Bildung - Politik

4/2011 - Bildbewegungen/Räume des Filmischen

Besser voll dabei, statt voll daneben!

Unter dieses Motto stellt die Initiative Medienbildung Jetzt! die Forderung nach einer flächendeckenden medienpädagogischen Grundversorgung.

AutorIn: Hannes Heller

In den letzten Monaten hat sich in Wien eine medienpädagogische bottom-up Initiative gebildet, die sich zum Ziel gesetzt hat, Medienbildung in den bildungspolitischen Diskurs einzubringen.

Medienbildung Jetzt! Grundsatzpapier

In den letzten Monaten hat sich in Wien eine medienpädagogische bottom-up Initiative gebildet, die sich zum Ziel gesetzt hat, Medienbildung in den bildungspolitischen Diskurs einzubringen. Das erste Etappenziel der Initiative war es, ein Grundsatzpapier zu verfassen, das als Diskussionsgrundlage dienen kann und darüber hinaus auch konkrete Forderungen formuliert, die für das Gelingen einer zeitgerechten Form von Bildung notwendig sind. Dieses erste Ziel wurde erreicht, und seit Anfang Dezember 2011 können das Grundsatzpapier und die Forderungen auf der Webseite von www.medienbildungJetzt.at gelesen und auch unterstützt werden.

Das Motto der Initiative "Besser voll dabei, statt voll daneben" will nicht nur polarisieren, sondern vor allem neuen Schwung in die Debatte rund um Medienbildung bringen. Während die technologische Entwicklung voranschreitet und sich das Medienverhalten besonders der jüngeren Generation stark verändert, hinken der Bildungsbereich und der gesellschaftliche Diskurs dieser Entwicklung noch weitgehend hinterher. In der öffentlichen Diskussion um das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen sind bewahrpädagogische Grundhaltungen, die einen differenzierten Blick auf das Thema Medienbildung erschweren, noch immer weit verbreitet. Im Gegensatz dazu zeigt das Grundsatzpapier auf, dass die Themenbereiche Medien und Bildung nicht mehr voneinander getrennt betrachtet werden können. Im ersten Teil des Grundsatzpapiers wird daher der Begriff der Medienbildung definiert und seine aktuelle gesellschaftliche Relevanz näher beleuchtet. Einhelliger Tenor ist, dass in der fortschreitenden Diversifizierung der Kommunikation Medienbildung für jede Einzelne / jeden Einzelnen wichtiger wird, um einen selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und kritischen Umgang mit Medien entwickeln zu können.

Medienbildung braucht eine flächendeckende medienpädagogische Grundversorgung als Rahmenbedingung. Die Initiative Medienbildung Jetzt! sieht akuten Handlungsbedarf und hat daher einen Forderungskatalog, bestehend aus sieben Punkten, ausformuliert.

Forderungen der Initiative Medienbildung Jetzt!

An oberster Stelle steht die Forderung nach einer finanziell und personell zeitgemäßen Ausstattung von Bildungsräumen. Besonders für handlungsorientierte Medienprojekte braucht es sowohl die technischen Voraussetzungen als auch das Know-how, um praxisorientiert arbeiten zu können. Die Demokratisierung der medialen (Produktions-)Mittel ist eine Forderung, die besonders auf den Ausbau von partizipativen BürgerInnebeteiligungsmöglichkeiten abzielt. Die IKT-Strategie der Stadt Wien (www.wien.gv.at/ikt/) und die Vision 2020 (www.digitales.oesterreich.gv.at) sind Schritte in die richtige Richtung, sollten sich aber nicht nur auf die Optimierung von Verwaltungsaufgaben beschränken. Es braucht neue netzwerkbasierte Instrumente, damit Bürgerinnen und Bürger auf Politik und Gesellschaft Einfluss nehmen können. Die Veröffentlichung von Medienproduktionen, die in Bildungskontexten entstehen, wird durch die rechtlichen Gegebenheiten (Urheberrecht/Verwertungsrecht) oft nahezu verunmöglicht. Hier braucht es Rahmenbedingungen, welche die Medienarbeit aus der Halbillegalität befreien. In den MEDIENIMPULSEN wurde im Rahmen des Artikels Urheberrecht prallt auf die remix generation wurde diese Problematik sehr gut beschrieben.

Eine weitere Forderung ist die verpflichtende Medienbildung in der Ausbildung aller Pädagoginnen und Pädagogen. Der Grundsatzerlass Medienerziehung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur aus dem Jahr 2001 legt Lehrerinnen und Lehrern nahe, Medienerziehung in allen Schulformen und Unterrichtsfächern als Querschnittsmaterie verpflichtend umzusetzen. In der Praxis gibt es bereits an vielen Schulen einzelne Projekte und Schulversuche, von einer flächendeckenden Umsetzung ist man jedoch noch weit entfernt. Medienbildung wird von sehr engagierten Lehrerinnen und Lehrern vorangetrieben, doch fehlt es an einer systematischen Umsetzung. Eine Ursache dafür liegt sicherlich in der nicht ausreichenden Verankerung der Medienbildung in der Ausbildung. Auch bei der medienpädagogischen Weiterbildung gibt es großen Nachholbedarf. Es braucht ein adäquates Angebot, das auf die dynamische Entwicklung der Medien reagiert und Pädagoginnen und Pädagogen Anregungen für ihre Arbeit bieten kann. Damit einher geht die Forderung nach einer verstärkten medienpädagogischen Grundlagen- und Begleitforschung.

