Bildung - Politik

2/2011 - Medienaktivismus

...und natürlich kann geschlachtet werden!

AutorIn: Clemens Apprich

Wie die Geiselnahme einer Kuh als kritische Intervention in biopolitische Zeichensysteme zu verstehen ist, und was das alles mit einer Neuformulierung aktivistischer Mediennutzung zu tun hat.

 

Bereits in den 1990er Jahren beschäftigte sich die taktische Medienarbeit mit biopolitischen Herrschaftsfeldern, wie dies etwa in den Arbeiten des Critical Art Ensemble ersichtlich wird. Vor diesem Hintergrund soll das Thema des Heftschwerpunkts aufgenommen und damit die Frage nach abweichenden politischen, künstlerischen und kulturellen Praktiken behandelt werden. Insbesondere die moderne Stadt als hybride Mischung aus physischem und digitalem Raum, dessen architektonische Gestalt von einer Vielzahl an Datenströmen überlagert wird, bildet dabei ein mögliches Handlungsfeld, auf dem sich eine gänzlich neue Ästhetik der Krise, der Kritik und des Widerstandes entwickeln könnte. Die Wiener Netzinstitution Public Netbase zählt hier zu den Pionieren, die in Österreich und Europa erstmals die digitale Welt für eine kritische Medienarbeit erschlossen, sowie Herrschaft und Kontrolle in diesem Datenraum thematisiert haben. Im Rückblick lassen sich so interessante Positionen aufzeigen und ihre Relevanz für eine künftige künstlerische wie kulturelle Praxis darstellen. Das Kunstprojekt „Zellen Kämpfender Widerstand/kommando freiheit45“ (ZKW kf45), welches in Auseinandersetzung mit dem österreichischen Jubiläumsjahres 2005 stattfand, soll hier beispielhaft für eine kritische Intervention in symbolische Herrschaftsräume stehen, zumal in diesem Fall die biopolitische Verwertung des öffentlichen Raums mit der historischen Inszenierung von Staatlichkeit einher ging. Somit erlaubt ein Rückblick auf die Arbeit von Public Netbase einen Kontext für die aktivistische Dekonstruktion offizieller Bildwelten und biopolitischer Zeichensysteme herzustellen und darüber hinaus in die bestehende Debatte rund um mögliche Anschlussfelder für die taktische Medienarbeit einzugreifen.

Virtuelles Straßentheater

Wer nicht kämpft, stirbt auf Raten. Daher müssen wir die aktuellen strategischen Projekte der symbolpolitischen Formierung des revisionistischen Systems in Österreich angreifen (ZKW 2005a)“! So hieß es in dem Bekennerschreiben der „Zellen Kämpfender Widerstand/Kommando Freiheit 45“, das in der Nacht auf den 10. Mai in die Grünanlagen des Wiener Belvedere eingedrungen war, um eine dort im Rahmen der regierungsseitig verordneten Gedenkreihe „25 Peaces“ [i] weidende Kuh in seine Gewalt zu bringen. Das Rindvieh wäre demnach als „politische Gefangene“ zu betrachten, deren Schicksal an die Anerkennungsleistung von Deserteuren und Partisaninnen durch die Bundesregierung geknüpft wurde. Dies schien insofern notwendig als im sogenannten „Jubiläumsjahr 2005“ politisch brisante Fragen zur offiziellen Erinnerungskultur einfach ausgespart wurden. Etwa die Frage, wie es um ein Land bestellt ist, in dem ein Bundesratsabgeordneter im laufenden Gedenkjahr Deserteure öffentlich als Kameradenmörder beschimpfen und dies dann auch noch ohne großen Widerstand im staatlichen Rundfunk wiederholen konnte. [ii] Oder die Frage nach der historischen Bedeutung des Partisan/innenkampfes zur Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus. Fragen also, die einer reibungslosen „Identitätsfindung“ im Zuge des von der österreichischen Bundesregierung veranstalteten Historienschauspiels nur im Weg stehen konnten. Dann schon lieber mit besagten Kühen an die Nutzung des Schlossgartens als Weidefläche und damit an die Versorgungsengpässe nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern.

