Praxis

1/2012 - Repräsentation(en) der Shoah

Plädoyer für eine Implementierung von Radio als Lernform

AutorIn: Helmut Hostnig

Helmut Hostnig analysiert verschiedene Lernkonzepte, -formen und typen und erläutert, wie leicht man im Unterricht Radio machen kann.

„Wenn du ein Schiff bauen willst,
so trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen,
Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen,
sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

Antoine de Saint-Exupéry

Kurze Istzustandsanalyse aus subjektiver Sicht

Das Getriebe im Schulsystem klappert, schleift, brummt! Befunde über Systemfehler liegen vor. Bildungskommissionen und Expertenrunden zerbrechen sich die Köpfe, Empfehlungen werden erarbeitet. Pisa stellt der österreichischen Schule ein gleich bleibend schlechtes Zeugnis aus. Ein Bildungsvolksbegehren wurde gestartet. Nicht erst seit dem „Bologna-Prozess“, der den studentischen Aufstand mit „Uni brennt“ gegen die Ökonomisierung von Bildung ausgelöst hat, ist somit Schule, und alles , was in ihr geschieht, wieder zu einem zentralen Thema geworden. Was aber geschieht wirklich? Seit Jahren wird ununterbrochen repariert, nichts aber am längst veralteten Konzept geändert: Mit immer neuen Etikettenschwindeln wird am System herumgeklempnert. Nichts, aber rein gar nichts ändert das an der Tatsache, dass zB. der Übertritt von einer Pflichtschule in eine AHS nur 6,5% SchülerInnen gelingt, wie aus der Austria Statistik 2010 hervorgeht.. Dass aus der einstmals renommierten Hauptschule zumindest in den Großstädten eine Ghettoschule wurde, hat sich auch bei den Eltern aus sogenannten bildungsfernen Schichten längst herum gesprochen. Auf Biegen und Brechen versuchen sie ihre Kinder in die AHS zu bringen. Die platzt aus allen Nähten und produziert wie alle anderen weiter führenden höheren oder mittleren Schulen für die Quereinsteiger aus Hauptschulen, die jetzt von Kooperativen- in Mittelschulen umgetauft wurden, mittlerweile sensationell hohe Dropoutquoten. Die Kosten für Nachhilfestunden explodieren. Und und und…

Strategien gegen Burn-out-Syndrom und Schulfrust der Kids

Jeder Unterrichtende, der mit dem Auftrag Bildungsinhalte vermitteln zu wollen, in zerhackten 50 Minuten Einheiten vor seinen Klassen steht, weiß, wie mühsam und anstrengend es ist, und in Wirklichkeit unmöglich, alle mit an Bord zu nehmen und ihr Interesse am vorbereiteten Stoff zu wecken. Und das unabhängig davon, welchen zeitlichen Aufwand er/sie schon in die Vorbereitung investiert haben. Woran liegt das, und wie könnte das nachhaltig aufgebrochen werden? Oder anders formuliert: Wie kann dem sich krakenartig ausbreitenden und in vielen Studien erhobenen chronischen Schulfrust mit allen seinen Folgen, von denen auch die Pisaergebnisse Zeugnis ablegen, gegen gesteuert werden? Wie können die erhöhten physischen und psychischen Belastungen am Arbeitsplatz Schule, der sowohl bei SchülerInnen wie bei PädagogInnen oft in die Krankheitsbilder von Burnout und/oder Depression münden, schon präventiv aufgefangen werden?

Durch die Wiederentdeckung von Freude am gewählten Beruf, würde ich meinen, die aus dem gemeinsamen Tun entsteht, wenn Systemzwänge wegfallen, und wir uns Räume schaffen, in welchen dieses freudvolle Tun auf Augenhöhe mit den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen wieder möglich wird. Wie soll das möglich sein?

