Praxis

2/2011 - Medienaktivismus

„FREUFACH“ Radio

Ein Erfahrungsbericht

AutorIn: Helmut Hostnig

Erste Erfahrungen des Radioprojektes "Radiopoly" an der Polytechnischen Schule Wien 3 zeigen, dass Lernen mehr sein kann als einfache Wissensvermittlung und komplexes Sprachverständnis auch Spass machen kann.

Host scho g’kört? Che che? Wos’n. Wos’n? Cuti bre, Tikkat. Pass auf! Slushaj! Ich sag’s dir jetzt, aber du darfst es nicht weiter sagen. I schwör’s. Jetzt red scho. Z’erscht schwörst!

Wir sitzen im Sesselkreis und lassen – das Potenzial der Sprachenvielfalt nutzend, über das Migranten verfügen - ein Gerücht entstehen, wobei uns die Wiener Mundart als Referenzsprache dient. Mandeep nimmt den Adamsapfel zwischen die Finger, Zegi deckt mit seiner Handfläche die Herzgegend ab, andere heben die Hand zum Schwur: Ich muss lachen. Es soll ja kein Video werden. Wir machen keinen Film. Wir machen Radio. Aha, ja dann muss das ja gesagt werden. Bei wem schwört ihr denn? Auf was? Auf Shiva, die Bibel, den Koran, die Mutter? Zeig uns das noch einmal Mandeep, wie man in Indien schwört. Mandeep ist eine Pandschabi. Dort leistet man einen Schwur, indem man zeigt, was mit einem geschehen soll, wenn das Versprochene nicht gehalten wird. Eine martialische Geste. Ich hatte nicht gewusst, dass in Südosteuropa Menschen die Hautfalte am Kehlkopf herausziehen, wenn sie schwören, was so viel heißt wie „Ich geh dir an die Gurgel, wenn …“

„Hast schon g’kört?“ Was? Was? Du darfst es aber nicht weiter sagen. Ich? Du kennst mich doch. Das bleibt bei mir. Das bleibt unter uns.“ Wie ein Grab zu schweigen versprichst du. Jetzt erst – nach diesem Ritual – ist für den Sender der Botschaft erreicht, was er bezweckt hat: Die höchste Stufe der Aufmerksamkeit. Wenn es LehrerInnen gelingen sollte, ihren Unterrichtsstoff als Gerücht oder Geheimnis zu verkaufen, dann hätten sie jede Stunde die aufmerksamsten Zuhörer. Das geht nicht. Trotzdem wissen wir jetzt, mit welchen Mitteln wir Aufmerksamkeit erzielen können. Sag etwas im Flüsterton, sag’s hinter vorgehaltener Hand, sag’s so, als wärest du der einzig Auserwählte, der das, was du jetzt sagen willst, wissen darf, und du hast erreicht, worum wir uns alle – und meistens erfolglos – so bemühen: Um Aufmerksamkeit.

Und schon sind wir mitten drin im Radiomachen. Ein Prozess, bei welchem ich in einen Jungbrunnen tauche und von den Jugendlichen ebenso viel lerne, wie sie vielleicht von dem, was ich nur lenken kann, in das ich aber höchst selten eingreifen will.

Wie ist das, wenn du laut wirst? Wie lange kannst du laut sein. Richtig laut? Nina sagt, wenn sie richtig laut wird, schlägt ihre Stimme um, und sie fängt an zu quietschen. Nina, sag ich: „Stell dir vor, du bist wütend und wirst laut und immer lauter.“ Sie macht es tatsächlich. Wir halten uns die Ohren zu. Die meisten lachen. Ich frage die Gruppe, ob Nina mit dem Schreien Aufmerksamkeit erreicht hat? „Nein“, sagt Loly. „Nach einer Schrecksekunde hab ich sie fassungslos angestarrt und dann sogar gelacht.“ Ihre Wut wird also nicht mehr ernst genommen. Das ist eine schlimme Demütigung. So geht es auch LehrerInnen, die glauben, sich nur noch schreiend verständlich machen zu können. Auch mir ist das manchmal so gegangen. Totale Hilflosigkeit ist das und wird von SchülerInnen auch so wahrgenommen. „Ein Hund, der bellt, beißt nicht!“, heißt es. Und es stimmt. Viel gefährlicher ist Ruhe, wenn du eigentlich einen Ausbruch erwartest. Was heißt das nun fürs Radiomachen? Das heißt, dass wir mit Laut und Leise, mit Flüstern und Schreien, mit unserer Stimme also sehr sorgfältig umgehen müssen, wenn wir die erwünschte Wirkung erzielen wollen.

Was wir mit der Stimme, unserem Werkzeug fürs Radiomachen, alles anstellen können, hat Zegi zusammen gefasst: „Mit der Stimme kann ich Gefühle ausdrücken. Jemand, der mich kennt, weiß ganz genau, wie ich drauf bin, wenn ich den Mund aufmache. Er erkennt es an der Stimme.“

 

Wie wäre es, wenn wir den Radioworkshop, der mit dieser Session begonnen hat, zum Gerücht machen? Auch wenn sich jede/r TeilnehmerIn unter Radiomachen etwas anderes vorgestellt und heute nur einmal vorbeigeschaut hat, um zu schnuppern, um sich so besser entscheiden zu können: Ich weiß jetzt schon, dass sie den ausgelegten Köder angenommen haben. Von nun an wird Radio gemacht. Wer hätte für möglich gehalten, dass es unendlich Spaß macht und obendrein die in einem jeden schlummernden Talente weckt, darüber hinaus auch den spielerischen Erwerb von Kompetenzen ermöglicht, die im zukünftigen Berufsleben wichtig sind, - ganz abgesehen davon auch noch über ein gut besuchtes Weblog, das die Radioarbeit dokumentiert, das Image der Schule verbessert? Was kann es für LehrerInnen Schöneres geben als einen Gegenstand zu unterrichten, den Sarah wenig später in "Freufach" umgetauft hat?

