Schwerpunkt

4/2011 - Bildbewegungen/Räume des Filmischen

Im Prinzessinnenbad

Die filmische Inszenierung des Stadtteils Kreuzberg.

AutorIn: Jana Koch

Jana Koch analysiert anhand des Films Prinzessinnenbad (D 2007) die Inszenierung des Stadtteils Berlin Kreuzberg.

Im Prinzessinnenbad

Ein Gewitter zieht auf. Durchsagen des Bademeisters werden von Kindergeschrei und allgemeinem Lärm übertönt, dicht gedrängt verlassen die Gäste das Prinzenbad in Berlin-Kreuzberg. Ursprünglich wollte Regisseurin Bettina Blümner einen Dokumentarfilm über das Berliner Freibad drehen und traf dort auf Mina, Klara und Tanutscha, die schließlich zu den Hauptprotagonistinnen des Dokumentarfilms PRINZESSINNENBAD (BRD, 2007) wurden. Der Film beginnt an diesem zentralen Schauplatz. Blümner portraitierte „ihre Prinzessinnen“ über den Zeitraum von anderthalb Jahren, fragte nach den Zukunftsvorstellungen, Beziehungen und Familienverhältnissen der Teenagerinnen. Die Kamera begleitet die Mädchen durch ihren Alltag und dokumentiert dabei ganz nebenbei den Kiez Kreuzberg SO (Südost) 36.

Das Prinzenbad ist für die Mädchen ein sommerlicher Platz für Freizeitaktivitäten, mitten in der Stadt und zu Fuß erreichbar, ganz unabhängig von der Möglichkeit zu schwimmen. Die geografische Lage des Bades – in der Prinzenstraße 113/119 – mitten in Kreuzberg, mitten in der Großstadt Berlin, lässt das Prinzenbad zu einem Ort der Gegensätze werden. Frauen mit Kopftüchern neben Mädchen in Bikinis zeigen etwa das allgemein oft zur Sprache gebrachte multikulkturelle Zusammenleben innerhalb des Stadtteils.Grundsätzlich gilt ein Schwimmbad als Ort, an dem Sexualität offen gezeigt werden darf: Eine der wenigen Szenen, in welchen die Mädchen in körperlichem Kontakt zu Jungs gezeigt werden, spielt sich im Schwimmbad ab. Ganz selbstverständlich besprechen sie gemeinsam mit Freunden Akneprobleme, rasieren sich zwischen vielen anderen liegend die Beine und schminken sich. Weder verschämt noch versteckt thematisieren sie Intimitäten an einem halb-öffentlich Raum, ohne sich ausgeliefert zu fühlen: Das Freibad als Raum für Freizeitspaß und Erholung wird im Film also zur Bühne für pubertäre Rollenverhandlungen – beispielsweise, wenn Tanutscha einem Vorübergehenden ein „Halt´s Maul, lass Dir erstmal ´nen Penis wachsen!“ hinterher ruft.

 

Abb.1: Das Prinzenbad.

 

Abb.2: Mina rasiert sich im Prinzenbad.

Wohnen in Kreuzberg: Die Inszenierung des Stadtviertels im Film

Weder Brandenburger Tor, noch Parlament, Friedensengel oder Fernsehturm sind im Film zu sehen. Die als Hochbahn laufende  U-Bahnlinie U1 als einziges gezeigtes Verbindungsglied zum Rest Berlins verdeutlicht: PRINZESSINNENBAD ist nicht einfach ein dokumentierendes Portrait über Heranwachsende in einer beliebigen Großstadt, sondern ein Dokumentarfilm über den individuellen Kosmos Kreuzberg, der in zahlreichen Totalen präsentiert wird. Besonders häufig finden sich im Film Aufnahmen der Kreuzung rund um den Görlitzer Bahnhof – in Szenenübergängen begleitet die Kamera die Protagonistinnen auf ihren Wegen, Establishing Shots als rein deskriptive Bilder zeigen den Kiez in einigen Schnittübergängen.