Lernkonzept: Instruktion versus Konstruktion

An dieser Stelle will ich vorerst auf die organisatorischen Rahmenbedingen gar nicht eingehen, die je nach Schule und Schultyp zwar Unterschiede aufweisen, aber unser System Schule - über einen groben Kamm geschoren – nicht unbedingt auszeichnen, sondern lediglich kennzeichnen. Wenn wir es zugeben, dient das System und die von ihm geschaffenen Zwänge oft als Ausrede oder Entschuldigung für unterlassenes Tun, das es ändern könnte. Selbst das so unbewegliche System Schule nämlich kann – im Interesse der Lehrenden selbst, wenn sie sich ihre Freude am Beruf erhalten wollen – jederzeit den Bedingungen angepasst werden, die reziprokes Lernen voraussetzen, wenn das Lernkonzept nicht auf Instruktion und Kompetenzvermittlung beruht, sondern auf Konstruktion, indem sich Lehrende als GestalterInnen von Ermöglichungsbedingungen verstehen. Kompetenzen haben beide. Es gilt sie zu entdecken und nach ihrer Entdeckung zu fördern.

Und mit welchem Medium, um die langatmige Einleitung abzuschließen, ist das am ehesten möglich? Sie haben es schon erraten: Mit dem Radio natürlich. Genauso gut könnte es Schulspiel sein oder eine Videogruppe. Nichts liegt mir ferner als alle anderen medienpädagogischen Bemühungen als weniger zeitgemäß oder der neuen Lernkultur weniger förderlich zu diskriminieren. Trotzdem will ich den Beweis führen, dass Radioarbeit mit SchülerInnen sie alle subsumiert. Warum das so ist und wie das Medium Radio als Lernform im Unterricht eingesetzt werden kann, aber auch, warum gerade prozessorientierte Einbindung des Lernens mit und über das Medium Radio größere Nachhaltigkeit garantiert, das möge das unten angeführte Beispiel aus der Praxis  illustrieren.

Lerntypen und neueste Erkenntnisse

Zuerst aber noch ein kurzer Hinweis auf den derzeit herrschenden Status quo in Bezug auf bildungspädagogische Begriffe, die in der Rezeption der Lehrenden mit wenigen Ausnahmen so gut wie noch kein Update erfahren haben. Woher sollten sie auch? PädagogInnen gehen noch heute von den 4 Lerntypen aus, wie sie Frederic Vester schon 1975 populär gemacht hat:

  • auditiver Lerntyp: Lernen durch Hören oder Sprechen
  • visueller Lerntyp: Lernen durch das Auge, durch Beobachtung
  • haptischer Lerntyp: Lernen durch Anfassen und Fühlen
  • intellektueller Lerntyp: Lernen aus abstrakten Informationen

Mittlerweile sind diese Lerntypen umstritten, da sie eher als Mischformen auftreten und zB. den kommunikativen Lerntyp, der am besten in Arbeitsgruppen lernt, oder den medienorientierten Lerntyp nicht berücksichtigen. Auch erscheint mir wichtig, dass Lernen heute immer mehr als informelles Lernen stattfindet, d.h. als ein Lernen, das selbst organisiert und somit vom Lernenden unabhängig von institutioneller Betreuung selbst gesteuert wird.

Medienerziehung, Medienkompetenz oder Medienbildung oder was jetzt?

Warum diese Abschweifung? Mir erscheint es wichtig, dass wir uns bei unserer medienpädagogischen Arbeit auch mit den Begriffen und ihren Definitionen beschäftigen, die selbst einem stetigen Wandel unterliegend, uns im Diskurs zwingen, bestimmte Haltungen einzunehmen, weil aus ihnen auch Handlungsanleitungen hervorgehen. So hat zB. der Begriff Medienbildung nach Medienerziehung und Medienkompetenz einen Paradigmenwechsel eingeleitet, der sich auch darin niederschlägt, dass sich Netzwerke bilden, die eine flächendeckende medienpädagogische Grundversorgung fordern, um die Medienarbeit im Bildungskontext aus dem Zustand des Dornröschenschlafes zu befreien. Nach wie vor nämlich geschieht Medienbildung nur punktuell und fristet entweder ein Nischendasein als „unverbindliche Übung“ oder als Pilotprojekt mit kurzfristiger Dauer, dessen Durchführung vielleicht als Best-practice-Beispiel in Wirklichkeit für den Schulträger lediglich Feigenblattfunktion erfüllt.