 

Die Lustlosigkeit der SchülerInnen, die mehr Stunden mit der Schule beschäftigt sind als Arbeiter in einer 40-Stunden-Woche, korrespondiert mit den in etlichen Studien empirisch belegten, berufsbedingten körperlichen und seelischen Belastungsfolgen der LehrerInnen. Bei vielen Lehrkräften wachsen sich diese Probleme zum Burnout-Syndrom aus, immer häufiger so, dass sie vor dem Eintritt in das Pensionsalter arbeitsunfähig sind. Der Nachwuchs wird wegen Lehrermangels noch vor Abschluss ihrer Prüfungen von den Pädagogischen Hochschulen weg in die Kampfzonen geschickt und regelrecht verheizt. Dazu kommt das von den Medien betriebene Lehrerbashing. Die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen führt zum Verlust der Arbeitsmotivation. Ist sie perdu, erscheinen die LehrerInnen zwar noch am Arbeitsplatz, sind aber durch die vielfältigen Interaktionen ständig überlastet und überfordert: Wer kennt nicht KollegInnen, die innerlich gekündigt haben?

 

Es hat viel mit unserer Haltung gegenüber unserem Beruf zu tun, ob wir uns als Bauernopfer dieser Verhältnisse, wie sie nun einmal sind, verstehen, oder selbst etwas gegen diese Ist-Zustands-Katastrophe unternehmen. Die Hoffnung nämlich, dass die großkoalitionäre und somit reformfeindliche Politik, die unterm Nagel brennenden Probleme unseres Bildungssystems lösen wird, hat sich zerschlagen. Sich aber als Opfer zu begreifen, verführt zu Schuldzuschreibungen, die das Problem nicht lösen, sondern Teil des Problems sind, das in Apathie und Depressionen mündet. Es hilft nicht weiter, wenn wir den Eltern die Schuld an den Defiziten geben, mit denen ihre Kinder in unseren Unterricht kommen, und es wäre noch verfehlter, BerufskollegInnen aus anderen Schulformen dafür verantwortlich zu machen.

Die Fakten sind bekannt. Beteiligen wir uns an der bildungspolitischen Diskussion, hören wir auf zu jammern, und halten uns an Erich Kästner: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

 

Wir PädagogInnen können sehr wohl die Bedingungen mitgestalten, die uns helfen, die realen Belastungen leichter zu machen, und uns die Freude an unserem Beruf zurück zu geben, falls wir sie verloren haben sollten. Das kann trotz aller Belastungen nur gelingen, wenn wir uns darauf besinnen, dass auch wir einmal trotz aller Sozialisierungsunterschiede, mit denen wir im Vergleich zur sogenannten bildungsfernen Unterschicht aufgewachsen sind, Jugendliche waren mit den für ihr Alter spezifischen Hoffnungen, Ängsten und Problemen. Das kann nur gelingen, wenn SchülerInnen uns Erwachsene nicht als Feinde sehen, sondern als ihnen freundlich gesinnte Begleiter in einer schwierigen Wachstumsphase.

 

Mein persönliches Anliegen ist es, dass PädagogInnen in Ausbildung oder tätig in welcher Schulform auch immer, hier praktische Anregungen für ihre Unterrichtstätigkeit finden und mit mir feststellen, wenn sie es nicht schon getan haben, wie einfach es ist, sich auch in unserem verfahrenen Schulsystem Nischen zu schaffen, in denen für beide Seiten Erfolgserlebnisse und Spaß am reziproken Lehren und Lernen möglich sind.

 

Die schulorganisatorischen Rahmenbedingungen, die so einen Unterricht möglich machen können, sind – guter Wille der Schulleitung allerdings vorausgesetzt – leicht herzustellen. Auch die LehrerInnen sind – wie ich es an meinem Standort erlebt habe, dafür zu gewinnen und kooperieren gerne, wenn sie sehen, mit welcher Freude, mit welcher Ernsthaftigkeit und Ausdauer und mit welchem Einsatz ihre SchülerInnen dieses Zusatzangebot annehmen.

 

In diesem Beitrag geht es nicht um eine Ist- und Soll-Beschreibung der aktuellen Bildungssituation. In diesem Beitrag soll es ausschließlich darum gehen, noch einmal und immer wieder, die Gründe herauszuarbeiten, warum Stundenkürzungen in budgetär bedingten Schnellschüssen gerade bei den sogenannten Kreativfächern den Supergau im Bildungssystem beschleunigen helfen. Es gilt den Verantwortlichen, in zunehmendem Maße auch den SchulleiterInnen, denen es freigestellt wird, wo der Rotstift anzusetzen ist, klar zu machen, was diese Fächer in Wirklichkeit leisten. Es muss allen Verantwortlichen begreiflich gemacht werden, dass Gegenstände wie zB. das Radiomachen mit Jugendlichen prozess- und produktorientierte Bildungsinhalte sind, die alles, was an Schule frustriert, außer Kraft und die Potenziale frei setzen, die in uns allen schlummern.

 

Bevor ich aber Radioarbeit an konkreten Beispielen beschreiben will, gilt es als eine der wichtigsten Prämissen für kreative Arbeit mit Jugendlichen festzuhalten: Auf keinen Fall darf für sie der Eindruck entstehen, dass wir sie zu etwas „erziehen“ wollen. Ziehen ist mühsam. Wir müssen gegen Reibung und Widerstand ankämpfen. Ein sinnloses Unterfangen. Ein therapeutischer Ansatz. Außerdem überheblich, weil wir bei den Defiziten und nicht bei Positivem ansetzen. Strafen verbieten sich von selbst. Was uns bleibt, ist die Hoffnung, dass sie uns von sich aus folgen, weil wir ihnen mit aufrichtiger Wertschätzung begegnen und etwas zu bieten haben, was sie auf sie selbst stolz sein lässt. Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, zu welchen Höchstleistungen Jugendliche fähig sind, nur weil wir sie für möglich hielten? So absurd es klingen mag: Verhaltensänderungen werden nur herbeigeführt, wenn wir sie nicht wissentlich anstreben. Lernen muss nicht mühsam sein. Es geht auch ohne operationalisierte Lernziele. Beim Radiomachen zB. wird viel und mühelos gelernt. Meistens wissen sie gar nicht, dass sie gelernt haben. Wenn aber Anita sagt, dass sie sich das früher nie vorstellen hätte können, auf wildfremde Menschen zuzugehen, um sie bei Straßenumfragen anzusprechen, dann wissen wir, dass ihr Selbstvertrauen gestärkt worden ist. Alle diesen hehren Ziele, die in Curriculae definiert werden: Mündigkeit, Selbstverantwortlichkeit, Sozialkompetenz usw. bleiben im Regelunterricht oft Makulatur. Mit Zeigefinger-Pädagogik erreichen wir so gut wie nichts.

