Praxis

3/2011 - Von der IKT zur Medienbildung

Von der Druckerei zum Weblog

Medienarbeit in einer Freinetklasse

AutorIn: eva neureiter

Eine Freinet-Pädagogin erzählt über Ihre Erfahrungen in einer Mehrstufen Volksschulklasse.

Wir Freinet-PädagogInnen werden immer wieder gefragt: „Freinet, das ist doch das mit der Druckerei.“ Manches Mal kommt auch ein „Ah, das habe ich auch schon mal gemacht!“ dazu. Celestin und Elise Freinet druckten mit ihren SchülerInnen eigene Bücher, damals vor heute rund 90 Jahren war das Drucken die einzige Möglichkeit, Inhalte zu vervielfältigen. In den Gesprächen über Freinetpädagogik und die Druckerei muss ich dann immer peinlich betreten gestehen, dass ich schon seit Jahren nicht mehr mit der Letterndruckerei und den Schulkindern gedruckt habe und die Druckerei nach dem letzten Lehrerinnen-Seminar wieder gut verpackt in den Kasten gewandert ist.Von unseren Korrespondenzpartner-Klassen in der Schweiz bekommen wir immer so schön gedruckte Texte.Nur wir schaffen es leider nie „zurückzudrucken“.

 

 


ABB: DRUCKBEISPIEL

Dabei machen wir viel „Medienarbeit“ in unseren Klassen:

  • Wir gestalten nun schon seit über 10 Jahren Radiosendungen im Rahmen der Wiener RadioBande (www.radiobande.at, da könnt ihr uns hören!).
  • Wir machen Bücher zu speziellen Themen und jedes Jahr ein Geschichtenbuch mit den „Best-Of-Geschichten jedes Kindes (da drucken wir Stempel dazu).


ABB: KINDER BEIM DRUCKEN

  • Wir schreiben an SchülerInnen-Zeitungen .
  • Wir gestalten Comics mit der Hand und am PC.
  • Wir betreiben einen Weblog, unsere Form eines Tagebuchs (fbklasse.wordpress.com, faklasse.wordpress.com ist unsere Nachbarklasse),
  • …und von Zeit zu Zeit drehen wir auch Filme

Alles in allem ziemlich freinetpädagogische Arbeiten!

 

Bei unseren Radiosendungen findet sich eine Gruppe an Interessierten, die gemeinsam einen Plan für eine Radiosendung entwickeln. Es werden Geschichten geschrieben, Lieder ausgesucht, Moderationstexte formuliert, andere Kinder interviewt,… Für die Sendung selbst fährt eine Gruppe von 8 Kindern zum Freien Radio (Radio Orange, Wien; www.orange.or.at) und gestaltet dort vor Ort ihre Sendung. Manche SchülerInnen sind nach 2-3 Jahren Radioarbeit in der Lage, selbst eine Radiosendung abzuwickeln und sie brauchen mich fast nicht mehr. Sie können den Überblick über den komplexen Ablauf einer Sendung bewahren, wissen, wann welches Mikrofon zuzuschalten ist und wann die Musik ausgefadet werden sollte. Für Radiosendungen im Rahmen der RadioBande in Wien können für Neulinge der Radioarbeit auch Workshops gebucht werden (mehr dazu unter: www.radiobande.at).


ABB: KINDER beim RADIO

Wenn wir „Bücher“ machen, so geschieht dies meistens im Rahmen eines Sachunterrichtsprojekts. Die Kinder unserer Klasse arbeiten dann gemeinsam an einem großen Thema, aber zu unterschiedlichen Bereichen. In einem unsere letzten Bücher war das Großthema Wien; die einzelnen Sehenswürdigkeiten, worüber sie forschen wollten und wofür sie sich in Wien speziell interessieren, das haben sich die Kinder ausgesucht. So entstand ein kleiner Reiseführer durch Wien von der Ringstraße bis zur Donau und der Lobau, jedes Kind gestaltete mindestens eine Seite (mit Foto) zu seinem Thema, tippte die Texte und suchte die öffentliche Verkehrsverbindung, die Eintrittspreise, etc. dazu. In den Präsentationen zum Thema erzählten die Kinder den anderen, was sie jeweils zu ihrem Thema herausgefunden hatten, dadurch konnten alle Kinder über alle Themen etwas lernen.

Das Geschichtenbuch bildet den Abschluss des Arbeitsjahres. Jedes Kind sucht eine Geschichte aus seinem Geschichtenheft aus, die Geschichten werden getippt, layoutiert und die Kinder gestalten einen Druckstempel zu ihrer Geschichte. Dieser wird dann auch abgedruckt. Wenn die Bücher fertig sind, freuen sich nicht nur die Kinder über die Geschichten, auch die Eltern bestaunen die neuen Werke und ehemalige Schülerinnen kommen gerne in den neuen Büchern zu blättern.