Im Gegensatz zum staatlich verordneten Geschichtsbild, welches dem für Österreich typischen Opfermythos [iii] entsprach, sollte die „Geiselnahme“ zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der offiziellen Geschichtsdarstellung anregen. Und im Gegensatz zum millionenschweren Geschichtsspektakel der Bundesregierung, genügten den Aktivist/innen einige wenige, geschickt platzierte Informationen und Bilder, um ihr einwöchiges Entführungsdrama zu inszenieren. [iv] So verselbständigten sich die insgesamt vier Kommuniqués mit den Forderungen an die Bundesregierung in Weblogs, TV und Printmedien und lösten eine mediale Dynamik aus, welche eine Bühne für dissidente Meinungen überhaupt erst zur Verfügung stellte. [v] Die der Stadtguerilla entlehnten ästhetischen Codes, eine nach Außen hin unvermittelbare Sprache und Bilder, die aus den 1970er Jahren zu stammen schienen, eröffneten einen diskursiven Raum, von wo aus der Angriff auf die symbolische Herrschaft des „Systems“ erfolgen sollte. Als dann am 15. Mai Kanzler Schüssel und ORF-Generalintendantin Lindner der mehrfach wiederholten und mittels blutiger Artefakte untermauerten Forderung nach einem öffentlichen „Schuldbekenntnis, die Bevölkerung im Jahr 2005 mit Geschichtslügen irregeführt und nationalistisch verhetzt zu haben“ (ZKW 2005b) nicht nachgekommen waren, sahen sich die „Zellen Kämpfender Widerstand“ dazu gezwungen „Rosa“ zu schlachten... mit 1,5 Kilo Semtex versteht sich!

Das virtuelle Straßentheater war freilich eine von Anfang an fingierte Aktion, hinter der die Wiener Medienkulturplattform Public Netbase (1994-2006) stand. In ironischer Distanz wurde dabei der Österreichische Opfermythos hinterfragt und die Bedeutung (bio-)politischer Geschichtsschreibung für die Konstruktion eines hegemonialen Alltagsverstand thematisiert. Gerade in Zeiten, in denen das Spektakel eine kritische Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit verdrängt und politische Gesten als individuelle Äußerungen abgestempelt werden, bedarf es taktischer Mittel, die in der Lage sind kulturelle Hegemonien anzugreifen. Das Mittel der Re-Artikulation symbolischer Räume und die Dekonstruktion offizieller Bildwelten durch Dissonanz, sind dabei erprobte Formen medienaktivistischer Interventionen. Die virtuelle Kuhentführung durch das „Kommando Freiheit 45“ mag daher als Beispiel dienen, inwieweit es Medienaktivismen gelingen kann sich mit herrschaftlichen – insbesondere biopolitischen – Zeichensystemen kritisch auseinanderzusetzen und deren Selbstverständlichkeit zumindest kurzfristig in Frage zu stellen. Im Kontext des Jubiläumsjahres 2005 schien dies jedenfalls ein probates Mittel, um der erneuten Ausschlachtung des österreichsichen Opfermythos Einhalt zu gebieten und den Zusammenhang zwischen historischer Deutungsmacht und gouvernementalem Führungsanspruch aufzuzeigen.

Solch eine Strategie der „bewaffneten Propaganda“, welche sich dazu anschickt den am Stammtisch wieder entflammten Opfermythos in seiner medialen Darstellung zu reflektieren, folgt dem Konzept der in den 1990er Jahren formulierten Kommunikationsguerilla. Aus Enttäuschung über die eigenen Politprojekte und dem Wunsch nach einer nicht-essentialistischen Gesellschaftskritik, machten sich damals Teile der Linken daran, neue, der gegenwärtigen Situation angepasste politische Praxen zu entwickeln. Dabei entstand eine undogmatische Herangehensweise jenseits des „traditionellen“ Aktivismus, wobei gerade die taktische Medienarbeit einen neuartigen Ansatz versprach. So ist der neue Aktivismus sicher globaler geworden, indem unterschiedliche lokale Kämpfe miteinander vernetzt wurden. Jedoch stand derselbe Aktivismus von nun an dem Alltagsleben der Menschen oft seltsam getrennt gegenüber, zumal mit den neuen Medientechnologien ein vom politischen Handgemenge weitgehend bereinigter Raum konstruiert wurde. Handlungsrelevante Strategien können jedoch nicht in einem virtuellen Parallelraum stecken bleiben, sondern müssen sich in bürgerlichen, aber auch eigenen Medien fortpflanzen, um Gegenöffentlichkeiten – zumindest temporär – real werden zu lassen. Der direkte Angriff auf den österreichischenAlltagsverstand“ durch das „Kommando Freiheit 45“ war deswegen nicht alleine ein „halbhumoristisches Medienguerillakonzept“ (Weber 2005, S. 3), sondern der Versuch den Rahmen der offiziellen Politik selbst zu verändern. [vi]