Eine zweite Gefahr liegt darin, dass wir unsere Ideen und Visionen mit Hilfe der Kinder und Jugendlichen umsetzen wollen und aus Eitelkeit darauf vergessen, dass wir ja angetreten sind, ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie ihre Ideen und Visionen zum Ausdruck bringen können. Wenn wir sie dafür zu dumm, zu niveaulos, zu unbegabt halten, wäre es vorteilhafter für alle, von solch bemühten Unternehmungen, die nur Eitelkeit befriedigen, die Finger zu lassen.

 

Lernen soll Spaß machen!?? Der von oben verordnete Spaßfaktor, mit dem das Lernen in unseren Schulen verknüpft werden soll, wird von den meisten LehrerInnen zu Recht oft als zynisch empfunden. Lernen kann Spaß machen. Zuerst aber müssen dafür Bedingungen geschaffen werden, die nicht mehr an Schule erinnern dürfen, wie wir sie kennen:

 

Hebeln wir mit projektorientiertem und fächerübergreifenden Unterricht die 50 Minuten-Taktung aus, die mit dem schrillen Pausenläuten den zu unterrichtenden Fächerkanon in sinnentleerende Einheiten und Wissensbröckchen zerhämmert. Diese Taktung geht auf den Beginn der Industrialisierung zurück, als der Arbeiternachwuchs auf die Anforderungen der Fabrikarbeit unter den damals herrschenden Bedingungen, die als standardisierte Masssenproduktion im Fordismus ihren Höhepunkt fand, vorbereitet werden sollte. Sie hat in unserer Arbeitswelt, in welcher nicht mehr hierarchische Unterordnung, Disziplin und Gehorsam, sondern Teamdenken und individuelle Persönlichkeitsmerkmale gefragt sind, nichts mehr verloren. Nicht auf Instruktion sollte das Lernkonzept beruhen, sondern auf Konstruktion. Was können wir als LehrerInnen tun, um dieses Konzept zu fördern?

 

Brechen wir den Regelunterricht auf und laden sooft wie möglich Gäste in das Klasssenzimmer, sogenannte "schulfremde Personen", zu denen seltsamerweise auch ehemalige SchülerInnen zählen, die über ihren Ausbildungsweg berichten, Menschen, die den Jugendlichen Mut machen und ihre Sprache sprechen.

 

Knüpfen wir also Kontakte zur außerschulischen Welt. Warum z. B. nicht einen Opernsänger zu uns in die Schule oder in unserem Fall ins Studio einladen? Er soll uns darüber aufklären, wie das möglich ist, allein mit der Stimme einen Orchstergraben zu überwinden, um sich bis in die letzten Reihen einer Open-air-Arena wie in Verona Gehör zu verschaffen. Wie sich zu unserer Überraschung herausstellt, spricht er die Ostsprachen der Jugendlichen, erzählt aus dem Nähkästchen und beantwortet sehr ehrlich Fragen nach seiner Herkunft, wie er herausgefunden hat, dass er eine gute Stimme hat, wie seine Eltern auf seinen Entschluss, sich musikalisch ausbilden zu lassen, reagiert haben, aber auch, ob er bei Singübungen in einer Mietwohnung in Wien nicht Probleme mit den Nachbarn oder den Hauseigentümern bekomme usw. Auch gibt er Kostproben seines Talentes und keiner kommt auf die Idee heimlich auf die Uhr zu schauen. Im Gegenteil: Als er nach 2 Stunden wieder gehen muss, verwechselt keiner mehr Opel mit Oper oder fragt, warum gesungen wird, wo man das alles doch auch sagen hätte können.

 

Werfen wir doch den Rahmenlehrplan auf den Müll, der uns die zu unterrichtenden Inhalte vorschreibt, die unter den herrschenden Bedingungen des Schulalltags ohnehin nicht zu erfüllen sind. Schaffen wir stattdessen eine Atmosphäre frei von den ununterbrochenen Leistungsnachweisen in Form von Schularbeiten und Multiple Choice Tests, mit denen ein staubiges Wissen abgefragt wird, das weder Rücksicht auf die unglaublichen Belastungen nimmt, denen unsere Kinder und Jugendlichen heute ausgesetzt sind, noch auf ihre Lebenswirklichkeit Bezug nehmen.

 

Wenn uns auch weder Architektur noch Inneneinrichtung wirklich entgegenkommen, um offenes Lernen zu unterstützen, gibt es doch etliche Möglichkeiten, offene Lernumgebungen zu schaffen und auf den Frontalunterricht als methodische Monokultur zu verzichten. Auch die Homogenisierung durch Altersgruppen in und durch Bildungsinstitutionen ist zu hinterfragen, da sie die unterschiedlichen Begabungen und Lernvoraussetzungen in einer Lerngruppe meist unberücksichtigt lässt.

 

So erkannte die Gruppe, die über Radiopoly bald zu einer "corporate identity" fand, schnell, worin sich die einzelnen TeilnehmerInnen in Bezug auf die Tätigkeiten, die beim Radiomachen ausgeübt werden, ihre größten Erfolgserlebnisse haben, und anerkannten neidlos die individuellen Begabungen der jeweils anderen. Asya sprühte nur so von Ideen, wenn es um Rollenspiele ging, Anita und Loly konzentrierten sich auf Umfragen und Interviews, Stefan und Veysel beschäftigten sich mit dem Schnittprogramm, Zegi und Daniel "mussten" ihrer radiophonen Stimmen wegen die Moderation sprechen. Bald wussten alle TeilnehmerInnen, wo ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen waren.

 

Als wir uns mit dem Thema „Hören“ beschäftigt haben, lag es nahe, eine Umfrage über Hörgewohnheiten bei den SchulkollegInnen im Unterschied zu den LehrerInnen in der Schule selbst zu starten. Daraus ergab sich die interessante Frage, wie lange die SchülerInnen eigentlich im Unterricht zuhören und wo sie in Gedanken sind, wenn sie abschalten. So kamen wir auf das Thema Tagträume. Die meisten SchülerInnen gaben bei den Interviews unumwunden zu, dass sie länger als 20 Minuten nicht konzentriert zuhören können und entwickelten durchaus konstruktive Ideen, wie es LehrerInnen gelingen könnte, ihre Aufmerksamkeit über 15 oder 20 Minuten hinaus in Anspruch zu nehmen. Ein Kommentar im Weblog zur Problematik brachte es aber auf den Punkt:


Ein interessantes Thema habt ihr euch da ausgewählt, über das eigentlich wenig nachgedacht wird, obwohl es so viel Raum (Klassenraum) und Zeit (Unterrichtszeit) einnimmt.
Da ich Lehrer bin, zum Schluss noch eine kleine Provokation (gegen die Langeweile): Es gibt nicht nur langweilige Lehrer, sondern auch langweilige Schüler oder sogar Klassen. Im Unterschied zum Schüler kann der Lehrer in solchen Fällen aber nicht tagträumen.
Liebe Grüße, bin schon gespannt auf eure nächsten Forschungsergebnisse
!

