz ein „Unvereinbarkeitsgedanke“ zugrunde liegt, die Argumentationsfigur einer gesellschaftlichen Mitte, die zwischen Extremen existiert und sich von diesen unterscheidet (Scherschel 2006: 50). Scherschel bezeichnet das als „Täterschematismus“ (ebd.), bei dem Übeltäter identifiziert werden, die man klar von sich selbst und einer als vernünftig repräsentierten Mehrheit abgrenzen kann. Antisemiten erscheinen in diesem Schema gegenüber der zivilisierten Gesellschaft als marginalisierte Abweichler, die den Konsens der Gesellschaft nicht teilen. Während diese Abweichung bisher eher im Rechtsextremismus verortet wurde, wird sie neuerdings zunehmend muslimischen MigrantInnen zugeschrieben. Diese projektive Lokalisierung von Antisemitismus verfehlt die Gelegenheit, den aktuellen Kontext der Migrationsgesellschaft zu thematisieren. Anstatt die gesellschaftliche Situation in den Blick zu nehmen, die Antisemitismus zu einem vielfältig instrumentalisierbaren Reservoir an Fremd- und Feindbildern macht, wird über „einen Antisemitismus der Migranten“ gesprochen (Stender 2008: 284). Es kommt zu einer „verengten Beobachtungsperspektive“ (ebd.), die sich auf die Identitäten von Minderheiten fokussiert. Stattdessen wären die sozialen Verhältnisse in den Blick zu nehmen, innerhalb derer antisemitische Äußerungen  benutzt werden, um Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung so zu adressieren, dass sie Aufmerksamkeit erzeugen. Eine identifizierende Sicht auf den Antisemitismus als Wesensmerkmal von bestimmten Gruppen in der Gesellschaft produziert „falsche Vereindeutigungen“ (ebd.: 289) und wird der Diversität von Antisemitismus und den vielfältigen Beanspruchungen antisemitischer Muster nicht gerecht (vgl. Messerschmidt 2010). Ein identifizierender Umgang mit Antisemitismus, bei dem eindeutig unterschieden wird „zwischen antisemitischen und nicht-antisemitischen Jugendlichen“ (Schäuble/Scherr 2006: 58) verhindert den Zugang zur Selbstreflexion bei den derart Adressierten. Den antisemitischen Äußerungen von Jugendlichen liegt meistens kein geschlossenes Weltbild zugrunde, eher werden Versatzstücke aus der Kommunikation mit Erwachsenen und aus den Medien benutzt und aufgegriffen. Bildungsarbeit sollte medienkritische Zugänge eröffnen, um die Quellen in Frage stellen zu können, die antisemitische Auffassungen propagieren. Wer nutzt Stereotype mit welchem Interesse und wie kommt es, dass diese Stereotype populär werden? Die Perspektive der Problematisierung richtet sich dann nicht mehr auf die Jugendlichen selbst und ihre vermeintlichen Gruppenidentitäten, sondern auf die Bezugspunkte für antisemitische Denkweisen und deren mediale und öffentlichkeitswirksame Kontexte.

Der Antisemitismus derer, die auch in der dritten Generation immer noch als „Migranten“ bezeichnet werden, knüpft sowohl an den in der deutschen Gesellschaft nach wie vor vorhandenen Antisemitismus an, als auch an Formen von Antisemitismus, wie sie in den Herkunftsländern ausgeprägt werden. Um Antisemitismus politisch und pädagogisch bearbeiten zu können, sind die jeweiligen Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen er auftritt. In der gegenwärtigen Gesellschaft gehören zu diesen Bedingungen neben den prekären rechtlichen und sozialen Verhältnissen, unter denen viele MigrantInnen leben, antimuslimische Ressentiments und der Einfluss islamistischer und nationalistischer Gruppen (vgl. amira 2009: 2f). Antisemitische Auffassungen und Praktiken haben vielfältige Ausgangspunkte und erfüllen mehrere Funktionen. Sie eignen sich sowohl zur Provokation und damit zur Differenzmarkierung, wie auch zum Erzeugen von Zustimmung und werden auf einem Territorium artikuliert, auf dem die Zugehörigkeiten umkämpft sind und das durch strukturelle Ungleichheiten gekennzeichnet ist. Mit Hilfe von Antisemitismus werden die den Diskriminierungserfahrungen von Minderheiten zugrunde liegenden rassistischen Spaltungen in der Einwanderungsgesellschaft auch von diesen Minderheiten selbst verdrängt zugunsten einer Sichtweise, die Verursacher für die eigene Misere personifizieren und eine spezifische Gruppe dafür verantwortlich machen kann. Eigene Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen können kompensiert werden, wenn die Abwertung auf ‚die Juden’ projiziert wird (vgl. ebd.: 7). Für die Analyse dieser Prozesse kommt es darauf an, die Zugehörigkeitsbegrenzungen und Ungleichheitsstrukturen in den Blick zu nehmen, die in dieser Gesellschaft wirksam sind. Mit einer kontextualisierenden Perspektive werden antisemitische Auffassungen im Zusammenhang der migrationsgesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet und damit als eine Problematik repräsentiert, die alle angeht. Gelingen wird dies allerdings nur, wenn die eigene Gesellschaft als Migrationsgesellschaft anerkannt wird.