Symbolische Herrschaft

Angesicht eines allumfassenden und weitgehend computergestützten Kontroll- und Sicherheitsdispositivs, welches im Kern der liberalen Gesellschaften zu finden ist, scheint es notwendig, nach neuen Formen der Abweichung zu suchen. Doch seit Foucault und seinem Denken der Immanenz von Machtverhältnissen (vgl. Foucault 1983) ist diese Frage nicht mehr mit dem bloßen Verweis auf ein widerständiges Außen zu beantworten, sondern kann nur innerhalb der heutigen Mediengestalt verhandelt werden. Das Eingreifen virtueller Datenströme in die materielle Szenerie (urbanen) Lebens, macht aus dem Stadtraum ein mögliches Aktionsfeld, auf dem sich eine gänzlich neue Ästhetik der Krise, der Kritik und des Widerstandes entwickeln könnte (vgl. Debord 1980, 41-56). So ist es die moderne Stadt, welche sich als (virtueller) Möglichkeitsraum konstituiert und damit der Biomacht als regulatorische Technologie der (urbanen) Bevölkerung Vorschub leistet. Die der Biopolitik entsprechende politische Form ist der aus dem modernen Staat entstandene Liberalismus, der selbst wiederum eng mit dem alten Traum der regierbaren Stadt verknüpft ist. Zu fragen wäre also, worin die Möglichkeiten aber auch Gefahren im Gebrauch der „neuen Medien“ [vii] für eine kritische Medienarbeit liegen und welchen Einfluss diese auf eine neue künstlerische Praxis haben könnte? Die mediale Inszenierung der Stadt, im Zuge derer Bombennächte simuliert oder ganze Plätze von Werbemedien besetzt werden, könnte mit spielerischen Interventionen unterbrochen und die symbolische Landschaft durch Strategien der Wiederaneignung zurückerobert werden.

Die moderne Stadt bildet heute eine hybride Mischung aus physischem und digitalem Raum, dessen architektonische Gestalt von einer Vielzahl an Datenströmen überlagert wird. Dieser „urbane Datenraum“ (Jaschko 2007) enthält neben mobilen Kommunikationstechnologien auch stark expandierende Überwachungssysteme und die immer tiefer in das Stadtbild eingreifenden Werbemedien. Die symbolische Dominanz des Spektakels fußt dabei auf einer kulturellen Grammatik, die als ein Ensemble von gesellschaftlich akzeptierten Codes verstanden werden kann. Es sind eben diese Codes, die ein bestimmtes System von Symbolen repräsentieren und deren Definition die symbolische Hegemonie über unseren Alltagsverstand festschreibt. Der Datenraum der Stadt bietet damit eine mehr oder weniger offene Projektionsfläche für individuelle und gesellschaftliche Praktiken, Lebensformen, Kulturmuster, Wissen, Macht und eben auch Herrschaftsstrukturen. Angesichts des rasanten Vordringens der neuen Kulturtechnologien in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gewinnt die künstlerische Praxis mit elektronischen Medien eine immer größere Bedeutung. Der städtische Raum bildet somit das Handlungsfeld, auf welchem mittels Konfrontation, Agitation und Intervention neue Öffentlichkeiten geschaffen werden können.