Ein anderes Statement:

Liebe Radioleute,
toll, was ihr da macht, bin ganz beeindruckt. Interessant auch für mich als Lehrerin zu hören, was SchülerInnen denken, machen, wenn sie dem Lehrer nicht mehr zuhören können, wollen. Volle Konzentration 50 Minuten lang schaffen auch Erwachsene nicht. Macht weiter so.

 

Vom Tagträumen und was in solchen abgehandelt wird, fanden wir wieder zurück zu unserem eigentlichen Thema „Hören, Hinhören, Zuhören“, versuchten die Unterschiede herauszuarbeiten, sammelten alle Redewendungen, die mit Ohr und Hören zu finden waren, um uns schließlich damit zu beschäftigen, wie es wohl sein muss, wenn man nur wenig oder gar nichts hört. Niemand ist wohl berufener darüber zu sprechen und sei es in Gebärdensprache als gehörbeeinträchtigte oder gehörlose Kinder und Jugendliche. Es gibt immerhin über 10.000 Gehörlose und eine halbe Million gehörbeeinträchtigter Menschen in Österreich. Erst seit 2005 ist die ÖGS, die österreichische Gebärdensprache gesetzlich anerkannt. Trotzdem gibt es noch viel Widerstand, sie auch in den Schulen als eigenständige Sprache nicht nur einzuführen, sondern zuzulassen. Sie hat wie jede andere Sprache ihre eigene Grammatik, ist in ständiger Wandlung begriffen und hat ihre regionalen Färbungen. Durch all diese Informationen neugierig geworden, machten wir uns also nach Recherchen im Internet, etlichen Diskussionen in der Gruppe selbst und einem interessanten Emailverkehr mit Frau Sandra Gumpinger vom BIG (Bundesinstitut für Gehörlose), in welchem sie unseren Fragenkatalog korrigiert und den Gegebenheiten entsprechend angepasst hatte (übrigens alles im Weblog nachzulesen), auf den Weg in ihre Schule.


Was die SchülerInnen in der Auseinandersetzung mit diesem Thema und beim Besuch im BIG gelernt haben, ist nur durch offenes Lernen möglich, und sprengt die engen Grenzen, die uns die Rahmenbedingungen in der Schule vorschreiben. So realisierten wir den von uns erweiterten Spruch des libanesisch-amerikanischen Malers, Philosophen und Dichters Kalil Gilbran: „Gib mir Gehör, schenk uns dein Ohr, und wir werden dir Stimme geben!“ in einer dreiteiligen Sendung über das stumme Sprechen.

 

Stürzen wir uns in das Abenteuer eines Lehrens und Lernens, das die hierarchisch definierten Rollenvorschreibungen aufhebt, und lasst uns – je nach Situation – Freund, Mentor, Chef, Moderator, Begleiter, aber auch Sandsack, Prellbock oder Klagemauer sein, und mit den Jugendlichen eine funktionierende Beziehungsebene aufbauen, indem wir ihnen auf Augenhöhe begegnen, sie respektieren und ernst nehmen. Nur so kann es uns gelingen, den Fuß in die Tür zu den Räumen ihrer Gedanken- und Gefühlswelt zu bekommen, nicht um diese für pädagogische Zwecke zu instrumentalisieren, etwa um aus ihnen „bessere Menschen“ zu machen, sondern sie über den scheinbaren Umweg der Auseinandersetzung - hier mit dem Medium Radio - zur Reflexion über Themen zu animieren, die u.a. auch mit ihrer biografischen Lebenswirklichkeit zu tun haben.

Ganz nebenbei nämlich fördert und stärkt diese Auseinandersetzung unter oben genannten Bedingungen die Kompetenzen, die noch einmal aufzulisten, vielleicht trotzdem lohnen, obwohl sie sattsam bekannt sind, weil nicht nur Arbeitgeber in Stelleninseraten nicht müde werden, auf sie als Anforderungsprofile hinzuweisen:

 

Teamfähigkeit, Kreativität, Selbstvertrauen, Konfliktlösendes Verhalten, Verantwortungs-bewusstsein, Durchsetzungsvermögen, Fantasie, Beziehungsfähigkeit, Soziale und emotionale Intelligenz


Nun: Das alles ist weder kontrollier- noch messbar oder durch Evaluierungsverfahren empirisch belegt, auch wenn diese Wirkungen von denen beobachtet werden, die mit Kindern und Jugendlichen in angstfreien und den Regelunterricht aufbrechenden Räumen in Kreativfächern arbeiten. Mittlerweile aber verführt die fehlende Quantifizierung dazu, solche als Kreativfächer oder als "Unverbindliche Übung" abgewertete Unterrichtseinheiten aus budgetären Überlegungen dem Rotstift zu opfern. Das widerspricht erst bei näherem Hinsehen nicht dem in unseren Schulen implementierten „Qualtitätsmanagement“, da dieses zum Ziel hat, Schule zum Ausbildungsbetrieb zu machen, der letztendlich nach betriebswirtschaftlichen, also letztendlich ökonomischen Kriterien zu führen ist. So nehmen die obendrein unentgeltlich zu erbringenden administrativen Aufgaben, die in Wirklichkeit nur der Kontrolle dienen (Checklisten zur Selbstevaluation, Qualifizierungsportfolios usw.) für LehrerInnen in einem solchen Ausmaß zu, dass gleichzeitig immer weniger Zeit für die eigentliche Arbeit bleibt. Konsequenterweise werden so die SchülerInnen zu Kunden, und alles, was nicht unmittelbar zu sicht- oder in unserem Fall zu hörbaren Erfolgen wird, also „vermarktbar“ scheint, läuft Gefahr wegrationalisiert zu werden. Es bedarf also engagierter LehrerInnen, aber auch SchulleiterInnen oder - wie in diesem Fall – einer Initiative des BMuKK, dass dies nicht geschieht.