Zusammenfassend lässt sich die Behauptung aufstellen, dass die aktive, kritische und kreative Beherrschung der Medien als integrativer Bestandteil moderner Lernprozesse weder in der LehrerInnenausbildung stattfindet, noch in den Schulen oder zumindest nur dort, wo trotz ungünstiger Rahmenbedingungen LehrerInnen dieses katastrophale Defizit durch ihr Engagement kompensieren helfen und Hervorragendes leisten. Diesem Zustand könnte Radio als in den Regelunterricht implementierte Lernform Abhilfe schaffen und das ohne großen finanziellen oder organisatorischen Aufwand.

Behauptung

Bevor ich näher auf das Wie eingehe, möchte ich aber den oben unterstellten Beweis führen, dass auditives Lernen nicht nur alle Lerntypen als Mischform, sondern sämtliche medienpädagogische  Bemühungen - sei es Schulspiel oder e-Learning über Weblogarbeit bis hin zu Videosequenzen, die aus der Radioarbeit entstehen können, - nicht nur integrieren, sondern so auch das spielerisch erworbene medienspezifische Wissen als ein Vehikel zum Wissenserwerb, der über Lehrplaninhalte weit hinaus geht, dienen kann .

Themenfindung oder ein Beispiel aus der Praxis

Ich möchte das an einem Beispiel aus der Praxis tun. Ich will mich auf dieses eine beschränken, da es exemplarisch aufzeigt, welche Prozesse durch trial and error und in learning by doing oft zufällig zu den schönsten Ergebnissen führen, wenn wir uns auch auf ein bisschen Chaos als Urgrund allen schöpferischen Schaffens einlassen.

Ein Mädchen – nennen wir es Laura - besucht die 9. Schulstufe. Es erzählt MitschülerInnen in der Pause, wie es auf einem Sommerlager von einem anderen Mädchen – nennen wir es Deborah – „gemobbt“ wurde. Ich höre zufällig mit und beschließe, diese Geschichte bei nächster Gelegenheit mit verteilten Rollen nachspielen zu lassen. Es geht also um Dramatisierung einer Geschichte mit medienspezifischen Mitteln. Das macht nicht nur großen Spaß, sondern wir lernen, ohne es zu wissen. Doch falls uns bewusst werden sollte, dass wir lernen, tun wir es aus eigenem Antrieb, weil wir mehr über Mobbing, seine Ursachen, seine Folgen und mehr über Strategien erfahren wollen, wie Mobbing im System Schule verhindert oder wie damit umgangen werden kann. Steht das im Lehrplan? Nein. Oder vielleicht doch? Wird nicht auch soziale Kompetenz als Bildungsauftrag von uns PädagogInnen eingefordert? Ist Medienbildung vielleicht auch Persönlichkeitsbildung? Selbstverständlich. Wer immer sich auf ein Medienprojekt eingelassen hat, wird bestätigen, dass es auch gruppendynamische Prozesse in Gang setzt, die emotionales Lernen möglich machen oder soziale Kompetenz vermitteln.

Was haben Lerntypen mit Medienproduktion Radio zu schaffen?

Wir haben also einen handlungs- und prozessorientierten Unterricht mit auditiven Mitteln auf Schiene gebracht. Bei der Medienproduktion – es soll aber auch noch produktorientiert eine Radiosendung entstehen – fühlen sich alle Lerntypen - auch und vor allem in ihren Mischformen – angesprochen. Der Lernbegleiter geht von der Erlebniswirklichkeit und Erfahrungswelt der SchülerInnen aus, und ist eigentlich nur noch dazu da, seine Medienkompetenz in den Dienst dieses Vorhabens zu stellen. Das ohne Hierarchien zu schaffen: Hier der Spielleiter. Dort die Ausführenden. Nein. Es soll ein von allen akzeptiertes Steuern, Lenken und Eingreifen sein, wenn ein Prozess aus welchen Gründen immer zu erlahmen droht.
Das Vorhaben geht von einem konkreten Erlebnis aus, es spiegelt, aber erweitert den Erfahrungshorizont, hat einen Anfang und ein Ende, und am Ende ein Ergebnis, das hörbar gemacht wird und sich durchaus mit professioneller Radioarbeit messen kann. Das sinnliche Erfassen mit allen unseren Wahrnehmungsorganen ist sicherlich garantiert, wenn wir einander zuhören und zuhörend aufeinander eingehen müssen. Dazu kommt, dass über Internetrecherche zum Thema unsere visuelle Lesekompetenz, aber auch die intellektuelle Verarbeitung des Gelesenen erforderlich ist, indem wir aus den Texten Fragen für Interviews oder kurze Moderationstexte entwickeln lassen.

