Praxis

4/2011 - Bildbewegungen/Räume des Filmischen

Lernen durchs selber tun

Über Zeitungs-Workshops und partizipative Zugänge des Kinder-KURIER

AutorIn: heinz "kiku" wagner

Trotz Reduktion des (Seiten-)Umfangs spielt im Kinder-KURIER die Vermittlung von (Medien-)Kompetenz und Empowerment eine große Rolle - in den Zeitungs-Workshops in- und außerhalb der Redaktion.

Am Anfang – vor mehr als 20 Jahren nach mehr als zehn Jahren journalistischer Tätigkeit in der ich viel über diskriminierte Gruppen wie Frauen, Migrant_innen, Behinderte, damals noch Umweltbewegte, Radfahrer_innen und eben auch Kinder und Jugendliche geschrieben hatte - stand die Idee: Alle oder die meisten dieser Gruppen haben eigene Medien/Zeitschriften... Kinder/Jugendliche haben dies nicht. Selbst Kinder- und Jugendzeitschriften sind immer nur FÜR, nie bis kaum mit ihnen gemacht. Im Gegensatz zu anderen Gruppen (Frauen-, Behinderten- usw. -Zeitschriften).

Zwei, drei Versuche, besser gesagt Gespräche mit evtl. potenziellen Herausgeber_innen zeitigten gar keinen Erfolg. Und plötzlich war da eines Tages die Idee, frag doch bestehende Zeitungen (damals arbeitete ich als freier Journalist für Kurier, Standard, Presse, Wiener Zeitung, Salzburger Nachrichten, Ärztewoche, Unser Wien...), ob sie nicht eine Kinderbeilage produzieren woll(t)en. In der Regel Abwimmeln war die Reaktion. Einzig im KURIER wurde mir „Interesse, aber im Moment kein Bedarf“ signalisiert. Das änderte sich 1993 mit einem neuen Herausgeber und Chefredakteur (Peter Rabl). Der quittierte zwar meinen Vorschlag nach einer umfassenden Beilage „32 oder zumindest 24 Seiten“ mit so was wie Kopfschütteln, fragte aber streng nach „können Sie auch ein Konzept für vier Seiten (Kleinformat im großen KURIER) machen?!“ Mein Einwand „vier Seiten sind aber verdammt wenig“ wurde mit der noch strengeren Wiederholung der vorherigen Frage beantwortet. Und in Sekundenbruchteil entschied ich: Besser vier als keine Seiten.

Stattgegeben wurde meinem Ansinnen, „eine Nullnummer gemeinsam mit einer (Volks-)Schulklasse“ zu erstellen. In mehreren Treffen brachten die knapp mehr als zwei Dutzend Kinder einer zunächst zweiten Klasse Ideen, Wünsche, Vorschläge für so eine kleine, dünne Beilage ein. Die daraus erstellten Entwürfe wurden noch zwei Mal mit der Klasse durchgegangen. Nach den Sommerferien wurde der Vorentwurf einer Nullnummer der dann natürlich schon dritten Klasse vorgelegt, entsprechend den Anmerkungen verändert – und ging als erste Ausgabe des Kinder-KURIER am Abend des 7. Oktober in Druck – mit (wie in den Folgejahren) einer für Kinderbeiträge reservierten Seite.

Ein wesentliches, zentrales, tragendes Element war eben von Anfang an: Nicht irgendwer sitzt abgehoben und schreibt für „die lieben Kleinen“, sondern: Diese Seiten bewegen sich auf Augenhöhe mit Kindern und Jugendlichen, nehmen sie ernst, bemühen sich, Mut zu machen durch vorbildliche Beispiele.

Wichtig daher von Anfang an: Kindern bzw. Jugendlichen auch selber Platz für deren eigene Geschichten einzuräumen. Daraus entwickelte sich rasch die Idee der Workshops in der Redaktion – eine Verbindung von Reinschnuppern in den Redaktionsalltag. Die Werkstätten bieten auch die Chance – gerade wenn ganze Klassen kommen, wo in der Regel die Fähigkeiten und Kompetenzen unterschiedlich verteilt sind – wenigstens ansatzweise möglichst vielen jungen Leuten das zu bieten, was neudeutsch oft mit Empowerment bezeichnet wird, Medienkompetenz durch eigenes Tun zu vermitteln. Und zumindest die eine/den anderen zu ermutigen, selber wenigstens hin und wieder Berichte zu verfassen und an Medien zu senden. Außerdem kritisieren Jugendliche (eher als Kinder) bei Diskussionen über Medien zu Recht, dass sie selber nie bis kaum zu Wort kommen.