 

So war ich froh, als das BMuKK im Mai des Vorjahres mit mir Kontakt aufnahm und mir vorschlug, in Kooperation mit der PTS3 (Polytechnischen Schule im dritten Wiener Gemeindebezirk) in den Räumlichkeiten des Medienzentrums WienXtra eine Radiogruppe zu leiten. Da ich über 20 Jahre in Polytechnischen Schulen unterrichtet habe, die damals noch als Lehrgang firmierten, und ihr Bestehen bis heute als Wechselbalg einer rotschwarzen Gesamtschulverhinderung vermutlich dem Umstand verdanken, dass sie in der medialen Berichterstattung nicht vorkommen, lag es nahe, mit den marginalisierten Jugendlichen dieses vergessenen Schultyps an der interessanten Schnittstelle zwischen Schule und Lehre einen Radioworkshop auf den Weg zu bringen.

 

Schnell waren die ersten Gespräche mit dem Schulleiter der PTS 3, Lukas Riener, der für die Mitarbeit am Projekt gewonnenen Lehrerin, Gabriele Pranieß, und den für medienpädagogische Vorhaben Verantwortlichen im BMuKK, Gabriele Woldan und Karl Brousek, geführt. Nach Absprache mit dem Medienzentrum unter der Leitung von Anu Poeschkoe und dem mir als Projektleiter zur Seite gestellten technischen Assistenten, Florian Danhel, konnten so die Rahmenbedingungen abgesprochen werden.

 

Sie alle namentlich zu erwähnen, verdienen sie schon deshalb, da ohne ihr persönliches Engagement dieser Workshop, über den ich hier berichte, nicht zustande gekommen wäre.

 

Von seiten des BMuKK wurde die Schule großzügig mit dem versorgt, was zur Standardausrüstung von RadiomacherInnen gehört: Laptops, Aufnahmegeräte und externe Mikrofone.


Um Nachhaltigkeit zu garantieren, wurde als eines der wichtigsten Ziele festgelegt, dass sich die Lehrerin bis zum Ende des Projektes die skills und methodisch-didaktischen Kompetenzen aneignet, die sie in die Lage versetzen, ohne Hilfestellung des Projektleiters einen Radioworkshop an ihrem Standort zu übernehmen. Die TeilnehmerInnen hingegen sollten im spielerischen Umgang mit den diesem Medium eigenen dramaturgischen Gestaltungselementen, denen die Sprache als mächtigstes Werkzeug in ihren vielfältigen Ausdrucksformen zugrunde liegt, über ihre bloße Befindlichkeit hinausgehend eine individuelle Stimme entwickeln, um sie in allgemeingültige Botschaften zu verwandeln, die gehört werden wollen.

 

Um es nicht zu vergessen: Zu den Rahmenbedingungen gehörte auch, ein Weblog zu führen, das mit Beiträgen der am Projekt teilnehmenden SchülerInnen und Postings der ModeratorInnen kontinuierlich die Radioarbeit von Mittwoch zu Mittwoch dokumentieren sollte. Dabei wurden auch unsere Audiobeiträge online abrufbar gemacht.

 

Ein hoher Anspruch, der auch sein Scheitern in Kauf nimmt. Je höher die Ziele gesteckt sind, umso eher wird wenigstens ein Teil von ihnen erfüllt. Unterschätzen wir weder die LehrerInnen, von denen sich einige mittlerweile mit Profi-RadiojournalistInnen durchaus messen können, noch auch die SchülerInnen, die mit ihrer Ehrlichkeit, Spontaneität und einer überbordenden Fantasie über ein kreatives Potenzial verfügen, das uns Erwachsenen oft verloren gegangen ist. Die neue Lernkultur, in der die Rolle von LehrerInnen als GestalterInnen von Ermöglichungs-Bedingungen definiert ist, gibt es schon längst. Sie wird von vielen engagierten KollegInnen schon seit Jahrzehnten gepflegt, geübt, verfeinert. Leider tun sie das als EinzelkämpferInnen.

 

Meine Angst, dass es wohl großer Anstrengungen meinerseits und eines langwierigen Prozesses bedürfen würde - von außen kommend und ohne täglichen Umgang mit den SchülerInnen – von den Jugendlichen angenommen zu werden und ihr Vertrauen zu gewinnen, war unbegründet. Ebenso die, dass die mir zur Seite gestellten MitarbeiterInnen mich im Umgang mit den Jugendlichen hemmen könnten, obwohl ich mir bei meiner Radioarbeit bis dahin nie über die Schulter habe schauen lassen. Auch das eine neue und gute Erfahrung.

 

14 SchülerInnen hatten sich für das Fach angemeldet. Am Ende des Projektes waren es nach Aus- und Wiedereinstieg zweier TeilnehmerInnen immerhin 12, die dabei geblieben sind. Auch wenn die Gruppe über das Jahr gesehen - vor allem gegen Ende zu - der zunehmenden Prüfungsbelastungen und Vorstellungsgespräche wegen nicht immer vollständig war, fiel die Anwesenheit nie unter die Hälfte, und garantierte so kontinuierliche Arbeit. Asya nahm beim ersten Zusammentreffen eine demonstrativ ablehnende Haltung ein und begründete ihre Teilnahme damit, dass ihre Mutter sie dazu gezwungen habe. Keine guten Voraussetzungen für unser Vorhaben. Als ich sie dazu überreden konnte, wenigstens einen Schnuppertermin wahrzunehmen, um selbst entscheiden zu können, ob sie mitmachen will oder nicht, schien sie erleichtert. Asya blieb uns treu und fehlte bis auf einen Mittwoch, an dem sie krank war, nie und hat die "Berufspraktischen Tage" auf ihre Initiative hin sogar im Medienzentrum abgeleistet.

 

Auf die Frage, warum sie sich für den Radioworkshop angemeldet haben, wurde uns durch die Antworten klar, dass sie eigentlich Erwartungen hatten, die mit Radio beinahe nichts oder nur am Rande, aber viel mit ihren Hörgewohnheiten zu tun haben. Zegi und Daniel wollten ihr Schauspieltalent auf die Probe stellen, die Mädchen Mandeep, Karina und Sarah wollten Musik machen, Dominik und Stefan interessierten sich für die Arbeit am Computer. Obwohl ihre Erwartungen und Vorstellungen in Bezug auf das Radiomachen dann extrem enttäuscht wurden, schien doch für jeden etwas dabei gewesen zu sein, was ihn bis zum Ende durchhalten ließ.