Europäische Dimensionen von Geschichtserinnerung

Das europäische Ausmaß und die globalen Folgen der NS-Verbrechen sind wesentliche Bestandteile einer Gedenkpraxis, die nationale Selbstbestätigungen vermeidet und sich auf die Gegenwart europäischer Migrationsgesellschaften einlässt. Es handelt sich um Gesellschaften vielfältiger Zugehörigkeiten, wodurch sich verschiedene Beziehungen zur Geschichte ergeben haben. In der außerschulischen Erinnerungsbildungsarbeit, im Geschichtsunterricht und in akademischen Lehrveranstaltungen artikulieren Teilnehmende, SchülerInnen und Studierende ihre Geschichtsbeziehungen auf dem Hintergrund ihrer Familiengeschichten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: Es handelt sich um Geschichten von Partisanenerfahrungen, Geschichten von Überlebenden der Shoah, Erfahrungen aus Polen, Rumänien, Tschechien, sodass PädagogInnen und WissenschaftlerInnen herausgefordert werden, andere Geschichtsbezüge herzustellen, als sie in der österreichischen und deutschen Mehrheitsgesellschaft repräsentiert sind und sich einzulassen auf die Gegenwart der Migrationsgesellschaft. Aus meiner Sicht hängt die Zukunft der Erinnerung davon ab, wie es gelingt, diese vielfältigen Beziehungen jeweils zum Ausdruck kommen zu lassen, ihnen Raum zu geben und viele Gelegenheiten zu schaffen, um sie zu reflektieren. Von der Intensität der Reflexion hängt es ab, inwiefern bei allen migrationsgesellschaftlichen und europäischen Differenzierungen von Erinnerung die spezifisch deutsche Verantwortung für die Folgen der massenhaften Verbrechen wahrgenommen und für wichtig genommen wird. Für eine migrationsgesellschaftliche Erinnerungsarbeit kommt es zunehmend darauf an, Vergleiche zuzulassen und dabei Kriterien für Unterscheidungen anzubieten. Mit dem Ansatz des unterscheidenden Vergleichens wird eine Gratwanderung versucht zwischen der Würdigung vielfältiger Bezüge zu zeitgeschichtlichen Erfahrungszusammenhängen einer Generation, die nach 1990 politisch sozialisiert worden ist und einer Verdeutlichung der spezifischen Geschichte und Bedeutung des Massenmordes an den europäischen Juden.

In Europa ist es in den letzten beiden Jahrzehnten in vielen Ländern zu einem „Memory Boom“ gekommen, wobei der nationalsozialistische Völkermord und die deutsche Besatzungsherrschaft in Ost- und Westeuropa im Mittelpunkt standen. Entlang der früheren Ost-West-Trennlinie Europas hat sich ein gedächtnispolitischer Streit über die Frage entwickelt, “welchen Stellenwert die politisch-kulturelle Erinnerung an die NS-Jahre im Vergleich zu der sowjetischen Hegemonialpolitik einnehmen sollte“ (Corneließen 2008). Im innerdeutschen Diskurs spiegelt sich diese Konfliktlinie wider, wenn es um die Aufarbeitung der DDR-Geschichte geht und deren Vernachlässigung gegenüber der Auseinandersetzung mit dem NS beklagt wird. Die darin implizit enthaltene Gedächtniskonkurrenz führt zu einer nivellierenden Wahrnehmung von „zwei Diktaturen“, die zur Entkonkretisierung von Verbrechensgeschichte neigt und mit dem Begriff der Diktatur eine distanzierende Haltung gegenüber beiden Geschichtszusammenhängen begünstigt. Demgegenüber fördern Bildungsprojekte, die nach den Beziehungen der Beteiligten zu den jeweiligen Herrschaftszusammenhängen und deren Folgen fragen, ein differenzierendes Nachdenken.