Über den akustischen Wahrnehmungssinn werden Emotionen und Verstand angesprochen, es werden mit den Augen auch nonverbale Informationen vermittelt, deren Bedeutung sowohl in Interviews als auch im Spiel erkannt wird. Zu guter Letzt und darüber hinaus machen wir nicht nur visuelle und intellektuelle, sondern auch noch haptische Erfahrungen, wenn wir mit Headset zugestöpselt ein Mikrofon in Händen halten, den Pegel auf dem Aufnahmegerät kontrollieren und gleichzeitig auf die Antworten von Interviewpartnern eingehen müssen.

Radio als gruppendynamischer Prozess

Wir versuchen das von Laura Erzählte mit verteilten Rollen nachspielen zu lassen. Wir erörtern die jounalistischen W-Fragen und entwickeln eine radiophone Grammatik für das geplante Hörspiel, indem wir uns immer wieder vor Augen führen mussen: Radio ist Kino im Kopf!. Wo spielt die Szene, welche Personen kommen vor, wer macht den Erzähler, welche Atmos brauchen wir? Wir – um es in Erinnerung zu rufen – begleiten nur, initiieren Prozesse, leiten aber nicht. Es gibt keinen, der sagt, was zu tun ist. Es gibt Vorschläge, die diskutiert werden. Jeder/jede hat andere Fähigkeiten. Anita – die beste Freundin von Laura, will Deborah nicht spielen, weil sie auch im Spiel ihre Freundin nicht beleidigen will. Selbst andere Namen ändern nichts daran. Eine Diskussion entsteht: Was ist Spiel? Was ist wirklich? Ich führe zwei Begriffe ein: Fiction und Doku. Das kennen sie aus dem Fernsehen. Das Hörspiel wird sich also im Graubereich dazwischen bewegen. Wer spielt den Vater? Wer die Heimleiterin? Sollen das die Kids oder Erwachsene machen? Was ist glaubwürdiger und sorgt für den notwendigen Ernst? Wir schlagen vor, dass die Lehrerin die Rolle der Heimleiterin übernimmt. Zum ersten Mal erleben sie eine Lehrerin, die sie ja aus dem Unterricht kennen, in einer anderen Rolle. Sie hält eine Ansprache an die Gruppe. Anita wagt zaghaften Widerspruch. Wir ermutigen sie heftiger zu reagieren. Ein heftiger Schlagabtausch im Rahmen des Spieles entsteht. Wir staunen. Wie aus dem Nichts entsteht zwischen den beiden ein neues Verhältnis. Eines von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt. Der Erzähler weiß nicht, wie er formulieren soll. Er beginnt zu stottern, ringt nach Worten, bindet sich einen Schal um die Augen und glaubt so, dass er nun freier sprechen kann. Soll ich ihn erlösen oder von der Gruppe verlangen, dass sie ihm die Zeit einräumt, die er eben braucht, um die erzählerischen Brücken zwischen den Szenen zu bilden. Wir sind ein Team oder wollen eins werden. Die Gruppe wird die Geduld aufbringen müssen. Das verlangt soziale Kompetenz. Einige haben sie, andere noch nicht. Geduld. Geduld. Ist das Produkt wichtiger als der Prozess? Inwieweit soll ich in die Gruppendynamik eingreifen? Radioarbeit darf weder Chaos noch den Konflikt scheuen. Thomas hat das Handtuch von den Augen genommen. Er möchte, dass ein anderer den Erzähler spielt. Vielleicht das nächste Mal. Vielleicht in einer noch kleineren Gruppe. Vielleicht gelingt ihm ein freies Sprechen nur unter vier Augen. Wir werden sehen.