Die Protagonistinnen leben bei ihren Müttern in Kreuzberg, alle drei begleitet die Kamera in ihr Zuhause. Minas wie auch Klaras Mutter leben in neuen Beziehungen, das Verhältnis zwischen den Mädchen und diesen neuen Partnern ist problematisch. PRINZESSINNENBAD zeigt lediglich neutrale Mutter-Tochter-Situationen und individuell gestaltete, dennoch typische Teenager-Zimmer. Dass die Wohnungen mitunter zu Spannungsräumen werden, geht jedoch aus Erzählungen hervor: Mina traf unvorbereitet auf den neuen Freund, als dieser unter der Dusche stand, Klara wird alleine leben, sobald ihre Mutter den neuen Freund heiratet.

Tanutscha scheint sich in ihrer häuslichen Umgebung wohl zu fühlen - vielmehr bereitet das Wohnen in Kreuzberg der Mutter Sorgen: Von vielen Feuerwehreinsätzen spricht sie, von Angriffen und Belästigungen erzählt sie, und dass Tanutscha wegziehen wollte. Heute nicht mehr, bestärkt die Tochter.

Zwar kommt PRINZESSINNENBAD ohne klischeehafte Bilder von Drogendealern oder Gewaltszenen aus, Sorgen der Mütter lassen jedoch Schlüsse auf die soziale Lage zu. Ebenso die einzige Regel, die Klara von ihrer Mutter auferlegt bekommt: „Kein Heroin und nicht schwanger werden.“

Ästhetische Stilmittel, filmspezifische Erzählformen

Gleichsam als Gegenkonzept zu Benjamins bourgeoisen Flaneur bewegen sich die Protagonistinnen in zügiger Geschwindigkeit durch Kreuzberg: Von Hip Hop Beats begleitet überquerenTanutscha und Klara selbstbewusst in schnellen Schritten in einer Szene die Kreuzung am Görlitzer Bahnhof. Ein Jugendlicher ruft Tanutscha von der anderen Straßenseite aus Anzüglichkeiten hinterher, diese kontert amüsiert. Die Kamera folgt den Mädchen, filmt leicht aus der Froschperspektive und unterstreicht den Eindruck: Die Mädchen sind der Straße habhaft.

Der Soundtrack zu PRINZESSINNENBAD spielt dabei eine tragende Rolle, die nicht-diegetische Musik von Interpreten wie „Lisi“, „Afrob“, „She-Raw“ oder „Bassturk“ verstärkt an zahlreichen Stellen die „Ghetto“-Atmosphäre auf der Straße: Rap-Musik und Hip Hop, schnelle Beats und aggressive Töne, dazu passende Texte Berliner Künstler als Stimmungsgeber. Die gestalterische Intervention in Form des nicht-diegetischen Soundtracks beschränkt sich weitgehend auf die Unterlegung von Musik einiger Establishing Shots, Übergangsbilder und Straßenszenen. Emotional aufgeladene Momente bleiben musikalisch weitgehend unmanipuliert . Während Schnelligkeit, Lautstärke und Vielfalt als Attribute der Kreuzberger Straßen in Szene gesetzt werden, zeigt Blümner den Görlitzer Park als Rückzugsort für intime Gespräche. Mina und Klara sitzen in einer Szene auf einem Hügel im Gras. Im Hintergrund umgibt Kreuzberg die sommerliche Idylle. Auf den ersten flüchtigen Blick könnte der Eindruck entstehen, die Mädchen säßen tatsächlich außerhalb Berlins, bzw. am Stadtrand - doch der Görlitzer Kirchturm ragt in den Horizont, fahrende Autos sind leise hörbar. Inmitten des Viertels haben die Freundinnen einen Ort gefunden, an den sie sich für intime Gespräche zurückziehen zu können, ohne gestört zu werden.

 

Abb. 3: Klara und Mina im Görlitzer Park.

Kreuzberg als antagonistische Kraft?

Vielfach bildet Kreuzberg die antagonistische Kraft, nimmt eine konträre Position gegenüber den Mädchen ein: Die lärmende Großstadt drängt sich in ruhige Aufnahmen, der Film vermittelt ein angriffslustiges Kreuzberg.