 

Wenn ich mich frage, woran das gelegen ist, habe ich nur Vermutungen und Antworten, die es nur in ihrer Summe verständlich machen. Wenn ich die SchülerInnen frage, wissen sie lediglich, dass es Spaß gemacht hat. Erst wenn ich nachbohre, erfahre ich mehr. Unter anderem, dass sie unsere regelmäßigen Treffen jeden Mittwoch nicht mehr als eine Schulveranstaltung gesehen haben, was sicherlich auch damit zu tun hatte, dass der Workshop nicht in der Schule stattgefunden hat. Ich nehme an, dass es auch die vielen neuen Herausforderungen waren, die sie spannend gefunden haben und denen sie sich stellen wollten, auch wenn sie oft mit ziemlichen Anstrengungen verbunden waren. So stelle ich es mir nicht einfach vor, - wenngleich vorbereitet – plötzlich auf der Straße zu stehen und Passanten aufzuhalten, um ihnen Wortspenden zu entlocken und auf diese durch richtiges Zuhören auch entsprechend zu reagieren. Das allein schon erfordert Mut, selbstbewusstes Auftreten und sensibles Eingehen auf die Interviewpartner:


Wenn ich mich frage, woran es gelegen ist, dass die Jugendlichen bis zum Ende durchhielten, darf ich die engagierte Mitarbeit von Florian Danhel und Gabriele Pranieß nicht unerwähnt lassen. Vielleicht lag es einfach daran, dass wir Erwachsenen alle auf sie eingingen und sie sich ernst genommen wussten. Wer einmal das Vertrauen von Jugendlichen gewonnen hat, weiß, wie erschütternd ihre Offenheit sein kann. Selbst wenn man keinen Rat geben kann, hilft es ihnen, einmal mit Erwachsenen, die nicht zur Familie gehören, über das sprechen zu können, was ihnen Probleme bereitet. Dazu bedarf es keiner psychoanalytischen Schulung. Wenn sie aber merken, dass wir nichts werten oder wieder „unter Kontrolle“ bringen wollen, kann so trotz berufsbedingter und notwendiger Distanz Nähe hergestellt werden.


Es hat sie auch ziemlich überrascht, dass sie aufgefordert waren, manche Inhalte in ihre jeweiligen Muttersprachen zu übersetzen. Zwei- und Mehrsprachigkeit in den Sprachen unserer Nachbarländer und die durch sie bedingte kulturelle Vielfalt, welche die Migrantenkinder als Erbe ihrer Herkunft mitbringen, wird selten für den Unterricht genutzt. Ostsprachen sind in der Schule nicht nur nicht geschätzt, Fremdsprachenkompetenz in Ostsprachen wird im besten Falle einfach ignoriert. Die durch den Eisernen Vorhang historisch begründete Orientierung nach Westen hat durch die so erfolgte Abwertung unserer Nachbarsprachen ihren Preis gefordert.

 

Wer hier leben will, muss unsere Sprache lernen, das ist unabdingbar wichtig für sein/ihr Fortkommen, warum aber seine/ihre Bilingualtität nicht als eine reiche, sprudelnde Quelle begreifen, aus der auch im Regelunterricht geschöpft werden kann? Der Aufforderung von PädagogInnen an ihre SchülerInnen, ein Wort, einen Satz, einen Gedanken doch in ihrer jeweiligen Muttersprache auszudrücken, kommen sie gerne nach. Manchmal entstehen daraus heiße Dispute, wie ich sie oft erleben habe dürfen.

 

Beim Versuch ein chinesisches Märchen, in welchem die Sonne um den Mond wirbt, für das Medium Radio zu adaptieren, stellte Fatma - auch durch ihren kulturellen Hintergrund geprägt - die berechtigte Frage, wie es denn komme, dass eine Frau (die Sonne) einem Mann (der Mond) einen Heiratsantrag macht, und schloss gleich richtig darauf, dass im Chinesischen die Sonne wohl männlich sein müsse. Diese Erkenntnis gab nicht nur Anlass zu einem heftigen Disput darüber, ob es heute auch einer Frau „erlaubt“ ist, es dem Mann, den sie begehrt, auch sprachlich zu verstehen geben zu dürfen, aber auch zu einer Diskussion darüber, in welchen Sprachen Sonne und Mond männliche oder weibliche Attribute haben und warum. Schon sind wir auf dem Umweg über ein Märchen nicht nur bei den mythischen Schöpfungsgeschichten angelangt, sondern auch bei den Geschlechtswörtern für Sonne und Mond, die dort ihren Ursprung haben. Dabei kann ganz nebenbei die klangliche Vielfalt der unterschiedlichen Muttersprachen Eingang finden, und en passant die grammatikalischen Unterschiede oder die Ähnlichkeiten im Wortstamm erörtert werden.

 

Sonne und Mond finden nicht zueinander. Wie ist das mit verschmähter Liebe? Wie geht man damit um? Sonn(en)tag ist nicht Mon(d)tag. Freizeit und Schule. Auch sie ein Paar, das als Gegensatz konstruiert scheint und nur den Wunsch gemein hat, dass es vielleicht auch anders ginge. Wie aber könnte Schule zur Zeit werden, in welcher wir frei sind, das zu lernen, was nebenbei Spaß macht?

 

Bald hatte sich eine modulartige Abfolge unterschiedlicher Sequenzen eingespielt. Fast jede Session begann damit, dass wir uns die in der Vorwoche entstandenen Audiobeiträge anhörten, indem wir Kinoatmosphäre schufen, um konzentriertes Zuhören (Kino im Ohr) zu ermöglichen. An dieser Stelle wird vielleicht gefragt werden, wer denn das Audiomaterial bearbeitet und geschnitten hat, um es sendefähig zu machen. Ich muss einräumen, dass dies ein zeitaufwendiges Verfahren ist, das einige Übung voraussetzt. Jugendliche sind meistens kompetenter in den neuen Kulturtechniken, geübter auch in der feinmotorischen Augen-Hand- Synchronisation im Umgang mit dem Computer, und kennen sich auch schnell mit den vielfältigen Funktionen von Audioschnittprogrammen aus; sie sind digital natives und hüpfen uns da was vor.

