Editorial

2/2011 - Medienaktivismus

Editorial 2/2011 Medienaktivismus

AutorInnen: Alessandro Barberi / Wolfgang Sützl / Theo Hug

Editorial 2/2011 Medienaktivismus

Editorial 2/11  Medienaktivismus

Liebe LeserInnen!

Das Stichwort "Medienaktivismus" taucht in der wissenschaftlichen Literatur erst seit wenigen Jahren auf. Das gilt sowohl für die Bearbeitung von Teilaspekten in Zeitschriftenaufsätzen und Monographien als auch für Überblicksdarstellungen in medien- und kommunikationswissenschaftlichen Lexika und Handbüchern. Der Sache nach spielen die Phänomenbereiche, die mit dem Stichwort angesprochen sind, in der gesamten Medienkulturgeschichte eine Rolle. Die starke These lautet also mit anderen Worten: Zu allen Zeiten lassen sich Mainstream-Entwicklungen ausmachen, die von Minderheiten in Frage gestellt wurden, zu allen Zeiten gab es so etwas wie ein Unbehagen in, an oder mit der Medienkultur, dem verschiedene Formen der Herrschafts- und Kulturkritik korrespondierten.

Das Spektrum reicht von den Graffiti der Antike über mittelalterliche Karnevalskulturen und Pamphletschreiber der frühen Neuzeit bis zu den Radiopiraten des 20. Jahrhunderts und gegenwärtigen Aktionen wie sie etwa von uebermorgen.com, den Yes Men, den Liens Invisibles oder den Medieninterventionen im Lichte aktueller biopolitischer Entwicklungen in Szene gesetzt werden. Medienaktivismus ist allerdings ein noch wenig erforschtes Terrain der Kommunikations-, Medien- und Politikwissenschaft. Widerstandsmedien, Protestmedien, aktivistische Medien, Medien des Ungehorsams, radical Media: eine breite Vielfalt von medialen Erscheinungen kreiert und kommuniziert Wissen, das sich vom Herrschaftswissen distanziert und dieses an der Schnittstelle von Technik, Politik und Kunst angreift.

Diese Ausgabe der Medienimpulse greift die bunte Vielfalt der aktivistischen Mediennutzung auf und untersucht Medienaktivismus aus medientheoretischer und medienpädagogischer sowie aus politischer und technologischer Sicht. Die Beiträge des Themenheftes fokussieren einerseits spezielle Aspekte wie Plattformenproblematik, Biopolitik oder Semiotik, andererseits werden auch übergreifende Fragestellungen im Hinblick auf mediale Handlungsmöglichkeiten diskutiert.

Ausgehend von einer Analyse des Problems des Begehrens im Anschluss an Michel Foucault bietet Andreas Oberprantacher einen Überblick über kontemporäre Praktiken der Zweckentfremdung und Neurahmung von Sinnzusammenhängen. Mit Adbusters und Yes Men untersucht Oberprantacher zwei medienaktivistische Gruppen und situiert ihre semiotischen Interventionen in einem größeren historischen und theoretischen Zusammenhang. In seinem Fazit sondiert er Möglichkeiten der konzeptionellen Weiterentwicklung im Spannungsfeld von Mimikry und mimetischem Begehren.

Felix Stalder befasst sich mit medienaktivistischen Antworten auf den Zwiespalt zwischen kultureller Nischenbildung und der Problematik dominanter Plattformen. Der niederschwellige Zugang zu kulturellen Produktions- und Verteilungsmitteln hat die Kulturindustrie zum Teil entmachtet, er hat aber auch die Bildung unzähliger kultureller Nischen ermöglicht, die keine gemeinsame Sprache sprechen und damit bedeutende politische Diskurse fragmentieren. Mächtige Plattformen wie Google, Apple oder Facebook gewinnen vor diesem Hintergrund durch das zentralisierte Verwalten von Beziehungen eine ungeheure Macht, welcher aktivistische Projekte wie Thimbl.net, freedom box oder bitcoin mit dezentralisierten Strukturen entgegentreten.

Medienaktivismus ist auch in der Medienpädagogik eine vernachlässigte Thematik. Sowohl in medienaktivistischen als auch medienpädagogischen Diskurszusammenhängen spielen verschiedene Konzepte der Handlungsorientierung sowie der Medien- und Gesellschaftskritik eine Rolle. Allerdings ist bislang kaum ein Austausch beider Diskurstraditionen auszumachen. Der Beitrag von Theo Hug zielt deshalb auf die Sondierung von Herausforderungen für die Medienpädagogik und von relevanten Anknüpfungspunkten der Thematik.

Clemens Apprich votiert in seinem Beitrag "...und natürlich kann geschlachtet werden!" für eine Auseinandersetzung mit historischen Protestformen im Hinblick auf die Entwicklung wirkungsvoller Strategien. Ausgehend vom Beispiel der Geiselnahme einer Kuh im Sinne einer kritischen Intervention in biopolitische Zeichensysteme problematisiert er dabei auch altbekannte österreichische Opfermythen.

Martin Wassermairs Beitrag kommt aus Kamerun und damit von der „anderen“ Seite des digitalen Grabens. Wie auch in anderen afrikanischen Ländern entstanden dort angesichts der Umbrüche in der arabischen Welt Hoffnungen auf eine „Facebook-Mobilisierung“, die sich aber angesichts ökonomischer und infrastruktureller Zugangsbarrieren als vergeblich erwiesen. Insoweit Internet-Zugänge überhaupt vorhanden sind können social media zwar den Unmut über soziale und politische Missstände kanalisieren, die Möglichkeiten einer realen und radikalen Veränderung der Verhältnisse, so Wassermair, erfordern jedoch primär eine solide politische Basis sowie eine gut vernetzte Zivilgesellschaft.

Insgesamt enthalten die Beiträge zahlreiche Anknüpfungspunkte für weiterführende Diskussionen zum Thema Medienaktivismus. Dabei wird deutlich, dass der Vielfalt der spontanen und ungehorsamen Nutzungen von Medien, eine ebenso große Vielfalt an praktischen und theoretischen Übergängen entspricht, die nicht nur für die Medienwissenschaft und die Medienpädagogik inhaltliches und methodologisches Potenzial bieten, sondern auch Anregungen für einen politisch bewussten, informierten und aktiven Zugang zu Medien auf gesellschaftlicher Ebene ermöglichen.

Lassen Sie uns noch zu Ihrer Information festhalten, dass die Redaktion der MEDIENIMPULSE diese Schwerpunktausgabe in Kooperation mit dem FWF-Forschungsprojekt „Medienaktivismus – Populäre Formen der Medienaneignung“ (Projekt. Nr. P21431-G16) erstellt hat. Kollektives Arbeiten setzt eben immer mehr Medienimpulse als der Alleingang.

Eine ertragreiche und spannende Lektüre wünschen Ihnen

Alessandro Barberi, Wolfgang Sützl und Theo Hug

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