Editorial

4/2011 - Bildbewegungen/Räume des Filmischen

Editorial 4/2011 Bildbewegungen. Die Räume des Filmischen

AutorInnen: Thomas Ballhausen / Alessandro Barberi

Editorial 4/2011

Die verstärkte Integration von raumtheoretischen Aspekten in den Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften hat auch dem Denken über das Medium Film und seine Aufführungskontexte neue Fragestellungen eröffnet bzw. zur Neubewertung traditioneller Erklärungskonzepte geführt. Dabei sind die geographische Dimension des Orts und die soziokulturelle Rahmenbedingung des Raums sowohl für theoriebezogene als auch für analysegerichtete Untersuchungen unverzichtbar geworden. Aber auch in der konkreten Unterrichtspraxis stellen sich anhand der Verwendung von Filmen medienpädagogische Fragen von großer Brisanz, weshalb sich das Redaktionsteam der MEDIENIMPULSE entschlossen hat, den Räumen des Filmischen eine eigene Ausgabe zu widmen. Der Schwerpunktteil versammelt dabei filmanalytische Beiträge, die unser Bewusstsein für Raumbegriffe und -vorstellungen schärfen sollen, um auch praktisch auf die Eigenarten des Mediums Film vorzubereiten. Die Ausrichtung auf die Frage nach der räumlichen Dimension entspricht dabei auch einer sich deutlich abzeichnenden Schwerpunktverlagerung in unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen, die dennoch im Umfeld des Medienbegriffs – in seinen unterschiedlichsten Bedeutungen und Ausdifferenzierungen – konvergieren.

So ist beispielsweise im Bereich der Wissenschaftsgeschichte bereits mehrfach die materielle Funktion und die Räumlichkeit von Laboratorien samt Instrumenten und Labortagebüchern sowie die diesbezügliche Rolle von (mad) scientists erläutert worden. Karin Kaltenbrunner spitzt deshalb in ihrem Eröffnungsbeitrag diese wissenschaftsgeschichtlichen Datensätze im Blick auf filmische Repräsentationen von Mary Shelleys Frankenstein zu und arbeitet dabei auch die räumliche Dimension des Schreckens und des Monströsen heraus. Jana Koch untersucht mit einer sehr ähnlichen Fragestellung die Inszenierung des Berliner Stadtteils Kreuzberg im Film Prinzessinnenbad (D 2007, Bettina Blümner) und fokussiert dabei insbesondere auf die raumbezogene Identitätsbildung und -konstruktion der – nach Bourdieu modellierten – AkteurInnen innerhalb bestimmbarer sozialer Lagen. Gleichsam spiegelverkehrt zeichnet Katharina Prazuch – u.a. in Rekurs auf Deleuze – anhand von Spider (2002, David Cronenberg) nach, wie Identitäten bzw. Subjektivierungen sich (schizophren) im Verlauf der kinematographischen Narration auflösen.

Günter Krenn geht in seinem Beitrag der filmischen Inszenierung des Urbanen nach, indem er anhand von österreichischen Serienkomikern der Stummfilmzeit untersucht, wie die Funktionsweise der Stadt aus der filmischen Makroperspektive verarbeitet wurde. Anna Dobringer, Silvester Stöger und Karl Wratschko verlängern diese Fragestellung, indem sie unter Verwendung von Foucaults Konzept der Heterotopie den Film Das Einküchenhaus (Ö 1923, Leopold Niernberger) im historischen, ästhetischen und filmgeschichtlichen Raum verorten, um in einem zweiten Schritt reflexiv die Konstruktion des sozialen Raums im Film herauszuarbeiten. In diesem Sinne untersucht auch Christina Krakovsky Andere Räume, wenn sie es unternimmt, die Spezifika des Film Noir poetologisch in Romanen auszumachen. Und auch Anna Denk erweitert diesen sozial- und medienwissenschaftlichen Ansatz, indem sie sich auf die Suche nach einer verschwundenen Sozialart macht: denn der Stummfilmerklärer stellte ein Medium und einen Akteur dar, dessen Habitus am Beginn der Filmgeschichte um 1900 zwischen Leinwand, Musikern und Publikum vermittelte.

Darüber hinaus haben Lisa Leitenmüller und Thomas Ballhausen sich die aufwändige Mühe gemacht, eine Sammelbiografie zum Thema Raumtheorie zu erstellen, die den Source Code für weitere Anregungen, Lektüren und Forschungen darstellt. Open Source ist für die MEDIENIMPULSE eben tatsächlich ein Programm, an und mit dem man weiterschreiben kann.