Während in der Bundesrepublik und nach meiner Wahrnehmung auch in Österreich das nationale Selbstbild immer noch stark von einer abstammungsbezogenen Identitätskonzeption geprägt ist, hat sich in den westeuropäischen Nachbarländern aufgrund republikanischer Traditionen und einer erreichten Akzeptanz gegenüber der Migrationstatsache teilweise eine Öffnung hin zu einem Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaften entwickelt. Konterkariert wird diese Entwicklung von den nach 2001 in Europa vorgenommenen neuen Abgrenzungen und Spaltungen nach dem Muster einer Wir-Sie-Ordnung, die auf antimuslimische Tendenzen zurück zu führen sind. Der Menschenrechtsforscher Heiner Bielefeldt sieht darin eine „antipluralistische Engführung des Integrationsdiskurses“ (Bielefeldt 2007: 18), bei der das Sprechen über Integration dazu benutzt wird, insbesondere muslimische MigrantInnen als kulturell Fremde zu adressieren. Die Abwehr von Pluralität und Differenz steht im Gegensatz zum gesellschaftlichen Selbstbild eigener Modernität und Fortschrittlichkeit. Um diese eher unmoderne Haltung zu legitimieren, werden auf die als muslimisch identifzierten MigrantInnen Eigenschaften projiziert, die als unmodern gelten. Auf der Seite der derart Adressierten ergeben sich in Wechselwirkung damit antiwestliche Positionen, die häufig auch mit einer Abwehr der Beteiligung an der Aufarbeitung der Shoah verbunden sind, weil diese als dominanzgesellschaftliches Projekt wahrgenommen wird.

Migrationsgesellschaftliche Erinnerungspraktiken

Aufgrund einer bisher dominierenden Selbstbezüglichkeit bundesdeutscher Erinnerungspraktiken, ist das Geschichtsverhältnis zu einem Problem nationaler Identität gemacht worden. Anstatt eines Verlustes zu gedenken, wird die historische Beschädigung des Deutschseins beklagt. Zugleich wird in dieser selbstbezüglichen, aber keineswegs selbstreflexiven Tendenz die innere Heterogenität der Nation mit ihren vielfältigen Zugehörigkeiten verdrängt. Erinnerung erscheint als etwas, das ‚den Deutschen’ gehört, weshalb die in den letzten Jahren intensiv geführte Auseinandersetzung um die Erinnerungskultur nur von wenigen auf die Diskussion um die Einwanderungsgesellschaft bezogen worden ist (vgl. Georgi 2000). Diejenigen, denen ein Migrationshintergrund zugeordnet wird – gleichgültig, ob sie diesen für sich selbst für relevant halten – haben im Zusammenhang der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus oft erlebt, dass ihnen ein Desinteresse unterstellt und ihnen das Gefühl vermittelt wurde, dies sei ein deutsches Thema, das nichts mit denen zu tun habe, die keine ‚echten’ Deutschen sind. Damit wird zum einen ein völkisches Selbstbild innerer nationaler Homogenität gepflegt. Zum anderen wird die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus zu einem nationalen Projekt erklärt, wodurch die europäische und globale Bedeutung der Verbrechensgeschichte des NS und ihrer Folgen für Menschen auf der ganzen Welt ausgeblendet werden.