 

Was sie aber nicht können, was sie erst lernen müssen, was sie nicht kennen, sind die verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten, die z. B. professioneller Radioarbeit zugrunde liegen. Die dramaturgischen Regeln, die bei den unterschiedlichen Genres eine Rolle spielen, das ästhetische Einmaleins, wie ich es nennen will, erwerben sie nachhaltiger im Tun durch kleine Trial-and-Error-Übungen, wie z. B. dem Zusammenschnitt von Umfrageinterviews, in der Aufbereitung und Umgestaltung eines Textes in szenische und fürs Hören übersetzte Abfolgen. Sendefertige, aber ausschließlich von Jugendlichen gestaltete Beiträge, in denen radiophone Gestaltungsmittel und nur diesem Medium eigene Regeln nicht berücksichtigt werden, eignen sich vielleicht zur redaktionellen Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe, sind aber in meinen Augen kontraproduktiv, wenn sie – bestimmt für eine größere Öffentlichkeit – on-air gehen. Jugendliche sind die strengsten Notengeber und können Qualität und Professionalität sehr wohl von bemühter Performance unterscheiden. Vorrang sollte immer der Prozess und nicht das Produkt haben.

 

Wenn es aber ein Produkt geben sollte, muss es sich an professionellen Wertmaßstäben messen lassen, denn es kann nicht in unserem Interesse sein, dass selbst der Gruppe gewogene potentielle Zuhörer nach drei Minuten die Ohren zuklappen. Das dazu, weil ich bei Seminaren vor LehrerInnen in beinahe vorwurfsvollem Ton und oft ohne dass sie ihre Enttäuschung darüber verbergen konnten, hörte: „Das sind also sie, die das machen, das sind ja gar nicht die Jugendlichen.“ Welcher Prozess aber dem sendefertigen Produkt vorausging, welches Vertrauen erworben sein muss, um authentische Stimmen zu hören, auch wie viel Chaos zugelassen werden muss, um Kreativität erst möglich zu machen, wird dabei nicht mehr hinterfragt.

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Dasselbe gilt auch für das Weblog, das wir im Anschluss an das Kino im Kopf mit Hilfe eines Beamers gemeinsam analysierten. Wer hat welche Beiträge geschrieben, wer hat sie oder die Kommentare gelesen? Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die Erwachsenen die meisten Beiträge schreiben. Warum ist das so? Warum gelingt es den Jugendlichen, allen voran den Buben, so schwer, ein Posting, einen Beitrag darüber zu schreiben, was am letzten Mittwoch beim Radioworkshop geschehen ist? Ich frage: „Warum könnt ihr eure Erfahrungen nicht verschriftlichen?“ Sie schweigen betreten, rücken auf den Sesseln, leisten den passiven Widerstand, in dem sie so geübt sind. Das die Radioarbeit begleitende Weblog ist absolut keine Erfolgsgeschichte, was die Zahl der von den TeilnehmerInnen selbst geschriebenen Posts angeht. Etwas zu posten scheint mühsam und erzeugt Unlust. Es ist wie Schule und alles, was sie an ihr hassen. Dabei sehen sie durchaus ein, dass so ein Weblog Sinn macht, da sie dort auch online die Audiobeiträge abhören und diese über einen Facebook-Button ihren FreundInnen bekannt machen können. Auch sind sie stolz, wenn ich ihnen die Statistik zeige. 5000 stats und das in 8 Monaten: Ein populäres Blog, wenn man so will. Was dazu kommt: Wer die Schule im Internet sucht, gerät mittlerweile zuerst auf das Weblog: http://radiopoly.wordpress.com Also doch ein Erfolg, oder etwa nicht? Ja, schon, aber …


Wer würde glauben, dass es einmal daran scheitert, dass nicht alle Zugang zu einem Computer haben, und wenn, dass sie ihn oft mit den Eltern teilen müssen, die – was erschwerend hinzu kommt – in ihrer Hilflosigkeit oft genug fehlenden Gehorsam, aber vor allem schlechte Schulerfolge mit wochenlangem Computerentzug ahnden. Zum Zweiten aber auch daran, dass sie bis auf ihre SMS-Botschaften, die sich für uns Erwachsene fast schon wie Geheimschriften lesen, die erst entschlüsselt werden müssen (Bidunowa: Bist Du noch wach?, KSSM: Kein Schwein schreibt mir, vd: (vermisse Dich), vegimini: vergiss mich nicht, Hdgdl: hab Dich ganz doll lieb) das Schreiben von Tagebüchern oder das Verschriften von Erlebnissen möglicherweise nur als Ausdrucksmittel einer Aufsatzgattung  kennengelernt haben. Mittlerweile lehnen sie derartiges Schreiben nicht deshalb als uncool ab, weil sie es nicht brauchen, sondern weil sie es schlicht und einfach nicht mehr können.

 

Zuerst muss geklärt werden, worin sich ein Kommentar von einem Posting unterscheidet (Beispiel: Super geworden!), dann aber auch, dass sachliche Mitteilungen von ganz persönlichen zu trennen sind. (z. B.: Bin krank. Kann morgen nicht kommen), dass Einträge aufeinander Bezug nehmen sollten, damit nicht jeder das Gleiche oder über das Gleiche schreibt usw. Warum also ein Weblog führen, wenn es die eigentliche Radioarbeit nur aufhält? Gute Frage. Wo aber, wenn nicht dort, kann sie öffentlich gemacht werden und Feedback erfahren? Wo, wenn nicht über ein Weblog, können nicht nur die jeweils entstehenden Audiobeiträge online gestellt, die skills geübt, aber auch die Gefahren aufgezeigt werden, die bei digitalem Auftreten im virtuellen Raum lauern? Wie, wenn nicht über ein Weblog, können Jugendliche trotz ihrer Schreibhemmung dazu angeregt werden, über das zu reflektieren, was sie tun? Natürlich werden ihre Beiträge von den Administratoren des Blogs zuerst einmal gelesen und nach Möglichkeit so korrigiert, dass Satzbau und Wortstellung erhalten bleiben, aber orthografische Fehler behoben werden, um den Inhalt lesbar zu machen. Auch hier gilt, was für das Herangehen an Sendungen Anspruch sein sollte: Qualität und Professionalität. Wer will schon einen von Rechtschreibfehlern strotzenden Text lesen, selbst wenn er noch so gut geschrieben ist?