Dem Schwerpunktthema dieser Ausgabe folgen auch einige Artikel in unseren angestammten Ressorts. So finden sich im Ressort Praxis zwei Beiträge zur praktischen Verwendung von Film bzw. Video: Gerhard Ordnung und Markus Prasse berichten von der bundesweit agierenden Initiative für Medienbildung und Filmvermittlung filmABC und fassen dabei die im Wiener Filmarchiv stattgefundene Tagung make / fake reality – Dokumentarfilm macht Schule zusammen. Und Felix Studencki beschreibt von der Kamera über das Stativ und MedienBoxen bzw. OktoBusse all das was für die Verwirklichung eines Medienprojektes an unseren Schulen gebraucht wird. Im Ressort Kultur – Kunst hat Solveig Haring dementsprechend für uns eine Gebrauchsanweisung für die Herstellung von digitalen Videoproduktionen erstellt, die auch davon zeugt, mit welchen Schwierigkeiten man an den (schriftorientierten) Universitäten zu rechnen hat, wenn man das Medium Film in seiner Eigendynamik ernst nimmt und von ihm ausgeht.

Im Ressort Forschung konnten wir des Weiteren drei medienpädagogische Berichte über empirische Untersuchungen für unsere LeserInnen zusammenstellen: Birgit Eickelmann und Wilfried Bos fassen die Ergebnisse der ICILS 2013 (International Computer and Information Literacy Study) zusammen, die erstmalig im internationalen Vergleich die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von SchülerInnen erforschte. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass diese Studie einen Meilenstein der empirischen Bildungsforschung darstellt, der nunmehr eine konkrete Umsetzung benötigt, um Bildungsbenachteiligungen sichtbar zu machen und in der Folge auch zu ändern. Christian Filk, Hanno Schauer und Ovcina Cajacob Amina berichten in ihrem Beitrag kenntnisreich und äußerst anregend von ihrer explorativ-empirischen Studie zum Umgang von Jugendlichen mit Sozialen Medien. Dabei gehen sie auf die Mediennutzung genauso ein wie auf Erfahrungen mit Cybermobbing. Und Dorothee Meister, Henrike Friedrichs, Sonja Kröger und Uwe Sander untersuchen die Medienkompetenz von Kindern hinsichtlich ihrer Werbekompetenz anhand von medienpädgogischen Materialien.

Christian Berger berichtet – wie schon in der Ausgabe 2/2009 – von rechtlichen Problemen bei Medienproduktionen mit Kindern und Lisa Badura fasst die Ergebnisse des media literacy award 2011 zusammen, der vom BMUKK organisiert wird und vielen schulischen Medienprojekten eine Bühne bietet. Darüber hinaus finden sich im Ressort Praxis u. a. auch eine eingehende Vorstellung des Kinder-Kurier von Heinz Wagner und Felix Studenckis Hinweis auf das sehr nützliche Webtool WeTransfer.

Neben einigen bemerkenswerten Rezensionen im Ressort Neue Medien berichtet darüber hinaus Valentin Dander von der medienökonomisch äußerst interessanten Tagung Medien – Wissen – Bildung 2011, die sich den Kulturen und Ethiken des Teilens widmete. Und Hannes Heller fast die Initiative Medienbildung Jetzt! zusammen.

Aber stöbern, finden und lesen sie selbst!

Im Namen des Redaktionsteams wünschen wir Ihnen viel Spaß und Abwechslung bei der Lektüre,

Thomas Ballhausen & Alessandro Barberi

(Ressortleiter Neue Medien & Chefredakteur MEDIENIMPULSE)

P.S.

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass sich die Zusammensetzung des Redaktionsteams der MEDIENIMPULSE jüngst geändert hat. Jennifer Berger hat nach ihrer langjährigen und mehr als verdienstvollen Tätigkeit für die MEDIENIMPULSE die Redaktionsassistenz zurückgelegt und ihre Agenden an die Chefredaktion übertragen. Und auch Herbert Rosenstingl, der das Ressort Kultur – Kunst jahrelang äußerst umsichtig betreute, hat seine Funktionen in der Redaktion übergeben. Ihnen beiden sei an dieser Stelle für ihr großes Engagement nachdrücklich und herzlichst gedankt. Sowohl Jennifer Berger als auch Herbert Rosenstingl werden den MEDIENIMPULSEN im Rahmen der erweiterten Redaktion erhalten bleiben.

Es freut mich aber auch sehr, dass wir diese Lücken im Redaktionsteam schließen konnten und mit Christine W. Wijnen, Agnieszka Czejkowska und Thomas Ballhausen drei äußerst kompetente RessortleiterInnen gewinnen konnten und so mit einem tollen Team ins neue Jahr starten werden. Näheres zur neuen Redaktionsbesetzung finden Sie unter www.medienimpulse.at/ueber-uns

Alessandro Barberi

(Chefredakteur MEDIENIMPULSE)

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