Medienaktivismus stellt hier aber nur einen Teil des breiten Spektrums von Kommunikationsguerilla dar (vgl. autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 2001, S. 8f.). Mindestens ebenso relevant wie technische Kommunikationsmittel sind alltägliche Formen der „face to face“ Kommunikation und soziale Verhaltensmuster, in denen Machtverhältnisse immer wieder produziert und reproduziert werden. Gemeinsam ist ihnen allen das Verständnis von einer semiologischen Guerilla, wie sie bereits von Umberto Eco Mitte der 1980er Jahre formuliert wurde (vgl. Eco 1985). Die Guerilla dient hier als Metapher für eine Praxis, herrschende Diskurse anders als durch bloße Argumentation und Agitation zu hinterfragen. Die Subversivität von Kommunikationsguerilla liegt demnach in einem Aufbrechen von Herrschaftsverhältnissen auf der Ebene gesellschaftlicher Diskurse, um somit die vermeintliche Natürlichkeit der herrschenden Ordnung zu untergraben. So heißt es im Handbuch der autonomen a.f.r.i.k.a gruppe: „Ihr Projekt ist die Kritik an der Unhinterfragbarkeit des Bestehenden; sie will geschlossene Diskurse in offene Situationen verwandeln, in denen durch ein Moment der Verwirrung das Selbstverständliche plötzlich in Frage steht“ (autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 2001, S. 7). Eine Kuh als „politische Gefangene“? Wieso eigentlich nicht…

Das „Kommando Freiheit 45“ benutzte die subversive Energie des Absurden zur kritischen Intervention in symbolische Herrschaftsverhältnisse, zumal gerade in diesem Fall die biopolitische Verwertung des öffentlichen Raums mit der historischen Inszenierung von Staatlichkeit einher ging. Dabei erschien die Entführung der Kuh im Grunde als geringerer Fake, als die Inszenierung des Österreichischen Opfermythos selbst. Denn gerade in einem Land, in dem die Geschichtsvergessenheit einen wesentlichen Bestandteil der eigenen Lebensmacht darstellt, in dem nach wie vor das „Wirtschaftswunder“ nach dem Zweiten Weltkrieg mystifiziert und ganz allgemein jegliche Kontinuität aus der Nazi-Zeit negiert wird, ist es nur konsequent, die Geschichtspolitik selbst zu einem der zentralen Orte biopolitischer Herrschaftsansprüche zu machen. Insofern mag das „Kommando Freiheit 45“ beispielhaft für eine widerständige Praxis gelten und einen möglichen Anschluss für die taktische Medienarbeit der 1990er Jahre liefern. Die Auseinandersetzung mit symbolischen Repräsentationen und hegemonialen Zeichensystemen wird künftig jedenfalls nicht ab, als vielmehr zunehmen. Neue Aktionsformen müssen sich dabei aus einer historisch-informierten Perspektive mit vergangenen Protestformen auseinandersetzen, um somit wirkungsvolle Strategien entwickeln zu können. In Österreich ist der symbolpolitische Kampf jedenfalls noch lange nicht vorbei. Denn die heiligen Kühe des österreichischen Opfermythos müssen erst noch gesprengt werden – und sei es nur symbolisch.


 

Literatur

autonome a.f.r.i.k.a. gruppe/Blisset, Luther/Brünzels, Sonja (2001): Handbuch der Kommunikationsguerilla. Berlin: Assoziation A.
Debord, Guy (1980): Rapport zur Konstruktion von Situationen. Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg.
Eco, Umberto (1985): Für eine semiologische Guerilla. In: Ders.: Über Gott und die Welt. Essays und Glossen. München: dtv, S. 146-156.
Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Jaschko, Susanne (2007): Der öffentliche und der Datenraum der Stadt. Urbane Kunst in Zeiten verlorener Privatheit. Abgerufen unter: http://www.heise.de/tp/r4/html/result.xhtml?url=/tp/r4/artikel/25/25011/1.html&words=Jaschko&T=jaschko [Stand vom 31-10-2010].
Zellen Kämpfender Widerstand (2005a): Kuhverstümmelung als legitime Waffe gegen Symbolische Hegemonie. Abgerufen unter: http://zkw.netbase.org/text1.htm [Stand vom 31-10-2010].
Zellen Kämpfender Widerstand (2005b): Kommando Freiheit 45. Abgerufen unter: http://zkw.netbase.org/index.htm#1005 [Stand vom 31-10-2010].
Weber, Thomas (2005): Geschichte ist, ... was man draus macht. Das war immer so und wird wohl bis ans Ende der Schreibung so bleiben. Was mich deshalb an vielen Gegenveranstaltungen zum "Gedankenjahr" wurmt. Abgerufen unter: http://www.netbase.org/t0/zkw/m/20050601_city[Stand vom 31-10-2010].