In indirekten Formulierungen wird das gesellschaftliche Kreuzberg-Bild der Mädchen sichtbar: Tanutscha etwa sieht das Stadtviertel nur dann als gefährliches Pflaster, wenn sie die heutigen Kinder betrachtet, wie ihren Cousin. „Krasses“ Vokabular und Gewaltbereitschaft von Fünfjährigen erschrecken sie. Während sie selbst mit Puppen spielte bis sie sieben Jahre alt war, urteilt sie über heutige Grundschüler: „Die haben gar keine Kindheit mehr.“ In einer Szene passt Tanutscha auf den viel jüngeren Bruder Ole auf. Als im Hof das Gebrüll eines Mannes zu hören ist, reagiert Tanutscha aggressiv-offensiv: „Reg Dich mal n´bißchen ab, Mann“ und beruhigt den Bruder: „Ole, brauchst keine Angst haben, der ist ein bißchen verrückt.“ Das wilde Geschrei aus dem blinden Raum passiert ebenso selbstverständlich dargestellt wie Tanutschas Reaktion aus dem Fenster in den dunklen Hof.

Ausgehend von der Theorie, dass in Gleichaltrigengruppen (Peer groups) durch oft variierende „Sprach-, Kleidungs-, Verhalten- und Ausdrucksformen das Lebensgefühl einer Altersgruppe repräsentiert“ wird, um sich von der Welt anderer Gruppen abgrenzen zu können (Vgl. Hurrelmann 2002: S.242), lässt sich die Sprache bzw. der „Jugend-Slang“ lokalspezifisch zuordnen. Tanutschas Aussage, „Ich komm aus Kreuzberg, Du Muschi!“ gegenüber eines Chatpartners am Telefon wurde zur Marketingstrategie des Films: Auf Plakaten, Aufklebern und als Überschrift zu zahlreichen Artikeln wurde dieser zum zentralen Satz stilisiert, zur Premiere von PRINZESSINNENBAD trugen die Protagonistinnen T-Shirts mit dem Spruch.

Die Vermarktung der Aussage durch die Medien spiegelt eine gängige, auch im Film transportierte Vorstellung wider: Kreuzberg ist laut, aggressiv und grob – eine, in ihrer Andersartigkeit und Unberechenbarkeit antagonistische Kraft, die dem bürgerlichen Idealbild, wie junge Mädchen aufwachsen sollten, entgegensteht. Kreuzberg und die Mädchen, Energien, die sich wechselseitig beeinflussen. Der Satz kann – aus Tanutschas Warte – eben auch anders interpretiert werden. Als die Kampfansage: Kreuzberg gegen den Rest der Welt.

Ortsbezogene Identität: Die Prinzessinnen und Kreuzberg

Um die enge Beziehung der Protagonistinnen zu ihrem Heimatort begreifen zu können, ist eine nähere Beschäftigung mit einigen Teilaspekten elementar:

„Will man einen Raum nun als einen (...) gelebten Raum in all seinen Facetten begreifen, so kommt man deswegen nicht umhin, seinen soziohistorischen Kontext ebenso zu berücksichtigen, wie seine lebensweltliche, alltagspraktische Wahrnehmung und Nutzung durch die betroffenen Akteure.“(Görgl 2008: S.36)

Mit den Protagonistinnen und deren Lebenssituationen nimmt sich der Film Themen an, die häufig als generelle Diskussionspunkte rund um den Stadtteil aufgegriffen werden: Beispielsweise die hohe Zahl an Alleinerziehenden, der hohe Anteil an Einwohnern mit Migrationshintergrund, niedriges Durchschnittseinkommen und eine Verunsicherung durch Jugendarbeitslosigkeit.

Die soziale Struktur Kreuzbergs oder Gruppenbildungen stellen beispielsweise Faktoren dar, die in wechselseitigem Verhältnis zum territorialen Bindungsgefühl der Mädchen stehen.Der Film zeigt an zahlreichen Stellen symbolische Repräsentationsformen raumbezogener Identität, wie Gruppenzusammenhalt oder sprachliche Besonderheiten (Slang) als Ausdrucksform des lokalen Identifikationsgefühls und Distinktion.