Neben der einen Seite für Beiträge von Kindern und Jugendlichen selber standen auch in den von Redaktionsprofis recherchierten und verfassten Haupt-Stories initiative Kinder, Jugendliche selbst im Zentrum, nicht unerreichbare Wunderkinder, sondern Mädchen und Buben mehr oder minder wie du und ich, die das eine oder andere oder mehr Tolles tun/getan haben. Sie kamen somit nicht – wie insbesondere bei Jugendlichen sonst häufig – negativ, sondern positiv vor, egal ob die Kompetenzen der „vor den Vorhang geholten“ Kids nun im kreativen, (natur-)wissenschaftlichen, lernmäßigen, sportlichen, künstlerischen, digitalen oder welchem Feld auch immer lagen. Ob sie’s als SolistInnen oder im Team eines Projekts oder einer Klasse taten.

Sinn und Zweck ist nicht nur, die betreffenden Kinder/Jugendlichen für ihr Tun durch mediale Berichterstattung zu loben/belohnen, sondern auch der Versuch, sie als erreichbar Vorbilder zu präsentieren, um eventuell andere, dazu zu bewegen: „Ach, das könnt ich ja auch tun!“ Nebenbei bemerkt, hin und wieder langen derartige Rückmeldungen ein. Bei den vorjährigen wiener video- und filmtagen, meinte ein 15-jähriger Preisträger: „Als ich ein Kind war, hat mir meine Oma immer den Kiku aufgehoben und ein paar Mal hab ich Artikel über filmende Kinder und Wettbewerbe gelesen. Da hab ich mir gedacht, ich filme auch gern, da könnte ich ja meine Filme auch einreichen!“

Mit diesem emanzipatorischen Grundgedanken, der die Hauptstory kennzeichnete, unterschied sich der KiKu mehr als 16 Jahre von fast allen Medien – mit Ausnahme der ersten paar Seiten im Geolino, der Kinderzeitschrift im GEO-Verlag.

Vor vier Jahren wurde der Umfang des Kinder-KURIER insgesamt und damit auch des Platzes für Beiträge von Kindern stark reduziert, im März 2010 wurden die Beiträge von Kindern ganz aus dem Blatt gekippt, mit Anfang 2011 das Konzept des (Print-)KiKu krass verändert. Kinder als Aktive, Handelnde usw. kommen in der nunmehr vom Ressort LebensArt betreuten Druckseite leider nur mehr sehr selten vor.

Letzteres spielt sich seither praktisch „nur“ mehr im Internet ab.

Hierzu eine kleine Anmerkung: Auch wenn Kinder und Jugendliche selber viel eher Online-Medien als gedruckte Zeitungen konsumieren, hat es für sie – wie vielfache Reaktionen zeigen – einen ganz anderen, weit höheren Stellenwert, wenn Beiträge aus ihrem Workshop oder über ihr Projekt, ihre Aktivität gedruckt – nunmehr muss gesagt/geschrieben werden erschienen sind, als wenn sie lediglich im Online-KiKu publiziert werden. Gleiches gilt für Beiträge über ihre Projekte, Aktivitäten usw...

Was geblieben ist sind die Workshops. Im Schnitt kommen zwei Klassen pro Woche in das „unaufgeräumte Kinderzimmer“, die Redaktionsräumlichkeiten des Kinder-KURIER, um im Verlauf von rund drei Stunden in Kleingruppen Beiträge zu verfassen und gestalten.

Im Rahmen des Ferienspiels bieten wir solche auch in der Redaktion an, packen aber auch vielfach unser Equipement ein, um bei Ferienspielen, Kinderuni, Kinderstädten, Lesefesten usw. offene Workshops anzubieten.

Zunächst aber zu den Angeboten für die Schul(klass-)en: Im Optimalfall – so unser Wunsch und unsere Information an die Schulen – soll es sich bei den Beiträgen der Schüler_innen um Themen handeln, die die Kinder bzw. Jugendlichen selber interessieren und von denen sie ausgehen/wissen/annehmen, dass sie auch für Alterskolleg_innen von Interesse sind. Leider lässt es sich nicht ganz verhindern, dass immer wieder auch Klassen mit recht strikten Vorgaben ihrer Lehrkräfte kommen. Nicht alle lassen sich dann ihre Vorgaben ausreden. Das macht in der Regel den beteiligten Schüler_innen weniger Freude und wahrscheinlich auch anderen jungen User_innen auf der Website des KiKu.