Nach Kritik und Lob in Bezug auf das Weblog gehen wir zu den Stimmübungen über. Den meisten Jugendlichen fällt gar nicht auf, wie schlampig sie eigentlich sprechen. Wir beginnen mit Atemübungen, denn der Atem ist der Träger der Stimme. Der Körper gibt ihr Resonanz. Die Stimme ist der Träger des Wortes, und wovon lebt Radio außer von Musik und Atmos? Fast ausschließlich vom Wort. Dasselbe gilt auch für LehrerInnen. Es ist eines unserer wichtigsten Werkzeuge. Dabei kommt es – wie Untersuchungen überraschenderweise gezeigt haben - weniger auf das an, was wir sagen, als vielmehr darauf, wie wir es sagen: Der Ton macht die Musik. Wer kennt nicht Stimmen, die man gerne hört und solche, bei denen es einem die Nackenhaare aufstellt und die Zehennägel einrollt?

 

Unlängst sah ich im Fernsehen ein Casting der besonderen Art: Drei Stellenbewerber sollten sich bei potentiellen Arbeitgebern in einem dunklen Raum um Aufnahme in eine Firma bemühen. Die Entscheidung, wer die Stelle bekommt, sollte nur aufgrund ihrer Stimmen getroffen werden. Bekommen hat sie der mit der angenehmsten und modulationsreichsten Stimme, weil hinter ihr Persönlichkeit vermutet wurde. Kurz: Eine gut gestimmte Stimme bestimmt Karriere. Also können Stimm- und Atemübungen vor allem für Jugendliche, die sich um eine Lehrstelle bewerben, nicht falsch sein.

 

Ein Modul der Radioarbeit ist also immer der Sprechtechnik gewidmet. Da helfen uns Redewendungen, Slogans aus der Werbung, aber auch Zungenbrecher. Wer kennt nicht Demosthenes, der einer Legende zufolge seine Stimmtechnik als Redner verbessert haben soll, indem er Kieselsteine unter die Zunge legte und gegen die Brandung ansprach? Nach dem Film Kings Speech, einer aktuelleren Variante des Themas, waren sie auch leicht zu motivieren, mit Walnüssen (die Mädchen) und kleinen Kartoffeln (die Buben) zwischen den Zähnen ihre Artikulation zu verbessern.

 

Was sich da im Spielerischen mit einzelnen Konsonanten und Lauten machen lässt, will ich hier an einem Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir das von den SchülerInnen so gehasste Wort GRAMMATIK und zerlegen es bis in seine Morpheme: Fangen wir an mit Grrrrrr, das alle aus den Comics kennen, das Wort Gram, das schon mit Kummer übersetzt werden muss, weil es nicht mehr zum Wortschatz unserer Jugendlichen gehört. Gramm kennen sie schon eher und die Abkürzung für Mutter ist fast in allen Sprachen: Ma, Ma Ma. Dann ist da auch noch tik drin und wenn wir die Buchstaben anagrammatisch durcheinander würfeln, auch tak. Tiktaktiktak. Und wenn wir die „Uhr“ umdrehen? Taktiktaktik. Grammatik bereitet also nicht nur Gram. Sie sollte nicht „daktylisch“, also mit dem Zeigefinger unterrichtet werden. „Titaktik“ kann auch Spaß machen.

 

In ihren kleinsten  Elementen besteht Sprache aus Silben und Buchstaben und erzeugt einen Klang. Mit der Sprache als reines Klang- oder Lautbild, das nicht mehr will als eben nur Klang sein, beginnt durch dessen Wiederholung der Rhythmus. Eine Lokomotive entsteht allein dadurch, dass wir die Zisch- und Kehllaute /f/, /ch/, /sch/, /s/ und /f/ lauter und leiser werdend wiederholen. Aber eigentlich ist jeder Vokal und Mitlaut in den Worten, mit denen wir uns verständigen, mit Bedeutung aufgeladen. Vor allem dann, wenn wir auch die lokalen Mundarten dazunehmen. Auch mit Anagrammen und Palindromen könnte onomatopoetisch (lautmalerisch) gearbeitet und so mit Sprache gespielt werden. Allein mit Lauten als kleinsten Sinneinheiten der Sprache rhythmisch zu spielen, ist auch im Deutschunterricht möglich. Warum nicht ein kleines Orchester versuchen, in welchem wir die Stimme kanonartig zu Instrumenten machen: 1. Gruppe: Takt Takt Takt, 2. Gruppe: Takt auf Takt auf Takt auf Takt, 3. Gruppe: Silbenschlag und Silbenschlag, usw. Dasselbe mit Internetkürzeln: http, Klammeraffe, hyperlink, backslash, TCP/IP usw. Wie gern sie das machen, beweisen die vielen kleinen Hörbeispiele im Weblog.

 

Sprache ist Magie. Mantras (man für Geist oder Denken, tra für Werkzeug) sind Werkzeuge des Denkens.

Christian Morgenstern, der Verfasser der Galgenlieder, schrieb in sein Tagebuch:


„Man kann kein Wort lesen oder hörend aufnehmen ohne es zugleich aus seinen Schrift- und Tonelementen wieder zu schaffen. Beseelen heißt schaffen. Ein nicht wieder beseeltes Wort bleibt tot.“


Warum nicht einmal einen Anagrammgenerator anwerfen und schauen, was bei einzelnen Wörtern herauskommt, wenn die Buchstaben  nach mathematischem Zufallsprinzip durchgeschüttelt werden. Versuchen wir es einmal mit ZUHÖREN. Was kostet das? Welches Wort mit der gleichen Buchstabenzahl spuckt uns der Anagrammgenerator aus? ZEHN EURO. Soviel also kostet das. Spaß beiseite. Zuhören ist eine Kunst, für die man kein Geld braucht, um sie ausüben zu können. Und Radioarbeit hat viel mit dieser Kunst zu tun.

 

Die auf drei Nachmittagsstunden angesetzte und in die Räumlichkeiten des Medienzentrums dislozierte Schulveranstaltung trug dazu bei, das Hören, Hinhören und Zuhören zu üben und die oben genannten Haltungen gegenüber Jugendlichen in immer neuen herausfordernden Situationen zu erproben und auf ihre Tauglichkeit zu prüfen.

 

Mein Dank gilt Florian Danhel und Gabriele Pranieß, die mich bei dieser Arbeit unterstützt und allen Jugendlichen des PTS 3, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben.

 


Empfehlenswerte Literatur zum Thema: Maike Plath, Biografisches Theater in der Schule, Pädagogik Praxis, Beltz-Verlag 2009

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radio, interkulturell