Ortsbezogene Identität: Eine Definition

Raumbezogene Identität, die in der innerfachlichen Diskussion auch als räumliche Identität, regionale Verbundenheit oder territoriale Identifikation bezeichnet wird, definiert der Sozialgeograph Peter Weichhart anhand der Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt. Der Aspekt der Identifikation ist dabei nicht ausschließlich auf menschliche soziale Interaktionspartner beschränkt (Vgl. Weichhart 1990: S.17). Den Terminus der raumbezogenen Identität bezieht er zum einen auf die kognitiv-emotionale Repräsentation von Raumausschnitten „in Bewußtseinsprozessen eines Individuums bzw. im kollektiven Urteil einer Gruppe“, also die „subjektiv oder gruppenspezifisch wahrgenommene Identität eines bestimmten Raumausschnittes und (...) seine Abgrenzung gegenüber der mentalen/ideologischen Repräsentation anderer Gebiete“ (Weichhart 1990: S.20).  Zum anderen kennzeichnet Weichert Raum als Handlungs- und Repräsentationsort des Selbstkonzepts:

„Der physische Raum stellt also gleichsam eine Projektionsfläche für das personale Ich dar. Einzelne Raumstellen und Raumattribute sind nicht nur als Symbole sozialer Beziehungen, sondern auch als Symbole des Selbst wirksam, sie sind gleichermaßen Medium und Ausdrucksmittel der Ich-Darstellung.“ (Weichhart 1990: S.23)

Identifikationsprozesse können demnach nicht losgelöst von indivuellen Selbstkonzepten betrachtet werden, die mit der sozialen Außenwelt verknüpft sind.

PRINZESSINNENBAD portraitiert als Dokumentarfilm die Protagonistinnen. Die Frage der raumbezogenen Identität der Mädchen kann also lediglich fragmentarisch anhand der von der Autorenfilmerin individuell ausgewählten Szenen analysiert werden, der Zusammenhang zwischen Identifikation und Raum wird dennoch deutlich.

Multi-Kulti in Kreuzberg

Die Inszenierung Kreuzbergs als multikulkturelles Soziotop gestaltet der Film mitunter durch seine Protagonistinnen: Tanutschas Vater ist Iraner, ihre Mutter Deutsche. Minas Vater kommt aus Italien, und Klara, als einzige der Dreien ohne Migrationshintergrund, mag keine Deutschen, nur Türken. Ihr neuer Freund, den sie während der Drehzeit kennenlernte, ist Türke und arbeitet in einer Dönerbude.

Beim telefonischen Chatten findet Tanutscha, dass Deutsche „ranzig“ sind.

An keiner Stelle des Films scheinen sich die Mädchen bewusst mit Migrationshintergründen auseinanderzusetzen, umso mehr aber implizit.

Klara, die vergeblich nach Grenzen sucht, die ihr die Mutter nicht setzen will, findet sich in spießiger Viererrunde mit ihrem neuen Freund, Tanutscha und einem weiteren Begleiter wieder. Sie steht auf „Arschlöcher“, was dies jedoch bedeutet und weshalb Türken ihnen näher stehen als Deutsche, diskutieren die Mädchen in keiner Szene des Films eingehender.

Das Zugehörigkeitsgefühls der Mädchen zum „Melting pot“ Kreuzberg kann als spezielle Form „ethnischer Identität“ verstanden werden, die Weichhart folgendemaßen erläutert:

„Die Einbindung in eine bestimmte ethnische Gruppierung ist aber grundsätzlich auch auf eine andere Weise möglich. Ethnische Identität kann dadurch entstehen, daß sich das Individuum die spezifischen Wertvorstellungen und Symbole des betreffenden Sozialsystems zu eigen macht, ohne daß gleichzeitig ein spezifischer und weitreichender Interaktionszusammenhang mit anderen Gruppenmitgliedern besteht. (...) Im Vergleich dazu ist der Nutzen der symbolischen Gruppenbindung erheblich; er liegt im Gewinn von Identitätssicherheit und in der Gewißheit, einem (wenn auch nur vage definierbaren) spezifischen Sozialsystem anzugehören, und somit in einem Gefühl der sozialen Geborgenheit.“(Weichhart 1990: S.68-69)

Für die Sozialisation im soziokulturellen Umfeld ist die Frage des Zugehörigkeitsgefühls darüberhinaus entscheidend. Innerhalb der Peer group ist der Aufbau einer eigenen kulturellen und sozialen Welt möglich, der für die Entwicklung Jugendlicher bedeutsam ist:

„In der Gleichaltrigengruppe ist ein Austausch von Sichtweisen und Gefühlen unter Personen gleichen Rangs und mit vergleichbarem Erfahrungshorizont möglich, weil keine überlegene Person in kulturell festgelegtes Wissen und Können einführt.“(Hurrelmann 2002: S.241)

Diesbezüglich geht PRINZESSINNENBAD nicht in offensiver Form in die kulturelle Tiefe: Als beobachtender Dokumentarfilm stellt er weniger eine investigative Milieustudie dar – vielmehr werden Sozialisationsprozesse ohne direkte Fragestellung oder kommentierende Off-Stimme aufgezeigt. Tanutscha beispielsweise erzählt: „Mein Vater ist Iraner, meine Mutter Deutsche. Ich bin Deutsche“ – für deutsche Chatpartner allerdings hat sie nichts übrig. Die widersprüchlichen Aussagen, die Suche nach der eigenen Identität wird nicht bloßgestellt – die Regisseurin fragt  nicht direkt nach, obschon der Film die Anwesenheit des Filmteams nicht versteckt, Blümner den Protagonistinnen durch Close Ups und lang andauernden Einstellungen überaus nahe kommt. Der Kiez ist durch seine Inszenierungsform während des ganzen Films als multikultureller Melting Pot präsent.

Der soziale Raum „Kreuzberg“

Kreuzberg nimmt eine doppelte Rolle ein: In Hintergrundbildern untermalt der Schauplatz atmosphärisch die Geschichten der Protagonistinnen, als „Sozialer Raum“ (Vgl. Bourdieu 1987: S.211) konstituiert Kreuzberg die Lebenswelt der Mädchen.

Für das Verständnis der sozialen Umwelt der Protagonistinnen ist eine nähere Betrachtung des Stadtviertels wichtig: Der Sozialstrukturatlas Berlin 2008  (Meinlschmidt 2008), legt sozialraumanalytische Informationen über das Berliner Stadtviertel offen, die in diesem Kontext von Interesse sind.

Rund 35 % der Kinder und Jugendlichen in Kreuzberg lebten 2008 demnach bei einem alleinerziehenden Elternteil. Im Vergleich zu anderen Berliner Stadtteilen besonders häufig betroffen sind EmpfängerInnen von Arbeitslosengeld (SGB II nach deutschem Sozialrecht) mit durchschnittlich 19 %. Aus weiteren Tabellen geht hervor, dass der Anteil von Personen, deren Einkommen im Jahr 2006 die Grenze von 700 Euro nicht überstieg, in Kreuzberg zwischen 27,44 und 28,16 % lag (Vgl. Meinlschmidt 2008: S.52). Eine weitere strukturelle Dimension des sozialen Raums bildet der Anteil ausländischer Kinder und Jugendlicher -  in Kreuzberg 2006 mit etwa 60 % im städtischen Bereich vergleichsweise hoch.

Die Zahlen der Kreuzberger Sozialraumanalyse sind für das Verständnis der gezeigten Lebenswelt der Mädchen nützlich.

Alle drei Mädchen leben bei ihren alleinerziehenden Müttern. Wie die Statistik vermuten lässt, macht sie dieser Umstand nicht zu Außenseiterinnen – sie befinden sich inmitten einer größeren Gruppe Betroffener. Die individuellen Situationen sind dabei natürlich trotzdem von Bedeutung: Tanutschas Vater lebt bei einer neuen Familie, wie sie im Film erzählt, zu ihrem kleinen Halbbruder pflegt sie Kontakt, zum Vater nicht.  Minas Vater betreibt ein Bistro in Berlin – das Verhältnis zu ihm scheint eng: Über seine Beziehung zu seiner um 20 Jahre jüngeren Freundin freut sie sich, während es ihr nur schwer fällt, den ebenfalls viel jüngeren neuen Freund der Mutter zu akzeptieren. Klaras Vater lebt mit neuer Familie in Panama, den Partner der Mutter lehnt Klara ab. Die Familiensituationen ähneln sich stark.