Redaktionelles Plenum: Aus welchen Elementen besteht eine Radiosendung?

Die Aufnahmen sind fertig. Jetzt erfolgt der Schnitt. Immer wieder erstaunt uns, wie schnell die Jugendlichen das Editieren in den diversen Audioschnittprogrammen lernen und kritische Vorentscheidungen treffen.
Die Aufnahmen müssen nun zu einer Abfolge gemischt werden. Wir simulieren ein redaktionelles Treffen mit allen an der Audioproduktion Beteiligten und erstellen einen ersten Schnittplan. An welchen Stellen wird der Erzähler eingeführt? Wo brechen wir das Hörspiel mit Statements zum Thema? Als Umfrage schneiden oder ganze Interviews? Wo muss gekürzt, was vielleicht noch einmal aufgenommen werden? Was lassen wir weg? Wie lang dürfen die jeweiligen Audioclips sein, um die Spannung aufrechtzuerhalten? Welche Moderationstexte fehlen? Welche Atmos verwenden wir? Was ist unser Opener? Brauchen wir musikalische Brücken, um den Hörer nicht zu überfordern? Wie wär's mit einem Themenjingle? Und was ist mit dem Abspann? Und was ist es jetzt? Ein Feature? Ein gebauter Beitrag? Ein Hörspiel mit Dokumentarcharakter? Eine Magazinsendung? Eine Reportage?
Quod erat demonstrandum: Mit Medienbildung  gelingt spielerisch auch das Durchschaubar-machen von Gestaltungsmitteln der medial vermittelten Welt.

Förderung von Motivation und Kreativität bei auditiven Lerntypen

Durch die spielerische Nutzung von Aufnahmegeräten, dem Umgang mit Computer als Quelle von Information und Software zur Bearbeitung von Audiomaterial ist allein schon technische und multimediale, ja beinahe journalistische Kompetenz gefragt. Ganz zu schweigen davon, dass ganz nebenbei die Phantasie zum Blühen gebracht und mühelos verstanden wird, mit welchen radiospezifischen Mitteln nicht nur Suspense erzeugt und Geschichten so erzählt werden können, dass man ihnen gerne zuhört, sondern trockene Lehrplaninhalte mithilfe eines Podcasts als Minifeature, Minihörspiel, Straßenumfrage plötzlich spannend und interessant werden.

Über das Thema „Mobbing“ ohne gegebenen Anlass die SchülerInnen ein Portfolio erstellen zu lassen, ist langweilig. Wenn die Kids aber das Thema von selbst auf den Tisch bringen, wir es aufgreifen und ihnen helfen, daraus eine sendefähige Audioproduktion - vielleicht sogar noch mit einem themenbezogenen Jingle zu gestalten, sind sie Feuer und Flamme.

Bleiben wir beim konkreten Beispiel. Eigentlich unverständlich, warum dieses Medium als Vehikel so vielseitiger Kompetenzen nicht schon längst von mehr Lehrkräften entdeckt oder als Lernform in allen Schultypen etabliert worden ist.

Es ermutigt vor allem SchülerInnen mit Defiziten in den Gegenständen, in welchen nach wie vor Inhalte über das Schreiben abgeprüft und beurteilt werden. Auch wenn sie die Kulturtechnik Schreiben nicht beherrschen, haben sie eine Stimme, die gehört sein will. Da sie dazu angehalten sind, ihre Radioerfahrungen im Weblog zu dokumentieren, lernen sie nicht nur zwischen einem Posting und einem Kommentar zu unterscheiden, sondern bemühen sich um das Verschriften dessen, was sie tun.
Sie werden keine Radiomoderatoren und auch keine Schriftsteller, aber wenn wir sie mit ihren durch informelles Lernen erworbenen Fähigkeiten ernst nehmen, haben wir über die Medienproduktion mehr erreicht als im Regelunterricht möglich ist.