Die siebte Forderung nimmt den Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Medien in die Pflicht und fordert eine verstärkte Thematisierung von Medienpolitik und Medienbildung.

Die inhaltliche Breite der Forderungen resultiert aus der Vielzahl der Vereine und Einzelpersonen, die am Entwicklungsprozess des Grundsatztextes beteiligt waren. Medienbildung ist ein Thema, das in unterschiedlichsten Theorie- und Praxisfeldern relevant ist. Durch die Initiative Medienbildung Jetzt! ist ein Dialog in Gang gekommen, der das gemeinsame Ziel hat, die Rahmenbedingungen für Medienbildung zu verbessern.

Entstehung und Hintergründe der Initiative Medienbildung Jetzt!

Medienbildung Jetzt! entstand als Ergebnis des Educamps im Dezember 2010, einer Veranstaltung des Vereins Bikum – Bildung Kultur und Medien, der von Sigrid Jones gegründet wurde. Die Vernetzung gelang zunächst über formelle und informelle Treffen im damaligen Büro von Bikum im Museumsquartier und im nächsten Schritt über die Online-Plattform bikum.mixxt.at. Diese zählt mittlerweile über 250 Mitglieder aus Wissenschaft, pädagogischer Praxis, Kunst und Medien.

Das Educamp war im Barcamp-Format konzipiert und wurde online über die Bikum-mixxt-Plattform inhaltlich vorbereitet. Der Themenschwerpunkt war Filmvermittlung in Österreich, besonders unter dem Aspekt der Kontinuität und Nachhaltigkeit. Die inhaltliche Bandbreite der Inputs zeigte ein umfassendes Bild von unterschiedlichen theoretischen und praktischen Konzepten, machte aber auch klar, dass für ein gemeinsames Selbstverständnis noch weitere Anstrengungen notwendig sind. Während die Filmvermittlung versucht die Rezeption zu sensibilisieren, indem sie wertvolle kulturelle Produktionen archiviert, programmiert und einem Publikum zugänglich macht, setzt die aktive Medienarbeit vor allem an den populärkulturellen Sehgewohnheiten an und bietet die Möglichkeit, diese durch handlungsorientierte Projekte zu reflektieren.

Das Educamp 2010 mündete in eine Strategiediskussion, wie Medienbildung verbessert werden kann und stärkte das Bewusstsein dafür, dass eine weitere inhaltliche Zusammenarbeit notwenig ist.

Von März bis September 2011 wurde alle sechs Wochen ein Vernetzungstreffen organisiert, das als medienpädagogischer Wanderzirkus jeweils in einer anderen Einrichtung stattfand. Bei den Treffen wurde neben dem Grundsatzpapier in Arbeitsgruppen auch am öffentlichen Auftritt der Initiative Medienbildung Jetzt! gearbeitet. Eine Arbeitsgruppe entwickelte Logo und Claim. Die Web 2.0 Gruppe gründete die www.facebook.com/medienbildungJetzt und gestaltete einen Weblog, auf dem man das Grundsatzpapier und die Forderungen unterstützen kann: www.medienbildungJetzt.at. Ein weiteres Subteam arbeitet an Videoclips, die auf Medienbildung Jetzt! aufmerksam machen sollen. Weiters ist eine Videoplattform in Planung, die dazu einlädt, sich auf performative Art und Weise an Medienbildung Jetzt! zu beteiligen und besonders junge Menschen ansprechen soll.

Das Bemerkenswerte an der Initiative Medienbildung Jetzt! ist, dass verschiede Vereine und Personen an einem Strang ziehen und sich das kollektive Vertrauen gebildet hat, gemeinsam inhaltlich etwas bewegen zu können. Entscheidungen wurden bisher per Mehrheitsabstimmung beschlossen. Längerfristig stellt sich nun die Frage, in welcher Organisationsform die Initiative Medienbildung Jetzt! weiterarbeiten soll. Es bleibt zu hoffen, dass die bisherige Aufbruchsstimmung weiter anhält. Entwicklungen in Deutschland und in anderen europäischen Staaten wie in England  www.manifestoformediaeducation.co.uk zeigen, dass Medienbildung ein Thema ist, das keine nationalen Grenzen kennt. Ein interessanter Artikel über den ersten medienpädagogischen Kongress in Deutschland finden Sie unter folgendem Link www.medienimpulse.at/articles/view/309.

In Österreich hat das Bildungsvolksbegehren wichtige Impulse gesetzt und das Thema Bildung in die öffentliche und politische Diskussion eingebracht. Medienbildung wird hier allerdings kaum berücksichtigt. Die Initiative Medienbildung Jetzt! organisiert daher ein Barcamp vom 13. bis 14. Jänner 2012, in dem die Forderung nach einer flächendeckenden medienpädagogischen Grundversorgung weiter diskutiert wird. Gastgeber ist das wienxtra-medienzentrum, das für die Veranstaltung die Infrastruktur zu Verfügung stellt. Beim Barcamp soll es zu einem produktiven Austausch zwischen WissenschaftlerInnen, PraktikerInnen und politischen Entscheidungsträgern kommen. Wer mehr über das Format des Barcamps erfahren möchte, findet auf www.mekonet.de eine detailreiche Beschreibung. Es sind alle dazu eingeladen, aktiv an einer zeitgemäßen Form von Bildung mitzuarbeiten, frei nach dem Motto „besser voll dabei, statt voll daneben“. Ab Dezember 2011 kann man sich über die bikum.mixxt.at online anmelden.

Tags

medienbildung, medienpädagogik, politik