Neue Medien

4/2011 - Bildbewegungen/Räume des Filmischen

New Austrian Film

von Robert von Dassanowsky, Oliver C. Speck (Hrsg.)

AutorIn: Thomas Ballhausen

Die Filmwissenschaftler Robert von Dassanowsky und Oliver C. Speck haben mit New Austrian Cinema einen beeindruckenden und wichtigen Sammelband zum österreichischen Gegenwartskino vorgelegt.

Verlag: Berghahn Books
Erscheinungsort: New York
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-1-84545-700-6

Robert von Dassanowksy und Oliver C. Speck, beide keine Unbekannten in der Filmforschung mit Österreichschwerpunkt, haben mit dem vorliegenden Sammelband eine Publikation vorgelegt, die die deutschsprachige Verlagsszene verabsäumt hat: Ein dichter, stimmiger und facettenreicher Sammelband, der hochkarätige Autorinnen und Autoren versammelt, den aktuellen Forschungsstand und die internationalen Ansätze zum erfreulicherweise immer präsenter werdenden österreichischen Film reflektiert. Im Kontext einer Gesamtaufwertung des europäischen Filmschaffens erlangte das sogenannte Small European Cinema eine internationale Aufmerksamkeit, die auch für den neueren und neuesten österreichischen Film den Boden bereitete. Doch abseits einer ebenso spannenden wie kurzlebigen dogmatischen Ausrichtung, wie es etwa das dänische Kino einige Jahre produktiv vorlebte, ist im österreichischen Kino eine Vielfalt von Produktionsästhetiken nachweisbar geblieben.

Die Veränderungen sind etwa mit der Verbesserung von Produktionsbedingungen, dem Verknüpfen nationaler Initiativen mit grenzüberschreitenden Kooperationen, der weiteren Etablierung des Dokumentarfilms, der gesteigerten internationalen Aufmerksamkeit für den Spielfilm (hier sei nur an die erfreuliche Preisflut der letzten Jahre erinnert), der anhaltenden Präsenz auf Festivals und der Aufschwung der bewahrenden und vermittelnden Institutionen zumindest teilweise umrissen. Neben diesen eher formal zu bezeichnenden Aspekten sind auch die inhaltlichen, stärker reflexiv geprägten Konstanten einzurechnen, die das neueste österreichische Filmschaffen deutlich prägen. Zu ihnen können u.a. die permanente Auseinandersetzung mit der Rolle Österreichs in Europa, Fragen von Migration, die (Wieder)Entdeckung einer ebenso notwendigen wie scharfen Kritik an politisch-sozialen Verhältnissen und Entsolidarisierungsprozessen, hierarchischen Gesellschaftsprinzipien staatlicher oder religiöser Natur, das Abarbeiten an nationaler Identität und Geschichte oder die stärkere Ausbildung von Genreformen gelten. Als historische Zäsur ließe sich Barbara Alberts Spielfilm „Nordrand“ (1999) ansetzen, der eine beständige Emanzipation aus einer durchaus kritisch zu betrachtenden ästhetischen Geschichte des Produzierens von Filmen in Österreich vorausgegangen war.

Der Weg zu einem „New Austrian Cinema“, wie es etwa von v. Dassanowsky selbst in früheren Arbeiten treffend bezeichnet hat, war, im Rückblick betrachtet überaus steinig. Schließlich sind nicht unwesentliche Anteile der österreichischen Filme bis in die 1970er-Jahre, auch bei wohlwollender Lektüre, deutlich einer possenhaften Verspieltheit verpflichtet, die in den ebenso präsenten wie erfolgreichen Kabarett-Filmen bis in die frühen 1990er-Jahre ein spätes Echo fanden. Dass aber zu eben diesem Zeitpunkt eine neue Generation auf den Plan tritt, macht deutlich, was in einem Artikel aus dem vielgelesenen „The Hollywood Reporter“ 1997 als die beginnende Reife des österreichischen Films auf internationalem Niveau interpretiert wird. Die neuen Vertreterinnen und Vertreter des österreichischen Films bringen ein neues Verständnis für das Medium Film, dessen Produktions- und Aufführungskontexte mit sich, das auch in ein neues Selbstverständnis der österreichischen Filmemacher mündet. Auf ebendiese Fragen und Kontexte gehen die durchwegs qualitätsvollen Beiträge ein und verhandeln anhand von Stilfragen, dem Wert des Dokumentarischen, des weiblichen Filmschaffens, Schwerpunktthemen wie Migration und Grenzziehung oder auch sogenannter großer Namen den neuen österreichischen Film. Wissenschaftliche Expertise wird da zum Leseerlebnis, das nur durch den unerfreulich hohen Ladenpreis des Bandes gebremst wird.

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