Die Freundinnen kennen sich seit früher Kindheit. Darüberhinaus leben die Teenagerinnen in einem sozialen Umfeld, in welchem Scheidung, Trennung und abwesende Väter keine besondere Ausnahme darstellen: An keiner Stelle des Films trifft eines der Mädchen eine Aussage, die vermuten lässt, dass das gemeinsame Überstehen dieser besonderen biographischen Einschnitte die Freundschaft gestärkt hätte. Dies lässt den Schluss zu, dass die Lebensverhältnisse nicht als außergewöhnlich wahrgenommen werden und dennoch prägend sind:

„Wir-Gefühl, Zusammengehörigkeitsgefühl und Gruppensolidarität sind Phänomene, die mit Notwendigkeit die Existenz einer gemeinsamen Bezugsgröße voraussetzen, die funktional als sozialer Brennpunkt der subjektiv erfahrenen und bejahten Zugehörigkeit wirksam wird.“(Weichhart 1990:S.67)

PRINZESSINNENBAD legt die finanzielle Situation der Protagonistinnen nicht offen. Aufgrund der ins Bild gesetzten Wohnungen und kleineren Hinweise am Rande lassen sich nur oberflächliche Schlüsse ziehen: Keines der Mädchen verfügt über einen wohlhabenden Backround, die Mädchen scheinen sich in einem ähnlichen sozio - ökonomischem Umfeld zu bewegen, welches sich nicht stark von dem ihrer Umgebung unterscheidet.

Ortsbezogenes Identifikationsgefühl: Die Protagonistinnen und Kreuzberg

Das Gefühl der Identifikation mit ihrem Kiez wird an Tanutschas Aussage, nie von Kreuzberg wegziehen zu wollen, offenkundig. Entscheidend ist dabei für sie, das soziale Umfeld beibehalten zu wollen: Freundinnen und Freunde in nächster Nähe, so nimmt sie an, werden auch nicht wegziehen.

In der Terminologie des „Klassifikationssystems“ innerhalb des Sozialen Raums spricht Bourdieu im Zusammenhang mit dem Habitus-Begriff vom „Raum der Lebensstile“. In diesem Konzept setzt Bourdieu er das für den Habitus entscheidende Kapital durch Unterscheidung und Bewertung in Beziehung (Vgl. Bourdieu 1987: S.278).

Spezifische Geschmacksurteile als symbolische Merkmale und Ausdruck ortsbezogener Identität verstehend, lässt sich die These anhand konkreter Aussagen der Mädchen auf den Film übertragen:

Nach anderthalb Stunden Film sind die Protagonistinnen anderthalb Jahre älter. In der letzten Szene sitzen sie im winterlichen Park, sprechen von der Zukunft und der Vergangenheit. Tanutscha, die ein distanzierteres Verhältnis zu Mina pflegt, bemerkt vorwurfsvoll:  „Aber Mina, Du hast Dich übertrieben vom Gesicht verändert, (...) Dein Stil, Dein Style, alles.“

An diesem Beispiel wird deutlich, was Bourdieu als die „stilistische Affinität“ aller Akteure einer Klasse beschreibt (Bourdieu 1987: S.282). Kleidungsstil, Sprache und Ausdrucksformen verstehen sich in Bourdieus Klassifikationsschemata als Merkmale der Gruppenzugehörigkeit – Tanutscha bemerkt die Veränderung der Freundin anhand von Äußerlichkeiten. Das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit ist der raumbezogenen Identität zuzuordnen, die sich aus einer Vielzahl von Identifikationsprozessen ergibt. Minas Veränderung nimmt Tanutscha zur Kenntnis und setzt sie in Beziehung zur eigenen Selbstdarstellung.

„Eine jede soziale Lage ist mithin bestimmt durch die Gesamtheit dessen, was sie nicht ist, insbesondere jedoch durch das ihr Gegensätzliche: soziale Identität gewinnt Kontur und bestätigt sich in der Differenz.“ (Bourdieu 1987: S.279)

Im Film wird dies besonders in der Gegenüberstellung von Mina und Tanutscha deutlich.Während Tanutscha -  an Kleidungsstil und Sprache sowie an allgemeiner Bewegung im Kiez deutlich -  eine starke Verbindung zu Kreuzberg hat, scheint Mina eine andere Richtung einzuschlagen: Mina will den Abschluss schaffen und mit Freund George auf Reisen gehen. Beide Mädchen sprechen in der Sprache 15-Jähriger, erkennbar wird der Kreuzberger „Slang“ doch nur bei Klara und Tanutscha: „Was schätzt´n Du an mir, Muschi?“, fragt die eine die andere.