Justine ist von den Philippinen und spricht auch Tagalog. Am Unterricht beteiligt sie sich selten. Sie hat Angst angesprochen zu werden. Sie zeichnet. Sie zeichnet ununterbrochen. Das während des Unterrichts. Sie zeichnet Mangas und das unglaublich gut. Warum dieses Talent nicht für unser Vorhaben einsetzen? Wir bitten sie, die Mobbing-Geschichte in ein Manga zu übersetzen. Endlich findet sie Anerkennung für die Skills, die sie sich informell erworben hat. Wo können sie damit punkten, wenn nicht in solchen Projekten? Mit diesem kleinen Anstoß haben wir ihr Selbstvertrauen gestärkt. Auch die anderen Gruppenmitglieder begegnen ihr seither mit größerem Respekt.

Voraussetzungen: Womit, wo und was?

Und was brauchen wir dazu? Kein Studio, keine mächtigen Hifianlagen und sündteuren Aufnahmegeräte oder unbezahlbare Audioschnittplätze. Nein: Es genügt ein Recorder mit integriertem Mikrofon, ein Headset und ein Computer mit integrierter Soundkarte und ein Freeware-Schnittprogramm. Am besten eines, das wie Audacity (opensource, kostenfrei legal nutzbar) oder Reaper (proprietär, 30 Tage frei nutzbar) nach freiem Download mit ausführlichen Manuals zum Experimentieren einlädt. Vielleicht noch ein Mischpult. Und schon können wir loslegen. In jeder Unterrichtsstunde, am Gang, in der Pause, im Lehrerzimmer, auf dem Schulhof. Wir beginnen aufzunehmen und legen ein Archiv an. Nichts wird in den virtuellen Papierkorb geworfen. Vielleicht können wir die Schulglocke als Atmo brauchen oder das Glucksen und Kichern einer Girlygruppe. Vielleicht singt einmal jemand und sei es Karaoke, vielleicht kann jemand Beatboxen oder wagt einen Freestyle Battlerap: Es sind Fundstücke mit Sammlerwert. Und irgendwann brauchen wir es: Genau dieses Audiomaterial.

Themen finden wir in der täglichen Interaktion mit den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen, wenn wir ihnen zuhören. Wenn es aber Lehrplaninhalte sein müssen, dann werden wir versuchen, sie so aufzubereiten, dass gerade die Schreibschwachen einen Mehrwert haben. Das geschieht vor allem, indem wir versuchen, diese Inhalte auf ihre Lebenswirklichkeit herunter zu brechen. So könnte zB. das Thema (Cyber)Mobbing oder neusprachlich Dissen (aus dem Battle-Rap stammend) in seiner radiophonen Aufarbeitung für den Deutschlehrer durchaus gleichwertig mit einer schriftlichen Schularbeit sein und beurteilt werden, wenn Noten denn sein müssen.

Facebookkommunikation als virtuelles Klassenzimmer

Du hast dein Ohr am Puls deiner dir anvertrauten SchülerInnen, hast keine Berührungsängste, lässt deine Radiokids eine geschlossene Gruppe auf Facebook gründen und dich dazu einladen. Kein Infokanal außer Simsen ist schneller. Hier werden Aufgaben verteilt, hier wird über sie gesprochen und Infos ausgetauscht. Wie weit seid ihr mit dem Fragebogen? Wann ist er fertig? Wer schreibt einen Erfahrungsbericht für den Blog, der unsere Radioarbeit dokumentiert? Bitte vergesst Morgen die Texte nicht, die ihr aus den Internetseiten über Mobbing herauskopiert habt! Übrigens: Ist die Geschichte, die Laura erzählt hat, laut Definition eine Mobbing-Geschichte? Warum ja? Warum nicht? Und du Justine, bring uns die Mangas mit, die unsere Geschichte illustrieren, ja?
Disloziierter Unterricht im virtuellen Raum? Ja. Ein informeller Lernprozess ganz ohne Zwang mit Engagement, Tempo und Dynamik: Wie zufällig generierte Ingredienzien einer anregenden multimedialen und spielerischen Auseinandersetzung, die den Bildungsauftrag nicht nur erfüllt, sondern ihn mit Ergebnissen toppt, von denen wir nicht zu träumen wagten.