Projekte, die den Kontext der Einwanderungsgesellschaft anerkennen, ermöglichen Anknüpfungen an die Aufarbeitung der NS-Verbrechen für Teilnehmende verschiedener nationaler und kultureller (familiärer) Hintergründe und eröffnen dadurch historisch bewusste Beziehungen zur gegenwärtigen bundesdeutschen Gesellschaft. Kennzeichnend für diese Ansätze ist das Bemühen um Perspektivenerweiterung, was den BildungsarbeiterInnen in diesem Feld abverlangt, eigene Geschichtszugänge im Verhältnis zu anderen Sichtweisen zu reflektieren. Konfliktgeladene und kontroverse Geschichtsbilder können dabei zutage treten und machen die multiperspektivische Aufarbeitung von Verbrechensgeschichte besonders anspruchsvoll. Projekte wie der Dokumentenkoffer „GeschichteN teilen“[2] thematisieren bisher wenig beachtete Geschichtsbeziehungen und wecken damit das Interesse an der Auseinandersetzung mit dem NS gerade bei denjenigen Gruppen der Gesellschaft, die sich im bundesdeutschen Erinnerungsdiskurs häufig als nichtzugehörig adressiert gefunden haben. Neben der multiperspektivischen Geschichtsaufarbeitung bringen derartige Projekte eine nicht zu unterschätzende Anerkennung von Mehrfach-Zugehörigkeiten in der Migrationsgesellschaft zum Ausdruck (vgl. Messerschmidt 2010). In dieser Anerkennung liegt die Chance, den Anspruch der Empathie, der in der pädagogischen Erinnerungsarbeit lange auf die Opfer der NS-Verbrechen bezogen worden ist zu verschieben auf die heutigen Teilnehmenden von Bildungsprozessen. Sie haben einen Anspruch darauf, dass sich pädagogisch Professionelle in ihre Situation hinein denken und ihre Ausgangsbedingungen sowie ihre gesellschaftlichen Positionierungen wahrnehmen. „Eine empathische Annäherung an ‚historische Stoffe und Akteure’ gewinnt an Überzeugungskraft, wenn Empathie nicht nur an einem wie auch immer gearteten ‚Objekt‘ geübt, sondern selber erfahren wird, also der Subjektstatus aller pädagogischen Akteure reflektiert und respektiert wird“ (Heyl 2010: 107).

Mit dem Hinweis, „(...) dass meine Kinder hier zur Schule gehen und dort lernen, dass es Auschwitz gab“, begründet Doğan Akhanli sein Engagement in der historisch-politischen Bildung. Er bietet deutsch- und türkisch-sprachige Führungen am Ort des ehemaligen Gestapo-Sitzes in Köln an und beabsichtigt, „Erinnerungsarbeit in Deutschland, die ich eine ‚deutsche Erfahrung’ nennen will, auch für MigrantInnen aus der Türkei erfahrbar zu machen“ (Akhanli 2006: 312). Akhanli geht es darum, „die NS-Geschichte nicht als deutsche Geschichte, sondern als Beziehungsgeschichte zu erzählen“ und dabei die historischen Verbindungslinien zur armenisch-türkisch-kurdischen Geschichte zu rekonstruieren, um einen „multiperspektivischen und respektvollen Umgang mit vergangenen Gewalterfahrungen“ zu fördern (ebd.). Die Wahrnehmung verschiedener Geschichtszusammenhänge soll die Sensibilität für Unterscheidungen fördern, wobei nicht auszuschließen ist, dass historisch unangemessene Gleichsetzungen vorgenommen werden. Es handelt sich um eine Gratwanderung, bei der den pädagogisch Handelnden argumentative Klarheit und gruppenbezogene Offenheit abverlangt werden.

Die Impulse, die von Jugendlichen aus Familien mit Migrationsgeschichten für die Gedenkstättenpädagogik ausgehen, reflektiert Elke Gryglewski aufgrund ihrer Erfahrungen mit Gruppen in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Sie beobachtet verschiedene Motive für das Interesse am Thema Nationalsozialismus, wie die Orientierung an Menschenrechten und die Reflexion eigener Diskriminierungserfahrungen sowie das Bedürfnis, dazu zu gehören (vgl. Gryglewski 2006: 301). In ihrer pädagogischen Praxis hat sich ein offensiver Umgang mit Heterogenität herausgebildet. „Es hat sich bewährt, die Gruppe von Beginn an auf ihre heterogene Zusammensetzung anzusprechen und diese als Gewinn für das Gespräch über die Geschichte des Nationalsozialismus hervorzuheben“ (ebd.: 303). Die Jugendlichen schätzen es zu erleben, dass ihnen vielfältige Anknüpfungspunkte geboten werden, wie beispielsweise Materialien zur Türkei als Exilland oder zum Umgang mit der Rassenpolitik in verschiedenen europäischen Ländern. Dabei geht es nicht um eine Kontrastierung von Jugendlichen deutscher und nichtdeutscher Herkunft, sondern eher darum, den deutschen Erinnerungsdiskurs in der Einwanderungsgesellschaft weiter zu entwickeln und dabei unterschiedliche Geschichtszugänge zu würdigen. Die multiperspektivische Sichtweise auf die NS-Geschichte ist für alle Beteiligten in den Besuchergruppen eher neu und anregend, sie macht ihr Geschichtsbild komplexer und verdeutlicht die internationale Dimension der Erfahrungen, die mit dem Nationalsozialismus verbunden sind.

