Neue Medien

4/2011 - Bildbewegungen/Räume des Filmischen

Chris Marker und die Ungewissheit der Bilder

von Barbara Filser

AutorIn: Thomas Ballhausen

Barbara Filser setzt sich in ihrer Monographie zu Chris Marker mit einem der großen Unbekannten der Filmgeschichte auseinander und reflektiert anhand seiner Arbeiten über das Spannungsverhältnis Film und Erinnerung.

Verlag: Wilhelm Fink
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2010
ISBN: 978-3-7705-4883-5

Chris Marker ist einer der großen bekannten Unbekannten der internationalen Filmgeschichte. Die Vielschichtigkeit seines Werks, die verschiedensten medialen Ausdrucksformen seiner Arbeiten und die vorsätzliche Verschleierung seiner Biografie prägen die Auseinandersetzung mit dem Mysteriösen, der im Zeichen einer grinsenden Katze operiert. Die Forschungsliteratur zu Marker wird mit der nun in Buchform vorliegenden Dissertation Barbara Filsers um eine wichtige und hellsichtige Studie erweitert. Filser macht Markers Aussage „Zumindest geben sie sich als das, was sie sind, Bilder, und nicht die transportable und konkrete Form einer Wirklichkeit, die bereits unerreichbar ist“ zum Ausgangspunkt ihrer komplexen Untersuchung und stellt damit zwei Elemente ins Zentrum ihrer Überlegungen: seine permanente Auseinandersetzung mit dem Filmbild und sein Selbstverständnis als Essayist in Abgrenzung zur Limitierung seiner Rolle (auch durch wenig wohlmeinende Kritiker) als Romancier.

Markers Herausstreichen des ambivalenten Status des Bildlichen – nicht zuletzt angesichts auf Narrativität ausgerichteter Filmtheorien – macht den Abgleich zwischen den „Bilder des Films als Bilder“ und der Wirklichkeit an sich umso wertvoller und dringlicher. Sein unausgesetzter Gestus der Bildbefragung, das Arbeiten mit den von Filser folgerichtig identifizierten Ungewissheiten, schlägt sich in einer Inszenierungspraxis nieder, die die medialen und historischen Spannungsverhältnisse nicht verschweigt; also einer Aktivität, die zugleich auch Analyse des Präsentierten ist. In dieser Verknüpfung aus Darstellung und Reflexion manifestiert sich, so Filser in ihrer Herleitung aus literaturgeschichtlichen Kontexten, Markers essayistische Haltung, sein angewandtes Denken mit Film. In einer Absetzbewegung vom ohnehin fragwürdigen Postulat einer uneingeschränkt umsetzbaren filmischen Dokumentierbarkeit von Wirklichkeit wird bei Marker die Infragestellung einer angeblich objektiven Erfassbarkeit der Welt und die Auseinandersetzung mit Bildern (und dem Gebrauch der von ihnen gemacht wird) greifbar und lustvoll erfahrbar.

Film wird – und hier geht Filser ebenso über ihre eigentliche Fragestellungen hinaus wie im Deleuzianisch gedachten Belegen der akustischen Qualitäten von Markers Arbeiten – in seiner Flüchtigkeit als nur temporär sichtbare Projektion und als dauerhaft, aber zumeist unsichtbarer Träger weniger als Gedächtnismedium, denn vielmehr als Medium, an dem die dynamischen Prozesse des Erinnerns inszenierbar und darstellbar werden, umrissen. Mit diesem konsequenten Anknüpfen an aktuelle filmwissenschaftliche Diskurse des Archivierens, Erinnerns und Bewahrens betont die Autorin nicht nur das in Debatten oftmals unterschlagene Bewusstsein für den Inhalt der Form, sondern auch Markers Einbettung und unbestreitbare Aktualität für grundsätzlichste Fragen des Mediums, seiner Traditionen und Perspektiven. Ganz im Sinne des produktiven Essayisten wird anhand der Analysen Filsers nicht nur die Konstruktion eigener Gedächtnisse bzw. Geschichte erfahrbar, sondern auch zu einem neuen Verständnis der Bilder und der entsprechenden Gestaltung des Unfassbaren, Unsichtbaren oder gar Imaginären hingeführt. Es bleibt zu hoffen, dass Filsers überaus empfehlenswerte, umfangreiche Studie zur weiteren Beschäftigung mit Marker einlädt. Es gibt hier noch viel zu lernen.

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