 


 

Verweise

[i] Das Projekt „25 peaces – Die Zukunft der Vergangenheit“ fand anlässlich des Österreichischen „Gedenkjahres 2005“ statt, welches an 60 Jahre Kriegsende, 50 Jahre Staatsvertrag und 10 Jahre EU-Beitritt erinnern sollte. Im Rahmen der Gedenkreihe wurden u.a. Licht-Ton-Installationen zur Illustration kriegerischer Zerstörungskraft realisiert, McCare-Pakete in Zusammenarbeit mit einer globalen Fastfood-Kette ausgegeben oder der historisch belastete Wiener Heldenplatz in einen Gemüseacker verwandelt. Die Kühe auf dem Rasen des Belvedere waren also nur ein unter insgesamt 25 „Stücken“ eines einjährigen Historienspektakels, für welches "Graz 2003"-Intendant Wolfgang Lorenz und Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer verantwortlich zeichneten.

[ii] Der Gurker Bürgermeister Siegfried Kampl (FPÖ/BZÖ/FPK) hielt am 14. April 2005 eine Rede im Österreichischen Bundesrat, in der er Wehrmachtsdeserteure als „zum Teil Kameradenmörder“ bezeichnete und von einer „brutalen Naziverfolgung“ nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sprach.

[iii] Die Österreichische „Opferthese“ geht auf eine Textpassage in der „Moskauer Deklaration“ vom 1. November 1943 zurück, in welcher die Alliierten Österreich als „erstes Opfer der typischen Angriffspolitik Hitlers“ bezeichneten und damit den „Anschluss“ von 1938 als „null und nichtig“ erklärten. War diese Erklärung ursprünglich als Unterstützung für den Österreichischen Widerstand gedacht, so wurde daraus die „Lebenslüge“ der Zweiten Republik, da sie das kollektive Verdrängen der österreichischen Mittäterschaft an den Verbrechen des Naziregimes bewirkte. Erst 1991 entschuldigte sich der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) als erster offizieller Vertreter Österreichs für die von der Österreichischen Bevölkerung begangenen Verbrechen während der Naziherrschaft. Dieses offizielle Bekenntnis der Zweiten Republik zur Mitverantwortung an Kriegsverbrechen und Holocaust, wurde jedoch durch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) in einem Interview vom 9. November 2000 (Gedenktag an die Reichsprogromnacht) mit der israelischen Tageszeitung „Jerusalem Post“ dadurch relativiert, indem er Österreich erneut als erstes Opfer von Hitler-Deutschland bezeichnete. So war es auch konsequent, dass seine rechtskonservative Bundesregierung im „Jubiläumsjahr 2005“ vor allem der Unterzeichnung des Staatsvertrages von 1955 gedachte und weniger der Befreiung von der Nazi-Herrschaft im Jahr 1945.

[iv] Kommuniqués, Bilder und Videos zur Kuhentführung finden sich auf der Homepage der ZKW/kf45: http://zkw.netbase.org [Stand vom 15-05-2011].

[v] Die Dokumentationsseite des Projekts findet sich unter: http://netbase.org/t0/zkw [Stand vom 31-10-2010].

[vi] Einen Interventionsversuch auf diskursiver Ebene stellte die Plattform „Österreich-2005“ dar: http://www.oesterreich-2005.at [Stand vom 15-05-2011].

[vii] Als „neue Medien“ im weiteren Sinne werden heute zumeist Informations- und Kommunikationstechnologien bezeichnet, die auf Daten in digitaler Form zurückgreifen. Im engeren Sinne sind damit Dienste gemeint, die über das Internet möglich sind (z.B. E-Mail, WWW, Video-Streaming). Der Begriff selbst ist allerdings nicht so neu wie es zunächst den Anschein hat, sondern tauchte in den letzten Jahrzehnten immer dort auf, wo neue Medientechnologien den Alltag der Menschen zu revolutionieren versprachen (neben dem Radio wurde etwa auch das Fernsehen oder der aus dem kollektiven Gedächtnis wieder verschwundene Bildschirmtext als neues Medium charakterisiert). Die Schreibweise dient hierbei dem gängigen Geschäftsmodell, die jeweilige Technologie als das absolut Neue und somit Unverzichtbare anzupreisen. Trotz der berechtigten Kritik, wird der Begriff hier verwendet, um an die Debatten der frühen 1990er anzuschließen und die Herkunft heutiger Widerstandspraxen sichtbar zu machen.

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medienaktivismus, biopolitik, geschichtsrevisionismus