Wir überlassen am liebsten auch die Größe der einzelnen Gruppen den Workshopteilnehmer_innen – manche können gut zu viert, sogar zu fünft oder sechst an einem Beitrag arbeiten, andere ziehen es vor, allein zu werken.

Für diese, aber auch die offenen Werkstätten gilt - und das trachten wir auch zu vermitteln:

Rechtschreibung ist sekundär. „Lieber eine gut geschriebene Geschichte mit vielen Fehlern, die wir am Ende mit der jeweiligen Gruppe gemeinsam ausbessern (können), als aus lauter Angst, nur Formulierungen und Wörter zu wählen, bei deren Schreibweise sich die Schüler_innen sicher sind...

Weiters wichtig: Wenn Fantasiegeschichten, dann müssen sie als solche auch erkennbar sein. Die – offenbar im Rahmen des Unterrichts gepflogenen Übungen, um formale Ansprüche von Zeitungsberichten zu erfüllen, fiktive Unfallberichte zu verfassen, können hier nicht stattfinden. Der Workshop ist nicht Schule nur an anderem Ort, sind die Berichte doch nicht Schul- oder Hausübung oder Schularbeit, sondern erscheinen auf www.kiku.at

In einem anderen Bereich wird oftmals schon durchaus etwas vermittelt, was auch Gegenstand des Unterrichts sein sollte: Umgang mit copyright. Schüler_innen, teils auch Lehrer_innen sind es offenbar gewohnt, Fotos und Illustrationen unhinterfragt aus dem Internet zu verwenden – copy & paste. Hier darauf hinzuweisen, dass es Rechte an Bildern gibt. Oder es beispielsweise möglich ist, über erweiterte Suche etwa auf google unter weitere Optionen auf „zur Wiederverwendung gekennzeichnete Bilder“ einzuschränken... ist für uns Selbstverständlichkeit und für die meisten absolutes Neuland.

Ein weiteres medienpädagogisches Ziel dieser Workshops ist - in dem Fall meist Jugendliche - gängige aus vielen Medien bekannte Floskeln – und Vorurteile – hinterfragen zu lassen. Mehrmals hatten wir beispielsweise Schüler_innen, die darüber schreiben wollten, „die Jugend/alle Jugendlichen... ist/sind gewalttätig, säuft/saufen, nimmt/nehmen Drogen...“

Hier reichte oft schon der Anstoß, mal in der eigenen Klasse – durchaus anonymisiert und ohne dass wir, geschweige denn Lehrer_innen erfahren, wer was geantwortet hat -, umzufragen, wie viele Alkohol trinken usw... Und siehe da, in der Regel sind es bei weitem nicht alle, oft nicht einmal die Hälfte...

Das ändert dann aber nicht nur die Formulierung in dem einen Text, sondern bleibt – hoffentlich – auch hängen, wenn diesen Schüler_innen wieder mal ein einschlägiger Text großer oder kleiner Zeitungen in die Hände fällt oder sie in elektronischen Medien mit derartigen Verallgemeinerungen konfrontiert sind.

Und: Allein schon die Umfrage, ihre Auswertung und Darstellung – auch der Hinweis auf deren Relativierung wieder, weil ja maximal die Kinder/Jugendlichen einer Klasse befragt wurden – kann sensibilisieren was Nachrichten über Umfragen im Allgemeinen betrifft.

In einem anderen Bereich der medialen Sozialisation bin ich mit dem Versuch, gegenzusteuern, eher skeptischer: Jeder Satz ein Rufzeichen. Es müsse alles sehr reißerisch sein. Zumindest ein bisschen – bis eher sehr viel – übertreiben …. mit solchen Ansprüchen machen sich nicht wenige Schüler_innen ans Werk und argumentieren, darauf angesprochen, „das machen doch alle Medien“. Was für viele gilt, konsumieren sie doch – an Zeitungen – meist die kleinformatigen Gratisblätter.

Das Bemühen dagegen zu halten und mit der Wahrheit zu argumentieren, ist zwar dann doch bei Formulierung der Beitrags in Workshops häufig „erfolgreich“, aber ich fürchte eher aus einer Haltung „naja, mach ma's halt, dem zuliebe“ als aus Überzeugung, die Wahrheit sei besser als die Übertreibung.

Das wäre ein Feld für mittel-/längerfristige/mehrmalige Projekte in denen nicht die Veröffentlichung der Beiträge am Ende stünde, sondern vielleicht durchgespielt mit Meldungen aus dem eigenen Umfeld experimentiert werden würde.

