Editorial

3/2011 - Von der IKT zur Medienbildung

Editorial 3/2011 Von der IKT zur Medienbildung

AutorIn: Alessandro Barberi

Editorial 3/2011

Dass Informations- und Kommunikationstechnologien in unseren Wissensgesellschaften seit der dritten industriellen Revolution eine maßgebliche Rolle spielen und gleichsam in unseren Alltag eingreifen, ist eine Tatsache, welche die Gründung der MEDIENIMPULSE mitbestimmt hat. Denn von Beginn an thematisierten wir die Rolle und Funktion von Technologien im Bereich der Medienpädagogik. Ein Zusammenhang, der nichts an Aktualität eingebüßt hat, ganz im Gegenteil. Deshalb hat sich die Redaktion der MEDIENIMPULSE dazu entschlossen, dem Einfluss von IKT’s auf die Medienbildung eine eigene Schwerpunktausgabe zu widmen. Im Zentrum der Debatten steht dabei die Frage nach der spezifischen Funktion von Medien im Blick auf die am Bildungsprozess beteiligten Kompetenzen. Wie stark werden SchülerInnen von den Medien beeinflusst? Und wie wirkt sich umgekehrt die Praxis von Lehrenden und Lernenden auf die Szenarien in den Medien aus?

Barbara Zuliani analysiert deshalb in unserem Schwerpunktteil jene Transformationen, die sich zwischen dem Begriff der Computer- und jenem der Medienkompetenz ergeben. Sie thematisiert dabei die Frage, wie weit LehrerInnen auf die Neuen Medien einsteigen sollen und welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, um beide Formen von Kompetenz modellieren und umsetzen zu können. Dies expliziert sie anhand der konkreten Textarbeit mit SchülerInnen wie auch angesichts der Rolle des iPads in der Volksschule. Fast wie bei Pierre Bourdieus Habitus-Konzept kommt sie so zu dem Schluss, dass die Kompetenzen der SchülerInnen von den Medien strukturiert, so wie diese wiederum von der konkreten Unterrichtspraxis affiziert werden. Caroline Roth Ebner fragt des Weiteren in einem auch demokratiepolitisch relevanten Sinne danach, ob das Web 2.0 die partizipativen Elemente der Mitsprache erhöht und welche Kompetenzen nötig sind, um de facto über Facebook, Youtube, Flickr oder Wikipedia am Web 2.0 teilnehmen zu können. Dabei analysiert sie ebenfalls die medienökonomische Überlappung von Produktion und Konsumtion anhand der prosumers, die nicht nur passive Wetware sind, sondern auch praktisch in die Datenverarbeitung eingreifen. Sie macht im Rahmen ihrer Ausführungen auch auf die fruchtbare Möglichkeit aufmerksam, die Kategorie Gender unter Medienbedingungen erneut zu reflektieren, denn die medialen Voraussetzungen unserer Gegenwart greifen als doing gender über diskursive Konstruktionen in unsere Körperwahrnehmungen ein.

Ursula Dopplinger untersucht in ihrem Artikel eingehend die Anwendung von eLearning in vier Volksschulen und beleuchtet dabei die Rolle der Sozialkompetenz im Umgang mit IKT’s. Sie berichtet eingehend von einer Panelstudie an drei niederösterreichischen Volksschulen und betont die Wichtigkeit des Computers als Informations- und Werkzeugangebot, der auch eine hohe IKT-Kompetenz der Lehrenden korrespondieren muss. Dabei setzt sie in der konkreten Unterrichtspraxis auf medialen Stationenbetrieb, Interaktivübungen, Webs (Internetralleys) sowie auf den Einsatz von Textverarbeitungs- und Präsentationssoftware. Dopplinger ruft dabei nachdrücklich zu einem verantwortungsbewussten pädagogischen Umgang mit Medien auf. Lothar Bodingbauer führt in seinem Schwerpunktbeitrag rasant in die Hacker-Ethik des Chaos Computer Clubs ein und erläutert – auch anhand persönlicher Erfahrungen – weshalb das Hacken mit subversiven Widerstandslinien zusammenhängt, die (produktiv) Sand ins Getriebe streuen können, dabei aber keineswegs kriminell werden (müssen). Im Öffnen eines Computers, im Blick auf das Making Off unserer Mediengesellschaft entsteht ein Wissen um Problembereiche, die direkt mit Machtfragen verbunden sind.