Für die Praxis historisch-biografischer Bildungsarbeit diskutiert Ulla Kux einen Ansatz, der die interkulturelle Dimension von Bildungsprozessen produktiv aufgreift und in die erinnernde Rekonstruktion von Geschichte einbezieht. Kux fordert die Akteure politischer Bildung auf, ihre Perspektiven zu prüfen. Es komme zu „Perspektivenverengungen“, wenn historische Lernprozesse, die insbesondere die NS-Geschichte thematisieren, auf ein nationales Wir beschränkt blieben (Kux 2006: 243). Wird die NS-Geschichte als „deutsche Geschichte“ repräsentiert, kommt MigrantInnen dabei nur ein Außenstatus zu. Die Autorin sieht darin „keine taugliche Gegenüberstellung für die Bildungspraxis“ (ebd.: 247) und plädiert für eine „multiperspektivisch angelegte Beziehungsgeschichte“ (ebd.: 248), die es ermöglicht, die internationale Dimension des Nationalsozialismus erfahrbar zu machen. Erinnerungskultur in der Migrationsgesellschaft wird in diesem Ansatz nicht als Maßnahme zur Integration in ein deutsches Geschichtsbild betrachtet, sondern als Prozess migrationsgesellschaftlicher Verständigung über eine Verbrechensgeschichte, die global bedeutsam ist und auf vielfältige Weise erinnert, instrumentalisiert und beansprucht wird. Dabei steht der Begriff der Erinnerungskultur selbst zur Disposition. Wie kann die Kultur des Erinnerns so gestaltet werden, dass sie der kulturellen Amnesie, die Johann Baptist Metz als die „Stillstellung des Schmerzes der Erinnerung“ definiert, entgegenwirkt (Metz, 2000: 138)? Erst eine anamnetische Kultur fördert das Bewusstsein für die Gefahren des Vergessens, die in der vermeintlichen Gewissheit liegen, das Geschehen nun angemessen erinnert zu haben. Mit ihr entsteht keine Sicherheit im Umgang mit Erinnerung, eher eine bleibende Verunsicherung (vgl. Messerschmidt 2003: 252ff), die in einer kritischen Erinnerungsbildung immer wieder zum Ausdruck zu bringen ist.


Literatur

Akhanli, Doğan (2006): Meine Geschichte – „Unsere“ Geschichte. Türkischsprachige Führungen im NS-Dokumentationszentrum in Köln. In: Fritz Bauer Institut/Jugendbegegnungsstätte Anne Frank (Bernd Fechler/Gottfried Kößler/Astrid Messerschmidt/Barbara Schäuble) (Hg.): Neue Judenfeindschaft? Zum pädagogischen Umgang mit dem globalisierten Antisemitismus. Frankfurt/M.: Campus, S. 310-317.

amira (2009): „Du Opfer! Du Jude“ – Antisemitismus und Jugendarbeit in Kreuzberg, Dokumentation der amira-Tagung am 16.09.2008 im Stadtteilzentrum Alte Feuerwache, Berlin-Kreuzberg. www.amira-berlin.de/Material/Publikationen/54.html

Bergmann, Werner (2004): Auschwitz zum Trotz. Formen und Funktionen des Antisemitismus in Europa nach 1945. In: Christina von Braun/Eva-Maria Ziege (Hg.): Das ‚bewegliche’ Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus: Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 117-141.

Bielefeldt, Heiner (2007): Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft. Plädoyer für einen aufgeklärten Multikulturalismus. Bielefeld: Transcript.

Corneließen, Christoph (2008): Erinnern in Europa, in: http://www.bpb.de/themen/8JVYJ2.html

Diez, Georg (2010): Der verwandte Schmerz. Das jüdische Leben in Deutschland war lange vor allem gut für die Deutschen. Diese historische Phase geht nun zu Ende. Ein Besuch bei Salomon Korn’. In: Süddeutschen Zeitung vom 17. Februar 2010, S. 13.