Auch der Aktionsradius der Mädchen lässt Schlüsse zur raumbezogenen Identität zu: Klara besucht ein Schulprojekt in Berlin-Mitte. Nachdem sie ihrer Großmutter Geld gestohlen hat, muss sie Sozialstunden absolvieren. Die sozialarbeiterische Einrichtung durfte sie sich aussuchen und entschied sich für das Jugendcafé Pavillon KARUNA in Kreuzberg-Friedrichshain. Trotz der Möglichkeit, eine vom Wohnort weiter entfernte bzw. der Schule nähere Institution auszuwählen, arbeitet Klara in ihrem Kiez. Im KARUNA arbeiten lediglich Jugendliche auf gerichtliche Verordnung: Öffentliche Häme fürchtet die Teenagerin nicht, eine Einrichtung außerhalb Kreuzbergs schien nicht in Frage zu kommen.

Abschließende Bemerkungen

Abgesehen vom theoretischen Komplex rund um die ortsbezogene Identitätsfrage bietet der Film Analysestoff für etliche Disziplinen in ihrer Eigenständigkeit: Das Rollenverständnis der Mädchen, die Berücksichtigung allgemeiner Gender-Theorien, der Themenkomplex rund um delinquentes Verhalten Jugendlicher oder die unterschiedlichen Familienkonstellationen sind nur wenige Beispiele für die Menge an Untersuchungsmöglichkeiten.

Darüberhinaus ist PRINZESSINNENBAD als dokumentarischer Coming-of-Age-Film beschreibbar, der in seiner grundsätzlichen Machart eine Vielzahl an Fragen aufwirft: Das Material - besonders im essayistischen Dokumentarfilm – obliegt  der individuellen Verarbeitung der Autorin. Inszenierungsform, Vertonung, Montage und Schnitt sind nur einige Beispiele, die als atmosphärestiftende Faktoren zu betrachten sind. Bettina Blümner konstruiert in PRINZESSINNENBAD ein individuelles Kreuzberg aus allgemeinen Bildern: Der Görlitzer Bahnhof stellt sich nicht in verfremdeter Form dar – im Film ist kein Unterschied zu Fotografien aus Reportagen zu erkennen. Und dennoch vermittelt sich ein persönliches Kreuzberg-Bild: Die drei Protagonistinnen Mina, Tanutscha und Klara verhandeln ihre Freundschaft, ihre gemeinsame Vergangenheit und ganz nebenbei das Viertel, in dem sie aufgewachsen sind und leben. Kreuzberg wird zum Identitätsstifter und Identifikationsort. PRINZESSINNENBAD ist ein Portrait: über drei Mädchen und ihr Königinnenreich.


Literatur

Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1987.

Bourdieu, Pierre: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1998.

Görgl, Peter Johannes: Die Amerikanisierung der Wiener Suburbia? Der Wohnpark Fontana. Eine sozialgeographische Studie. GWV Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2008.

Hurrelmann, Klaus: Einführung in die Sozialisationstheorie. Beltz Verlag: Weinheim und Basel 2002.

Meinlschmidt, Gerhard: Sozialstrukturatlas 2008. 3. Sozialstrukturatlas, Kartenanhang Bezirke. Referat Gesundheitsberichterstattung, Epidemiologie, Gemeinsames Krebsregister, Sozialstatistisches Berichtswesen, Gesundheits- und Sozialinformationssysteme: Berlin 2008.

Weichhart, Peter: Raumbezogene Identität. Bausteine zu einer Theorie räumlich-sozialer Kognition und Identifikation. Franz Steiner Verlag: Stuttgart 1990.

Filmographie:

Prinzessinnenbad, D 2007; Regie: Bettina Blümner, DVD: Senator Home Entertainment 2009.

Abbildungsverzeichnis:

Abb.1: Prinzessinnenbad, Min. 01:07:26.

Abb. 2: Prinzessinnenbad, Min.00:00:56.

Abb. 3: Prinzessinnenbad, Min. 00:08:40.

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