Christian Berger, der zusammen mit Gerhard Scheidl die Koordination dieser Ausgabe 3/2011 übernommen hat, konnte für das Ressort Praxis eine ganze Reihe von kompetenten AutorInnen gewinnen, die das Schwerpunktthema in der konkreten Unterrichtspraxis untersuchen und besprechen: So beschreibt Barbara Buchegger die Zirkulation von Pornographie in unseren Schulen, die ihre Rolle im Rahmen von provozierenden Gesten oder Mutproben bzw. als Grenzüberschreitung nach wie vor nicht verloren hat. Buchegger schlägt dabei einen beruhigten und souveränen Umgang der LehrerInnen mit sexuellen Grenzbereichen vor, da pädagogische „Härte“ erneut jene Grenzen fixiert, die dann wieder unterwandert werden wollen. Eva Neureiter erinnert mit ihren Ausführungen an die Aktualität der reformpädagogischen Konzepte von Célestine Freinet: Auch wenn seine Ideen nun schon über 90 Jahre alt sind, stellt sich gerade angesichts der Neuen Medien immer noch die Frage, was es bedeutet, „den Kindern, das Wort zu geben“. Neureiter berichtet von ihren diesbezüglichen Erfahrungen mit Comics, Animations-Filmprojekten, SchülerInnen-Zeitungen und Radiosendungen. Und Anu Pöysko verweist auf mehrere bildungspolitische Initiativen in Deutschland, mit denen die Medienkompetenz gefördert werden soll: mit Medien- und Internetführerscheinen werden neue medienpädagogische Wege beschritten. Mehrere ExpertInnen aus der Bundesrepublik kommen hier zu Wort und geben eine Einschätzung der bisherigen Ergebnisse. Ihre Positionen geben einen guten Einblick in die derzeitige Debatte. Alfred Peherstorfer liefert dann noch einen Erfahrungsbericht mit eLectures, einem synchronen E-Learning-Angebot, das seitens des BM:UKK Lehrenden kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Über Adobe Connect werden dabei einstündige Webinare zu vielfältigen und pädagogisch wertvollen Themen abgehalten.

In der Kolumne "Technik zum Anfassen" gibt  Christian Berger Einblicke in die mobile Welt der Android Apps: Von Google Sky maps über die Leo Wörterbücher bis hin zu DNA-Simulationsprogrammen ist hier für jede/n etwas dabei. Aber auch der Frage, inwiefern kulturelle Inhalte frei genutzt werden können, ist er in einem eigenen Artikel nachgegangen.

Hans Högl stellt darüber hinaus im Ressort Neue Medien die „Vereinigung für Medienkultur“ und ihre Homepage www.medienkultur.at in fünf Schritten vor. Dabei geht es u. a. um eine kritische Perspektive auf die Medienkonzentration in Österreich. Er erläutert Geschichte, innere Struktur und thematische Ausrichtung dieser medienpädagogisch interessanten Plattform und berichtet von den internen Schwerpunkten der Vereinigung. Gerda Berthold stellt in ihrem Artikel auf sehr konkrete Art und Weise dar, wie sie einen Materialenkoffer für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren zum Thema „Milch“ erstellte, mit dem sie sehr erfolgreich einen eigenen Lehrpfad pädagogisch umsetzen konnte. Herbert Rosenstingl stellt in diesem Ressort auch das Rollen- und Bausspiel Cargo vor, dass eine verrückte, unbekannte und ungewohnte Welt voller Farbe und skurrilen Gegebenheiten bietet. Ein Spiel, in dem es um Spaß geht und das vor allem Spaß machen soll.

Im Ressort Kultur-Kunst findet sich darüber hinaus ein Beitrag zur interventionistischen Medien- und Widerstandstheorie Guy Debords und mithin auch eine Analyse der Situationistischen Internationale, die nach dem Mai 68 in Frankreich eine wichtige politische Rolle spielte. Unser verdienter Autor Thomas Ballhausen untersucht hier eine medienaktivistische Widerstandslinie der Nachkriegsavantgarde, die mit dem Konzept der „Gesellschaft des Spektakels“ operierte.

Des Weiteren haben wir auch einige Rezensionen zu bieten: Im Bereich der Computerspielforschung haben Matthias Bopp, Rolf F. Nohr und Serjoscha Wiemer einen Band mit dem bezeichnenden Titel „Shooter“ herausgegeben, in dem soziologische, pädagogische aber auch kunstwissenschaftliche Aspekte von (Ego-)Shootern beleuchtet werden. Karl H. Stingeder hat dieses Kompendium für die MEDIENIMPULSE rezensiert. Und Patrick Drexler war so freundlich für uns gleich zwei Bücher zu besprechen: „Game Controler“ von Hannes Witzmann und Jörg Pachers „Game. Play. Story? – Computerspiele zwischen Simulationsraum und Transmedialität“.

Weiters finden sich Ankündigungen zur Workshop-Reihe Jobtalks 2.0, zur Konferenz „Future and Reality of Gaming 2011“ und zur Game City 2011.

Im Namen des Redaktionsteams wünsche ich Ihnen viel Spaß und Abwechslung bei der Lektüre,

Alessandro Barberi

(Chefredakteur MEDIENIMPULSE)

 

 

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