Was jedoch, hoffentlich in dem einen oder anderen Fall ein bisschen angetippt werden kann: Überhaupt in Frage stellen „aufgeblasener“ Darstellungen und ein kleines Klick bei der nächsten Schlagzeile, „naja, vielleicht ist das ja gar nicht so groß/toll/schlimm wie's da steht...“

Und vielleicht: Wie leicht es ist, allein durch – teils wenige – Formulierungen dem echten Inhalt eine durchaus andere Bedeutung zu geben.

Die beste Werkstatt ist sicher jene im Rahmen von „Rein ins Rathaus“, wo wir in dieser sechs Tage dauernden Kinderstadt gemeinsam mit den jungen Bürgerinnen und Bürgern eine Tageszeitung produzieren. Dort geht’s nicht nur ums Verfassen und Gestalten von Zeitungsbeiträgen, da spielt die Zeitung eine wichtige Rolle im Geschehen dieser von Kindern in der Volkshalle und einem Teil des Arkadenhof des Wiener Rathauses regierten Stadt eine wichtige Rolle, kann ins Geschehen eingreifen und tut es immer wieder auch. Hier wird auch viel über den Mechanismus, die Rolle von Medien in einer (kleinen) Gesellschaft erlebt, erfahren, ausprobiert...

 


Anhang

Kinder: Zeitungen wecken Leselust

(Neue) Studie deckt positive Langzeiteffekte auf

Die intensive Beschäftigung mit Zeitungen im Kindesalter hat nachhaltigen Einfluss auf die Leselust und Informationsfreude von Jugendlichen. Zu diesem Ergebnis ist jetzt eine neue Studie Heilbronner Wissenschaftler gekommen. Die Forscher haben darin erstmals in Deutschland längerfristige Effekte von medienpädagogischen Zeitungsprojekten in der Grundschule untersucht.

Projekt „Zeitung in der Grundschule“

„Achtklässler, die etwa fünf Jahre zuvor an dem Projekt ‚Zeitung in der Grundschule‘ (ZiG) der Heilbronne Stimme teilgenommen hatten, lesen später erheblich lieber Zeitung, interessieren sich für mehr Themen und sehen Zeitungen in einem positiveren Licht als Gleichaltrige ohne eine solche Erfahrung“, erläutert Professorin Nicola Marsden von der Hochschule Heilbronn, die Leiterin der Studie.

„Jugendliche, die in der Grundschule nicht an dem Projekt teilgenommen hatten, empfinden Zeitungen eher als Medium für ältere Menschen“, so Marsden weiter. Insgesamt gaben in der Studie 937 jugendliche Teilnehmer Auskunft über ihre aktuellen Medienpräferenzen, die vom Internet über die Spielekonsole bis hin zum Teenager-Magazin reichen.

Seit zehn Jahren Zeitungsprojekte für Kinder

„Medienpädagogische Zeitungsprojekte in weiterführenden Schulen gibt es in Deutschland seit über dreißig Jahren“, so Marsden weiter. „Ihre positive Wirkung auf die Zeitungslesesozialisation im Erwachsenenalter ist wissenschaftlich anerkannt. Zeitungsprojekte für Kinder in Grundschulen gibt es erst seit zehn Jahren.“

Positive Langzeiteffekte

Mit dieser jüngsten Studie der Hochschule Heilbronn, der Heilbronner Stimme und der Akademie für Information und Management stehe nun die erste Untersuchung längerfristiger Effekte zur Verfügung. Am Projekt „Zeitung in der Grundschule“ werden nach Angaben der Forscherin bis zum Ende des laufenden Schuljahres insgesamt 25.000 Schüler teilgenommen haben.

(idw - Hochschule Heilbronn, 01.02.2010 – DLO gefunden in spektrum/scinexx, 22. November 2010)

Infos

Kinder-KURIER

Mittwochs hat der KURIER eine Seite KiKu, jederzeit und immer – und weltweit abrufbar – den Online-Kinder-KURIER.
Der Online-KiKu führt auch regelmäßig (Zeitungs-)Workshops durch – in der Redaktion für Schulklassen, Projektgruppen, beim Ferienspiel bzw. interessierte Jung-Journalist_innen.
Für Veranstaltungen wie Ferienspieleröffnungsfest, Ramba-Zamba-Spielefest, Kinderuni, Kinderstadt Rein-ins-Rathaus packen wir das Computer-Equipement zusammen und machen vor Ort mit Kindern (Tages-)Zeitungen.

Kontakt

43/1/52100-2714 bzw. DW-Klappe: /2664 (Sekretariat)

heinz@kiku.at
kiku@kiku.at

www.kiku.at

 

Tags

medienbildung, medienkompetenz, medienpädagogik, medienerziehung