Georgi, Viola (2000): Wem gehört deutsche Geschichte? Bikulturelle Jugendliche und die Geschichte des Nationalsozialismus. In: Bernd Fechler/Gottfried Kößler/Till Lieberz-Groß (Hg.): „Erziehung nach Auschwitz“ in der multikulturellen Gesellschaft. Pädagogische und soziologische Annäherungen. Weinheim/München: Juventa, S. 141-162.

Gryglewski, Elke (2006): Neue Konzepte der Gedenkstättenpädagogik. Gruppenführungen mit Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz, in: Fritz Bauer Institut/Jugendbegegnungsstätte Anne Frank (Hg.): Neue Judenfeindschaft? Zum pädagogischen Umgang mit dem globalisierten Antisemitismus. Frankfurt/M.: Campus, S. 299-309.

Heyl, Matthias (2010): Erziehung nach Auschwitz – Bildung nach Ravensbrück. Historisch-politische Bildung zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen. In: Klaus Ahlheim/Matthias Heyl (Hg.): Adorno revisited. Erziehung nach Auschwitz und Erziehung zur Mündigkeit heute, Hannover: Offizin, S. 89-125.

Holz, Klaus (2005): Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamistische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft, Hamburg: Hamburger Edition.

Kux, Ulla (2006): Deutsche Geschichte und Erinnerung in der multiethnischen und –religiösen Gesellschaft. Perspektiven auf interkulturelle historisch-politische Bildung. In: Heidi Behrens/Jan Motte (Hg.): Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft, Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 241-259.

Messerschmidt, Astrid (2010): Flexible Feindbilder. Antisemitismus und der Umgang mit Minderheiten in der deutschen Einwanderungsgesellschaft. In: Wolfram Stender/Guido Follert/Mihri Özdogan (Hg.): Konstellationen des Antisemitismus. Antisemitismusforschung und sozialpädagogische Praxis. Wiesbaden: VS Verlag, S. 91-108.

Messerschmidt, Astrid (2003): Bildung als Kritik der Erinnerung. Lernprozesse in Geschlechterdiskursen zum Holocaust-Gedächtnis. Frankfurt/M.: Brandes & Apsel.

Metz, Johann Baptist (2000): Das humane Gedächtnis zu schärfen. Überlegungen eines Theologen im Zeitalter kultureller Amnesie. In: Sönke Abeldt/Walter Bauer u.a. (Hg.): „...was es bedeutet, verletzbarer Mensch zu sein“. Erziehungswissenschaft im Gespräch mit Theologie, Philosophie und Gesellschaftstheorie. Mainz, S. 137-144.

Schäuble, Barbara/Albert Scherr (2006): ‚Ich habe nichts gegen Juden, aber…’ Widersprüchliche und fragmentarische Formen von Antisemitismus in heterogenen Jugendszenen, in: Fritz Bauer Institut/Jugendbegegnungsstätte Anne Frank (Hg.): Neue Judenfeindschaft? Zum pädagogischen Umgang mit dem globalisierten Antisemitismus. Frankfurt/M.: Campus, S. 51-79.

Scherschel, Karin (2006): Aufgeklärtes Denken und Abwertung ethnisch Anderer – historische und aktuelle Aspekte. In: Zeitschrift für Genozidforschung, Nr. 1/2006, S. 49-71.

Stender, Wolfram (2008): Der Antisemitismusverdacht. Zur Diskussion über einen „migrantischen Antisemitismus“ in Deutschland. In: Migration und Soziale Arbeit, 30. Jg., Heft 3/4/2008: 284-290.

 


[1] „721.000 Menschen sind im vergangenen Jahr (2009, A.M.) in die Bundesrepublik gezogen. Das ist die gute Nachricht, denn das sind immerhin 39.000 mehr als im vergangenen Jahr. Die schlechte ist: 734.000 haben Deutschland den Rücken gekehrt. In der Endabrechnung hat also eine Kleinstadt mit 13.000 Einwohnern Deutschland verlassen“ (süddeutsche zeitung.de 26.05.2010). Das Deutsche Institut für Wirtschaft gibt an, dass pro Jahr 0,8 % der Bevölkerung Deutschland verlassen, wobei von diesen etwa 650.000 Personen die meisten einen Migrationshintergrund haben. Ein beträchtlicher Teil der  Auswanderer zieht nach Österreich und in die Schweiz (vgl. Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 39/2009, S. 663).

[2] Kooperationsprojekt zwischen der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz und dem Verein Miphgasch/Begegnung in Berlin.

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