Die Arbeit an Schülerinnen-Zeitungen gestaltet sich unterschiedlich. Manches Mal schicken wir einzelne Beiträge an andere Schülerinnen-Zeitungsredaktionen (die Freinet-Gruppe in Salzburg betreut den „Speedy“, eine SchülerInnen-Zeitung, die jetzt 20 Jahre alt wurde); oder wir gestalten selbst Zeitungen für unsere Schule. Da kann es entweder ein Thema für eine Zeitung geben (Kochrezepte, Wasser,…) oder wir analysieren den Aufbau anderer Zeitungen, um dann in diesen Rubriken (Chronik, Kultur, Unterhaltung,…) eine eigene Zeitung zu gestalten.

Comics begeistern viele Kinder, manche Kinder, die nicht gerne lesen, regen sie doch zum Lesen an. Beim Thema Comics stellten wir verschiedene „klassische“ Comics vor (Asterix, Donald Duck, Garfields, Calvin und Hobbes,…), untersuchten den Aufbau eines Comics, die Gestaltung der Sprechblasen,… Dann ging es daran, selber Comics zu entwerfen: es gab die Möglichkeit selbst zu zeichnen und dazu zu schreiben, einige begonnene Geschichten regten zum Fertigstellen an und es konnten am PC mit dem Programm „Comics Life“ eigene Comics gestaltet werden. Dazu fotografierten die Kinder ihre Bilder ab und machten im Programm die Sprechblasen dazu. Am Ende gingen wir in eine Comics-Buchhandlung und kauften für die Schulbibliothek ein (jetzt können unserer Schulkinder auch „Mangas“ in der Schulbibliothek ausborgen.)

Beim letzten Animations-Filmprojekt meinte meine Kollegin am 2. Tag, an dem die Kinder ihre Storyboards schrieben, miteinander die Kulissen bastelten und ihre eigenen Ideen in Szene setzten, dass sie nun wieder einmal „richtig freinetpädagogisch arbeiten“. Die Kinder sahen ihre Filmarbeit keineswegs als „Spaß“, sie arbeiteten streng konzentriert, in Kooperation mit den anderen der Gruppe und unter totaler Aufmerksamkeit an ihren Geschichten. Ihre Kompetenz in der Arbeit mit dem Computerprogramm war enorm, nach einer kurzen Erklärung konnten die meisten Kinder selbständig „fotografieren“. Wir arbeiteten mit dem Programm „I Can Animate“, das außer Fotos machen (direkt mit der Laptopkamera ging dies am besten) und diese Fotos aneinanderreihen wenig kann. Aber das war genau richtig! An dieser Stelle sei auch der „modernen Technik“, die benutzerInnenfreundlicher geworden ist, ein Loblied gesungen!

Den Endprodukten kann die Herkunft angesehen werden: manch absurde Geschichte wäre abseits einer Freinetklasse wohl nicht an der heimlichen Zensur der mitarbeitenden LehrerInnen vorbeigegangen. Die Präsentation unserer Filme war ein voller Erfolg! Die Kinder waren sehr zufrieden und konnten die Filme nicht oft genug ansehen.


ABB: KINDER BEI DER FILMARBEIT

Für mich ist der Weblog in vielen Komponenten eine Fortführung der Ideen der Druckerei:

  • Ideen werden weiterverbreitet
  • Korrespondenz findet statt ... übers Internet
  • LeserInnen können ihre Kommentare abgeben, der/die SchreiberIn kann dies nachlesen
  • Texte machen Sinn - auch wenn sie keine langen Romane sind, können Kinder Erfolgserlebnisse in ihrem Schreiben bekommen

Manches Mal melden sich über den Weblog auch Eltern zu Wort, schreiben ihr Statement zu einer Geschichte,… oder sie schauen sich zu Hause die Bilder vom letzten Ausflug an und haben so die Möglichkeit, ein wenig in den Alltag ihrer Kinder hinein zu schnuppern.

 


ABB: KINDER AM PC

Der Freinetpädagogik-Leitsatz in der Medienarbeit ist für mich: „Den Kindern das Wort geben“, denn es zählt nicht die perfekte Radiosendung, der perfekte Film sondern die Ideen der Kinder und ihr eigenes Tun, ihre Arbeit- die darf man/ frau auch sehen und hören können! Mir ist es wichtiger, dass die Radiokinder die Regler am Mischpult selbst bedienen als dass der Ton immer richtig ein- und ausfadet; die Bilder der Animationsfilme schossen die Kinder selbst- da wird das ein oder andere Bild verwackelt, aber die Kinder haben den Umgang mit den technischer Geräten gelernt und auch erkannt, dass Bilder unscharf werden können.

Wahrscheinlich kann ich mein Dilemma, dass wir schon lange nicht mehr mit der Letterndruckerei gedruckt haben anders sehen. Die Medienarbeit von heute beginnt eben nicht unbedingt beim Drucken, sondern die Medienpädagogik hat sich in den letzten 90 Jahren sehr viel weiterentwickelt und auch differenziert! Wenn wir auch nicht mehr drucken, so machen wir trotzdem viel Medienarbeit- und bereiten die Kinder auf das Leben von morgen vor … wer weiß, was da alles auf sie zukommen wird!


Mehr über Freinetpädagogik unter: freinetgruppewien.wordpress.com

http://www.atelier-schule.at

http://freinet.paed.com

http://www.freinet.ch/

Tags