Wohin mit dem Output?

Jetzt bleibt uns nur noch, den Output - nach kritischer Analyse durch die Medienschaffenden selbst -in die Öffentlichkeit zu bringen. Dazu dienen uns Onlineplattformen wie das CBA, das cultural broadcast archive der freien Radios, regionale Sendestationen, die uns vielleicht eine eigene Programmschiene einrichten, eine eigene Website oder ein Weblog, in das wir unsere fertigen Sendungen oder kleinen Podcasts wie auch Sendemodule einbinden können.

Teamarbeit und andere Voraussetzungen

Aufgepasst bei eingespielter Musik. Ist sie durch Urheberrechte geschützt? Was bedeutet copy right? Was sind medienrechtliche Bestimmungen? Was heißt common licence? Was ist geistiges Eigentum? Selbst das wird beim Radiomachen verhandelt. Vielleicht kennen wir jemanden, der uns mit kleinen Kompositionen aushilft. Fragen wir doch unsere MusiklehrerInnen. Überhaupt eignet sich die Implementierung von Radio als Lernform für das Einbinden der Lehrkräfte in solche Projekte. Denn auch unter ihnen finden sich nicht nur verborgene Talente von informell erworbenen skills, die im Radio hörbar gemacht werden können, sondern KollegInnen, die zu engagiertem Einsatz bereit sind, wenn wir sie mit an Bord nehmen und ihnen zeigen, wie lustvoll Unterricht sein kann. Ermutigen wir auch die, welche Kontrollverlust fürchten und die kreativen Potenziale nicht kennen, die dabei frei gesetzt werden.
Übrigens wird  an einer Neuen Mittelschule in Graz Radio als Lernform schon länger in erfolgreiche Praxis umgesetzt: http://www.radioigel.at

Wir behaupten nicht, die goldene Kugel auf dem Brunnengrund gefunden zu haben, mit der sich auf magische Weise alle Probleme lösen lassen, aber uns autorisiert langjährige Praxis zu behaupten, dass Medienbildung nicht länger mehr ein Nischendasein im Schulalltag fristen darf, sondern mit institutioneller Unterstützung ein integrativer Bestandteil des Unterrichtens werden muss. Schulische Medienproduktion im auditiven Bereich verlangt nach Vernetzung mit den freien Radios, nach Austausch mit engagierten KollegInen, das Aktivwerden in Social-Media Plattformen, nach bildungspolitischer Fortbildung, nach Auseinandersetzung mit journalistischen Darstellungsformen, und nicht zuletzt nach Teamarbeit. Wer sich darauf einlässt, wird mannigfach belohnt ... also ...

… lehre die Jugendlichen die Sehnsucht nach den weiten Räumen, die sich mit dem Radiomachen auftun….

Ein Lehrgang auf der PH - ausgeschrieben für LehramtsstudentInnen und aktive PädagogInnen - , der sich zum Ziel setzt, praxisnah die Vorgehensweise zu beschreiben und im selbstständigen Tun die radiophone Umsetzung von Themen zu erarbeiten,  erscheint uns als ein wichtiges Instrument, die institutionelle Implementierung von Radio als Lernform vorzubereiten.

Wenn ich die dem Artikel vorangestellte Forderung Saint Exupéry’s ernst nehmen will, meint sie auf die Schule angewandt: Lass dich nicht von administrativen Aufgaben und sinnentleerten Curricula entmutigen, lass deine und deiner SchülerInnen Kreativität nicht verkümmern, und zeige vor allem denjenigen, die sich - aus welchen Gründen immer - schlecht verschriften können, welche schier unbegrenzten Möglichkeiten die radiophone Umsetzung von Lehrinhalten gerade ihnen, den Schreibschwachen, bietet.

Unterstützen wir die  Forderung zahlreicher medienpädagogischer Initiativen, die da fordern: Keine Kommunikation ohne Medien, keine Bildung ohne Kommunikation!

http://radiopoly.wordpress.com

Tags

radioarbeit, medienbildung